Das war die die DDR. Und da war das Wetter noch gut! Dieses anheimelnde Foto findet sich in einer Bilderstrecke bei linkiesta.it: "La Città divisa. Berlino, il muro e la storia".
Birgit Baumann
porträtiert für den
Standard die ehemalige DDR-Sprinterin und heutige Autorin
Ines Geipel, die mit der
Pittiplatsch- und Schnatterinchen-Nostalgie vieler Ossis und der wohlwollenden Ignoranz vieler Wessis nichts anfangen kann: "Tausende Kilometer fährt die 54-Jährige in diesen Tagen und Wochen durchs wiedervereinigte Land, zu Lesungen, Diskussionen und Vorträgen. In den westlichen Bundesländern überkommt sie noch heute
manchmal Wut. Dann fällt ihr an einem malerischen bayerischen See oder einer pittoresken Stadt wieder ein: "Das zu sehen war für uns DDR-Bürger nicht vorgesehen. Wir sollten hinter der Mauer
verschimmeln.""
Weniger Ostalgie als Westalgie
diagnostiziert dagegen der
Schriftsteller Ingo Schulze im Gespräch mit dem
Tagesspiegel. Er hätte sich eine gleichberechtigtere Wiedervereinigung gewünscht, aber der schnelle Beitritt war wohl unvermeidbar: "Die
Bundesrepublik als Eldorado war damals wesentlich sozialer, wirkte abgesicherter und war in vielem demokratischer als heute, weil die Wirtschaft gezähmter war, ohne neoliberale Exzesse, ohne eine so große Spreizung zwischen Arm und Reich. Statt Ostalgie begegnet mir häufig
Westalgie: die Sehnsucht nach jener Bundesrepublik, nach der sich auch viele im Osten gesehnt hatten. Vor "89!"
Willi Winkler
ist in der
SZ noch ganz aufgebracht vom Auftritt
Wolf Biermanns im Bundestag mitsamt der Attacke auf die PDS: "Biermann hat relativ wenig Ähnlichkeit mit einem Streichquartett, Demut ist ihm wesensfremd, Bundestagspräsident Lammert hätte also wissen können, wen er gegen
demokratisch gewählte Abgeordnete in Stellung brachte."
Das Berliner HAU-Theater hat zum Mauerfall-Jubiläum Theatergruppen aus
Rumänien und Moldawien eingeladen. Die rumänische Kuratorin
Raluca Voinea beschreibt in einem
Tagesspiegel-Essay ganz gut - und nicht nur auf ihr Land zutreffend - die
aktuelle Stimmungslage als scharfen Gegensatz 1989: "2014 scheint man Demonstrationen einzig und allein dann zu akzeptieren, wenn sie im Namen des
Status Quo geschehen. Offensichtlich fühlen sich die Menschen am wohlsten mit all dem Übel, das sie bereits kennen und an das sie sich gewöhnt haben. Die kulturellen Strukturen sind fast immer von den politischen bedingt. Auch der
kritische Diskurs ist abhängig von finanzieller Unterstützung, und jede künstlerische Äußerung erscheint vergebens, wenn Bomben fallen und Obdachlosigkeit, Hunger, Krankheiten und die von der gewaltigen Ungleichheit ausgelöste Verzweiflung immer mehr um sich greifen."
Die
Welt hat ein ganzes Dossier zum
9.
November zusammengestellt. Im Aufmacher
plädiert Wolf Lepenies für eine
deutsch-französische Wiedervereinigung! Denn die Franzosen, schreibt er, sind frustriert. All ihre Versuche, den durch die Wiedervereinigung und Osterweiterung beträchtlich vergrößerten politischen Einfluss der Deutschen durch ein "Lateinisches Reich" einzuschränken, schlugen fehl: "Für die zukünftige Entwicklung Europas liegt hier ein
beträchtliches Konfliktpotenzial. Um wie vieles besser wäre es um Europa heute bestellt, wenn Deutschland und Frankreich - anstatt in der Finanz- und Wirtschaftskrise konträre Positionen einzunehmen - einen
schlüssigen Plan vorlegten, der die notwendigen Strukturreformen einzelner europäischer Länder mit wirksamen und nachhaltigen Wachstumsimpulsen verbinden würde!"
Andrea Seibel
besucht die Autorin
Monika Maron, die über alles, nur nicht über die DDR reden will: "Manchmal kann sie sehr apodiktisch sein: "Man darf zwei Dinge im Leben
nicht werden:
Opfer und Zeitzeuge." Daher hätte sie ihre Zeitzeugenschaft im Jahr des Mauerfall-Jubiläums verweigert. Sie schriebe gerne Artikel über alles, sogar über Fußball, aber nicht über die DDR. "Was ich zu erzählen habe, erzähle ich in Büchern. Oder eben nicht.""
Die
New Republic bringt zum Mauerfall einfach Christopher Hopes
Reportage aus dem November 1989. Er beschreibt, wie die
Fernsehreporter aus aller Herren Länder über die Stadt herfielen. "Die Berliner wussten nur zu gut, dass diese Leute vor eine paar Wochen ihre geteilte Stadt auf einer Karte noch nicht hätten markieren können ihre Stadt. Berlin geisterte, wenn überhaupt, mit
Bildern von Liza Minnelli durch die Erinnerungen, die in "Cabaret" ihre Lieder schmetterte."
Außerdem zum Mauerfall: Michael Pilz
erinnert anlässlich eines gemeinsamen Konzerts der
Puhdys,
City und
Karat an den
Ostrock. Und Sven Felix Kellerhoff
stellt Stefan Weinerts Dokumentarfilm über die
Familien der Mauertoten vor. Im Zeit-Magazin
erzählt Carolin Ströbele, wie der alternative Berliner Sender
Radio100 ein paar Wochen vorher
als Fake erfand.