Der
Guardian bringt einen
Vorabdruck aus
Amartya Sens kommendem
Buch "Home in the World - A Memoir". Sehr nüchtern und ohne postkoloniale Hyperventilation fragt er, "was die britische Herrschaft wirklich für Indien vollbracht hat". Er endet mit einem
berückenden Tagore-Zitat: "In der kraftvollen Anklageschrift gegen die britische Herrschaft in Indien, die Tagore 1941 vorlegte, argumentierte er, dass
Indien viel aus seiner Verbindung mit Großbritannien gewonnen habe, zum Beispiel aus 'Diskussionen, die sich auf Shakespeares Drama und Byrons Poesie konzentrierten, und vor allem ... dem
großherzigen Liberalismus der englischen Politik des 19. Jahrhunderts'. Die Tragik liege darin, dass das, 'was in ihrer eigenen Zivilisation wirklich das Beste war, das Betonen der Würde der menschlichen Beziehungen, in der britischen
Verwaltung dieses Landes keinen Platz hat'. In der Tat hätten die Briten den indischen Untertanen nicht erlauben können, sich dieser Freiheiten zu bedienen, ohne das
Empire selbst zu bedrohen."
Timothy Snyder bringt in der
New York Times einen sehr langen und recht komplexen Essay über Geschichts- und Identitätspolitik. Er erläutert zunächst russische Geschichtsgesetze, die den Hungermord an ukrainischen Bauern, den "
Holodomor", relativieren und kommt dann auf geschichtspolitische Gesetze zu sprechen, die von den
Republikanern in einigen Bundesstaaten erlassen wurden. "Die größte Gemeinsamkeit unter diesen Gesetzen ist einem Erforscher der repressiven Gedächtnisgesetze anderswo in der Welt vertraut. Sie liegt in ihrer
Aufmerksamkeit für Gefühle. Vier von fünf Gesetzen verbieten in fast identischem Wortlaut jegliche Aktivitäten im Lehrplan, die 'Unbehagen, Schuldgefühle, Ängste oder irgendeine andere Form von psychologischem Leid aufgrund der Rasse oder des Geschlechts der Person' hervorrufen würden." Snyder verteidigt nebenbei aber auch die "
Critical Race Theory". Das ganze muss möglicherweise vor dem Hintergrund des Streits zur Artikelserie über das
Jahr 1619 in der
New York Times gelesen werden, die die Sklaverei als das begründende Ereignis des Landes darstellte (unser
Resümee).
Die nigerianische Autorin
Chimamanda Ngozi Adichie hat Transfrauen Transfrauen genannt, und nicht einfach Frauen, wie diese es wünschen. Das hat zu großem Streit geführt (unser
Resümee). Ein Unterschied zwischen Transfrauen und Frauen existiert zwar,
erläutert Peter Weißenburger in der
taz, aber es wäre unhöflich, ihn zu benennen: "Die Aussage, die Adichie über trans Frauen gemacht hat, kann als
trans-ausschließend verstanden werden. Zwar ist ihr Appell, dass man 'zwischen Erfahrungen differenzieren' möge, alles andere als kontrovers. Kaum jemand wird abstreiten, dass Erfahrungen von cis und trans Frauen sich unterscheiden. Oder dass männlich gelesenen trans Frauen männliche Privilegien zuteilwerden können. Aber wann man Differenz betont und welche Differenz, ist eine
strategische Entscheidung."
Auch in der
Linkspartei tobt ein Streit um Identitätspolitik, der in ein wohl aussichtsloses Parteiausschlussverfahren gegen
Sahra Wagenknecht führt - in Wahlkampfzeiten keine Empfehlung. Wagenknecht wirft ihrer Partei in ihrem
Buch "Die Selbstgerechten" vor, ihren eigentlichen Feind aus dem Auge zu verlieren, erläutert Thomas Thiel in der
FAZ: "Wer sich um soziale Gerechtigkeit nicht kümmere, sagt Wagenknecht, tue auch für Minderheiten nichts. Identitätspolitik ist bei ihr kein Engagement für Minderheiten, sondern ein
umgeschminkter Neoliberalismus, auf den ihre ökonomisch blind gewordene Partei hereinfällt... Das Unternehmertum kann sich nichts Schöneres vorstellen als eine Opposition, die tagfüllend um den richtigen Namen für ein Zigeunerschnitzel streitet."