9punkt - Die Debattenrundschau

Guck mal nach wegen des Feuers

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.07.2019. Zeit und taz bringen Dossiers zum Jahrestag des 20. Juli: Wie einsam das verlorene Häuflein der Widerständler war, ergibt sich aus beiden - und wie wenig Anerkennung sie in der Bundesrepublik bekamen. Viele Zeitungen finden: Die Hohenzollern haben lange genug in der preußischen Geschichte mitgeredet, und dies mit durchaus zweifelhaftem Ergebnis. Die New York Times bringt einen Riesenartikel zum Brand von Notre Dame, die näher vorm Zusammenbruch stand als bisher bekannt.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.07.2019 finden Sie hier

Geschichte

Die Zeit widmet in ihrem Feuilleton mehrere Seiten dem Widerstand gegen Hitler. Christian Staas überlegt, warum sich die Deutschen mit den Widerständlern immer noch so schwer tun: "Bis heute gerät auf schwankenden Boden, wer den 20. Juli mit dem demokratischen Selbstverständnis der Bundesrepublik in Einklang bringen will - auch wenn es ein schöner Gedanke ist, den Linda von Keyserlingk-Rehbein äußert: dass allein schon in der breiten Allianz, die sich im Kampf gegen Hitler zusammenfand, etwas Demokratisch-Pluralistisches liegt. Doch sowenig sich der 20. Juli als ein 'Aufstand der Junker' abtun lässt, so wenig will er zu modernen Demokratie-Vorstellungen passen. Dass er den Deutschen keine Ruhe lässt, hat auch damit zu tun. Aber warum sollten sie mit dieser Geschichte zur Ruhe kommen?"

Karl Heinz Bohrer hat eine andere Erklärung: "Nicht umsonst ist zu hören, es gebe in Berlin keine Gesellschaft mehr, weil das jüdisch-intellektuelle, aber auch das aristokratische Element fehle. Dazu hatten Ironie, Aggressivität, aber auch Pathos und Allüre gehört. Bei Figuren wie Adam von Trott zu Solz, Helmuth James von Moltke oder Peter Yorck von Wartenburg ist dieser privilegierte kulturelle Stil besonders auffallend und distanzheischend."

Außerdem: Die Zeit-Redakteure Elisabeth von Thadden, Jens Jessen und Maximilian Probst, alle drei mit Widerständlern verwandt, unterhalten sich über den Wert von Erinnerungen.

In der taz erzählt Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, in einem Essay von der Ablehnung und Ignoranz, die die Bundesrepublik dem Widerstand entgegenbrachte: "Die nationalsozialistische 'Rechtsprechung' galt in vollem Umfang weiter. Der Deutsche Bundestag konnte sich erst 1998 dazu entschließen, die Urteile des 'Volksgerichtshofs'" und der Sondergerichte aufzuheben. Und erst 2002 hob das deutsche Parlament die Urteile der Militärjustiz auf, erst 2009 auch die Urteile wegen sogenannten Kriegsverrates - einer von den Nationalsozialisten eingeführten Norm, die immer weiter ausgeweitet wurde." Tuchel berichtet auch, wie die AfD, Pegida und ihre Postillen sich des 20. Juli bemächtigen wollen.

Interessant liest sich in diesem Zusammenhang der taz-Artikel der Historikers Sven Deppisch, der darlegt, wie wichtig es sei, dass sich heutige Polizeischüler mit der Geschichte ihrer Institution im Nationalsozialismus auseinandersetzen.
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Europa

Die New York Times präsentiert in einem Riesen-Artikel eine Rekonstruktion des Feuers in Notre Dame: die Kathedrale sei wesentlich näher am Zusammenbruch gewesen, als bislang bekannt. Und alles hat so angefangen: "Der Sicherheitsmann,der den Rauchalarmmonitor der Kathedrale Notre Dame überwachte, hatte diesen Job seit gerade drei Tagen, als am Abend des 15. April ein rotes Licht aufleuchtete: 'Feuer.' Es war 18.18 Uhr an einem Montag, in der Woche vor Ostern. Pfarrer Jean-Pierre Caveau  feierte die Messe vor Hunderten Gläubigen und Touristen, und der Sicherheitsmann funkte einen Kirchenwärter an, der nahe am Altar stand. Guck mal nach wegen des Feuers, wurde dem Wärter gesagt. Er ging und fand nichts. Sie brauchten dreißig Minuten, bevor sie ihren Fehler bemerkten. Der Wärter war zu einem falschen Gebäudeteil gegangen."

Auch wenn Ursula von der Leyen nach Ansicht des in Oxford lehrenden Politologen Jan Zielonka nicht gerade demokratisch zur EU-Kommissions-Präsidentin gewählt wurde, muss sie nun alles daran setzen, die EU zu demokratisieren, schreibt Zielonka bei Zeit Online und fordert neben mehr Transparenz und einer zweiten Kammer des Parlaments bestehend aus Repräsentanten der Städte, Regionen, Wirtschaftsverbände und NGOs vor allem Dezentralisierung: "Dezentralisierung bringt die Macht näher an die Bürgerinnen und Bürger, und sie erleichtert es, Rechenschaft von den Verantwortlichen zu verlangen. Die EU verfügt über mehr als 40 Regulierungsbehörden in verschiedenen Ländern, die sich mit so verschiedenen Angelegenheiten befassen wie Menschenrechte, Seeverkehr oder Lebensmittelsicherheit. Sie könnten - zum Nachteil der EU-Kommission - mehr Befugnisse und Mittel erhalten. Dieser Schritt würde die Kommission nicht unbedingt schwächen. Er würde ihr vielmehr einen Teil ihrer gegenwärtigen Belastung abnehmen und ihre Legitimität stärken."

Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen "behaupteter Heimatliebe und rassistischer Gesinnung", behauptet im FR-Interview mit Katja Thorwarth der Ex-Grüne, Ex-KB-Politiker und Publizist Thomas Ebermann und warnt die Linke davor, den Begriff links umdeuten zu wollen: "Die gesellschaftliche Rechtsentwicklung zeigt sich ja gerade daran, dass alle Parteien Heimat auf ihre Wahlplakate schreiben, dass in diesem Punkt die Gesellschaft eine oppositionslose ist."
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Kulturpolitik

Nach dem medialen Entsetzen über die öffentlich gewordenen Forderungen der Hohenzollern (Unser Resümee), die Schlösser und Kunstwerke zurück wollen, hat sich das Haus nun per Brief selbst zu Wort gemeldet - und es noch schlimmer gemacht, schreibt Nikolaus Bernau in der Berliner Zeitung: "Vor allem fällt auf - obwohl gerade dagegen viele Berichte des Wochenendes massiv Front gemacht hatten -, dass weiter der Anspruch auf Mitsprache bei der Darstellung der Dynastiegeschichte in Museen und Ausstellungen eingefordert wird. Das jedoch kann keine Republik, keine auch nur halbwegs wissenschaftlich arbeitende Institution akzeptieren. Und erst recht kein Staat, der auf den Trümmern jenes Reiches begründet wurde, der auch durch die Vorfahren der heutigen Hohenzollern in den Ersten Weltkrieg und in die Nazizeit geleitet worden war."

Die Hohenzollern wollen "die deutsche Geschichte privatisieren", meint auch Andreas Kilb in der FAZ und erinnert: "Sie haben einen größeren Anteil an der Gewaltgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts als jede andere deutsche Adels- oder Industriellensippe. (...) Der Grund, aus dem sie die Deutungshoheit über ihre Familiengeschichte einfordern, ist deshalb derselbe, aus dem die Demokratie sie ihnen unbedingt verweigern muss: Weil diese Geschichte im strengen Sinn nicht mehr ihnen gehört, sondern den Nachfahren ihrer Untertanen, die heute als freie Bürger durch die Museen laufen."

Schön und gut, dass sich deutsche Museen jetzt mit ihrer Kolonialgeschichte beschäftigen, aber sie müssen auch bereit sein, die eindeutig als Raubkunst identifizierten Kunstwerke zurückzugeben, schreibt die Kunsthistorikerin Julia Pelta Feldmann bei Zeit Online. Und damit nicht genug: Dort wo ständige Sammlungen durch Restitution aufgebrochen werden, entsteht Platz, andere "historische Ungerechtigkeiten" zu "korrigieren", meint sie: "Der Kolonialismus ließ Museen Kunstwerke durch Diebstahl anhäufen; aus Sexismus ignorierten oder marginalisierten sie die Kunst von Frauen. Stefan Heidenreich beschreibt im Freitag das Problem prägnant: 'Wann immer wir etwas sammeln, gibt es zwei Arten von Dingen, die uns fehlen. Einmal das, was wir gern hätten, aber nicht bekommen. Und dann noch all das, was uns gar nicht erst interessiert. Schwierig wird die Lage, wenn wir feststellen, dass uns gerade Letzteres doch hätte interessieren sollen.'" Feldmann schlägt vor, Werke männlicher weißer Künstler zu verkaufen, um die Sammlungen repräsentativer zu machen, und ins Depot zu stellen.
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Gesellschaft

Die Berliner Beratungsstelle gegen Zwangsheirat der Organisation "Terre des Femmes" schließt aus finanziellen Gründen, berichtet Antje Lang-Lendorff in der taz. An mangelnder Nachfrage lag es nicht: "2017 waren den Berliner Einrichtungen demnach 570 Fälle von versuchter oder erfolgter Zwangsverheiratung bekannt. Mit 93 Prozent gehörten größtenteils Mädchen und Frauen zu den Betroffenen. Die meisten waren zwischen 16 und 21 Jahre alt. In 444 Fällen gab es auch einen Hinweis zum Migrationshintergrund: Etwa die Hälfte stammte demnach aus einer arabischen Familie, 20 Prozent hatten türkische Wurzeln, 15 Prozent stammten aus Ländern des Balkans." Den Betroffenen bleibt als Hilfe dann nur noch die Onlineberatung von Papatya, die aber auch mit unzureichenden finanziellen Mitteln kämpft.

Natürlich wurden in der deutschen Integrationsgeschichte Fehler gemacht, aber das ist längst nicht der einzige Grund für Clankriminalität, schreibt die Kriminologin Dorothee Dienstbühl bei Tagesspiegel Causa und verweist auf Clan-Strukturen wie ein eigenes Rechtssystem, Anspruchshaltung, Familie als Schutzmacht und vor allem eine "einstudierte Opferrolle". Sie fordert: "Das Ausmaß von Kriminalität und die offene Verachtung gegenüber dem Rechtsstaat und seinen Gesetzen muss konkret benannt werden. Das Ausleben eigener Regeln, die grundrechtlich verbürgte Rechte ignorieren, ist keine migrationstypische Erscheinungsform, die unter bedingungslose Akzeptanz kultureller Vielfalt aufzufassen wäre. Denn es handelt sich innerhalb der ethnischen Minderheiten selbst lediglich um Minderheiten, die kriminell auffällig werden. Doch genau sie dominieren die Straße und geben dort die Spielregeln vor. Sie sind es, die sämtlichen Integrationsbemühungen zuwiderlaufen."
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Politik

In der Zeit erzählt Angela Köckritz die Geschichte eines schwulen jungen Gambiers, der in den Senegal fliehen musste, nachdem seine Homosexualität aufgeflogen war. Das Problem: Im Senegal ist Homosexualität ebenso verpönt und strafbar. Dabei war es "hier bis vor wenigen Jahrzehnten absolut normal, Männer in Frauenkleidung zu sehen. Auf Wolof, der Verkehrssprache des Senegal, heißen sie góor-jigéen, wörtlich Mann-Frau. Wie andere afrikanische Staaten schaut das Land auf eine Tradition zurück, die den Genderbegriff weit fasste. Die góor-jigéen übernahmen bestimmte soziale Funktionen und waren gesellschaftlich akzeptiert. Sie galten als herausragende Redner, Tänzer und Köche, verstanden sich auf die feinen Codes der Gesellschaft. ... Bereits damals gab es Bars, in denen sich Homosexuelle und Transvestiten trafen, und doch hinterfragte der größte Teil der Bevölkerung die Sexualität der góor-jigéen nicht. Die meisten wussten gar nicht, dass so etwas wie Homosexualität überhaupt existiert. Der góor-jigéen war für sie ein Mann, der sich gerne als Frau gab, eine Art Karnevalsfigur." Diese Toleranz änderte sich, als Aids aufkam und die muslimische NGO Jamra begann, Homosexualität als unmoralisch und "westlich" zu bekämpfen.

Was den Tatbestand des "Feminizids" angeht, könnten deutsche Strafverfolgungsbehörden so manches aus Mexiko lernen, schreiben die Aktivistinnen Sonja Gerth und  Birte Rohles in der taz: "Und auch wenn die Zahlen schlimmer sind denn je - neun Frauen werden pro Tag in Mexiko ermordet -, so gibt es dennoch ein Protokoll, dem die Ermittlungsbehörden bei jedem Frauenmord folgen müssen. Wurde sexuelle Gewalt angewendet? Wurden dem Opfer Verletzungen zugefügt, um es zu erniedrigen? Gab es im Umfeld des Opfers Gewalt oder vorherige Drohungen? All dies sind Zeichen dafür, dass die Frau wegen ihres Geschlechts ermordet wurde."

Trump war immer ein Rassist, aber seine jüngsten Äußerungen sind besonders "perfide", schreibt Christian Zaschke in der SZ und sieht eine neue "Eskalationsstufe" erreicht - auch, weil sich die einst "große alte Partei" der Republikaner nicht distanziert: "Die Republikaner haben sich dem System Trump vollständig unterworfen. Einem System des Rassismus, der Misogynie, der Aggression, der Spaltung, der Unterminierung der freien Presse, der Huldigung von Diktatoren, der Lüge, der Beleidigung, der Hybris, des Narzissmus und der Wut. Wenn man sich dereinst an Trumps Präsidentschaft erinnert, an das Gift, das er in die Gesellschaft geträufelt hat, an den Zorn, den er gesät hat, dann wird man mit Staunen und Abscheu auf diejenigen blicken, die seine Erfüllungsgehilfen waren."

Außerdem: In der taz berichtet Michael Lenz über die Verfolgung von Menschenrechtsanwälten in den Philippinen.
Archiv: Politik