In ihrem neuen Buch "
Politischer Islam. Stresstest für Deutschland" - vorabgedruckt in der
Zeit - kritisiert die
Ethnologin Susanne Schröter die
mangelnde Distanz der deutschen Politik Islamisten und Fundamentalisten gegenüber: "Obgleich sie nur eine Minderheit der in Deutschland lebenden Muslime vertreten, haben sie sich als
alleinige Repräsentanten ihres Glaubens etabliert. Fatalerweise führte das dazu, dass in Bund, Ländern und Kommunen viele Kooperationen zwischen ihnen und staatlichen Einrichtungen geschlossen wurden." Aber: "Funktionäre des politischen Islams und ihre nichtmuslimischen Unterstützer lassen nichts unversucht, um eine solche
Debatte zu verhindern. Zu diesem Zweck haben sie zwei Begriffe entwickelt, die all jene diskreditieren sollen, die es wagen, den politischen Islam zu kritisieren. 'Islamophobie' und '
antimuslimischer Rassismus' nennen sich die Wortungetüme. Hier kann keine wissenschaftliche Dekonstruktion dieser kruden Konzepte erfolgen. Doch so viel sei abschließend bemerkt: Eine freie Gesellschaft lebt von einer freien Debatte, gerade dann, wenn es um eine totalitäre Bewegung geht, die die Fundamente unserer Gesellschaft angreift."
Im anschließenden
Zeit-Gespräch mit Evelyn Finger erklärt Schröter, weshalb sie die "Kopftuch-Konferenz" nicht bereut und warum sie das
Kopftuch kritisiert: "Ich kritisiere es als Zeichen eines
frauenfeindlichen Glaubenssystems, das fordert, weibliche Reize zu bedecken, um Männer nicht zum Sex anzustacheln. Die Konsequenz ist, dass Vergewaltigungen den weiblichen Opfern angelastet werden, auch vor Gericht, etwa in Afghanistan oder Saudi-Arabien. Wenn eine einzelne Frau sich für das Tragen des Kopftuchs entscheidet, akzeptiere ich das voll und ganz. Ich stelle auch Frauen mit Kopftuch am Forschungszentrum 'Globaler Islam' ein."
Ganz von der Hand weisen kann Can Dündar in seiner
Zeit-Kolumne die Vorwürfe, die
Ai Weiwei gegen die deutsche Debattenkultur erhoben hat (
Unsere Resümees) nicht: "Ein Autor, der in der Türkei ziemlich beliebt ist, kehrte nach einiger Zeit nach Berlin zurück. Seine Begründung: 'Die Verlage, bei denen ich mein Manuskript einreichte, sagten: '
Wir hatten anderes von Ihnen erwartet.' Als ich nachhakte, wurde mir klar, dass die Erwartungen sich darauf beschränkten, von mir etwas über die Türkei zu bekommen. Man gab mir zu verstehen, nur deutsche Autoren hätten das Privileg, universale Themen zu bearbeiten.'" Welche deutsche Kultur kritisiert Ai Weiwei eigentlich?,
spottet Benedict Neff in der
NZZ indes mit Blick nach Berlin: "Die Stadt zeichnet sich gerade durch ihre Distanz zu Deutschland aus, ihre
Leitkulturferne."
Zunehmend müssen sich auch
schwule,
weiße,
alte Männer innerhalb der LGBTQI*-Community für ihre
Privilegien verantworten,
beobachtet Dirk Ludigs im
Tagesspiegel und findet das durchaus "erfreulich": "Beim Stonewall-Aufstand in New York standen nämlich mitnichten weiße schwule Männer in der ersten Reihe, sondern
trans Frauen of color - später nahezu völlig marginalisiert, in Armut verstorben und über Jahrzehnte fast vergessen. In Berlin waren lesbische Frauen sehr wohl von Anfang an bei der 'Homosexuellen Aktion Westberlin' dabei. Es waren schwule Männer, die die Vereinsräume
über und über mit Penis-
Bildern dekorierten, und lesbischen Frauen damit zu verstehen gaben, welche Rolle sie im homosexuellen Aufbruch spielen würden - nämlich allenfalls eine am Rand. Erst danach begannen die Frauen mit dem Lesbischen Aktionszentrum ihr eigenes Ding zu machen."