9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.08.2022 - Gesellschaft

"Es ist tatsächlich Gewalt, die von dem virtuellen Raum ausgeht", schreibt Tanja Tricarico  in der taz zum Suizid der österreichischen Ärztin Lisa-Maria Kellermayr, der viel Aufsehen erregt. Kellermayr war in Österreich eine der prominentesten Warnerinnen vor Corona und spielte wohl eine Christian Drosten vergleichbare Rolle. Monatelang war sie bedroht worden. Colette M. Schmidt und Oliver Das Gupta bringen einen ausführlichen Nachruf im Standard: "In ihrer Ordination lässt die Ärztin Sicherheitsvorkehrungen einbauen, die rund 100.000 Euro kosten. Sie schafft das finanziell nicht mehr, und sie hat große Angst, auch um ihre Mitarbeiterinnen. Sie engagiert einen privaten Security-Mann, der immer wieder Praxisbesuchern Butterflymesser abnimmt. Ende Juni schließt Kellermayr ihre geliebte Ordination. Sie holt sich psychologische Hilfe. Sie wendet sich verzweifelt an die Öffentlichkeit, fordert Polizeischutz. Die Landespolizeidirektion Oberösterreich und die Ärztekammer richten ihr aus, sie solle sich doch öffentlich zurückhalten."

Die Dürre betrifft viele wüstennahe Gegenden in den USA natürlich noch viel mehr als Deutschland. Der Staat Nevada hat inzwischen überflüssige Rasenflächen verboten, und das ist richtig so, findet Akin Olla im Guardian. Ob eine solche Diskussion auch nach Deutschland kommt? "Nach Angaben der Environmental Protection Agency macht der Wasserverbrauch im Freien für Rasen und Gärten 60 Prozent des Wasserverbrauchs der Haushalte in den trockenen Gebieten des Landes aus. Und im Gegensatz zum Wasserverbrauch in Innenräumen geht ein großer Teil dieses Wassers durch Verdunstung und Abfluss verloren. Alles in allem verbrauchen amerikanische Rasenflächen jedes Jahr 13 Milliarden Liter Wasser - genug Trinkwasser für Milliarden von Menschen pro Jahr."

Steve Ayan, Psychologe und Redakteur bei Gehirn & Geist hat in der taz zwar duchaus Verständnis für eine gute Absicht hinter dem Gendern, bleibt aber wegen des politischen Drucks, den die neuen Sprachreglungen ausüben, skeptisch: "Das Moralisieren des Mitmeinens (Wer nicht gendert, hat etwas gegen Gleichberechtigung) fördert die Zersplitterung. Oder wie kommt es, dass viele so erbittert um Sternchen und Partizipien streiten? Ist es nicht einfach nur zeitgemäß, sprachliche Konventionen im Sinn der Gleichberechtigung zu reformieren? Das Problem ist die Doppelbödigkeit dieses scheinbar harmlosen Wunsches, denn das Gendern setzt viele Menschen unter Druck. Jeder sieht plötzlich alt aus, der weiter generische Maskulina benutzt. Man fühlt sich an den Rand gedrängt; wird genötigt mitzuspielen oder sich zu erklären. Man kann sich nicht nicht zum Gendern verhalten."

Gleichzeitig wendet sich eine Gruppe von zunächst siebzig Sprachwissenschaftlern in einem online veröffentlichten Aufruf an die Öffentlich-Rechtlichen Sender mit der Aufforderung, das Gendern zu lassen: "Wir fordern die Abkehr von einem Sprachgebrauch, der stark ideologisch motiviert ist und überdies - so zeigen es alle aktuellen Umfragen - von der Mehrheit der Bevölkerung (circa 75 bis 80 Prozent) eindeutig abgelehnt wird. Es ist bedenklich, wenn immer mehr Journalisten in Unkenntnis der sprachwissenschaftlichen Fakten den Jargon einer lautstarken Minorität von Sprachaktivisten in der Öffentlichkeit verbreiten und sich hierbei fälschlicherweise auf "Sprachwandel" berufen." In der FAZ berichtet Michael Hanfeld über diesen Aufruf. Mehr im Tagesspiegel.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.07.2022 - Gesellschaft

Selbstverständlich gibt es muslimischen Antisemitismus, schreibt Ibrahim Quraishi in der taz. Auch mit Blick auf das Documenta-Debakel (mehr auch heute hier): "'Aber der Nahostkonflikt!', wendet an dieser Stelle sicher jemand ein. Der Nahostkonflikt sei der Grund für Antisemitismus in der muslimischen Welt, so lautet die gängige These. Das Gegenteil ist richtig: Der Konflikt dient in diesem Teil der Welt als Rechtfertigung für Judenfeindschaft. Wir sollten ehrlich sein und dieser Legende laut widersprechen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.07.2022 - Gesellschaft

In der SZ macht die Historikerin Hedwig Richter ihrem Ärger über eine neue "Klassenkampfrhetorik" Luft. Ob Billigflüge, günstiges Fleisch - oder Energiesparen, geht es um Einschränkungen für die ökologische Wende, heiße es: "Bitte nicht die Deutschen belasten": "Von der aktuellen FDP-Spitze und ihrem infantilen Freiheitsbegriff ließ sich selbst in Regierungsverantwortung nichts anderes erwarten. Und Markus Söder lässt sich die Gelegenheit für ein bisschen Populismus routinemäßig nicht entgehen und fordert einfach mal mehr von allem für alle. Bemerkenswert ist allerdings, warum die SPD den naheliegenden Schritt nicht hinkriegt, der Bevölkerung zu sagen, was ansteht. Vermutlich weil sich die Sozialdemokratie als die Partei des sogenannten kleinen Mannes versteht. Da sie historisch auf Verteilung geeicht ist - ein Projekt, mit dem sie Großes erreicht hat -, sieht sie sich heute offenbar außerstande, Menschen etwas abzuverlangen, die weniger besitzen als einen Privatjet."

"Wir haben jetzt einen Punkt erreicht, an dem weiteres Wachstum kaum mehr Nutzen erzeugt bei exponentiell steigenden Schäden", meint auch der Ökonom Niko Paech, der im NZZ-Gespräch mit Roman Bucheli ebenfalls eine "Wende zum Weniger" fordert: "Auf dem Weg in den Wohlstand sind viele menschliche Fähigkeiten zwangsläufig verkümmert. Wir haben verlernt, genügsam zu leben und handwerklich tätig zu sein. Die vielbeschworene Innovationsfähigkeit ist nur ein Gebet in der Fortschrittskirche: In Wahrheit brauchen wir Innovationen, damit wir uns nicht ändern müssen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.07.2022 - Gesellschaft

In einem sehr persönlichen Artikel für die Zeit erklärt Lea De Gregorio, ehemalige Redakteurin des Amnesty-Magazins, warum sie Amnesty International verlassen hat. Ihr wurde immer suspekter, wie intensiv die Organisation ihren Bericht "Israel's Apartheid against Palestinians" feierte, der ein Rückkehrrecht  für alle Palästinenser mit Flüchtlingsstatus fordert, aber nicht anerkennt, dass Israel ein Zufluchtsort für alle Juden ist. "Wird Antisemitismus nicht gerade dann respektabel, wenn er unter den 'Guten', denjenigen, die sich gegen Menschenfeindlichkeit einsetzen, zutage tritt? Einige Nahost- und Antisemitismus-Experten, die den Bericht öffentlich kritisierten, aber nicht deutlich als antisemitisch einstuften, sorgten für Besänftigung. Na, dann ist doch alles gut, hieß es. Währenddessen bot die Tatsache, dass Amnesty den Begriff Apartheid nicht nur auf die besetzten Gebiete, sondern sogar auf das Kernland Israel anwendete, für Israel-Hasser auf der ganzen Welt eine Referenz."

Im Dlf Kultur ärgert sich der an der UDK lehrende Kulturwissenschaftler und Publizist Christian Schüle über den "autoritären Gestus" der identitätspolitischen Jugend: "Gewollt wird der woke Mensch, nicht der weiße Mann. Letztlich zielt die Dekonstruktion der Normalität auf die Dekonstruktion bisheriger Machtverhältnisse. Wie so oft folgt der süßen Moral die saure Doppelmoral, jedenfalls sind die Widersprüche der moralistischen Identitätspolitik verstörend. Unterschiede zwischen Menschen sollen eliminiert werden, indem man sie gerade hervorhebt. Das Individuum erhält erst durch seine Eingemeindung ins Kollektiv Identität."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.07.2022 - Gesellschaft

Künftig reicht eine bloße Mitteilung an die Behörden, damit eine Person ihr Geschlecht wechselt. Durch den bloßen Wunsch wird die Realität geändert. Frühere amtliche Unterlagen sind "mit ursprünglichem Ausstellungsdatum neu auszustellen". "Hier erst zeigt sich die ganze Tragweite der neuen Realitätsdoktrin", schreibt der Philosoph Christoph Türcke in der FAZ zum neuen Selbstbestimmungsgesetz: "Sobald der Übergang einer Person ins andere Geschlecht aktenkundig ist, wird so getan, als hätte es ihn nie gegeben, als wäre die betreffende Person immer schon die gewesen, zu der sie sich jetzt deklariert hat. Die Geburtsurkunde, die Schul- und Ausbildungszeugnisse der Hella Müller dürfen nicht existiert haben, seit sie beschlossen hat, Heinz Müller zu sein. Behörden sollen per Gesetz zur nachträglichen Urkundenfälschung angehalten, Zuwiderhandlungen mit erheblichen Bußgeldern geahndet werden. Das ist ungeheuerlich."

Erstaunliche Korrelationen:

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.07.2022 - Gesellschaft

In einer Talkshow mit Dunja Hayali, die es versäumte einzuhaken, hat Josef Braml, Autor von "Die transatlantische Illusion - Die neue Weltordnung und wie wir uns darin behaupten können" aus dem Jahr 2016 en passant von einer "jüdischen Lobby" gesprochen. Micha Brumlik nutzt diesen Moment in der SZ für einen Exkurs über die Verbindung von Antiamerikanismus und Antisemitismus. Gestützt wurde diese Verbindung durch das Gerücht, dass die Finanzinsitutionen an der Ostküste der USA jüdisch geprägt seien. "Vor dem Hintergrund, dass die USA den Staat Israel seit seiner Gründung stets politisch unterstützt haben, schießt die Kritik am angeblich so jüdischen Geldwesen mit dem Unbehagen an einer israelfreundlichen Außenpolitik so zusammen, dass Antiamerikanismus und israelbezogener Antisemitismus kaum noch unterscheidbar sind."

"Ich sehe keinen Grund in Endzeitstimmung zu verfallen", sagt der Soziologe Heinz Bude im Welt-Gespräch mit Mara Delius und Marc Reichwein. "Die Inflation trifft alle, aber doch mit sehr unterschiedlicher Durchschlagskraft für die persönliche Lebensführung. Die in jedem Fall verständlichen Beschwerden müssen deshalb eingeordnet werden, sonst zerfällt im Chor der Unzufriedenen die Fähigkeit einer Gesellschaft, mit allgemeinen Belastungslagen zurechtzukommen. Man kann das kollektive Handlungsfähigkeit nennen, die wir jetzt gegenüber Putin beweisen müssen. Ich halte es für nicht unwahrscheinlich, dass das Gas nicht wiederkommen wird in diesem Winter."

Auch die Perspektiven von Kathleen Stock, Alice Schwarzer oder Marie-Luise Vollbrecht müssen toleriert werden, fordert der Sexualwissenschaftler Hannes Ulrich im Gespräch mit Susanne Lenz (Berliner Zeitung) die queere Bewegung auf. Auch unter Therapeuten grassiere die Angst als "transphob" zu gelten: " Eine Therapeut:in kann es sich auch nicht leisten, als transphob abgestempelt zu werden. Es wird dann ein Indikationsschreiben angefertigt, ohne fundierte Kenntnisse und Erfahrungen in dem Indikationsgebiet zu haben, eben um möglichst keinen Anfeindungen ausgesetzt zu sein. Mit so einem Schreiben kann man zu einem Endokrinologen gehen und eine Hormontherapie beginnen. Bei uns hier mehren sich aber die Hilferufe von Menschen, die bereits in Hormontherapie sind, dann aber den emotionalen Belastungen nicht gewachsen sind und keine Hilfe haben. Manche bestellen sich auch die Hormone übers Internet im Ausland, und da ist das Ergebnis oft auch schwierig. Eine Hormontherapie hat irreversible Folgen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.07.2022 - Gesellschaft

Scharf antwortet Thomas E. Schmidt in der Zeit auf Omri Boehm (Unser Resümee), der vergangene Woche ebenda, so Schmidt, "bestimmte, wer in Sachen Antisemitismus und Documenta mitreden darf, welches Argument das richtige, welcher Universalismus universal, welcher nur partikulär sei. Er möchte der deutschen Gesellschaft weiterhin die BDS-Position verordnen, mithilfe strenger Debattenregie." Aber die deutsche Gesellschaft ließ sich auch von den Documenta-Machern nicht infiltrieren, fährt Schmidt fort und hält fest: "Der Antisemitismus, ob biodeutsch-rechts oder postkolonial-links, also israelbezogen, bleibt anstößig. Die deutsche Gesellschaft stellte klar, dass er auch nicht durch Kunst und durch feine oder unfeine Theorieoperationen zu differenzieren sei. Niemand hat das Recht auf ein bisschen Judenhass: Es bleibt immer Hass, Wille zur Vernichtung. Dies festzuhalten ist eine Frage des Humanen inmitten einer Welt zorniger Geschichtserzählungen - und das gilt in Kassel genauso wie in Jakarta. Den Willen zur Vernichtung von Völkern und ihren Staaten nicht hinzunehmen muss Sache einer wachen Gesellschaft sein: Sie muss den Revisionismus von BDS genauso ächten wie denjenigen Putins in der Ukraine. Darauf beruht das Universelle von Moralität."

So woke sei sie ja gar nicht, versichert die neue Antidiskriminierungsbeauftragte Ferda Ataman im Zeit-Interview mit Paul Middelhoff und Nina Monecke, in dem sie auch erklärt, weshalb sie im Vorfeld all ihre Tweets löschte: "Ich finde, das private Twitter-Profil einer Publizistin passt nicht zu einer designierten Antidiskriminierungsbeauftragten des Bundes, deshalb habe ich einfach alle Tweets gelöscht. Ich wundere mich auch ein bisschen, dass das so eine Empörung hervorgerufen hat, denn erstens ist das alles noch in Internet-Archiven zu finden. Und zweitens bin ich nicht die Einzige, die ihre Tweets gelöscht hat. Der Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt zum Beispiel hat das auch getan, aber ihn hat dafür niemand kritisiert."

Außerdem: In der Zeit erkennt der Literaturwissenschaftler Toni Tholen bei der Lektüre von Karl Ove Knausgards Essay über Hitler, dass der Typus des "Fascho-Patriarchen" in Wladimir Putin bis in die Gegenwart überdauert. Ebenfalls in der Zeit probiert Michael Thumann russische Imitate, die in Russland nach dem Rückzug westlicher Firmen auf den Markt kam. Bei so manchem Burger und Cola-Imitat bekommt er das "Würgen".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.07.2022 - Gesellschaft

Entstanden im Kontext afroamerikanischer Minderheiten, ist der Begriff "woke" heute überwiegend negativ konnotiert. Im SZ-Gespräch mit Violetta Simon erklärt der Linguist Anatol Stefanowitsch: "Den Rahmen dafür schaffen diskriminierende Strukturen. Die kommen in den USA übrigens nicht nur im offen rassistischen Milieu vor, sondern auch bei gemäßigten Konservativen, die ihre komfortable Situation behalten wollen. Damit gibt es eine relativ große Gruppe, die emanzipatorische Bewegungen grundsätzlich als Problem sieht - zugleich aber aus ethischer Perspektive keine Argumente dagegen hat. Also greift man an, indem man allen, die Wokeness für sich in Anspruch nehmen, versteckte Motive andichtet. Man spricht hier von 'Reframing', weil man etwas Gutes ins Gegenteil umdeutet."

"Seit der Pandemie verstärken sich die Verelendungstendenzen im Milieu der Obdachlosen, Drogenabhängigen und Illegalisierten, ohne dass die Öffentlichkeit davon Notiz nimmt", schreibt der Armutsforscher Christoph Butterwege im Feuilleton der SZ: "Deutschland verzeichnet heute mit 16,6 Prozent oder 13,8 Millionen Betroffenen einen Rekordstand der Armut. Seit der russischen Invasion am 24. Februar 2022 kümmern sich die etablierten Parteien und die (Medien-)Öffentlichkeit der Bundesrepublik trotzdem mehr um ukrainische Flüchtlinge als um einheimische Obdach- und Wohnungslose."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.07.2022 - Gesellschaft

Im Leitartikel der FAZ missbehagt Jürgen Kaube der Stil des maximalen Misstrauens, in dem Auseinandersetzungen wie die um die Biologin Marie-Luise Vollbrecht geführt werden, die in ihrem Vortrag auf der Existenz zweier biologischer Geschlechter beharren wollte und der unter de Vorwand der Sicherheit von der Universität abgesagt wurde: "Was sich hoffentlich nicht durchsetzt, ist jener stets dunkelste Motive und gewaltige Irrtümer unterstellende, jede Aussage ins Extreme verlängernde, böswillige Stil der Auseinandersetzung. Er wäre das Ende der Diskussion. Denn Diskussion unterscheidet sich von Streit dadurch, mit den Gegnern geführt zu werden, anstatt Zustimmung zu verlangen."

Im Feuilleton der FAZ meint Frauke Steffens mit Blick auf die USA allerdings, dass Transgender-Themen auch deswegen so hochgekocht werden, weil sich über sie besonders Wähler und Wählerinnen mobilisieren lassen. Gerade fordern etwa die Republikaner, Transpersonen vom Schulsport auszuschließen, weil sie hormonelle Vorteile haben könnten: "Forscher der Fairleigh-Dickinson-Universität in New Jersey fanden heraus, dass Männer, die eine binäre Vorstellung von Geschlecht hätten, sich besonders explizit als Republikaner identifizierten... Politiker wie Floridas Senator Rick Scott haben das Potenzial erkannt: Sein 'Plan zur Rettung Amerikas', mit dem er kürzlich den Wahlkampf eröffnete, stellte den Programmpunkt 'Männer sind Männer, Frauen sind Frauen' gleichwertig neben Themen wie Kriminalitätsbekämpfung oder die Steuerpolitik. Ähnlich steht es im Programm der Republikaner von Texas. Sie beschlossen darin, Homosexualität als 'abnormal' zu bezeichnen."

In Deutschland simmert die Abtreibungsdebatte auf kleiner Flamme, aber in der SZ fragt sich Wolfgang Janisch doch, warum der Paragraf 218 im Strafrecht bleibt. Nur um eine Drohkulisse aufrecht zu erhalten? "Wenn aber das Strafrecht dem Schutz des ungeborenen Lebens nur einen eindrucksvollen Sound verpassen soll, dann ließe sich der Klang durchaus der Zeit anpassen. Dann könnten Abtreibungsregeln zuvorderst Hilfe und Unterstützung signalisieren, um den Fötus im Mutterleib zu schützen. Gewiss, diesen Schutz zu gewährleisten, ist eine bleibende Pflicht des Staates, dahinter wird kein Gericht und kein Gesetzgeber mehr zurückgehen. Doch die unpassende Symbolik des Strafrechts ist dafür nicht nötig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.07.2022 - Gesellschaft

Walter Homolka ließ nach dem Missbrauchsskandal am Abraham-Geiger-Kolleg alle Ämter ruhen (Unsere Resümees), faktisch kontrolliert er die Schule aber immer noch, schreibt Alan Posener in der Welt. Interimsdirektorin Gabriele Thönes gilt als "Bevollmächtigte" Homolkas, sie leitet auch die Leo-Baeck-Stiftung, der Homolka 90 Prozent seiner Anteile an der "gemeinnützigen GmbH" AGK übertragen hat - kurz: "Homolka hat seine Anteile an sich selbst übertragen", so Posener. Eine Vollversammlung der Studierenden gab es bis heute auch nicht -  und als der Zentralrat "die Studierenden am konservativen Zacharias-Frankel-College - ebenfalls eine Homolka-gGmbH - und am liberalen AGK zu einer Aussprache einlud, wurden die Studierenden des Geiger-Kollegs einzeln zur Leitung bestellt und ihnen die Teilnahme verboten. Es kamen trotzdem 17 Studierende beider Einrichtungen, die sich, so ein Teilnehmer, 'das Leid von der Seele redeten'. Dazu gehört auch der Ausbildungsvertrag des AGK, den alle Studierenden unterschreiben müssen. Einerseits können sie wegen Verletzung der 'Disziplin' und - was angesichts der Berichte über pornografische Videos und Einladungen in Hotelsaunas lustig sein könnte, aber empörend ist - 'ethischer Standards' sofort exmatrikuliert werden. Andererseits müssen sie 'die Geheimhaltung wahren', wenn ihnen etwas über das 'Privatleben von Fakultätsmitgliedern' oder 'die finanziellen Angelegenheiten' des Kollegs bekannt wird. (…) So gestaltet man 'die Zukunft des europäischen Judentums': indem man Duckmäusertum fördert und Angst verbreitet."