Die Autorin
Masha Gessen, die vor einigen Tagen in einem israelkritischen Essay im
New Yorker (
Unser Resümee) unter anderem anprangerte, das "deutsche Bestehen auf der
Singularität des Holocaust" verstelle den Blick auf israelische Verbrechen gegen die Menschlichkeit, soll am Freitag den
Hannah-Arendt-Preis der Heinrich-Böll-Stiftung erhalten. Im
ZeitOnline-Gespräch mit Peter Neumann, beruft sich Gessen auf Hannah Arendt, die 1948 die
israelische Freiheitspartei mit den Nazis verglich: "Viele große jüdische Denker, die den Holocaust überlebten, haben nach dem Krieg direkte Vergleiche mit den Nazis gezogen. Es war für sie wesentlicher Bestandteil
des Projekts '
Nie wieder'. Hannah Arendt verglich die Freiheitspartei mit den Nazis nicht nur wegen ihres Nationalismus, sondern weil sie Gewalt anwendete gegen Zivilisten aufgrund ihrer
ethnischen Zugehörigkeit. Der offene Brief bezog sich auf einen Angriff, den zionistische Einheiten im Frühjahr 1948 auf das arabische Dorf Deir Jassin im Nordwesten von Jerusalem verübt hatten, das in keiner Weise am Krieg in Palästina beteiligt war. Es ist eine Kritik an rassistisch motivierter Gewalt. Mir ist bewusst, dass diese Art des Vergleichs insbesondere in Deutschland schnell als
Relativierung des Holocausts gilt. Deshalb ist es für mich auch so wichtig, dass eine so differenzierte und kluge Denkerin wie Arendt diesen Vergleich nicht gescheut hat."
"Ist dies das 'politische Denken', das die Böll-Stiftung mit Preisen auszeichnet",
fragt ein entsetzter
Perlentaucher Thierry Chervel in einem Twitter-Thread. Gessens Essay kulminiert in einem Vergleich des Gaza-Streifens
mit den Ghettos, die die Nazis in Osteuropa für die Juden anlegten. Und nun werde "
das Ghetto liquidiert". Chervel dazu: "Die Infamie dieser Gleichsetzung wird noch deutlicher, wenn man ein paar Zahlen vergleicht: Das Warschauer Ghetto hatte laut Wikipedia 450.000 Einwohner auf 3,1 Quadratkilometer, das heißt eine Bevölkerungsdichte von 146.580 Einwohnern pro Quadratkilometer. Der Gazastreifen hat 2,048 Millionen Einwohner auf 365 Quadratkilometer, das heißt eine Bevölkerungsdichte von 5.328 Einwohnern pro Quadratkilometer."
Mit das Bizarrste ist die Rolle, die
Deutschland bei den internationalen Diskussionen über die Hamas-Pogrome und die israelische Reaktion darauf zugebilligt wird. Dabei hat Deutschland bei den jüngsten UN-Resolutionen doch eher eine wankende Haltung manifestiert. Als wollten sie Masha Gessens Essay sekundieren,
veröffentlichen Dutzende Professoren internationaler Unis einen Aufruf unter dem Titel: "
Germany's Departure from Reason: Global Scholars' Letter Condemning Germany's Role in Silencing and Contributing to Palestinian Genocide." Ihr Vorwurf: "Die deutsche Regierung und die Medienplattformen
missbrauchen die Erinnerung an den Holocaust und setzen jede Kritik am Staat Israel mit Antisemitismus gleich. Gleichzeitig propagieren sie die unbegründete Vorstellung, dass die zugewanderte Bevölkerung in Deutschland, insbesondere Muslime, von Natur aus antisemitisch sind." Auf der Hand liegt für die Autoren außerdem Folgendes: "Im Wesentlichen verfolgt der Staat Israel eine
völkermörderische Politik gegen die Palästinenser, die darauf abzielt, ihnen ihre Heimat zu nehmen."
Wie würden die Gründerväter der
Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, deren 75. Jahrestag wir in diesem Dezember begehen, wohl auf den Krieg in Nahost, das Schicksal der Uiguren oder die Folterpolitik nach dem 11. September blicken,
fragt der
Rechtswissenschaftler Philippe Sands, der im
Guardian skizziert, was alles zu tun bleibt. Etwa im Blick auf die
Klimakrise: Wir müssen "über die Rechte des Menschen hinausgehen und die
Rechte der Natur anerkennen. Was das Klima angeht, sagen uns die Wissenschaftler, dass das, was sehr bald kommen wird, katastrophal sein wird und dass das Versäumnis der CO28, sich zum Ausstieg aus fossilen Brennstoffen zu verpflichten, unzureichend sein wird. Vielleicht wird es der Umwelt gut gehen, aber uns Menschen nicht. Denken Sie über Rechte im Zusammenhang mit der Klimakrise nach. Denken Sie an
Ökozid, der als
fünftes internationales Verbrechen in die Satzung des IStGH aufgenommen werden soll."
Bei einer Diskussion am Berliner Wissenschaftskolleg zur Lage in Israel, bei der die Sozialanthropologin
Michal Kravel-
Tovi und der Philosoph
Omri Boehm sprachen, hörte Jürgen Kaube in der
FAZ vor allem Einseitiges und Abgehobenes: "Boehm polemisierte gegen die '
Zwei-
Staaten-
Lösung', die
völlig unmöglich geworden sei und nur noch als Mythos diene. Sein eigener Vorschlag eines
binationalen föderalen Gemeinwesens bezeichnete er hingegen als
Utopie. Rückfrage: Was unterscheidet eigentlich eine Utopie von einem Mythos? Was unterscheidet beides voneinander vor allem in einer Situation, in der die eliminatorischen Absichten der Hamas überdeutlich hervorgetreten sind, einer Hamas, die seit Jahrzehnten uneingeschränkt über den Gazastreifen herrscht? Das generelle
Rückkehrrecht für Palästinenser in den binationalen Staat liefe auf
6,
8 Millionen Juden und acht bis
neun Millionen Palästinenser hinaus. Die Frage, wie unter solchen Umständen politische Teilhabe geregelt werden solle, erhielt den Bescheid, die palästinensische Mehrheit sei von Israel zu akzeptieren, für weitergehende Details fühlte sich der Philosoph
nicht zuständig."
"An den privat finanzierten amerikanischen Universitäten wächst mittlerweile der
Unmut der Geldgeber, jüdische Mäzene ziehen wegen der
antisemitischen Auswüchse ihre Spenden zurück",
berichtet Maria Ossowski in der
Jüdischen Allgemeinen: "Es ist nicht auszudenken, welch ein Aufschrei durch die Szene ginge, wenn Deutschland darüber nachdächte, seine Hochschulfinanzierung an einen zielführenden Kampf gegen Antisemitismus zu binden. Eine absurde Idee? Zumindest keine realistische, auch wenn sie durchaus pragmatische Vorteile böte. Beim Geld hört bekanntermaßen die Freundschaft auf. Und beim Geist? Die
FAZ berichtet via
Wall Street Journal von einer kleinen Umfrage, die der Politikwissenschaftler
Ron E.
Hassner aus Berkeley mit 250 Studenten gemacht hat. 85 Prozent von ihnen bejahten die Parole 'From the river to the sea, Palestine will be free'. Welcher Fluss und welches Meer gemeint seien, wollte Hassner wissen. Einige antworteten, beim Fluss handle es sich um den Nil.
Andere vermuteten den Euphrat. Das Meer sei die
Karibik. Oder der Atlantik. (Es ist zu fürchten, dass bei deutschen palästinensischen Aktivisten die Antworten ähnlich faktenfrei ausfallen.)"