9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1637 Presseschau-Absätze - Seite 152 von 164

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.11.2014 - Geschichte

Arno Widmann erinnert in der FR daran, wie das Deutsche Reich einst versuchte, die Osmanen während des Ersten Weltkriegs zum Dschihad anzustacheln: "Der Dschihad-Aufruf des Kalifen sollte die Muslime in Russland, in den französischen und englischen Kolonien mobilisieren. Die deutschen Experten würden die Dschihadisten mit Geld und Waffen versorgen. Das Reich würde mit Hilfe der Osmanen die englische Vorherrschaft über die Welt beenden."

In der taz berichtet Stefan Reinecke von einer Tagung in Jena, die sich noch immer am Antikommunismus als undemokratischem Ungeist abarbeitete. Am Ende versucht Reinecke die dialektische Versöhnung: "Vielleicht lässt sich im Rückblick lernen, wie Demokraten mit ihren Feinden umgehen sollten. Arthur Koestler, der mit "Sonnenfinsternis" ein Glanzstück antistalinistischer Literatur schrieb, urteilte mal, dass die reaktionären Antikommunisten aus "den falschen Gründen recht hatten", während die Liberalen, die im Sowjetreich nicht den Todfeind sehen wollten, aus "den richtigen Gründen Unrecht" hatten. Am Ende zählte eben nur die Logik - dafür oder dagegen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.11.2014 - Geschichte

Eine Frage wurde bei den Feierlichkeiten zum Jubiläum des Mauerfalls vergessen, findet Marko Martin in der Welt: "Was ist mit dem nach Liechtenstein und in die Schweiz transferierten SED-Geld, von dem die ermittelnde bundesdeutsche Kommission nur einen Bruchteil sicherstellen konnte, der jedoch immerhin 1,6 Milliarden Euro betrug? War das plötzliche Dahinscheiden des auskunftswilligen ehemaligen PDS-Finanzverantwortlichen Wolfgang Langnitschke im Februar 1998 wirklich ein zufälliger Unfalltod auf einem Zebrastreifen im beschaulichen Lugano?"

Weiteres: Ebenfalls in der Welt begibt sich Matthias Heine auf die Spur der Redensart "Du siehst aus wie der Tod von Ypern".
Stichwörter: Mauerfall, Ypern, SED, Martin, Marko

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.11.2014 - Geschichte

Unerhört starke Nerven oder möglichst wenig Phantasie braucht, wer die Ausstellung "Herzblut - Geschichte und Zukunft der Medizintechnik" in Mannheim sehen will. Erst im 19. Jahrhundert hatte man einigermaßen Aussicht, eine Operation ohne Schmerzen und Blutvergiftung zu überstehen, erzählt Eckhard Fuhr in der Welt: "Wer Angst vor dem Zahnarzt hat, sollte sich den Bohrer mit Pedalantrieb aus einer Praxis des frühen 20. Jahrhunderts genau ansehen und dieses Foltergerät mit den Hochgeschwindigkeitsbohrern vergleichen, die heute zum Einsatz kommen. Zahnmedizinisch jedenfalls ist Technikskepsis ganz und gar unangebracht." (Foto: Technosum)
Stichwörter: Medizingeschichte

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.11.2014 - Geschichte

Longreads präsentiert eine Reihe langer, zum Teil historischer Reportagen über die Berliner Mauer und den Mauerfall. Jüngstes Exempel: Will Self erzählt im Guardian, wie er die gesamten 180 Kilometer der Mauer abschritt: "A trip through time as much as through space."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.11.2014 - Geschichte

Wladimir Putin verteidigt seit neuestem laut offiziellen Gesprächstranskripten des Kreml den Hitler-Stalin-Pakt. Stalin habe nicht kämpfen wollen, so Putin, was sei daran so schlecht? Aber Stalin wollte kämpfen, sagt Timothy Snyder im NYRBlog, denn der Pakt sah unter anderem die gemeinsame Aufteilung Polens zwischen Hitler und Stalin vor: "Mit der Verteidigung des Molotow-Ribentrop-Pakts, so der offizielle Name, als gute Außenpolitik bricht Putin ein lange Zeit geltendes Tabu der Sowjetzeit und revidiert seine frühere Position, dass der Pakt "amoralisch" gewesen sei. Was hat er im Sinn? Worin liegt der Reiz dieser Annäherung an Nazi-Deutschland für ihn in der Aktualität?"

Albert Herszkowicz freut sich in huffpo.fr, dass auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris eine Gedenkstele für den Genozid an den Tutsis eingeweiht wurde und spricht eine Wahrheit über alle Genozide aus: "Völkermörder zu allen Zeiten und an allen Orten wollten nicht nur die Lebenden umbringen, sondern zugleich auch leugnen, dass sie je existierten. Aus diesem Grund sind die Negationismen untrennbar mit den Genoziden verbunden. Die Leugnung ist keineswegs nur der Versuch, den Konsequenzen der eigenen Taten zu entkommen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.11.2014 - Geschichte


Wo einst die Mauer war, sahen wir gestern Sterne. Die "99 Luftballons" hat mompl gestern unter CC-Lizenz auf flickr veröffentlicht.
Stichwörter: Mauerfall

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.11.2014 - Geschichte



Das war die die DDR. Und da war das Wetter noch gut! Dieses anheimelnde Foto findet sich in einer Bilderstrecke bei linkiesta.it: "La Città divisa. Berlino, il muro e la storia".

Birgit Baumann porträtiert für den Standard die ehemalige DDR-Sprinterin und heutige Autorin Ines Geipel, die mit der Pittiplatsch- und Schnatterinchen-Nostalgie vieler Ossis und der wohlwollenden Ignoranz vieler Wessis nichts anfangen kann: "Tausende Kilometer fährt die 54-Jährige in diesen Tagen und Wochen durchs wiedervereinigte Land, zu Lesungen, Diskussionen und Vorträgen. In den westlichen Bundesländern überkommt sie noch heute manchmal Wut. Dann fällt ihr an einem malerischen bayerischen See oder einer pittoresken Stadt wieder ein: "Das zu sehen war für uns DDR-Bürger nicht vorgesehen. Wir sollten hinter der Mauer verschimmeln.""

Weniger Ostalgie als Westalgie diagnostiziert dagegen der Schriftsteller Ingo Schulze im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Er hätte sich eine gleichberechtigtere Wiedervereinigung gewünscht, aber der schnelle Beitritt war wohl unvermeidbar: "Die Bundesrepublik als Eldorado war damals wesentlich sozialer, wirkte abgesicherter und war in vielem demokratischer als heute, weil die Wirtschaft gezähmter war, ohne neoliberale Exzesse, ohne eine so große Spreizung zwischen Arm und Reich. Statt Ostalgie begegnet mir häufig Westalgie: die Sehnsucht nach jener Bundesrepublik, nach der sich auch viele im Osten gesehnt hatten. Vor "89!"

Willi Winkler ist in der SZ noch ganz aufgebracht vom Auftritt Wolf Biermanns im Bundestag mitsamt der Attacke auf die PDS: "Biermann hat relativ wenig Ähnlichkeit mit einem Streichquartett, Demut ist ihm wesensfremd, Bundestagspräsident Lammert hätte also wissen können, wen er gegen demokratisch gewählte Abgeordnete in Stellung brachte."

Das Berliner HAU-Theater hat zum Mauerfall-Jubiläum Theatergruppen aus Rumänien und Moldawien eingeladen. Die rumänische Kuratorin Raluca Voinea beschreibt in einem Tagesspiegel-Essay ganz gut - und nicht nur auf ihr Land zutreffend - die aktuelle Stimmungslage als scharfen Gegensatz 1989: "2014 scheint man Demonstrationen einzig und allein dann zu akzeptieren, wenn sie im Namen des Status Quo geschehen. Offensichtlich fühlen sich die Menschen am wohlsten mit all dem Übel, das sie bereits kennen und an das sie sich gewöhnt haben. Die kulturellen Strukturen sind fast immer von den politischen bedingt. Auch der kritische Diskurs ist abhängig von finanzieller Unterstützung, und jede künstlerische Äußerung erscheint vergebens, wenn Bomben fallen und Obdachlosigkeit, Hunger, Krankheiten und die von der gewaltigen Ungleichheit ausgelöste Verzweiflung immer mehr um sich greifen."

Die Welt hat ein ganzes Dossier zum 9. November zusammengestellt. Im Aufmacher plädiert Wolf Lepenies für eine deutsch-französische Wiedervereinigung! Denn die Franzosen, schreibt er, sind frustriert. All ihre Versuche, den durch die Wiedervereinigung und Osterweiterung beträchtlich vergrößerten politischen Einfluss der Deutschen durch ein "Lateinisches Reich" einzuschränken, schlugen fehl: "Für die zukünftige Entwicklung Europas liegt hier ein beträchtliches Konfliktpotenzial. Um wie vieles besser wäre es um Europa heute bestellt, wenn Deutschland und Frankreich - anstatt in der Finanz- und Wirtschaftskrise konträre Positionen einzunehmen - einen schlüssigen Plan vorlegten, der die notwendigen Strukturreformen einzelner europäischer Länder mit wirksamen und nachhaltigen Wachstumsimpulsen verbinden würde!"

Andrea Seibel besucht die Autorin Monika Maron, die über alles, nur nicht über die DDR reden will: "Manchmal kann sie sehr apodiktisch sein: "Man darf zwei Dinge im Leben nicht werden: Opfer und Zeitzeuge." Daher hätte sie ihre Zeitzeugenschaft im Jahr des Mauerfall-Jubiläums verweigert. Sie schriebe gerne Artikel über alles, sogar über Fußball, aber nicht über die DDR. "Was ich zu erzählen habe, erzähle ich in Büchern. Oder eben nicht.""

Die New Republic bringt zum Mauerfall einfach Christopher Hopes Reportage aus dem November 1989. Er beschreibt, wie die Fernsehreporter aus aller Herren Länder über die Stadt herfielen. "Die Berliner wussten nur zu gut, dass diese Leute vor eine paar Wochen ihre geteilte Stadt auf einer Karte noch nicht hätten markieren können ihre Stadt. Berlin geisterte, wenn überhaupt, mit Bildern von Liza Minnelli durch die Erinnerungen, die in "Cabaret" ihre Lieder schmetterte."

Außerdem zum Mauerfall: Michael Pilz erinnert anlässlich eines gemeinsamen Konzerts der Puhdys, City und Karat an den Ostrock. Und Sven Felix Kellerhoff stellt Stefan Weinerts Dokumentarfilm über die Familien der Mauertoten vor. Im Zeit-Magazin erzählt Carolin Ströbele, wie der alternative Berliner Sender Radio100 ein paar Wochen vorher als Fake erfand.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.11.2014 - Geschichte


Das Orchester im Gefangenenlager Grjasowez. Foto: Willy Steinberg

In der SZ erzählt Christiane Schlötzer, wie sie über ihren Vater an seltene Bilder des Fotografen Willy Steinberg aus einem russischen Kriegsgefangenen-Lager gekommen ist. Sie werden ab morgen im Museum der Kreisstadt Grjasowez ausgestellt: "Was da entstand, waren wohl Propagandabilder. Klar wird dieser Auftrag anhand von Fotos kommunistischer Schulungen im Lager. Das Bild der "Jazzkapelle Poth" hätte die Welt wohl ebenso sehen dürfen, auch wenn sie es damals nicht gesehen hat. Den Taktstock führte Hans Carste, er komponierte später die Erkennungsmelodie der "Tagesschau". Steinberg konnte sich an viele der Porträtierten gut erinnern. Irgendwann fing er an, das ihm anvertraute Produktionsmittel auf verbotene Weise zu nutzen ... Steinberg hatte die Leica immer in der Brusttasche. Da blieb sie warm. "Bei 30 Grad minus hätte sonst der Verschluss nicht funktioniert.""

Die in Berlin lebende Autorin Brenna Hughes Neghaiwi erzählt in der Paris Review fürs amerikanische Publikum die Geschichte der Stalinallee in Berlin: "Im Bemühen, sich vom despotischen Image des Stalinismus zu distanzieren, riss man im Jahrzehnt nach Stalins Tod seine Statue nieder und errichtete im noch unbebauten Kilometer der Allee moderne Gebäude. Der stalinistische Zuckerbäckerstil hatte sich als weit weniger populär erwiesen als der westliche Modernismus, er galt als gestrig, vielleicht auch zu massiv. Eine Geschmacksänderung schien angebracht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.11.2014 - Geschichte

Anlässlich des Kinofilms "Im Labyrinth des Schweigens" spricht der letzte noch lebende Staatsanwalt des Auschwitzprozesses, Gerhard Wiese, mit Eckhard Fuhr in der Welt über den Film und das damalige Verfahren: "Wir plädierten dafür, Auschwitz als Ganzes, als eine einzige Mordmaschinerie zu betrachten und die Taten allesamt als Mord oder Beihilfe zum Mord zu werten. Das Gericht folgte dem nicht. Es beharrte darauf, dass jedem einzelnen Täter eine Schuld nachzuweisen sei. Gelang der Beweis nicht, musste freigesprochen werden. Entsprechend war das Ergebnis. Von den Strafen waren wir natürlich insgesamt nicht begeistert. Das Entscheidende aber war, dass mit den Urteilen endlich gerichtlich festgestellt wurde, was in Auschwitz wirklich geschehen ist. Keiner konnte mehr behaupten, dass es keine Gaskammern gegeben habe. Damit hatte Fritz Bauer sein Hauptziel erreicht." Hanns-Georg Rodek schreibt über den Film.

Weil gerade so viel vom Kalten Krieg geredet wird, erinnern sich Redakteure der Welt sich ihre schönsten Momente. Zum Beispiel Richard Herzinger, der nach der Kubakrise mit seinen Eltern durch das traumatisierte Europa fuhr: "Die bedrückende Stimmung wurde durch ernste Musik im Autoradio unterstrichen. Da sagte mein Vater zu meiner Mutter auf dem Beifahrersitz: "Das ist Grieg.""

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.11.2014 - Geschichte

Der britische Historiker Brendan Simms spricht in der FR mit Arno Widmann über seine Geschichte Europas, das ewige deutsche Problem und die britische Lösung: "Das Problem hat zu tun mit der Mittellage, mit der Größe und mit dem wirtschaftlichen Potenzial. Dieses deutsche Problem ist auch ein europäisches. Deutschland ist für Europa zu stark und für die Welt zu schwach. Das wurde lange durch eine systematische Schwächung der Mitte gelöst. Mit dem Nachteil, dass ein ungeheures Potential zur Stärkung Europas - zum Beispiel gegen die Osmanen - nicht genutzt wurde. Das Heilige Römische Reich kann kein Modell sein für den Aufbau Europas... Europa muss sich an dem englischen Unionsmodell orientieren. An dem, das die Engländer und die Schotten 1707 schufen."

Micha Brumlik ahnt in der taz, dass noch nicht alle Debatten über den Nationalstaat ausgestanden sind: "Während von "Libyern", "Irakern" oder gar "Syrern" als ethnischen Nationen keine Rede mehr sein kann, sondern dort nur noch Stämme oder Religionsgemeinschaften Träger der politischen Entwicklung sind, erweisen sich die Völker der Juden und Palästinenser, neuerdings auch der Kurden als stabil und geradezu staatstragend - im Guten wie im Schlechten. Angesichts dessen hätte jenes Theorienangebot, das als "postkolonial" bezeichnet wird, einige Revisionen oder wenigsten Präzisierungen vorzunehmen."

In der Berliner Zeitung pocht Götz Aly darauf, dass die DRR gesellschaftspolitisch fortschrittlicher war als die Bundesrepublik: "In jener Alt-BRD musste der Ehemann erlauben, dass seine Frau einer Berufstätigkeit nachgeht. Das entsprechende Gesetz wurde erst 1977 getilgt. Bis zum 1. Juli 1958 verfügte der Ehemann über das Recht, den Arbeitsvertrag seiner Frau ohne deren Zustimmung fristlos zu kündigen."

Weiteres: Jan Werner Müller berichtet in der SZ von amerikanischen Diskussionen über die einst so geschätzte Verfassung. Außerdem berichtet Helmut Zeller in der SZ ausführlich vom Entsetzen in Dachau, wo Unbekannte am Wochenende das Eingangstor der KZ-Gedenkstätte mit der berüchtigt-höhnischen Parole "Arbeit macht frei" gestohlen haben.