9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.07.2024 - Gesellschaft

Bei der Olympiaeröffnung kam es unter vielen Tableaus auch zu einen queeren Figuren-Arrangement, das an Leonardos "Abendmahl" erinnerte, aber auch eindeutig Anspielungen an griechische Mythologie enthielt. Die Empörung war groß, das Who is Who des Rechtspopulismus meldete sich geschlossen zu Wort, berichten Michaela Wiegel und Matthias Rüb in der FAZ: "Die Welle der Kritik an den vorgeblich blasphemischen Szenen war über die sozialen Netzwerke orchestriert worden. Der amerikanische Milliardär Elon Musk beklagte noch vor Ende der Zeremonie auf der Plattform X, diese sei 'extrem respektlos gegenüber Christen'. Donald Trump Jr. kritisierte eine 'satanische Dragqueen-Eröffnungsfeier'. Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Zakharova, prangerte eine 'LGBT Parodie des Abendmahls' an, mit 'Transvestiten als Aposteln'. Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán bewertete die Zeremonie als Zeichen dafür, dass die 'metaphysischen Bande zu Gott, zum Vaterland und zur Familie' sich in Frankreich aufgelöst hätten." Nun ja, wenn eine solche Allianz zustandekommt, meint Jan Feddersen in der taz, "dann muss beim anlassgebenden Projekt einiges richtig in Szene gesetzt worden sein: Die Eröffnungsfeier war opulent, ergreifend und auch kitschig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.07.2024 - Gesellschaft

Die "Queers for Palestine", die gegen Israel kämpfen, das auch für viele schwule und lesbische und trans Menschen ein Zufluchtsland ist, sind "Lügnerinnen* und Feinde der queeren Frage", schreibt Jan Feddersen, der in der taz daran erinnert, wofür der CSD eigentlich stehen sollte: "Ein CSD… definiert seine Wichtigkeit über sich selbst, nicht über Fragestellungen, die Queeres nicht automatisch oder ideologisch unmittelbar berühren. Wertgeschätzt werden von diesem, wenn man so will, freiheitlich-demokratischen CSD-Bündnis alle Länder auf der Welt, in denen wir geschützt sind. Also: Israel, nicht das realexistierende Palästina der Hamas. Die USA, nicht das strukturell strikt homophobe Russland. Also die iranische Queer-Community, nicht den Iran und seine Horrorreligionswächter. Eine Bürgerrechtsbewegung muss niemals fragen, wer die Freunde und Freundinnen sind, das weiß sie auf Anhieb - sie weiß auch, wo die Feinde sind: Im Iran und den von ihm beeinflussten Gebieten, in Syrien, Libanon, Gaza, Saudi-Arabien und den meisten arabischen Staaten. 'Queers for Palestine', wollen sie keinen Ausschluss von CSDs riskieren, müssen sich dafür verwenden, für Israel einzustehen. Sie müssen sich dafür einsetzen, dass Schwule nicht getötet werden, weil sie sind, was sie sind."

Im NZZ-Gespräch warnt die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer vor dem wiedererstarkenden Antisemitismus in Deutschland: "Das Erschreckende ist, dass es diese Spezies und den Antisemitismus immer gegeben hat. Für die Zukunft kann ich leider nichts voraussagen. Ich kann nur sagen, was war und wie ich mich fühle. Ich habe grosse Sorge, dass wieder etwas geschehen könnte, und ich sage: Ich warne euch davor."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.07.2024 - Gesellschaft

Morgen feiert Berlin den Christopher Street Day (Näheres hier). Die Szene ist völlig zerrissen, berichtet Lilly Schröder in der taz. Viele Schwulen- und Lesbenorganisationen schlagen sich aber recht eindeutig auf die antiisraelische Seite. Die "Internationalistische Queer Pride" (IQP) etwa "positioniert sich eindeutig propalästinensisch. Teil des ursprünglichen Bündnisses der seit 2021 stattfindenden Demonstration waren die Israel-Boykottbewegungen 'BDS Berlin' und 'Palästina spricht'. In der Vergangenheit wurden Vorwürfe der Israelfeindschaft laut, im Aufruf für Samstag heißt es 'No Pride in Genocide & Apartheid'. Die Mitglieder des diesjährigen Bündnisses wurden bislang nicht bekannt gegeben. Der taz gegenüber möchte IQP sich zu ihrer Haltung im Nahostkonflikt nicht äußern." Dagegen stehen auch einige  proisraelische Gruppen.

Das Blog Queer Nations übernimmt den Essay "Die Verqueerung des Antisemitismus" der amerikanischen Professorin Corinne E. Blackmer, der zuerst in Tablet erschien - noch vor dem 7. Oktober. Für  die massive Israelfeindlichkeit vieler queerer Akteure macht sie direkt Judith Butler und andere Theoretiker verantwortlich. Und zeigt auf, wie schräg deren Diskurse sind: So " behaupten Israels Queer-Kritiker, dass die Anpreisung der liberalen Haltung des Landes zu den Rechten von Schwulen und Lesben eine Form von Rassismus und Islamophobie ist, die dazu dient, Araber als homohassende Barbaren darzustellen. In verblüffendem Gegensatz dazu betrachten dieselben Progressiven die arabischen Länder, die staatlich geförderte, kulturell akzeptierte grausame Strafen für Homosexuelle (lange Gefängnisstrafen, Ehrenmorde oder Todesurteile) verhängen, als subalterne Verbündete."

Im Tagesspiegel ist Ina Rosenthal, Autorin und Projektleiterin der queeren Plattform "Pink Dot", entsetzt darüber, dass es inzwischen als Provokation gelten soll, wenn sie ihren Davidstern trägt: "Ich erinnere mich an eine Zeit, in der jüdisch zu sein in Deutschland etwas war, das man sagen, tragen, ertragen konnte. Weil es eben diese grundlegende Übereinkunft gab, dass niemandem aufgrund der Herkunft, Ethnie, Religion oder Hautfarbe die Existenz abgesprochen wurde. Was ist passiert? Wann haben wir angefangen, gegeneinander zu kämpfen?"

Die Publizistin Christine Brinck wiederholt in der Welt derweil noch einmal die Frage, die sich alle propalästinensischen Demonstranten gefallen lassen müssen: "Wo war das Camp mit teuren Northface-Zelten, als die Russen Mariupol belagerten, aushungerten, eine Geburtsklinik, Schulen, Kindergärten bombardierten und tausende Zivilisten starben? Wer hüllte sich da in Columbia oder Yale in blaugelbe Fahnen und verlangte, den Russen die Krim wieder abzujagen? Solidarität mit den überfallenen Ukrainern, die frei in ihrem eigenen Land leben wollen, äußern die hochmögenden Universitätsangehörigen nicht. Sie skandieren nicht 'Putin, hey, hey, how many kids did you kill today?' Die weinenden ukrainischen Kinder machen medienmäßig nicht so viel her wie deren Altersgenossen in Gaza. Wer marschiert für die Uiguren?"

Seit Jahren hat der Verein Verein Säkularer Islam Hamburg für die Schließung der "Blauen Moschee" in Hamburg gekämpft - nun ist der Schritt gegen diese Agentur des Mullah-Regimes endlich vollzogen. In einer Stellungnahme entwirft der Verein, dem unter anderen Necla Kelek und Ertan Toprak angehören, ein Zukunft für das Gebäude: "Die Blaue Moschee sollte ein Kultur- und Gebetshaus 'Jina-Mahsa-Amini Zentrum' werden. Neben der Religionsausübung soll es vor allem die lange Kultur des Vielvölkerstaates Irans, seine Verbindungen zu Hamburg und den vielen Exil-IranerInnen und iranischen Kaufleuten dokumentieren und lebendig machen. Ein solches Zentrum sollte unbedingt zusammen mit den demokratischen und säkularen Kräften, aber auch den unterschiedlichen Volksgruppen aus dem Iran, wie die Kurden, Belutschen, Azeris und iranisch religiösen Minderheiten (wie Sunniten, Bahais, Juden, Christen) und den islamischen Gemeinschaften, die sich zu Säkularismus bekennen, gestaltet werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.07.2024 - Gesellschaft

Trump kündigte an, im Falle einer Wiederwahl die Zölle für Importe um zehn Prozent zu erhöhen. Auf lange Sicht könnte seine Wirtschaftspolitik auch Deutschland schaden, sagt der Ökonom Markus Brunnermeier im Zeit-Gespräch mit Roman Pletter und Kolja Rudzio: "In der Vergangenheit konnten deutsche Exporteure die Zölle auf die Verkaufspreise aufschlagen, das zeigen Studien. Am Ende haben also die Kunden in Amerika sie bezahlt. Wenn jemand die beste Maschine oder den besten Lkw-Sitz liefert und Kunden nicht die zweitbeste Ware wollen, bezahlt man das eben. Viele Mittelständler in Deutschland haben eine entsprechende Preissetzungsmacht. Allerdings müssen wir in die ganze Welt verkaufen, weil wir hohe Fixkosten haben und mit der Massenproduktion die Kosten für die einzelnen Produkte sinken. Wenn ein globaler Handelskrieg auch die Schwellenländer erfasst, sie ärmer macht und sie als Kunden ausfallen, dann würde das auch die Firmen hier hart treffen."

Der Autor und Podcaster Ole Nymoen möchte sich von Politikern nicht für die "Kriegstüchtigkeit" seines Landes instrumentalisieren lassen, wie er in der Zeit schreibt. Er stellt in den Debatten über Krieg eine "verkehrte Abstraktion" fest, bei der "die eigene Sicherheit mit jener der politischen Herrschaft in eins fällt." Bevor er es zulässt, dass "Staat und Bürger zu einem untrennbaren Ganzen verklärt werden", lässt er sich lieber fremdbeherrschen: "Im Krieg aber erleben wir genau diese Ineinssetzung tagtäglich. Etwa wenn es immer wieder heißt, dass 'die Ukrainer kämpfen wollen'. Bei solchen Formulierungen entsteht schnell der Eindruck, es handele sich bei einem Staatsvolk um eine von jedem Abweichlertum befreite Interessengemeinschaft mit einem einzigen Zweck - der Souveränität der Herrschaft. Dabei ist es eigentlich selbstverständlich, dass in jedem Krieg ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung lieber unter fremder Herrschaft leben als im Kampf sterben will."

In der NZZ legt Ayaan Hirsi Ali einen ziemlichen Rundumschlag zum Problem religiös-fundamentalistischer Parallelkulturen in westlichen Ländern vor - natürlich geht es dabei um den Islam, um Vielehen, Zwangsverheiratungen und ein Problem, das noch seltener erwähnt wird: Inzucht, vor allem bei Einwanderern aus Pakistan. Für das NHS (hier die Studie) stellt sie inzwischen laut Ayaan Hirsi Ali eine gravierende Belastung dar: "Eine hohe Zahl von Cousin-Ehen führt zu vermehrtem Auftreten von Erbkrankheiten. Noch vor zwanzig Jahren wurde berichtet, dass britische Pakistaner 3,4 Prozent aller Geburten ausmachten, aber ihr Anteil bei den rezessiven Erbkrankheiten über 30 Prozent beträgt. Neuere Untersuchungen zeigen, dass sich das Verhältnis seither nicht verbessert hat." Nur das Christentum, behauptet Ali am Ende ihres Artikels, könne dem Islam die Idee einer gleichberechtigten Ehe entgegenhalten. Bei Netflix gibt es zum Thema Inzucht in Britannien  eine Dokumentation, allerdings schon aus dem Jahr 2010.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.07.2024 - Gesellschaft

Die Bundestagsresolution gegen den BdS ist doch eigentlich ein "riesiger Erfolg", meint Tobias Rapp bei Spon. "Seit 2019 wurde Schritt für Schritt deutlicher, dass der Hass auf Israel in Deutschland verbreitet ist und von öffentlichen Geldern gefördert wird." Das neue Vorhaben, wonach nur Projekte gefördert werden sollen, die eine Antisemitismusklausel unterschreiben, findet er allerdings fragwürdig: "Denn so wünschenswert es ist, keine Judenhasser mit staatlichem Geld auszustatten - will man wirklich Künstlerinnen und Künstler künftig erst mal unterschreiben lassen, dass sie auch wirklich loyal zu Israel stehen? ... Der riesige Erfolg der BDS-Resolution, dieses eigenartigen Zufallsprodukts, das eigentlich nur die AfD daran hindern sollte, sich als Antisemitismusbekämpfer aufzuspielen, beruht auf etwas anderem: Dass sie nämlich nicht war, was ihre Gegner ihr unterstellen. Sie war kein Gesetz, keine Vorschrift, keine Klausel. Sondern eine Meinungsäußerung fast aller Abgeordneten der demokratischen Parteien. Deshalb ist es ihr gelungen, was die Politik nur sehr selten schafft: das Bewusstsein der Institutionen und der Öffentlichkeit zu schärfen und eine der großen Debatten der Bundesrepublik loszutreten. Der Skandal um die antisemitischen Kunstwerke auf der Documenta 15 geht darauf zurück - und seit dem Massaker vom 7. Oktober ist es ein Streit, der die gesamte deutsche Gesellschaft bewegt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.07.2024 - Gesellschaft

Es gibt so Themen, die in der deutschen Öffentlichkeit äußerst ungern angegangen werden. Das Kinderkopftuch ist so eins (unser Resümee). "Kinderehen", über die Ronya Othmann in ihrer FAS-Kolumne schreibt, gehört ebenfalls in diesen Themenkreis. "Allein in Berlin habe es 2022 laut einer Umfrage des Arbeitskreises gegen Zwangsverheiratung und der Gleichstellungsbeauftragten des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg 496 Fälle von versuchten oder durchgeführten Zwangsverheiratungen gegeben. ... Bundesweite Zahlen gibt es nicht. Zwangs- und Kinderehen betreffen nicht nur Minderjährige, die verheiratet nach Deutschland kommen, sondern auch Mädchen und Jungen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind und hier zur Schule gehen. Sie werden hier verheiratet (natürlich nicht offiziell vor dem Standesamt) oder dafür ins Ausland gelockt oder verschleppt."

Othmann empfiehlt den Ted-Talk der kurdisch-britischen Aktivistin Payzee Mahmod, die als einige der wenigen über ihre eigene Erfahrung mit Zwangsheirat berichtet, aus der sie sich befreien konnte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.07.2024 - Gesellschaft

Die sogenannte Migrationsforschung ist meist zu vornehm, um zu diesem Thema zu recherchieren, also gab die feministische Organisation "Terre des Femmes" zum zweiten Mal nach 2019 eine Umfrage zum Kinderkopftuch an deutschen Schulen in Auftrag. Befragt wurden Lehrer und Lehrerinnen. Die Ergebnisse wurden vor einigen Tagen auf den Seiten der Organisation präsentiert. "In der Umfrage ging es auch um die Frage der Freiwilligkeit. Wird das 'Kinderkopftuch' nicht freiwillig getragen, ist dies ein starker Indikator für eine patriarchal-autoritäre Erziehung. Aus den Ergebnissen wird ersichtlich, dass es sich nicht um Einzelfälle oder um ein Randphänom handelt, sondern zehntausende Mädchen in Deutschland betrifft. ... Die Umfrage 2024 zeigt einen signifikanten Anstieg der Nichtteilnahme von Mädchen mit 'Kinderkopftuch' am Sexualkundeunterricht." Hier die Umfrageergebnisse als pdf-Dokument.

Der Kampf gegen das Kopftuch ist weiterhin ein sehr einsamer, konstatiert die NZZ-Autorin Fatina Keilani in einem Artikel über die Umfrage: "Im politischen Raum ist einzig die AfD derselben Auffassung. Ihr Antrag, das Kopftuch für unter Vierzehnjährige an Schulen und Kindertageseinrichtungen zu verbieten, wurde erst im März im Bundestag abgelehnt. Terre des Femmes teilt zwar diese Haltung, distanziert sich aber sonst von der AfD."

Die Sportschuhfirma Adidas hat eine lange Geschichte des Mitläufertums. Die Dassler-Brüder waren die Lieblingslieferanten des Hitler-Regimes. Später kooperierte man mit dem notorischen Antisemitien Kanye West und musste dann hohe Investitionen in den Wind schreiben. Nun legt Adidas den Sportschuh der Olympischen Spiele von 1972 wieder auf - bei denen bekanntlich elf israelische Sportler von palästinensischen Terroristen ermordet wurden. Und kiest als Botschafterin dieser Wiederauflage das Supermodel Bella Hadid, die palästinensicher Herkunft ist und gern Parolen wie "From the River..." skandiert. Inzwischen hat Adidas aber wohl alle Werbemittel zu der Kampagne aus dem Netz und von den Leuchtreklametafeln des Times Square genommen. Mehr bei Spiegel online und hier in der Jüdischen Allgemeinen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.07.2024 - Gesellschaft

Wer immer noch glaubt, die AfD sei zwar rechts, aber nicht rechtsextrem, dem können Nils Lenthe und Jean-Philipp Baeck auf die Sprünge helfen. Sie erzählen in der taz von einer Sonnenwendfeier in Strahwalde, Oberlausitz, wo sich "etwa 150 Erwachsene und Kinder zu einem Ritual mit Fackeln, Trommeln und Lagerfeuer" trafen. Sie "sangen Lieder der Hitlerjugend und ehrten einen SS-Standartenführer. Die anwesende Polizei nahm laut Zeugen die Personalien der Teilnehmer auf, schritt aber nicht ein. Die taz hatte mit dem Medienkollektiv Recherche Nord kürzlich bereits über eine ähnliche Zeremonie in Eschede berichtet. Anders als in Niedersachsen standen in der Oberlausitz in Strahwalde allerdings AfD-Lokalpolitiker Seit an Seit mit den Neonazis. Mehr noch: Das Event wurde von Mandatsträgern der AfD mitgestaltet, darunter ein Gemeinderat aus Mittelherwigsdorf sowie ein Stadtrat aus Niesky. ... Geschworen wurde unter anderem auf die 'deutsche Jugend', geredet 'zur Ehre des Löbauer Standartenführers Max Wünsche und all den Ritterkreuzträgern'. Die Runde antwortete jeweils mit einem 'Heil Sonnenwende'. ... Der SS-Standartenführer Wünsche war Ordonnanzoffizier bei Adolf Hitler und befehligte im Zweiten Weltkrieg die 12. SS-Panzerdivision 'Hitlerjugend', in der massenhaft Hitlerjungen für den Kriegsdienst rekrutiert wurden."

Wie das mit dem Rechtspopulismus so ist: Er saugt sich voll an den Non-dits des Mainstream. Wähler, die AfD wählen haben es nicht selten satt, dass Hinweise auf Realitäten, wenn sie nicht genehm sind, in die rechte Ecke geschoben werden, meint Michael Miersch in einem Essay für sein Blog. Das gelte für das Thema Migration, aber auch für das Thema Energiewende. "Auch hier haben die bösen Blauen viele Fakten auf ihrer Seite. Wer glaubt, dass die Energiewende ein linkes Projekt sei und die Kritik daran rechts, ignoriert die Geschichte. Bevor die SPD in den 1990er-Jahre immer mehr von der grünen Weltanschauung übernahm, wäre kein sozialdemokratischer Kanzler auf die Idee gekommen, Heizung, Strom und Tankfüllung künstlich zu verteuern. Sozial ist das jedenfalls nicht. Dass durch das Abschalten der Atomkraftwerke mehr Kohle verbrannt wird, ist eine Tatsache und keine rechte Propaganda. Ebenso der physikalische Fakt, dass Windturbinen bei Windstille und Sonnenkollektoren nachts keinen Strom liefern. Circa 500 Milliarden Euro hat die Energiewende bisher gekostet. Dass dieser immense ökonomische Aufwand einen kühlenden Einfluss auf das Weltklima hätte, behauptet nicht einmal Robert Habeck."

"Zukunft" ist nicht etwas, was Menschen sich immer schon ausmalten. Erst die Aufklärung gab den Menschen die Vorstellung, dass sie ihr Leben gestalten können. Neuerdings aber überwiegen mit Blick auf Klimawandel und Polarisierung die düsteren Szenarien. Tagesspiegel-Redakteur Christoph David Piorkowski plädiert für positive Bilder von Zukunft, ein bisschen volkspädagogisch klingt es aber schon: "Anstatt die Zukunft bloß als Verzicht zu beschreiben - weniger Konsum, weniger Wohlstand -, müssten Forschung, Politik und Aktivismus diskutieren, was durch Kreislaufökonomie oder 'Postwachstum' gewonnen werden könnte. Etwa eine andere Beziehung zum Leben, die nicht durch Effizienz oder Verwertbarkeit bestimmt wird, eine Wirtschaft, in der man eben beiträgt, was man kann, anstatt seine Arbeitskraft als Ware zu verhökern. Auch mit Blick auf die Demokratie sollte man für deren Verbesserung werben, anstatt bloß an die Wand zu malen, was wir verlieren, wenn der Autoritarismus sich durchsetzt."

Auf die ihm von vielen Seiten gestellte Frage, warum deutsche Medien nie über moderate pro-palästinensische Demonstrationen berichten, antwortet Sebastian Leber im Tagesspiegel schlicht: "Weil es keine gibt". Die extremistische Demonstrationskultur vieler Pro-Palästinenser, die sich keineswegs von den terroristischen Aktivitäten der Hamas distanzieren oder das Existenzrecht Israels in Abrede stellen, sei kein Zeichen von Solidarität, betont Leber: "Die Palästina-Solidarität in Deutschland ist auch gar nicht solidarisch mit den Bewohnern des Gazastreifens. Im Gegenteil: Sie verlängert das Leid der Zivilisten, weil sie - von manchen Aktivisten gewollt - die Position der Hamas stärkt und diese zum Durchhalten und Weiterkämpfen ermutigt. Wenn es über diese Bewegung etwas Positives zu berichten gibt, dann wohl nur, dass sie in den vergangenen neun Monaten ein eindrucksvolles Beispiel dafür abgegeben hat, weshalb es einen Staat Israel als Schutzraum für Jüdinnen und Juden braucht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.07.2024 - Gesellschaft

Der Schriftsteller Clemens J. Setz erklärt in der Zeit, wie die von Elon Musks Firma Space X geplanten "Starlink"-Satelliten die Ozonschicht in kürzester Zeit massiv schädigen könnten. Die Satelliten sollen  "unvorstellbare Riesenschwärme bilden", zum Beispiel um schnelleres Internet zu gewährleisten. "Damit es aber dort oben nicht zu eng wird, muss jeder alt gewordene Starlink-Satellit, also jeder mit einem Alter über fünf Jahren, zurück auf die Erde stürzen und verglühen. Dabei hinterlässt er in der Stratosphäre eine bestimmte Substanz: Aluminiumoxid. ... Das Problem mit den Auswirkungen des Verglühungsnebenprodukts Aluminiumoxid auf die Ozonschicht ist allerdings, dass die Effekte hier viel rascher sichtbar würden. Das jahrzehntelang genau dokumentierte Zuheilen der Ozonlöcher hätte auf jeden Fall ein Ende. Neue Löcher würden bald wieder entstehen, so wie damals, in meiner frühen Kindheit. Ein einzelner Satellit hinterlässt beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre etwa dreißig Kilogramm, und alle im Jahr 2022 verglühten Satelliten hinterließen zusammengerechnet etwa siebzehn Tonnen Aluminiumoxid."

Die Zeit bringt zwei Debattenbeiträge zum Verbot des Wolfsgruß (unsere Resümee). Pro Verbot ist Ali Ertan Toprak, Vorsitzender der Kurdischen Gemeinde Deutschland. Die Türkei sei bei der EM schon mal rausgeflogen, "dass der Wolfsgruß zum Massenphänomen wird, beruhigt mich nicht. Die Grauen Wölfe sind mit gut 12.000 Anhängern in Deutschland eine unserer größten rechtsextremen Gruppierungen. In Frankreich gilt ein Verbot der Grauen Wölfe. In Österreich ist der Wolfsgruß verboten. Wann zieht Deutschland endlich nach?" Gegen ein Verbot ist Nurhan Soykan, Vorstandsmitglied im Zentralrat der Muslime: "Der Wolfsgruß der Fans war eine Rebellion gegen den Assimilierungsdruck. Deshalb wäre auch ein Verbot falsch. (...) Der Wolfsgruß ist aber nicht eindeutig und keiner verbotenen Organisation zurechenbar. Sein Verbot würde als staatliche Repression gewertet und die Integration Jugendlicher behindern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.07.2024 - Gesellschaft

Die modische Linke kultiviert einen Antisemitismus, den sie sich durch praktische Dokumente wie die "Jerusalemer Erklärung" gern wegerklärt. Und der Antisemitimus rechtsextremer oder -populistischer Parteien ist keineswegs verschwunden, konstatiert Richatrd C. Schnelder in seiner Spiegel-Kolumne: "Die Mitte der Gesellschaft verschwindet. Die natürlichen Verbündeten der Juden von links gegen den altbekannten rechten Antisemitismus brechen weg. Der offene Hass kommt nun gerade von dieser Seite - das reicht hinein bis in den engeren Bekanntenkreis, das erlebe auch ich in diesen Tagen. Und so wirkt der entfesselte progressiv-linke Antisemitismus zusammen mit dem islamistischen Judenhass bedrohlicher als der Judenhass von rechts."

Massenhaft haben Türkei-Fans beim letzten Spiel ihrer Mannschaft den "Wolfsgruß" gezeigt. Das ist auch Schuld der deutschen Politik, ärgert sich der Duisburger Pädagoge und Autor Burak Yilmaz in der SZ: "Seit 2020 liegt ein Verbotsantrag der Grauen Wölfe und ihrer Symbole auf dem Tisch des Innenministeriums. Nancy Faeser sitzt das Problem aus. Sie und ihr Ministerium tragen die politische Verantwortung für diesen Tabubruch. Hätten sie ein Verbot der Grauen Wölfe und die Strafbarkeit des Wolfgrußes durchgesetzt, wären jetzt strafrechtliche Konsequenzen möglich. Wenn Rechtsextreme keine Grenzen spüren, dann werden sie täglich neue Tabus brechen."