9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2275 Presseschau-Absätze - Seite 91 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.07.2021 - Ideen

In der letzten Woche hatte Saul Friedländer in der Zeit auf zwei Texte des postkolonialen Historikers A. Dirk Moses geantwortet, der Friedländer als "Hohepriester" einer deutschen Religion des Gedenkens bezeichnet hatte (unser Resümee). Liberal, wie sie ist, gibt die Zeit Moses Gelegenheit zu einer neuen Replik, die im Ton nicht ganz so hämisch ist wie seine ersten Texte. In der Sache bleibt er hart. Es geht ihm um eine Delegitimierung Israels, macht er klar, denn "das Problem, das ich benenne, ist nicht die Geschichtsschreibung des Holocausts oder die Gedenkkultur an sich, sondern deren staatliche Instrumentalisierung - eine Instrumentalisierung, die medial mitgetragen wird, die zugunsten einer unkritischen Solidarität mit dem Staat Israel die politische Meinungsfreiheit einschränkt und dabei immer wieder Antisemitismusvorwürfe einsetzt." Friedländers Kritik an der Black Lives Matter-Bewegung, die in Los Angeles in jüdischen Vierteln demonstrierte, weist Moses zurück. Diese Kritik sei "bezeichnend für die illiberale Wende eines Nachkriegsliberalismus, der sich durch einen durch Migration und Generationenwechsel hervorgebrachten demografischen, kulturellen und letztlich politischen und moralischen Wandel herausgefordert fühlt und diesen einzudämmen versucht".

Viele große Unternehmen, etwa in der Software-Branche, verkaufen relativ preiswert ein Produkt und verdienen in der Folge an unendlichen Beratungsstunden in Firmen, die das Produkt bei sich implementieren. Ein ähnliches Geschäftsmodell verfolgt Robin DiAngelo, die die Öffentlichkeit in ihrem Buch "White Fragility" aufgeklärt hatte, dass sie ihrem Rassismus nicht entkomme, es sei dennn, sie lasse sich von ihr coachen. Viele Firmen haben sie eingeladen. Nun hat sie ein weiteres Buch herausgebracht, "Nice Racism", und erklärt im Gespräch mit Isaac Chotiner vom New Yorker ihre Idee der Aufklärung. Sind Workshops notwendig, fragt Chotiner: "Es muss vielleicht nicht ein Workshop sein, aber Bildung in irgendeinem Format sollte schon sein, denn wir sind in diesem Land nicht über unsere 'rassische' Geschichte aufgeklärt, und natürlich sind Workshops eine hervorragende Möglichkeit, diese Bildung zu erlangen. Allerdings sind sie nicht sehr effektiv, wenn sie nicht durch weiterführende Gespräche ergänzt und unterstützt werden. Einmalige Workshops bringen meiner Meinung nach nicht sehr viel."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.07.2021 - Ideen

Corona hat einen Trend zum Rückzug ins private Schneckenhaus sichtbar gemacht, der schon vor dem Virus existierte. Klimawandel war ein weiterer Grund dafür, meint in der NZZ Pascal Bruckner, der keine neuen wilden zwanziger Jahre auf uns zukommen sieht. "In der Post-Covid-19-Ära könnte die Verlockung zunehmen, der Welt den Rücken zu kehren und sich ins Kleine zurückzuziehen. Wollte man diesem stärker werdenden Trend einen Namen geben, könnte man von wachsender Engstirnigkeit reden: Im Namen nobler Ziele sollen wir zu modernen Höhlenbewohnern werden. Vielleicht wird die Pandemie so zuletzt einem neuen Menschenschlag zum Durchbruch verholfen haben: einem auf sich selber reduzierten und zugleich hypervernetzten Typus, der aber weder die anderen noch die Realität wirklich braucht."

Außerdem: Ebenfalls in der NZZ gratuliert Sarah Pines Julia Kristeva zum Achtzigsten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.07.2021 - Ideen

Die deutschen Feuilletons sind auf die Moses-Debatte über einen kolonialen Charakter des Holocaust, der dessen Singularität in Frage stellt, kaum eingestiegen. Recht so, meint in der NZZ Claudia Schwartz, die das für intellektuelle Überlegenheit zu halten scheint. Die Argumente von Moses erscheinen ihr ziemlich heuchlerisch: "Dass aber die Deutschen 'die Vorstellung des Holocaust als einzigartiges Geschehen' pflegen würden, um 'andere historische Verbrechen auszublenden', ist dummes Geschwätz. Oder weist das kolonialhistorische Gedächtnis in anderen europäischen Nationen keine großen weißen Flecken auf? ... Ohnehin vertritt Moses, man darf es so sagen, einen recht kolonialistischen Anspruch gegenüber Deutschland, wenn man bedenkt, dass quasi vor seiner Haustür - er ist an der US-Universität North Carolina tätig - die Arbeit brachliegt: Die USA haben ein akutes Rassismusproblem, und Sklaverei und Massaker an den indigenen Völkern warten bis heute auf eine umfassende Aufarbeitung."

Auch die Hamburger Historikerin Ulrike Jureit wehrt in der FAZ die Behauptungen postkolonialer Kollegen (sie nennt Jürgen Zimmerer und Michael Rothberg, aber nicht A. Dirk Moses) ab: "'Ähnlichkeiten' zwischen Kolonialismus und der NS-Expansions- und -Vernichtungspolitik ergeben sich ja bereits zwangsläufig aus den strukturellen Gemeinsamkeiten jeder Fremdherrschaft. Ob diskursiv, funktional oder teilweise auch personell, die Frage ist doch weniger, ob hier 'Ähnlichkeiten' existierten (es wäre ja geradezu dumm, sie zu leugnen), sondern ob der Nationalsozialismus und speziell der Holocaust in seiner Spezifik präzise und hinreichend beschrieben ist, wenn man ihn in erster Linie als 'kolonial' charakterisierte." Für den Holocaust aber sei der koloniale Charakter gerade zu verneinen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.07.2021 - Ideen

Im Atlantic schöpft Yasha Mounk wieder Hoffnung für die liberale Demokratien. Die Populisten von Donald Trump über Jair Bolsonaro, Andrés Manuel López Obrador bis zu Narendra Modi und sogar Victor Orban haben sich entzaubert, glaubt Mounk: "Zu Beginn des populistischen Aufstiegs konnte eine neue politische Garde große Versprechungen machen, denn ihnen fehlte eine Bilanz, an der man sie hätte messen können. Aber nach dem Erringen der Macht, haben sie kaum etwas einhalten können und verpfuschten den Umgang mit der Jahrhundert-Pandemie. Das hat die Wähler enttäuscht. Obwohl Populisten in der Regel eine glühende Anhängerschaft behalten, scheint ihre Fähigkeit, die Unterstützung einer Wählerschaft aufzubauen, in vielen Ländern rapide zu schwinden. Die Fähigkeit der etablierten Parteien, mit Populisten zu konkurrieren, hat sich ebenfalls verbessert. Oftmals hatten die traditionellen Parteien nicht erkannt, wie wütend ihre Wähler geworden waren und wie wenig ihre Politik noch den Präferenzen der Mehrheit entsprach. Einige haben inzwischen ihren Kurs korrigiert und gezeigt, dass sie Populisten an der Wahlurne schlagen können, wenn sie sich standhaft gegen Extremismus stellen und den Groll ihrer Wähler ernst nehmen."

Im Welt-Interview mit Andrea Seibel spricht der russische Autor Sergej Lebedew über seinen Thriller "Das perfekte Gift" und den politischen Mord in Russland: "Die ganze Geschichte des neuen Russland kann als eine des politischen Mordes betrachtet werden. Oppositionelle wie Galina Starowojtowa oder Boris Nemzow, die Journalistin Anna Politkowskaja, der Whistleblower Alexander Litwinenko, alle wurden brutal hingerichtet. Zwar beherrschte schon die Sowjetunion die heimliche Eliminierung, doch zog man Schauprozesse vor. Nun hat sich das Bild geändert: Der 'offizielle' Staat behauptet, nichts mit diesen Verbrechen zu tun zu haben - und sendet gleichzeitig eindeutige Signale, dass er hinter allem steht. Das bedroht die öffentliche Moral ungemein, denn so entsteht eine Schattenwelt, wo es keine Regeln, keine Verantwortung gibt und die Gefahr überall lauert. Die Vergiftung ist die ekelhafteste Art des politischen Mordes. Diese Fälle sind am schwersten zu beweisen. Es bleibt viel Platz für Gerüchte und für die Armee von Trollen, die sich auch noch über die Opfer lustig machen."

Die Schriftstellerin Elena Chizhova erinnert in der NZZ allerdings daran, dass die Bolschewiki schon die Zarenfamilie im Halbdunkel der politischen Lüge umbringen ließen: "Dieses Verbrechen der Bolschewiki - ein symbolisches, aber keineswegs das schlimmste Verbrechen des Sowjetregimes - wurde von Anfang an verbrämt mit eklatanten Lügen, die zu zahlreichen Gerüchten, plausiblen wie unglaubwürdigen, Anlass gaben. In den folgenden Jahrzehnten verflochten sich Fakten und Spekulationen zu einem unauflösbaren Knoten. Ohne die Tatsache der Hinrichtung an sich zu leugnen, führte die sowjetische Propaganda eine Reihe von Begründungen ins Feld, die diesen brutalen Mord als politisch gerechtfertigt erscheinen lassen sollten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.07.2021 - Ideen

Hat der Holocaust seinen Ursprung in dem Genozid an den Nama und Herero? In der New York Times fordern die postkolonialen ForscherInnen Kavena Hambira und Miriam Gleckman-Krut, dass Deutschland weit mehr Reparationen an die Nachfahren der Opfer leistet als bisher vorgesehen. Die beiden qualifizieren sich dabei selbst als Angehörige von Opfer-Communitys: "Einer von uns, Kavena Hambira, ist ein Nachkomme von Herero-Überlebenden, während Mitglieder der jüdischen Familie von Miriam Gleckman-Krut im Holocaust getötet wurden." In ihrem gemeinsamen Artikel ziehen sie dann die Verbindungslinie, die zu den Topoi des Postkolonialismus gehört: "Rund dreißig Jahre nach dem Massaker in Deutsch-Südwestafrika ermordeten die Nazis sechs Millionen Juden. Die beiden Völkermorde sind verbunden. Denn im südlichen Afrika leistete Eugen Fischer, später ein prominenter Nazi-Eugeniker, Pionierarbeit für die Pseudowissenschaft der 'Rassenhygiene', mit der die Deutschen das Abschlachten von Menschen rechtfertigten, die sie als Störfaktor für ihren Lebensraum ansahen - zuerst die Herero und Nama, später die Juden."

Der Streit um "Critical Race Theory" ist inzwischen zur Hauptfront in den amerikanischen Kulturkriegen geworden, notiert der Publizist Matt Taibi in einem Substack-Artikel, der zum großen Teil online steht. 24 republikanische Bundesstaaten erlassen geschichtspolitische Gesetze gegen "CRT", ohne recht zu verstehen, was diese akademische Theorie über "strukturellen" Rassismus eigentlich besagt. Die Linke antworte einfach mit einem Schulterzucken und behaupte, die Republikaner wollten schlicht die Wahrheit verbieten. "Der Krieg um die 'Critical Race Theory' ist so gesehen zu einer politischen Marketingkampagne geworden, die in ihrem Zynismus beidseitig ist. Die Demokraten tun so, als ob sie nicht wüssten, worum es bei der Aufregung überhaupt geht. Die Republikaner tun so, als gäbe es keine versteckte Absicht in ihrer Gegenkampagne. Im Zentrum des Ganzen steht die Idee selbst, die zwar existiert, aber viel weiter gefasst und sowohl interessanter als auch erschreckender ist als die bornierte Rassismustheorie, die republikanische Politiker in den maximalen Ausrastmodus versetzt."

In der FR erinnert der Historiker Heiner Roetz an Christian Wolffs China-Rede, in der der Philosoph vor 300 Jahren die Ethik des Konfuzius heranzog, um deutlich zu machen, dass Moral ohne Religion möglich sei: "Wolffs China-Rede war eine der seltenen Sternstunden einer zukunftsweisenden kosmopolitischen Philosophie. Seine Liaison mit dem Konfuzianismus hat nicht nur dazu beigetragen, die Ethik von ihrer Bevormundung durch die Theologie zu befreien, sondern auch dazu, sie auf den Pfad der Autonomie zu bringen. Dies ist eine in ihrer Bedeutung auch für China selbst gar nicht zu überschätzende Leistung. Wenn China, so schrieb der konfuzianische Philosoph Carsun Chang unter Bezug auf Wolff und Kant, den Rationalismus zu beflügeln half, der schließlich zu den großen Erklärungen der Menschenrechte führte, warum sollte es sich dann mit diesen und der Demokratie eigentlich zu Haus so schwertun?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.07.2021 - Ideen

Saul Friedländer gehörte neben Dan Diner zu den beiden Autoren, die von A. Dirk Moses in seiner Attacke auf den angeblichen "Katechismus der Deutschen" (all unsere Resümees) als einer der Urheber eben dieses Katechismus benannt worden war. Heute antwortet Friedländer in der Zeit auf Moses' beide Texte - merklich irritiert von dessen unverhohlener Rhetorik: Moses zufolge sei die deutsche Holocaust-Religion eine Konzession an externe Mächte: "Ausgehandelt mit 'amerikanischen, britischen und israelischen Eliten', sei sie die Bedingung für die internationale Anerkennung Deutschlands. Bei der zweiten Erwähnung dieser mysteriösen 'Eliten' werden diese bei Moses wohl nicht ganz zufällig zu rein amerikanischen und israelischen. Denn um wen könnte es sich handeln? Um Juden natürlich! Mit anderen Worten: Mit der gewissenhaften Befolgung des 'neuen Katechismus', der aufgrund der Einzigartigkeit des Holocausts die bedingungslose Unterstützung Israels impliziert, stelle Deutschland sicher, von jüdischen Eliten in Israel und in den USA 'den Kopf getätschelt' zu bekommen."

Auch Dan Diner antwortet heute in der FAZ, ohne den Namen A. Dirk Moses auch nur zu erwähnen. Diner vermutet den eigentlich religiösen Impuls auf der Seite der neuen Relativierer des Holocaust. "Die Diskursstruktur bringt es an den Tag: Indem der Deutungshoheit beanspruchende gegenwärtige Trend den Holocaust zwanghaft der Gestalt kolonialer Gewalt anzuverwandeln sucht, die ihm als vorgeblicher Prius 'faktisch und logisch' vorausgehe, wird das Motiv der Ursprünglichkeit als vorgelagerte theologische Formatierung aufs Neue aufgerufen. Dabei benötigen die Folgen kolonialer Gewalt den Vergleich mit dem Holocaust nicht, um Anerkennung zu erwirken. Kolonialgewalt ist Gewalt eigenen Rechts - genauer: eigenen Unrechts."

Außerdem: In der Zeit fragt der Philosoph Gernot Böhme: "Was hat die Ökologie mit Ästhetik zu tun?" Und in der FAZ rufen die Kommunikationswissenschaftler Johannes Buchmann, Andreas Hepp und Judith Simon: "Die Gesellschaft braucht neue Plattformen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.07.2021 - Ideen

Christhardt Henschel, Historiker am Deutschen Historischen Institut in Warschau, wirft in geschichtedergegenwart.ch einen Seitenblick auf die von A. Dirk Moses entfachte Debatte um einen angeblichen "Katechismus der Deutschen", der die Singularität des Holocaust zu einer Art Totem aufrichte. In Warschau stießen deutsche Debatten über die Singularität (mal abgesehen davon, dass die Moses-Debatte nicht in erster Linie eine deutsche war) auf Schulterzucken: "Für manche bestätigt sich, was man schon längst wusste: Die deutsche Öffentlichkeit interessiert sich zwar für die Schoah, für die Millionen nichtjüdischen Toten finden sich höchstens ein paar Worte an Jahrestagen. Indes - die meisten Interessierten sind aktuell so sehr in den innerpolnischen Deutungskämpfen engagiert, dass für die Beschäftigung mit den Diskursen im Nachbarland nur wenig Raum bleibt."

Am Versuch, Sprache zu regulieren, scheiterten schon die französischen Revolutionäre. Schließlich hätte George Orwells Roman "1984" eigentlich "die Idee einer politischen Sprachreinigung ein für allemal diskreditieren müssen", meint der Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant in der Welt. Aber nichts da, selbst die Berliner Behörden gendern inzwischen: "In Deutschland hat die linguistische Purifikationswut vermutlich damit zu tun, dass die Herrschaft der Nazis mit einer politischen Verunreinigung der Semantik in den von ihnen beherrschten Diskursen einher ging, gegen die dann die Sprachkritik Victor Klemperers für reine Luft gesorgt hat. Klemperer hat gezeigt, dass Bacon recht hatte: Die Wörter können falsch und gemein sein, und sie können 'befehlen', das heißt, sie können das Denken von der Wahrheit oder einfach vom menschlichen Anstand abbringen. Aber Klemperers Sprachkritik ist analytische historische Semantik eines bestimmten Diskurses gewesen, keine politische Aktion zur Sprach-Reform. Die aktuelle permanente semantische Revolution" sei dagegen "selbst Durchsetzung einer totalitären Semantik, die unter Klemperers Sprachkritik fallen würde, wenn er sie beobachten könnte."

In der NZZ wünscht sich die Autorin und LGBT-Aktivistin Anna Rosenwasser mehr spielerischen Umgang mit der Sprache, dann falle auch das Gendern ganz leicht: "Ich vermute, der Grund für unseren Widerstand gegen inklusive Sprache ist eine Stellvertreterdiskussion. Unsere Sprache verändert sich ja ständig auch in streitbar semiästhetische Richtungen: Der Aufschrei gegen die Schreibweise 'iPhone' blieb meines Wissens aus. Heute nervt sich niemand aktiv über die Neologismen Computer, Brunch und Podcasts. Weil wir die Existenz dieser Dinge nicht nur anerkennen, sondern mitunter feiern. Das ist beim Thema Feminismus und Geschlechtervielfalt nicht so."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.07.2021 - Ideen

Auch in Amerika gibt es erbitterte Geschichtsdebatten. Einige Bundesstaaten haben Gesetze erlassen, die, ohne sie zu benennen, den Unterricht von "Critical Race Theory" an Schulen unterbinden sollen. Texas will zum Beispiel nicht, dass das "1619"-Projekt der New York Times, das behauptet, Amerika sei auf dem System der Sklaverei begründet worden, zu Schulmaterial wird. In der Times wenden sich nun vier Autoren, Kmele Foster, David French, Jason Stanley und Thomas Chatterton Williams gegen diese Geschichtsgesetze. Sie bekennen, dass sie absolut divergierende Standpunkte zur 'Critical Race Theory' haben. "Gerade wegen dieser Differenzen tun wir uns hier in einem übergreifenden Anliegen zusammen: die Gefahr, die diese Gesetze für die freie Bildung darstellen." Geschichtsgesetze wie in Texas oder Oklahama "würden etwa auch Deutschlands kompromissloen und erfolgreichen Ansatz im Unterricht über den Holocaust illegal machen, da ein Teil seines Anliegens darin besteht, den Schülern das Gewicht der Vergangenheit zu vermitteln und Schülern also 'Unbehagen' vor ihrer Vergangenheit einflößt. Tatsächlich ist Geschichtsunterricht in einer freien und multiethnischen Gesellschaft unausweichlich belastet. Jede akkurate Vermittlung der Geschichte eines Landes könnte dazu führen, dass sich einige seiner Bürger wegen der Vergangenheit unwohl (oder gar schuldig) fühlen. Diese notwendige Konsequenz der Bildung zu leugnen, bedeutet, um W.E.B. Du Bois zu zitieren, 'Geschichte in Propaganda' zu verwandeln."

Und: "Die Aufklärung wird durch Asoziale gerettet werden oder gar nicht", ist der Philosoph Alexander Grau überzeugt, der in der NZZ Ernährung, Klimaschutz, Gender oder Grenzwerte als neue, säkulare Heilslehren kritisiert.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.07.2021 - Ideen

Der Begriff "White Privilege" gibt keinen Sinn, findet Kenan Malik in seinem Blog. Rassismus sei der bei weitem treffendere Begriff: "Im Kampf für Gleichheit ist ein 'Privileg' etwas, das man beseitigen oder reduzieren möchte. Die Frage ist also: Worin besteht das zu beseitigende Privileg von jemand, der arm und weiß ist? In nichts. Was man eigentlich will, ist doch die Beseitigung von Diskriminierung, der viele Minderheitengruppen ausgesetzt sind, nicht die Reduzierung des Privilegs von jemandem, der keins besitzt. Nochmals, deshalb ist es besser, das Problem als eines des Rassismus und nicht des weißen Privilegs zu formulieren. Es ist kein 'Privileg' zu leben, ohne ungleich behandelt zu werden oder der Unterdrückung ausgesetzt zu sein. Das sind Grundrechte, die alle besitzen sollten. Die Abwesenheit von Unterdrückung, Diskriminierung oder Fanatismus als 'Privileg' zu bezeichnen, bedeutet, den Begriff der Gerechtigkeit auf den Kopf zu stellen." Malik antwortet mit seinem Artikel auf ein BBC-Video des Psychologenj John Amaechi über den Begriff des "White Privilege".

Leider ist die Behauptung "die Sprache sei ja immer im Wandel, deshalb seien gezielte Eingriffe ganz normal", im Bezug auf das Gendern nicht ganz wahr, schreibt der Sprachwissenschaftler Horst Haider Munske in der Welt. Denn die Strukturen der Sprachen sind sehr stabil, was sich wandelt ist in der Regel der Wortschatz. Wer die Sprache also modernisieren will, muss pragmatisch vorgehen: "Die Linguistik ist nicht per se Gegner der Geschlechtersensibilität, sie hat die Aufgabe aufzuklären und Wege des Möglichen aufzuzeigen. Dazu haben bereits viele Empfehlungen beigetragen. Wir befinden uns zurzeit in der Phase des Testens. Was ist praktikabel, was hilfreich, was geht nicht? Jeder hat das Recht sich zu entscheiden."

Die Amerikaner erfinden gerade das Auto neu, erzählt in der SZ ein faszinierter Andrian Kreye. Nicht Tesla, Ford ist die Marke der Stunde. Die hat das meistverkaufte Auto Amerikas, den Pickup Truck Ford F-150, so als E-Auto umgebaut, dass es auch Cowboys gefällt: Der elektrische F-150 ist nämlich nicht nur ein Auto, er soll "ein Einfamilienhaus drei Tage lang mit Strom versorgen" können. "Es geht um die Erkenntnis, dass ein Elektro-Auto kein schlichtes Fahrzeug ist, sondern auch ein rollendes Kraftwerk sein kann. Das schließt die immer häufigere Erfahrung der Amerikaner ein, dass Naturkatastrophen ganze Landstriche lahmlegen. Wirbel- und Schneestürme, Feuersbrünste, Erdrutsche, Fluten, Schwerwetterphänomene aller Art. Das ist die neue Wirklichkeit. Ob die nun von Gott, der Technologie oder dem Kapitalismus geschaffen wurde, ist erst einmal egal, solange man sich mit so einem F-150 von den Launen dieser Naturgewalten unabhängig machen kann." Hier kann man sehen, wie das läuft.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.07.2021 - Ideen

"Unterm Strich fällt die Kosten-Nutzen-Rechnung für das Gendern nicht positiv aus", findet die Kommunikationsdesignerin Dörte Stein in der taz, die die Ideologie des Genderns vor allem in Unis und Institutionen verortet. Für die Bürger ist es dagegen nicht interessant und sogar kontraproduktiv: "Ob man zum Bäcker geht oder zur Bäckerin, zum Arzt, zur Ärztin oder zu* A/Ärzt*in, ist gemeinhin irrelevant. Doch die zunehmende Verdrängung des generischen Maskulinums durch die geschlechtergerechte Sprache zwingt zur Präzisierung und stellt das Geschlecht in den Vordergrund - auch da, wo es eigentlich keine Rolle spielen sollte. Die generische Form ist demgegenüber nicht nur praktischer, sondern auch weniger sexistisch."

Rieke Havertz versucht für Zeit online die komplett aus dem Ruder gelaufene amerikanische Debatte über "Critical Race Theory" zu resümieren. Mehrere amerikanische Bundesstaaten haben voll auf Trump-Linie Gesetze erlassen, damit "Critical Race Theory" nicht gelehrt wird. Bestimmte Behauptungen werden offenbar sogar strafbar! In dem Gesetzestext aus Oklahoma heißt es laut Havertz, dass "kein Lehrer ... die folgenden Konzepte zum Bestandteil eines Kurses machen darf: a) dass eine 'race' oder ein Geschlecht einer anderen 'race' oder einem anderen Geschlecht von vornherein überlegen ist; b) dass ein Individuum aufgrund seiner Hautfarbe oder seines Geschlechts von Natur aus rassistisch, sexistisch oder repressiv ist, ob bewusst oder unbewusst". Havertz kommentiert: "Die Vermittlung der Geschichte der Versklavten im Land, der Bürgerrechtsbewegung und auch der aktuellen Fälle von rassistischer Polizeigewalt und strukturellem Rassismus wird unter diesen Voraussetzungen schwierig."

Außerdem: Cécile Calla und Barbara Peveling werfen in Zeit online einen vergleichenden Blick auf den Feminismus in Deutschland und in Frankreich.