Die Publizistin
Cinzia Sciuto wehrt sich in der
FAZ (Gegenwartsseite) gegen die Formulierung, dass Kindern bei der Geburt ein
Geschlecht "
zugewiesen" wird. Diese Formulierung findet sich etwa in Texten des Bundesfamilienministeriums im Kontext mit dem Thema Transsexualität. "Wenn man sagt, 'das Frau-Sein kann nicht darauf reduziert werden, dass Frauen eine Gebärmutter haben', ist das so wahr wie die Aussage, dass das Menschsein nicht darauf reduziert werden kann, dass Menschen zwei Beine haben. Dies sind Aussagen auf einer völlig anderen semantischen Ebene. Deshalb sind sie alle wahr. Die Behauptung dagegen, dass das biologische Geschlecht selbst eine soziale Konstruktion ist und nichts Objektives an sich hat, wie es der Ausdruck 'zugewiesen' suggeriert, hat
keine wissenschaftliche Grundlage." Daraus zieht Sciuto auch Konsequenzen in der Frage der Bezeichnung und Selbstdefinition von Geschlechteridentitäten: "Natürlich hat jeder und jede die Freiheit, sich so zu definieren, wie er oder sie es für richtig hält. Für mich lehne ich die Definition von '
cisgender'-
Frau ab, und ich bitte alle, mich
nicht so zu bezeichnen. Ich bin eine Frau, weil ich ein weibliches Exemplar der Gattung Homo sapiens bin."
Die
taz setzt einen kleinen Schwerpunkt zu "
Diversity", die sie als Kampf um eine "offene Gesellschaft" begreift, wie Andreas Rüttenauer im Editorial
schreibt, "im Zeichen des Regenbogens - versteht sich". Unter anderem
verteidigt Patricia Hecht das
Gendern, das mehr sei als eine Sprachmarotte: "Gendern greift Identität an. In einer Sprache des
generischen Maskulinums scheinen sich die Geschlechter übersichtlich und in
traditionellen Rollen wohlgeordnet zu befinden. Dass dies schon lange nicht mehr der Fall ist, dass das binäre Geschlechtersystem und sogenannte traditionelle Rollen aufgebrochen sind, dazu trägt Sprache bei. Dass es dabei 'nur' um Sprache geht und wir insofern doch Besseres zu tun hätten, was gern als Argument gegen das Gendern vorgebracht wird, stimmt nicht: Sprache ist ein
Handlungsinstrument. Sprache prägt Gesellschaft."
In der
Welt sehen
Andreas Rödder und
Kristina Schröder das ähnlich und werfen genau deshalb "einer selbstgerechten Elite akademischer Mittelschichten" einen "rücksichtslosen und ziemlich
verlogenen Kulturkampf" vor: "Wer so mit Fakten zum Klima umginge, wie es die Genderstern-Aktivisten mit der Sprache tun, würde sofort als
Wissenschaftsleugner diffamiert. Dasselbe gilt für den Umgang mit der Biologie. Der Genderstern will nicht einfach Frauen und andere sichtbar machen, wie es oftmals heißt. Dahinter steht vielmehr das Konzept der
fluiden Geschlechtlichkeit, das die naturwissenschaftlich unstrittige Unterscheidung von Männern und Frauen überwinden will."
Laut Claudius Seidl in der FAS stellt
Per Leo in seinem
Buch "Tränen ohne Trauer", das sich nun auch noch mit der
deutschen Vergangenheitsbewältigung befasst, die Frage "Was ist deutsch?" Seidl antwortet mit Leo: "Zum
Volk der Täter gehörig: Das wäre eine der schärfsten Definitionen - wenn nicht fast jeder fünfte Deutsche eine Person mit
Migrationshintergrund wäre, ein Mensch also, dem man von der Schuld der deutschen Urgroßväter nichts zu erzählen braucht, weil er womöglich mit ganz anderen Geschichten fertig werden muss. Per Leo erwähnt das, aber dass es ein nahezu unlösbares Problem fürs deutsche Selbstverständnis sein könnte, mag er nicht glauben."
Die Theologen
Gabriele Scherle und
Peter Scherle antworten in der
FAZ auf einen Artikel
Dan Diners, der wiederum auf
A. Dirk Moses' Spott über den "Katechismus der Deutschen" geantwortet hatte (unser
Resümee). Sie stimmen Diner, der im Bezug auf den Holocaust von "negativer Erwählung" sprach, zu: Auch im Holocaust bleibe "die
theologische Kontur sichtbar, dass es um das Gottesvolk Israel und damit um jene souveräne Macht Gottes geht, die alle menschliche Macht begrenzt - am deutlichsten durch eine in nichts Innerweltlichem begründete Erwählung. Deshalb ist der Antisemitismus nicht einfach eine weitere Gestalt des Rassismus oder einer anderen Form der Entmenschlichung. Der Wille zur Vernichtung der Juden (im tausendjährigen Reich) ist in geschichtlichen Kategorien nicht völlig verrechenbar."
Außerdem: In der
taz erklärt Malaika Rivuzumwami, was "
ganzheitliche Dekolonisierung" ist und schlägt ein "
Critical-Wellness"-Programm vor, das klärt, "was Rassismus körperlich und psychisch mit einer Person macht".