Kann es sein, dass
Olaf Scholz, der wochenlang wegen
seines Zögerns geschmäht wurde, sich nun mit der Leopard-Entscheidung als gewiefter Taktiker erwies? Liest man die gründliche Analyse von Peter Dausend, Tina Hildebrandt und Jörg Lau in der
Zeit, dann ist eben dies der Fall, und Scholz hat genau das geschafft, was er wollte:
die Amerikaner mit ins Boot zu holen und das
Risiko für Deutschland zu minimieren: "Nur im 'Geleitzug der Verbündeten' werde man weitere Schritte tun, sagte Scholz. Und meinte:
nur zusammen mit den Amerikanern. Wobei zusammen heißt: Der große Verbündete soll nicht nur sagen, dass er hinter dem steht, was Europa tut, er soll
mit drinstecken im Konflikt und im schlimmsten Fall auch in einer militärischen Eskalation."
Ähnlich sieht es Berthold Kohler in der
FAZ. "Nicht ohne die USA: Der Gleichschritt mit Washington hat für Berlin größere Bedeutung als für Paris und London, weil Deutschland in der Konfrontation mit einer Macht, die unverhohlen mit dem Einsatz von Atomwaffen droht, auf den
amerikanischen Schutzschirm angewiesen ist."
Die
SZ titelt mit "
Historische Entscheidung". Aber Stefan Kornelius sieht Scholz' Agieren im Leitartikel der
SZ wesentlich kritischer: "Wäre der
Bündnisschutz etwa plötzlich entfallen, wenn Deutschland mit vielen anderen europäischen Staaten schwere Kampfpanzer schickt, und die USA nicht? Überhaupt trägt die Unterstützung der Ukraine längst einen starken Allianzcharakter: Es sind doch
alle Nato-Staaten involviert, die USA und Großbritannien haben in Analyse und Aufklärung die Führung. Deutschland aber ist qua Größe und wirtschaftlicher Leistungskraft Europas Primus inter Pares."
Auch im Feuilleton der
SZ wird über Scholz' Entscheidung nachgedacht. Nele Pollatschek schreibt über sein berühmtes Zaudern: "Vielleicht kommuniziert Scholz gar nicht schlecht, sondern hat einen Weg gefunden, für die deutsche Nachkriegsgeschichte
beispiellose militärische Entscheidungen zu treffen, ohne von jenen schroff abgestraft zu werden, die diese Entscheidungen ablehnen."
In einem zweiten
Zeit-Artikel sieht Alice Bota immer noch ein Defizit: "Obwohl beide - Deutschland und die USA - nun bereit sind, schwere Panzer zu liefern, nach einigem Zögern, gibt es einen Unterschied: Die Amerikaner bekennen sich klar zu einem
Sieg der Ukrainer, Scholz bekennt sich zu einer
Niederlage Russlands. Der Unterschied scheint klein, markiert aber verschiedene Grade des Vertrauens in die Ukraine - wie auch verschiedene Grade der Furcht vor einer russischen Eskalation. Die Leopard-Lieferung ist ein starkes Zeichen und ein wichtiges - aber
kein Bekenntnis."
Ein Gutes hat die Sache aber,
findet Tobias Schulze in der
taz: "Lange wird sich die Waffendebatte in dieser symbolisch aufgeladenen Form nicht mehr fortsetzen. Nachdem die Panzer durch sind, könnte es zwar mit den
Kampfjets weitergehen. Hier wird Deutschland aber nicht so sehr im Fokus stehen." Mit der Entscheidung ist der "
westliche Strategiewechsel" jedenfalls perfekt,
meint Dominic Johnson ebenfalls in der
taz: "Nach knapp einem Jahr Krieg soll die Ukraine nicht mehr nur russische Angriffe abwehren können, sondern
selbst in die Offensive gehen, besetzte Territorien befreien." Auch Pascal Beucker
begrüßt die Entscheidung im großen Debattenartikel der
taz.
=====================Roberto Saviano kommentiert in der
Zeit die Festnahme des palermitanischen Mafiabosses
Matteo Messina Denaro mit einiger Skepsis. Denaro stehe in seiner frühen Phase für
die Brutalität der Mafia und in seiner späteren für eine Mafia, die
Geschäfte macht und Geld wäscht, ohne
viel Aufsehen zu erregen - und diese Mafia ist für Saviano eher noch gefährlicher: "Die heutige Cosa Nostra ist kein Anti-Staat mehr, sondern vielmehr ein Teil von ihm, sie ist
in alle Bereiche des täglichen Lebens eingedrungen, sie beherrscht das Bauwesen ebenso wie die Krankenhäuser. Man muss sich nur eine Figur wie
Michele Aiello vor Augen halten: hoher Manager im Gesundheitswesen, Besitzer einer der besten Privatkliniken im Mittelmeerraum - und Strohmann des Clan-Chefs Bernardo Provenzano. Die heutige Mafia ist darauf konzentriert, die Geldflüsse von Parteien und Politikern zu steuern, sie sieht zu, die Männer und Frauen auf den Staatsposten und in der Bürokratie unter ihre Kontrolle zu bringen, sie schleust ihre Vertreter ein an allen Stellen, wo über Posten und Geld entschieden wird."
Der
Bundestag ist nicht zu groß. Die Debatte um das aufgeblähte Parlament enthält
antiparlamentarische Reflexe, findet Jasper von Altenbockum in der
FAZ: "Die Wahlrechtsdebatte hinterlässt den fatalen Eindruck, Ansehen und Legitimation des Bundestags hingen von
seiner Größe ab. Überhangmandate sollen abgeschafft werden, indem Wahlkreisgewinner mit relativ schwachem Ergebnis nicht zum Zuge kommen. Wähler müssen also akzeptieren, dass ihr Kandidat nicht in den Bundestag kommt, obwohl er
eine Wahl gewonnen hat. Wie will man das einem Wähler erklären?"
Tayyip Erdogan bereitet sich mit Manipulationen auf die
Wahlen im Mai vor (die eigentlich für Juni angesetzt waren), und dennoch schwankt seine Gefolgschaft in einem Kontext
rasender Inflation, notiert Bülent Mumay in seiner
FAZ-Kolumne: "Wer sich dem von Erdogan verursachten wirtschaftlichen und sozialen Ruin entziehen will, wählt eine der beiden verbliebenen Alternativen,
Antidepressiva oder Ausland. Laut jüngst veröffentlichten Zahlen verbrauchten die 85 Millionen Einwohner unseres Landes innerhalb eines Jahres 60 Millionen Schachteln Antidepressiva. Und den Zahlen der EU zufolge stieg die
Anzahl der Asylsuchenden aus der Türkei binnen Jahresfrist um 46,5 Prozent auf 924.000."