Nach den massiven
Bombardierungen von Zivilbevölkerungen im Zweiten Weltkrieg, auch durch die Alliierten, gilt heute die Regel: "Wenn eine Armee nicht verhindern kann, dass ein bestimmtes Geschoss auch der Zivilbevölkerung unverhältnismäßige Schäden zufügen wird, dann darf sie dieses Geschoss
nicht abfeuern", sagt der Völkerrechtler
Philippe Sands im Gespräch mit Georg Mascolo und Rionen Steinke in der
SZ. Die Russen bombardieren trotzdem etwa die Zivilbevölkerung von
Kiew oder Lwiw ohne jede militärische Notwendigkeit: "Es ist Verzweiflung. So einfach ist es hier. Sie haben diese Strategie im
syrischen Aleppo ausprobiert und in der Ukraine machen sie es nicht anders. Aber wir haben es hier im Westen leider auch mit einer
echten Doppelmoral zu tun. Wer reagierte nach Aleppo? Jetzt reagieren wir, weil es in Europa geschieht, weil es uns nah ist." Sands ist Autor des
gefeierten Buchs "Rückkehr nach Lemberg - Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit".
Im Jahr 2018 hat die Große Koalition die
Parteienfinanzierung mal eben von 165 auf 190 Millionen Euro erhöht, ein Gefallen, den die CDU der damals
geschwächten SPD tat (siehe
unsere Resümee damals). Dagegen klagte die Opposition. Jetzt wird in Karlsruhe verhandelt. Wolfgang Janisch und Robert Rossmann berichten für die
SZ. Schwierig sei die Lösung, "weil es gilt, eine Prozedur zu finden, die eine
Selbstbedienung der Parteien wirksam unterbindet. Die Kläger pochten deshalb auch in Karlsruhe immer wieder auf
besondere Begründungspflichten des Gesetzgebers, um Transparenz zu schaffen. Oder braucht man
eine Art Rundfunkrat für Parteienfinanzierung? Eine solche Kommission hatte es schon einmal gegeben, 2005 wurde sie abgeschafft." In einem zweiten Artikel erzählt von Georg Ismar von der Angst der SPD, bei einem Urteil gegen das jetzige Modell, Geld zurückgeben zu müssen.
Wolgang Lepenies resümiert Artikel von
Pascal Bruckner und
Emmanuel Todd zum Ukraine-Krieg. Wir resümieren das Resümee, weil die
Figaro-Artikel nicht online stehen. Bruckner sehe eine
majestätische Rückkehr der USA auf die Weltbühne: "Kritik reserviert Bruckner für Frankreich und für Deutschland. 'Mit einer Pirouette, wie nur er sie beherrscht', wünsche Emmanuel Macron den Sieg der Ukraine und wolle gleichzeitig eine russische Niederlage verhindern. Sarkastisch beschreibt Bruckner das präsidiale Paradox: 'Man kann nicht
Churchill und Chamberlain zur gleichen Zeit sein.' Mit Blick auf Deutschland lässt der 100-Milliarden-'Wumms' des deutschen Kanzlers Bruckner kalt, das sei nichts als Prahlerei. In siebzig Jahren habe Deutschland nur die Wende vom Militarismus zum Merkantilismus vollzogen," Todd sagt wie üblich den
Untergang des Westens voraus.
Felix Ackermann, Professor für Public History an der Fernuniversität in Hagen, lobt in der
FAZ die Arbeit des Berliner Ablegers des polnischen
Pilecki-
Instituts, das mit "Gestaltungswillen und Improvisationskunst" in multiperspektivischen Veranstaltungen - und oft auf Englisch - am Potsdamer Platz über Totalitarismus, das gewaltsame 20. Jahrhundert, aber auch über den Ukrainekrieg oder die Unterdrückung in Belarus diskutiert: "In der Fähigkeit, auf diese Gegenwart zu reagieren, demonstriert das Pilecki-Institut auch die
neue Stärke der Polnischen Republik, die nicht nur über eine eigene Agenda, sondern auch über die Mittel verfügt, diese durchzusetzen. Das daraus resultierende Selbstbewusstsein markiert eine bisher unbekannte Symmetrie im Verhältnis zwischen Deutschland und Polen." Nicht vergessen sollte man darüber jedoch, so Ackermann, "dass das Pilecki-Institut eine zentrale außenpolitische Flanke der
Geschichtspolitik der polnischen Regierung darstellt" und "Polen vor unseren Augen seit 2016 zu einem
autoritär regierten Nachbarland geworden ist, in dem die Gewaltenteilung durch die PiS gezielt verletzt wurde, in dem tagtäglich mithilfe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks
Hasskampagnen gegen politische Gegner geführt werden".
In
Belarus und selbst noch im Exil werden
Journalisten von Lukaschenko, verfolgt, entführt und verhaftet,
erklärt die Bürgerrechtlerin
Swetlana Tichanowskaja in
Politico. "Die wenigen wirklich unabhängigen Journalisten, die noch in dem Land arbeiten, tun dies jetzt
anonym - und unter großer Gefahr für sich und ihre Familien. Putin hat mit Lukaschenkos Hilfe jenseits der Grenze in der Ukraine Verwüstungen angerichtet. Die große Mehrheit meines Volkes ist entsetzt über das, was mit unserem Nachbarn geschieht, und wir verstehen, warum die Notlage unserer unabhängigen Medien manchmal nicht beachtet wird. Aber es ist ein Fehler, Lukaschenko freie Hand zu lassen, um abweichende Meinungen zu ersticken. ... Eine Möglichkeit, wie der Rest der Welt jetzt helfen kann, ist die
Unterstützung der belarussischen Medien im Exil. Ich treffe diese Woche in Davos mit führenden Vertretern der internationalen Wirtschaft zusammen und fordere sie auf, unabhängige belarussische Zeitungen, digitale Medien, Radiosender und Fernsehkanäle mit Werbe- und Abonnementeinnahmen zu unterstützen. Unabhängige Medien sind das Lebenselixier der Demokratie, und es ist von entscheidender Bedeutung, dass die belarussischen Bürger
Zugang zu den Fakten haben."
Unterdessen versinkt die
Ukraine in Schulden. Sie braucht dringend "einen
Schuldenerlass - leider will die EU nur, dass das Land weiter Kredite aufnimmt",
schreibt Eoin Drea vom Wilfried Martens Centre for European Studies in
Politico. "Die EU-Darlehen in Höhe von 18 Milliarden Euro müssen schließlich ab 2033 zurückgezahlt werden, und die Aufnahme weiterer Schulden - selbst langfristiger, praktisch zinsloser - verringert die Möglichkeiten der Ukraine, sich schnell vom Krieg zu erholen. Es ist auch ein
unsinniger wirtschaftlicher Ansatz, wenn man bedenkt, dass Kiew bereits die Zahlungen für einige seiner bestehenden Verpflichtungen ausgesetzt hat. Insgesamt ist die EU-Strategie einfach ein Rezept für eine künftige ukrainische Staatsschuldenkrise." Und wenn das nicht klappt, wovon Drea ausgeht, "sollten einzelne EU-Mitgliedstaaten bei der Bereitstellung
bilateraler Zuschüsse für die Ukraine die Führung übernehmen".
Berlin muss seine Wahlen wiederholen, weil es es beim ersten Versuch leider nicht geklappt hat. Gestern
meldete die
Berliner Zeitung, dass der Tunnel der
U-Bahnlinie 2 wegen Bauarbeiten am Alexanderplatz im Untergrund versinkt und möglicherweise für Abermillionen Euro
neu gebaut werden muss. Aber die Berliner reagieren mit der "
typischen Berliner Indolenz",
diagnostiziert Reinhard Mohr in der
NZZ. "Es herrscht eine organisierte politische Verantwortungslosigkeit, deren Floskeln ebenso großspurig wie wirklichkeitsfremd von einer rosigen Zukunft künden, die selbstverständlich autofrei, klimaneutral, diskriminierungssensibel, achtsam und nachhaltig sein wird. Dabei schafft man es nicht einmal, den
wachsenden Sperrmüll wegzuräumen."