9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Ideen

2275 Presseschau-Absätze - Seite 92 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.07.2021 - Ideen

"Meine Erfahrungen als Frau sind ja auch nicht dieselben wie die jeder anderen Frau", erwidert die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal im Dlf-Kultur-Gespräch mit Joachim Scholl der Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie, die sagte, trans Frauen seien zunächst als Männer aufgewachsen und daher anders sozialisiert als jene, die von Geburt an eine Frau gewesen seien (Unsere Resümees): "Den Essay nun beurteilt Sanyal zwiespältig. Adichie wende sich darin offenbar an eine nicht-binäre Person, die sie in sozialen Medien angegriffen habe. Dem Argument, wonach auch berühmte Menschen verletzlich seien, stimmt Sanyal zu. Aus dem Text spreche eine 'große Verletzung'. Allerdings sehe Adichie wiederum nicht, 'dass sie durch ihre Äußerung eine bestimmte Verantwortung' habe. Sie hätte einfach sagen sollen, dass sie einen Fehler gemacht habe, ist Sanyal überzeugt. 'Das ist doch überhaupt nicht schlimm.' Nun würden 'die Rechten' wieder Linken, trans Menschen und Feministinnen 'Cancel Culture' vorwerfen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.07.2021 - Ideen

Alan Posener kommt in dem Blog starke-meinungen.de nochmal auf die Debatten um Carolin Emcke und A. Dirk Moses und auf Aleida Assmanns Unterscheidung zwischen einem guten und einem falschen Antisemitismusbegriff zurück. Laut Assmann ist allein Antisemitismus von rechts relevant und  zu bekämpfen (mehr auch hier). "Auf Fakten kommt es Assmann gar nicht an. Es kommt ihr, wie ich gezeigt habe, darauf an, den Antisemitismus als etwas hinzustellen, das in der Vergangenheit liegt. Das in der Gegenwart allenfalls bei Ewiggestrigen auf der extremen Rechten zu finden sei, weshalb es ja nicht angehe, dass die 'Springer-Presse serienmäßig' auf Erscheinungsformen des Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft hinweise. Denn der Vorwurf des Antisemitismus sei 'ungeheuerlich und das schlimmste Stigma, das für ernsthafte Deutsche denkbar ist.'"

Die Zeit inszeniert ein Streitgespräch zwischen A. Dirk Moses und Volkhard Knigge, dem ehemaligen Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, über Gedächtniskultur in Deutschland. Moses wiederholt seine inzwischen bekannten Thesen. Knigge (der sich übrigens zur "Jerusalem Declaration" bekennt) antwortet: "Ich fürchte mich vor einer identitätspolitisch instrumentalisierten Erinnerungskultur, die nicht historisch begreifen will, was geschehen ist, sondern sich in Analogien erschöpft und dann nur noch sagen kann: Allen Menschen soll es gut gehen. Das käme mir vor, als würde ein Arzt sagen: Krank sein ist schlecht. Es muss in einer globalisierten Welt doch um Erkenntnisgewinne, Anteilnahme und Verantwortung gehen."

Und noch ein Streitgespräch in der Zeit (die diese Form schon immer liebte). Diesmal über die Frage "schwul" oder "queer", über die der schwule taz-Redakteur Jan Feddersen und die queere Transfrau Kaey Kiel aus Neukölln diskutieren. Jan Feddersen sagt: "Rechte haben wir erkämpfen müssen - und können. Rechte sind etwas anderes als Identitäten. Das eine ist privat wichtig, das andere begründet die Codes für ein Zusammenleben." Kaey Kiel antwortet: "Ich bin 20 Jahre jünger. Wir haben seit 40 Jahren ein rückschrittliches Transsexuellengesetz, das mir nicht die Freiheit lässt, über meinen Körper und meine Identität zu entscheiden."

Ohne Anlass, aber angesichts der Friedensrhetorik gegenüber Putin aktuell, erinnert Richard Herzinger in seinem Blog an Manès Sperber, der in seiner Friedenspreisrede 1983 gegen einseitige Abrüstung argumentierte und dafür von der damals so starken Friedensbewegung heftig attackiert wurde: "Der großartige Manès Sperber kommt mir immer wieder in den Sinn, wenn Putin-Trolle, Islamistenversteher und andere glühende Liebhaber des Weltfriedens von links bis rechts wieder mal jeden als 'Kriegshetzer' brandmarken, der sich angesichts neuer Bedrohungen für die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit der freien Welt einsetzt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.06.2021 - Ideen

Der Guardian bringt einen Vorabdruck aus Amartya Sens kommendem Buch "Home in the World - A Memoir". Sehr nüchtern und ohne postkoloniale Hyperventilation fragt er, "was die britische Herrschaft wirklich für Indien vollbracht hat". Er endet mit einem berückenden Tagore-Zitat: "In der kraftvollen Anklageschrift gegen die britische Herrschaft in Indien, die Tagore 1941 vorlegte, argumentierte er, dass Indien viel aus seiner Verbindung mit Großbritannien gewonnen habe, zum Beispiel aus 'Diskussionen, die sich auf Shakespeares Drama und Byrons Poesie konzentrierten, und vor allem ... dem großherzigen Liberalismus der englischen Politik des 19. Jahrhunderts'. Die Tragik liege darin, dass das, 'was in ihrer eigenen Zivilisation wirklich das Beste war, das Betonen der Würde der menschlichen Beziehungen, in der britischen Verwaltung dieses Landes keinen Platz hat'. In der Tat hätten die Briten den indischen Untertanen nicht erlauben können, sich dieser Freiheiten zu bedienen, ohne das Empire selbst zu bedrohen."

Timothy Snyder bringt in der New York Times einen sehr langen und recht komplexen Essay über Geschichts- und Identitätspolitik. Er erläutert zunächst russische Geschichtsgesetze, die den Hungermord an ukrainischen Bauern, den "Holodomor", relativieren und kommt dann auf geschichtspolitische Gesetze zu sprechen, die von den Republikanern in einigen Bundesstaaten erlassen wurden. "Die größte Gemeinsamkeit unter diesen Gesetzen ist einem Erforscher der repressiven Gedächtnisgesetze anderswo in der Welt vertraut. Sie liegt in ihrer Aufmerksamkeit für Gefühle. Vier von fünf Gesetzen verbieten in fast identischem Wortlaut jegliche Aktivitäten im Lehrplan, die 'Unbehagen, Schuldgefühle, Ängste oder irgendeine andere Form von psychologischem Leid aufgrund der Rasse oder des Geschlechts der Person' hervorrufen würden." Snyder verteidigt nebenbei aber auch die "Critical Race Theory". Das ganze muss möglicherweise vor dem Hintergrund des Streits zur Artikelserie über das Jahr 1619 in der New York Times gelesen werden, die die Sklaverei als das begründende Ereignis des Landes darstellte (unser Resümee).

Die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie hat Transfrauen Transfrauen genannt, und nicht einfach Frauen, wie diese es wünschen. Das hat zu großem Streit geführt (unser Resümee). Ein Unterschied zwischen Transfrauen und Frauen existiert zwar, erläutert Peter Weißenburger in der taz, aber es wäre unhöflich, ihn zu benennen: "Die Aussage, die Adichie über trans Frauen gemacht hat, kann als trans-ausschließend verstanden werden. Zwar ist ihr Appell, dass man 'zwischen Erfahrungen differenzieren' möge, alles andere als kontrovers. Kaum jemand wird abstreiten, dass Erfahrungen von cis und trans Frauen sich unterscheiden. Oder dass männlich gelesenen trans Frauen männliche Privilegien zuteilwerden können. Aber wann man Differenz betont und welche Differenz, ist eine strategische Entscheidung."

Auch in der Linkspartei tobt ein Streit um Identitätspolitik, der in ein wohl aussichtsloses Parteiausschlussverfahren gegen Sahra Wagenknecht führt - in Wahlkampfzeiten keine Empfehlung. Wagenknecht wirft ihrer Partei in ihrem Buch "Die Selbstgerechten" vor, ihren eigentlichen Feind aus dem Auge zu verlieren, erläutert Thomas Thiel in der FAZ: "Wer sich um soziale Gerechtigkeit nicht kümmere, sagt Wagenknecht, tue auch für Minderheiten nichts. Identitätspolitik ist bei ihr kein Engagement für Minderheiten, sondern ein umgeschminkter Neoliberalismus, auf den ihre ökonomisch blind gewordene Partei hereinfällt... Das Unternehmertum kann sich nichts Schöneres vorstellen als eine Opposition, die tagfüllend um den richtigen Namen für ein Zigeunerschnitzel streitet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.06.2021 - Ideen

Anti-Vaxxers oder postmoderne Professoren haben ein Problem mit der Wahrheit. Der Politologe Jonathan Rauch hat das Buch zur Stunde über diese Problematik geschrieben: "The Constitution of Knowledge - A Defense of Truth" (bestellen). Wir müssen darauf bestehen, dass Wahrheit nur genannt werden kann, was einer Prüfung nach rationalen Kriterien standhält, legt Rauch in Yascha Mounks Blog Persuasion dar. Persönliche Standpunkte und Gefühle sind zum Beispiel kein Garant für Wahrheit: "Aussagen über persönliche Stellung und Interessen beeinflussen das Gespräch, aber sie kontrollieren, entscheiden oder beenden es nicht. Die Regel akzeptiert bis zu einem gewissen Grad, dass die sozialen Positionen und die Geschichte von Menschen eine Rolle spielen. Aber sie fordert ihre Anhänger auf, sich nicht in ihre sozialen Identitäten zu vergraben und sie nicht als rhetorische Trümpfe auszuspielen, sondern sie in das größere Projekt der Wissensbildung einzubringen und sie dadurch zu transzendieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.06.2021 - Ideen

Im Welt-Interview mit Ute Cohen spricht die französische Feministin Manon Garcia über die Unterwerfung der Frau, Liebesvorstellungen und falsche Freiheit: "Ich glaube nicht, dass die Freiheit an Wert verliert. Unfrei zu sein ist eine große Versuchung. Man macht lieber, was von einem erwartet wird, anstatt seine Freiheit zu erringen. Durch das Patriarchat ist diese Versuchung für Frauen viel größer als für Männer. Ich verwende gern die Metapher des Weges: Männer folgen der Abenteuerlust und machen sich den Weg frei, Frauen folgen Wegweisern, die sie direkt in die Unterwerfung führen. Das liegt daran, dass Männer Frauen objektivieren und Frauen sich dadurch von sich selbst entfremden."

In der NZZ klagt Claudia Mäder, dass die Sprachpolizei jetzt auch die Ornithologie heimsucht: 150 Vogelarten wurden identifiziert, deren Namen an "problematische" Persönlichkeiten - etwa Konföderiertengeneräle - erinnern und deswegen umbenannt werden sollen.
Stichwörter: Patriarchat, Garcia, Manon

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.06.2021 - Ideen

In der NZZ läutet der Kultur- und Medientheoretiker Roberto Simanowski das Ende der Coronakrise ein, um dann festzustellen: Am Ende gibt es nur Verlierer. Der Staat ist geschwächt, die Gesellschaft gespalten - es droht ein "kalter Bürgerkrieg", schreibt er: "Wo die einen eine unzumutbare Beschränkung individueller Freiheiten sehen, begrüßen die anderen die Zurückdrängung des Hyperindividualismus zugunsten kollektiver Interessen. Dieser Konflikt lässt sich nicht wegimpfen! Er ist die Vorschau auf künftige Kämpfe gegen etwas, das ebenfalls größer ist als der Mensch: der Klimawandel. Auch diese Anstrengung verlangt einen kosmopolitischen Blick und hat das Potenzial, die Nation zu spalten."

Im großen FR-Gespräch mit Michael Hesse über Demokratie, Normen und Vernunft bezweifelt der Philosoph Rainer Forst, "dass in Europa insgesamt die Normen der Aufklärung der gelebte Maßstab des Denkens und Handelns sind": "Allzu sehr sind Nationalismen, Xenophobien, ökonomische Rücksichtslosigkeit gepaart mit politischem Fatalismus an der Tagesordnung (trotz der tiefgreifenden Maßnahmen während der Pandemie). Wer sich aufgeklärt wähnt, sollte, bevor andere beurteilt werden, selbstkritisch sein. Und bevor wir 'der Aufklärung', die historisch in der Tat mit der Abwertung angeblich unaufgeklärter und 'unzivilisierter' Kulturen oder gar 'Rassen', auch bei Kant, einherging, sollten wir genauer schauen, was da alles noch im Spiel war, etwa der politische Imperialismus und der um sich greifende Handelskapitalismus. Das sind keine Hervorbringungen der Aufklärung, sondern wurden von ihr kritisiert; sie gingen aber mit ihr einher, und oft vermischten sich die Rechtfertigungsnarrative."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.06.2021 - Ideen

Linker Kulturrelativismus und westliche Realpolitik passen eigentlich ganz gut zusammen, findet Jens Jessen in der Zeit: "Man wünscht den Demonstranten in Hongkong von Herzen alles Gute - aber die Geschäfte mit China will man nicht opfern. Man missbilligt auch die saudische Förderung des autoritären Islams, aber Panzer möchte man ihnen weiter verkaufen. Das ist der moralische Skandal - und um ihn zu dämpfen, kommt der Kulturrelativismus wie gerufen. Seine Verfechter mögen sich als kolonialismuskritisch und 'links' empfinden, aber tatsächlich erleichtern sie nur das schlechte Gewissen der Geschäftemacher, wenn sie erklären, der Westen solle nur ja nicht glauben, durch den Export seiner Werte etwas Gutes zu tun."

Philip Schwarz setzt sich in 54books ausführlich mit Helen Pluckroses und James Lindsays Buch "Cynical Theories" (unsere Resümees) auseinander und bricht eine Lanze für die Postmoderne: "Da die Wirklichkeit uns Menschen immer begrifflich strukturiert erscheint, gehören diese Begriffe zur Wirklichkeit. Der Gedanke, dass es eine 'objektive' Wirklichkeit gibt, die durch bestimmte Verfahren erkennbar ist, ist bereits von einem begrifflichen Zugang zu ihr abhängig. Gerade an der Entwicklung der modernen Naturwissenschaften lässt sich das zeigen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.06.2021 - Ideen

Der Historiker Jacob Eder, Professor für Geschichte an der Barenboim-Said Akademie in Berlin-Mitte, macht A. Dirk Moses' "Katechismus der Deutschen" in geschichtedergegenwart.ch zwar ein paar pflichtschuldige Komplimente, kann Moses und seiner religiös aufgeladenen Sprache allerdings nicht folgen (unsere Chronik der Debatte). Wie viele, die auf Moses antworteten, scheint er aber zu glauben, es gehe diesem tatsächlich um die Vergangenheitsbewältigung in Deutschland und verteidigt in erster Linie die Institutionen des Gedenkens in Deutschland: "Ihr Handeln folgt keinem 'Katechismus', sondern Logiken, die sich aus der schwierigen und widersprüchlichen Konfrontation mit Nationalsozialismus und Holocaust in der Bundesrepublik ergeben haben. Ohne die Komplexität dieser Prozesse anzuerkennen, lässt sich Kritik am gegenwärtigen Zustand der staatlichen Erinnerungspolitik weder präzise noch plausibel formulieren." In 3sat- "Kulturzeit" wurde Moses übrigens gestern interviewt.

René Pfister beschreibt im Spiegel, wie sich die "Critical Race Theory" in Amerika durchsetzt. Eines ihrer Monumente ist die Artikelserie "1619" in der New York Times (unser Resümee), die behauptete, dass Amerika letztlich auf der Sklaverei begründet sei. Erst spät regte sich Widerstand gegen historische Ungenauigkeiten der Serie, so Pfister: "Die New York Times ließ daraufhin in ihrer Onlineausgabe heimlich die Aussage verschwinden, das Jahr 1619 sei das 'wahre Geburtsdatum' der amerikanischen Nation. Und schob die Korrektur nach, wonach nur 'manche' Kolonialisten den Unabhängigkeitskrieg für die Sklaverei geführt hätten. Doch kurioserweise tat der so offenkundige Versuch, Geschichtsschreibung in den Dienst einer Ideologie zu stellen, dem Renommee der Artikelserie kaum Abbruch. Der Pulitzerpreis, mit dem sie ausgezeichnet worden war, wurde nicht zurückgezogen, und sie ist immer noch Lehrmaterial an amerikanischen Schulen."

Der identitäre Antirassimus führt den Rassimus durch die Hintertür wieder ein, auch wenn er behauptet, dass "Rasse" nur eine Konstruktion sei, schreibt Armin Pfahl-Traughber bei hpd.de: "Gleichwohl ist das entscheidende Differenzierungsmerkmal dann doch wieder die Hautfarbe, eben auch für die Identitätslinke. Sie nimmt darüber hinaus eine dualistische Einteilung vor, wobei die Opfergruppe die Schwarzen und die Tätergruppe die Weißen sein sollen. Und damit sind nicht mehr individuelle Einstellungen, sondern kollektive Zugehörigkeiten wichtig. Darüber hinaus argumentiert man für die gemeinten Gruppen mit einer inneren Wesenheit. Dies macht die Auffassung deutlich, dass das Gedicht einer schwarzen Lyrikerin nicht von einem weißen Übersetzer übertragen werden könne.

In der NZZ denkt Dan Diner in einem sehr abstrakten Text über Anwartschaften von Mehrheiten und Minderheiten nach, die neu ausgehandelt werden müssten: "Dies gilt nicht nur für die gegenseitige Verpflichtung der Generationen füreinander in Gestalt einer ausgewogenen Rechts- und Erbfolge, sondern gilt einer ethnisch begründeten Verantwortung für den Zusammenhalt des Ganzen." Diner spricht damit wohl auch etwa Reparationsforderungen aus historischem Unrecht an: "Im Extremfalle streben jene im Verfall begriffenen Anwartschaften dahin, die von ihnen beanspruchten zurückliegenden Zeitläufte in eine Legitimität, wenn nicht gar in eine Superiorität der Herkunft zu verwandeln. Solche Metamorphose bedient sich in demonstrativer Geste der nach außen gekehrten nackten Haut."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.06.2021 - Ideen

Im Interview mit Zeit online erklärt der Klimaforscher Anders Levermann, warum er beim Klimaschutz gegen Mikromanagment ist, aber für die ganz großen Verbote: Also nicht das Fliegen verbieten, sondern den CO2-Ausstoß bepreisen. Was dann einsetzt, beschreibt er als Prinzip der Faltung, das ein unendliches Wachstum auf begrenztem Raum ermöglicht: "Lebensentwürfe sind heute sehr unterschiedlich und passen nicht mehr auf eine gerade Linie wie vielleicht noch vor einer Generation - unser Wachstum ist eines in die Vielfalt. Und in dieser Vielfalt ist der Raum, den wir brauchen. Das können Sie überall beobachten, in Wirtschaft wie Kultur. In der Physik erkennen wir dieses Prinzip immer dann, wenn wir unendliches Wachstum im endlichen Raum erzeugen: das Prinzip der Faltung. Man setzt einem System klare Grenzen, nicht kleinteilig, sondern größtmöglich - wie etwa eine maximale Menge CO₂-Ausstoß oder ein Verbot von Plastik ab einem bestimmten Jahr. Solange das System diese klaren Grenzen erkennt, baut es sie ein. Die Dynamik sieht dann oft so aus, dass man erst auf einem bestimmen Pfad wächst, dann der Grenze nahekommt - und umbiegt und sich weiterentwickelt."

In der Welt plädiert Dawn Nakagawa, Exekutivdirektorin am Berggruen-Institut in Los Angeles, für ein transatlantisches Klima-Jugendaustauschprogramm. Damit könnte man gleichzeitig drei Probleme angehen: den Klimawandel, die wirtschaftlichen Folgen von Corona und die transatlantische Vertrauenskrise nach Trump, meint sie. "Als Teil der Corona-Wiederaufbaufonds sollte auf transatlantischer Ebene die Einrichtung eines umweltorientierten Programms für die junge Generation ('YES' - Youth Environmental Services) in Erwägung gezogen werden. Wie das Berggruen-Institut im März 2020 in einem Bericht dargelegt hat, sollte ein solches Programm jungen Menschen zwischen 18 und 25 Jahren ein Jahr bezahlter Tätigkeit im Umweltbereich anbieten. Um das Vorhaben hinreichend praktisch zu machen, würde jedes YES-Programm in Europa durch EU-Mittel unterstützt, aber auf nationaler Ebene entwickelt. Der transnationale Aspekt dieses Programms würde sich durch Austauschprogramme und gemeinsame Projekte ergeben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.06.2021 - Ideen

Wie sollen sich Eltern dagegen wehren, wenn schon Grundschulkinder mit "Critical Race Theory" traktiert werden, in der sie lernen, dass automatisch die Macht durch sie durch geht, wenn sie weiß sind, und dass sie automatisch Opfer sind, wenn sie eine dunklere Hautfarbe haben? In einigen Bundesstaaten wird offenbar über ein Verbot diskutiert. Andrew Sullivan insistiert in seinem Blog, dass das Problem durch eine demokratische Debatte gelöst wird. "Wir müssen unmissverständlich darauf bestehen, dass all dies nur innerhalb eines liberalen Systems möglich ist - das das Individuum und die Vernunft und Gleichheit als unsere Grundlagen sieht. Der Liberalismus kann mit der 'Critical Race Theory' leben, Critical Race Theory ist in ihren Grundlagentexten dagegen dem Umsturz des Liberalismus verpflichtet. Das ist es, was zählt."

Auch Yascha Mounk hat ein Substack-Blog, Persuasion. Hier unterhält er sich mit Jonathan Rauch, Autor von "The Constitution of Knowledge: A Defense of Truth". Er macht zwei Techniken aus, die den Diskurs gefährden, Desinformation und Cancellation. Als Meister der Desinformation sieht er Donald Trump, der russische Techniken in die amerikanische Öffentlichkeit übertragen habe Die Technik nennt er "Feuersturm der Unwahrheit": "Sie setzen einfach so viele Lügen in die Welt, dass niemand mithalten kann. Es wäre sogar eine Dummheit, es zu versuchen, denn die Lügen widersprechen sich sogar. Aber sie überschwemmen die Öffentlichkeit mit so vielen Lügen und Verschwörungstheorien, dass die Leute ihre Orientierung verlieren, zynisch werden, nicht mehr wissen, wem sie trauen können." Cancellation wiederum sei nicht "mit Kritik zu verwechseln. Kritik will den rationalen Austausch von Ideen in der Hoffnung auf Wahrheit. Cancellation will die Umgebung für einen politischen Raumgewinn manipulieren. Und es ist wichtig zu verstehen, dass es hier darum geht, die Leute zu entmutigen, zur Selbstzensur zu treiben."

Außerdem: Thierry Chervel hat für den Perlentaucher eine ausführliche Chronologie des "Historikerstreits 2.0" zusammengestellt, von der Mbembe-Debatte, über das Papier der "Initiative GG 5.3 Weltoffenheit" bis zur "Jerusalem Declaration" und A. Dirk Moses' Spott über den "Katechismus der Deutschen" - mit LInks auf alle wichtigen Texte der Debatte.