9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.09.2019 - Gesellschaft

Ein Autounfall mitten in Berlin macht  von sich reden. Vier Fußgänger wurden getötet, als ein aus der Kontrolle geratener Porsche-Geländewagen eine Ampel umfuhr. Zeit über die Abschaffung dieser Privatpanzer nachzudenken, meint Gereon Asmuth in der taz: "Sie verbrauchen nicht nur überdurchschnittlich viel Platz in den eh schon engen Städten, sie produzieren nicht nur überdurchschnittlich viel CO2 im eh schon aufgeheizten Weltklima, sie verändern auch die Sicherheitsbalance. SUV sind der stahlgewordene Ausdruck einer Ego-Gesellschaft." Auf der Berlin-Seite der taz resümieren Gereon Asmuth und Uwe Rada, was man bisher über diesen Unfall weiß.

In der Berliner Zeitung ist Andreas Kopletz dagegen einigermaßen angewidert von den Forderungen, die sich erhoben, noch bevor es Informationen über die Unfallursache gab: "Zweckdienlich war der Tod der vier Menschen auch der Deutschen Umwelthilfe, die twitterte: 'Stadt-Geländewagen töten nicht nur in Berlin!' Um bei der Gelegenheit gleich noch den Hinweis anzubringen, dass ein Porsche der schlimmste Klimakiller sei. Dieses Vorgehen ist zynisch und pietätlos. Als die Verbände und der Grünen-Politiker ihre Forderungen vorbrachten, waren die Toten noch nicht obduziert, die Unfallursache durch die Polizei noch ungeklärt. Die Behörden haben Hinweise darauf, dass der Fahrer, der mit seiner Tochter und seiner Schwiegermutter unterwegs war, möglicherweise ein medizinisches Problem hatte. Kann man das als 'Straßengewalt' bezeichnen?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.09.2019 - Gesellschaft

Gewählt wird die AfD von einer "Querfront der Verlierer", zu der durchaus auch Akademiker zählen, und die AfD bietet ihnen Kompensation, sagt die Soziologin Cornelia Koppetsch, Autorin von "Die Gesellschaft des Zorns - Rechtspopulismus im globalen Zeitalter", im taz-Gespräch mit Sabine am Orde. Den Verlierern gegenüber sieht Koppetsch die "Kosmopoliten", die sozial Bessergestellten und Gewinner der Globalisierung: "Die Kosmopoliten haben das Selbstbild, inklusiv zu sein, gleichzeitig aber ein historisch nahezu unübertroffenes Niveau an Exklusivität erreicht. Sie umgeben sich mit Leuten, die die Dinge genauso sehen wie sie. Sie ziehen in Gründerzeitbauten und nicht in den Plattenbau. Die Kreise werden über Kompetenzen, Geschmack und kulturelle Codes geschlossen und über Bildung an die nächste Generation weitergereicht. Die Kosmopoliten haben neue Spielregeln durchgesetzt und tatsächlich weniger Diskriminierung erreicht. Doch sie sind in sozialstruktureller Hinsicht nicht egalitär - die Codes haben sich nur verändert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.09.2019 - Gesellschaft

Die Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) und ihre Prozessbeauftragte Seyran Ates stärken ihre Argumentation gegen ein Kopftuch für Beamtinnen und Lehrerinnen und für das Berliner Neutralitätsgesetz durch ein Gutachten des Rechtsprofessors Wolfgang Bock, berichtet Susanne Memarnia in der taz: "Bock erklärte, er gehe für Berlin von einem Anteil von 25 bis 30 Prozent muslimischer SchülerInnen aus, von diesen sei 'mindestens ein Drittel' der islamischen Religionskultur 'tief verhaftet'. Für diese sei zentral nicht nur die Vorstellung einer Unterordnung der Frau unter den Mann sowie die Beachtung von Bekleidungsvorschriften, sondern auch, dass man als Muslim verpflichtet sei, die Einhaltung dieser Vorschriften bei anderen Muslimen durchzusetzen. Letztere Vorschrift unterscheide den Islam von allen anderen Religionen, betonte der Wissenschaftler."

Hannah Bethke verteidigt das Neutralitätsgesetz, kritisiert aber auch das Gutachten in der FAZ: Bock stütze sich in seinen Aussagen auf Daten, die zehn Jahre alt seien: "Dass die Integration migrierter Schüler und Lehrer eine Herausforderung für die Schulen darstellt und zu Konflikten führt, dürfte niemanden überraschen. Umso mehr hätte man gern gewusst, auf welche empirische Basis sich Bock stützt, wenn er etwa von kulturellen Konflikten an der Schule und sogar von Mobbing durch muslimische Schüler spricht, die ihre muslimischen Mitschülerinnen zu einem 'als islamisch 'korrekt' angesehenen Verhalten' zwingen wollten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.09.2019 - Gesellschaft

Cigdem Toprak thematisiert in der Welt den Antisemitismus unter muslimischen Migranten und rät, die Vermittlung des Holocaust in der Schule mit Hintergründen aus der Geschichte muslimischer Länder zu verbinden: "Wie können junge Menschen mit Migrationshintergrund verstehen, wie tief der Antisemitismus in ihren Milieus sitzt, wie dieser funktioniert, wenn sie sich nicht auch mit diskriminierenden Narrativen oder gewalttätigen Konflikten auseinandersetzen, die zu ihrer Familiengeschichte gehören und ihre Identität ausmachen?"

Die Waldorfschulen werden hundert und gedeihen. Und sie passen ins schwarz-grüne bürgerliche Milieu, das bei bester Ausstattung seinen Postmaterialismus pflegt, schreibt Matthias Drobinski in der SZ: "Auf der Waldorfschule lässt sich dies auf angenehme Weise umsetzen. Das Schulgeld ist erträglich, man kann ein bisschen alternativ sein, ohne auf den Biohof ziehen zu müssen, man trifft auf gleichgesinnte Eltern und auf wenige Migranten. Die Häme, mit der Waldorfschüler manchmal überzogen werden, nährt sich aus der Wahrnehmung, dass sich hier eine Elite, die sich nicht so nennen mag, eine eigene Welt schafft." Auch in den ARD-"Tagsthemen" sind diese Schulen sehr beliebt, konstatiert Andreas Lichte bei hpd.de: Dort machte eine Journalistin einen Geburtstagsbeitrag, die Vorstandsmitglied des Schulvereins der "Freien Waldorfschule Uhlandshöhe" ist und auch die große Festveranstaltung "Hundert Jahre Waldorfschule" (unter anderem mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann) am 7. September in der Liederhalle Stuttgart moderiert.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.09.2019 - Gesellschaft

Frauen mit Kopftuch würden in der Öffentlichkeit immer häufiger angegriffen, behauptet Charlotte Köhler in der taz und bezieht sich auf Gabriele Boos-Niazy vom "Aktionsbündnis muslimischer Frauen": "Die Frauen würden ihr Verhalten der Angst vor Übergriffen anpassen. 'Die Maßnahmen, die Frauen ergreifen, sind: sich eher in der Gruppe bewegen, statt allein. Bestimmte Stadtteile vermeiden, sich in öffentlichen Verkehrsmitteln vorsichtig verhalten. Keine Schuhe mit Absatz tragen, überlegen, ob man wirklich einen langen Rock trägt - all das ist hinderlich, wenn man davonlaufen muss.'"

Es gibt, in der Öffentlichkeit wenig beachtet, bei den Grünen einen Streit über Feminismus, den Gita Neumann bei hpd.de aufgreift. Sie wendet sich dabei gegen die grüne religions- und flüchtlingspolitische Sprecherin Bettina Jarasch, die sich in einem Tagesspiegel-Interview gegen ein Positionspapier (hier  als pdf-Dokument) der grünen Politikerinnen Ekin Deligöz und Manuela Rottmann stellte. Diese hatten gefordert, dass Diskriminerung von Frauen unter Muslimen thematisiert werden müsse. Jarasch wirft ihnen vor, sich vom "gesellschaftlichen Diskurs treiben zu lassen". Gita Neumann dazu: "Das heißt wohl im Umkehrschluss: Die beiden Autorinnen, die in ihrem Diskussionspapier nichts anderes angemahnt hatten als eine ehrliche Debatte auch über Migranten mit einem 'reaktionären Frauenbild', würden Muslime pauschal verurteilen. Jarasch muss eben in Diffamierung ihr Heil suchen, wenn sie aus Verblendung und Realitätsverweigerung unfähig ist, auf Argumente und auch auf konkrete Fragen einzugehen."

"Möglicherweise werden wir wieder lernen, Moral, Magie, Technik und Politik neu zusammenzusetzen", überlegt in der SZ der in Süditalien lebende Ethnologe Ulrich van Loyen angesichts des Klimawandels. Er plädiert fürs individuelle Handeln, selbst wenn es nutzlos zu sein scheint. "Dafür ein Beispiel: Wo ich lebe, hatte die Regionalregierung ein System des Müllrecyclings erdacht, das wie anderswo auch auf Mülltrennung basiert. Schade nur, dass es neben mafiös organisierter illegaler Verbrennung nur einen offiziellen 'Inceneritore' gab. Gegen dieses Wissen begannen in meiner Umgebung die Menschen, ihren Müll zu trennen. Sie wurden belächelt, für verrückt gehalten, aber sie wurden zahlreicher. Und sie zwangen durch ihr Als-ob-Verhalten die Regionalregierung, sich endlich ernsthaft mit Recyclingtechnologien zu befassen. Sie waren einer Politik, die auf die Trägheit ihrer Wähler und auf deren unwandelbare Interessen setzt, voraus. Zumindest war dies dort, wo ich lebe, für die Politik lange Zeit unvorstellbar gewesen. In Mitteleuropa vermutlich auch. In Zeiten der zusammenbrechenden Maßstäbe erschließt man sich das Vorstellbare durch das Handeln, nicht umgekehrt."

In der NZZ empfiehlt der schottische Historiker Niall Ferguson, eher auf Björn Lomborg zu hören als auf Greta Thunberg. Der Planet erwärme sich, egal was wir tun. "Entscheidend ist, wie Lomborg sagt, dass jedes Jahr bei weitem mehr Menschen aufgrund von Armut sterben als infolge der globalen Erwärmung. Ein CO2-Emissionsziel ist nicht das optimale Ziel, wenn dadurch Millionen in Armut gefangen bleiben, ganz zu schweigen von Unwissen und schlechter Gesundheit ... Wir werden uns anpassen und von den technologischen Neuerungen profitieren, die allmählich verbessern werden, wie wir elektrischen Strom erzeugen und speichern und uns vor Überflutungen schützen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.08.2019 - Gesellschaft

Spiegel-online-Autorin Merve Kayikci trägt Kopftuch. Ihre zwölfjährige Schwester wolle das auch und wird dafür von der Autorin wegen möglicher Diskriminierung durch die Mehrheitsgesellschaft bedauert. Dabei betont sie, dass sie beide völlig frei handelten: "Sicher gibt es vereinzelt auch muslimische Eltern, die sehr konservativ und streng sind, deren Töchter sich womöglich nicht trauen würden, zu sagen, dass sie kein Kopftuch tragen wollen. Aber für diese kleine Gruppe ein Verbot einzuführen, wäre absurd. Das würde gerade diesen Kindern überhaupt nicht weiterhelfen."

Nur das Kopftuch für Kinder zu verbieten, nicht aber Kreuz, Kippa oder Sikh-Turban wäre eine "Ungleichbehandlung", schreibt auch Susanne Klein in der SZ: "Ein Gesetz, das lediglich Muslime betrifft, ist ein Akt der Ausgrenzung oder kann zumindest von ihnen so aufgefasst werden. Es signalisiert: Ihr seid hier ungewollt. Der Integration dient das nicht, auch wenn die Verfechter eines Verbots das Wort im Munde führen. Es dient eher jenen Leuten im Land, die beim Thema Islam pauschal rotsehen und von kopftuchtragenden Mädchen ohne Umwege auf radikale Islamisten überleiten."

Kurz vor der Sachsenwahl beschwört der Historiker Frank Biess in der SZ die "demokratische Angst": "So paradox es klingt: Die Kultivierung demokratischer Angst ist ein Mittel gegen die rechtspopulistische Politik der Angst. Sie schärft unser Bewusstsein dessen, was wir zu verlieren haben und schützt uns gegen die Illusion, dass alles immer besser wird und wir ein quasi gottgegebenes Recht haben, in einer offenen, liberalen und ja, multikulturellen Gesellschaft zu leben. Den Zeitgenossen der alten Bundesrepublik (und auch der DDR) war aufgrund ihrer Lebenserfahrung eine produktive Zukunftsungewissheit zu eigen. Sie wussten um die Möglichkeit politischer Katastrophen und ihrer existenziellen Bedeutung für das eigene Leben. 70 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik kann diese demokratische Angst auch heute nützlich sein. Sie zeigt: Die antizipierende Imagination politischer Katastrophen kann helfen, diese zu verhindern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.08.2019 - Gesellschaft

Die Jungen verlassen den Osten und die Alten bleiben einsam zurück, schreibt Sebastian Turner im Tagesspiegel. Die Einsamkeit "grassiert im Osten, wie sich Westdeutsche das nicht vorstellen können. Mit dem Bankrott der DDR ging nicht nur ein großer Teil der DDR-Betriebe unter, sondern mit ihnen auch zahllose Orte der Gemeinschaft und Geselligkeit, weil sie - anders als im Westen - betrieblich organisiert waren. Als im Westen strukturbestimmende Großbetriebe wie die AEG, Borgwart oder Triumph-Adler untergingen, verschwanden nicht gleichzeitig auch der Schützenverein, der Fußballklub und die Tanzgruppe. Ganz im Gegenteil, sie konnten den Entlassenen Halt und Gemeinschaft bieten. Im Osten ist dagegen mit den Firmen immer auch ein großer Teil des gesellschaftlichen Lebens erloschen. Mit dem Kombinat verschwand erst die Gemeinschaft und dann die nächste Generation."

Immerhin, es gibt bei den Grünen eine Diskussion um Multikulti. Jürgen Roth von den "Säkularen Grünen" wendet sich bei hpd.de gegen Positionen in seiner Partei, die das Problem einseitig bei der "Islamophobie" der Mehrheitsgesellschaft, aber nicht in totalitären Tendenzen im Islam und seinen Verbänden sehen: "Jede unkritische Verharmlosung - gerade auch orthodox-reaktionärer Umtriebe - führt fast zwangsläufig zu dem Fehlschluss, wir hätten es - ausschließlich - mit einem von der nationalen Rechten geschürten Konflikt zwischen dem Islam und der Mehrheitsgesellschaft zu tun. Die desintegrative Rolle - gerade - der muslimischen Verbände wird dabei konsequent ausgeblendet und verniedlicht. Es geht nicht nur um den Erdogan-Fanclub von Ditib."

Laut dem erst im Verlauf des heutigen Tages veröffentlichten Gutachten des Tübinger Verfassungsrechtlers Martin Nettesheim ist ein Kopftuchverbot für Mädchen an Grundschulen rechtlich möglich, meldet die Berliner Zeitung mit dpa: "Das Kopftuch sei ständig sichtbarer Ausweis der Religionszugehörigkeit. 'Derartige Bekleidung' führe zu Segmentierung und Trennung, lasse gerade bei jungen Menschen Vorstellungen von Unterschiedlichkeit aufkommen und führe gegebenenfalls auch zur sozialen Ausgrenzung und zur Diskriminierung. In der Schule geht es nach Ansicht von Nettesheim auch um 'Erziehung zur Freiheit'."

In der NZZ verteidigt der Kulturtheoretiker Jan Söffner das Erbe des Jahres 1969: Wo 1968 noch die "Weltrevolution" angestrebt wurde, setzte man ein Jahr später auf "Partizipation" und Inklusion, so Söffner: "Durch ihre neue, meist unreflektierte 'involutive' Strategie erreichten die '69er' indes die Verwirklichung fast all ihrer Anliegen. Pazifismus, Toleranz und Emanzipation, basisdemokratische Formen der Politik, kreative Formen der Selbstverwirklichung sowie der Abbau von Hierarchien und patriarchalen Strukturen setzten sich auf breiter Linie durch."  Aktuell aber "stößt das 'lange 1969' an Grenzen, seine Grundhaltungen schwinden. Es ist leicht zu erkennen, dass inklusive und partizipative Demokratien nicht mehr der natürliche Zielpunkt der Geschichte sind. Mehr noch: Es scheint ein erstaunliches Misstrauen gegenüber den inklusiv denkenden 'Eliten' entstanden zu sein - von Populisten werden sie bestenfalls als naive 'Gutmenschen' und schlimmstenfalls als Handlanger einer weltweiten Verschwörung angesehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.08.2019 - Gesellschaft

In der SZ resümiert Jörg Häntzschel zustimmend eine von der IFA in Auftrag gegebene, 150 Seiten starke Studie der Literaturwissenschaftlerin Sigrid Weigel, die eine ganz neue auswärtige Kulturpolitik fordert, während sie die alte als rundheraus heuchlerisch anprangert. Deutschland solle aufhören, vermeintlich "deutsche" oder "europäische" Werte zu exportieren und statt dessen die eigene Gesellschaft umbauen: "Sigrid Weigel macht eine Reihe von Vorschlägen für europäische Kooperationen und Kulturnetzwerke. Doch viel wichtiger wäre es, Deutschlands Wandlung zu einer 'kulturell diversen Einwanderungsgesellschaft' zu akzeptieren und zu unterstützen. Die Grundlage dafür wäre ein neues Einwanderungsrecht und ein neues Konzept für Integration jenseits der gescheiterten Modelle Assimilation und Multikulturalismus. Weigel schwebt eine Integration als 'sozial und räumlich differenzierte kulturelle Praxis' vor, 'die im Alltag und überall stattfindet' und deren Schlüssel eine 'gesellschaftliche Kultur der Anerkennung' sei." Allerdings gilt das nur für eingewanderte Kulturen. Die deutsche Kultur braucht keine Anerkennung, denn sie existiert gar nicht, wird uns beschieden.

(Nachtrag vom 29.8.2019: Sigrid Weigel hat an unserem Absatz zwei Punkte beanstandet: Zunächst habe sie an keiner Stelle gesagt, die bestehende auswärtige Kulturpolitik sei rundheraus heuchlerisch, sondern vielmehr das Problem der Glaubwürdigkeit deutscher Politik thematisiert. Und zum zweiten habe sie nie behauptet, die deutsche Kultur brauche keine Anerkennung, weil sie nicht existiere, sondern dass die deutsche Nationalkultur im Sinne einer homogenen deutschen Kultur, wie sie dem Diskurs der Leitkultur zugrunde liegt, eine Fiktion sei.)

Wir befinden uns im "Greta-Moment" der politischen Linken, der totalen Kulpabilisierung des Konsumenten, konstatiert Isolde Charim in ihrer taz. Ihre Formel besage: "Nur strenge Konsumaskese des Einzelnen sei ein effizientes Vorgehen gegen die Klimakrise. Eine asketische Ideologie mit allem, was dazugehört: strenge Gewissens- und Schulddiskurse. Denunziation, gesellschaftliche Ächtung, Sozialkontrolle für Klimasünder. Mit steigender Tendenz."

Eine ähnliche Tendenz zur Moralisierung, ja zur religiösen Überhöhung, beobachtet Hervé Gardette in einer Kolumne für France Culture, dem Hashtags wie #PrayforAmazonia aufgefallen sind: "Es ist die Wahl des kollektiven Gebets als Mittel der Mobilisierung, die hier Fragen aufwirft. Erstens, weil ein Gebet es bis zum Beweis des Gegenteils nie vermocht hat, ein Feuer zu löschen (nicht einmal das von Notre Dame), zweitens, weil es von einem grundlegenden Trend zeugt, bei dem Umweltkämpfe immer mehr mit dem Spirituellen und dem Religiösen flirten. Und im Hintergrund spielt die morbide kleine Musik vom Ende der Welt. Lasst uns beten, denn das ist alles, was uns noch bleibt."

Passend dazu: Die Zeit hat Thomas E. Schmidts Artikel über die "Fallen grüner Politik" online nachgereicht: "Das Problem, an dem ein tatsächlich durchgesetzter Klimaschutz laboriert, besteht darin, dass er zwar Wissenschaft und Moral hinter sich weiß, selbst aber keine starke politische Idee ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.08.2019 - Gesellschaft

In Mexiko-Stadt gingen letzte Woche Tausende Frauen auf die Straße, nachdem vier Polizisten eine Siebzehnjährige vergewaltigt hatten und davongekommen waren. Frauen "sind in Mexiko nirgendwo sicher", erklärt die Anwältin Julia Escalante De Haro vom Frauenrechtsnetzwerk CLADEM, im Interview mit Zeit online. "Jeden Tag werden Frauen ermordet oder verschwinden spurlos. Ich bin 42 - als ich noch Studentin war, kannten wir alle die Nachrichten der Frauenmorde aus Ciudad Juárez, doch sie schienen weit weg. Ich bin noch allein gereist, ich konnte zumindest einigermaßen sagen, welche Orte für mich sicher sein würden. Heute wäre das nicht mehr möglich. Nur ein paar Daten: In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Morde an Frauen mehr als verdoppelt, heute zählt man jeden Monat 270 Femizide. Die Anzeigen wegen sexuellen Missbrauchs an Mädchen unter fünf Jahren haben sich mehr als verdreifacht - und das sind nur die Anzeigen. Jedes Jahr werden mehr als 11.000 Mädchen zwischen zehn und 14 Jahren schwanger, nachdem sie sexualisierte Gewalt erfahren haben. Das sind Daten aus offiziellen Quellen. Wir erleben alle jeden Tag, was sie bedeuten."

Gerade dachte man, die Einschränkung des Gebrauchs von Plastiktüten sei ein zwar kleiner, aber endlich mal konkreter Schritt zu mehr Umweltschutz, das gibt's schon wieder Zweifel - und nicht nur von der Industrie, verkündet Markus Grabitz im Tagesspiegel und zitiert den Umweltverband Nabu, der "argumentiert: 'Einwegtüten aus frischen Papierfasern müssen mindestens dreimal so oft benutzt werden wie die erdölbasierte Plastiktüte, damit sich die Klimabilanz ausgleicht.' Um Papiertüten stabil zu halten, seien sehr viel Material sowie lange und chemisch behandelte Fasern nötig. Selbst der Baumwollbeutel habe erst dann eine bessere Klimabilanz als die Plastiktüte, sagen die Umweltschützer, wenn er 50 bis 150 Mal benutzt werde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.08.2019 - Gesellschaft

Den Versuch, ein so großes und ernstes Thema wie die Rettung des Klimas in ein privates und ideologisches Schlachtfeld zu verwandeln, hält Thomas Steinfeld in der SZ für völlig verfehlt: "Für jeden Passagier, der von München nach Mallorca fliegt, werden, grob gerechnet, etwa hundert Liter Kerosin verbrannt. Die Menge erscheint als sehr groß, wenn man sie sich etwa in Kanistern abgefüllt vorstellt. Sie erscheint allerdings als winzig klein, wenn man sie am globalen Ölverbrauch misst: Das amerikanische Militär, der größte einzelne Energieverbraucher der Welt, verbraucht 48 Millionen Liter Öl pro Tag, was etwas weniger als einem Siebtel des gesamten deutschen Ölverbrauchs entspricht oder ungefähr so viel ist, wie ganz Schweden in derselben Zeit vernutzt." Er wünscht sich eine weniger moralisierende als eine politische Debatte.

Außerdem: Im Feuilleton der Welt fordert Michael Pilz, dass neu über Atomkraft nachgedacht wird.
Stichwörter: Atomkraft, Mallorca