9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.08.2021 - Ideen

A. Dirk Moses' Motiv ist Israelhass, schreibt Alan Posener in seinem Blog starke-meinungen.de und verweist auf einen Artikel Moses' von 2017: "Empire, Resistance, and Security: International Law and the Transformative Occupation of Palestine". Dort wolle Moses nicht nur "keinen Wesensunterschied zwischen der kolonialen Politik etwa der Briten, der Nazis und Israels gelten lassen", er mache sich auch das Weltbild der Hamas zu eigen, die Israel ganz von der Landkarte tilgen will. Die Taktik der Hamas des wahllosen Raketenbeschusses der israelischen Zivilbevölkerung heißt Moses laut Posener in diesem Artikel nicht nur gut, sondern fordert eine entsprechende Veränderung des Kriegsrechts. Unter anderem bemerkt Posener außerdem, "dass Moses als Ziel der israelischen Besatzung 'Palästinas' die 'Eliminierung der Eingeborenen' ausgibt. Nicht zufällig wählt der Israelfeind den Begriff 'elimination', der auf den von Daniel Goldhagen geprägten Begriff des 'eliminatorischen Antisemitismus' anspielt. Goldhagen unterschied einen sozusagen gewöhnlichen Antisemitismus, wie er in ganz Europa gang und gäbe war, vom besonderen 'eliminatorischen' Antisemitismus, den er vor allem in Deutschland, und nicht nur bei den Nazis, ausmachte. Führte der gewöhnliche Antisemitismus zu Diskriminierung und Ausgrenzung, so war die letzte Konsequenz des eliminatorischen Antisemitismus die Auslöschung der Juden im Holocaust. Nach Moses hat Israel in Bezug auf die Araber in Palästina ein ähnliches Ziel verfolgt und verfolgt es noch."

Außerdem: Bei den Kolumnisten weist Leonid Luks im Zusammenhang mit dem "Historikerstreit 2.0" auf einen der Urheber des "eliminatorischen" Antisemitismus hin, Houston Stewart Chamberlain, dessen "Grundlagen des 19. Jahrhunderts" auch Hitler inspirierten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.07.2021 - Ideen

Marko Martin erinnert in der Welt an den Philosophen und Publizisten Ludwig (Ludwig!) Marcuse, der vor fünfzig Jahren gestorben ist und in der frühen Bundesrepublik mit seiner Autobiografie "Mein zwanzigstes Jahrhundert" einen Bestseller hatte. Er hatte sich anders als sein Namensvetter von der Frankfurter Schule ferngehalten und pflegte einen menschenfreundlichen Skeptizismus, zu dem ihn auch der amerikanische Philosoph John Dewey inspiriert hatte. Martin gibt uns dieses schöne Zitat von Marcuse mit: "Du sollst lieber einem kleinen Mädchen die Tränen trocknen als für die Menschheit unterschreiben... Der angebliche Kummer um die Menschheit ist ein Symptom absoluter Gleichgültigkeit, ein Symptom der Kargheit des Interieurs." Dlf Kultur würdigt ihn heute in einer dreistündigen Sendung.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.07.2021 - Ideen

Nach der Corona-Pandemie und der den Klimawandel belegenden Hochwasserkatastrophe tastet Soziologe Heinz Bude im Gespräch mit den tazlerinnen Barbara Junge und Ulrike Winkelmann im Nebel: "Wir müssen zurückkehren an einen Ort, an dem wir noch nicht waren. Das scheint mir genau das Problem. Wir wollen Rückkehr in ein normales Leben. Aber wenn wir ganz ehrlich sind, wissen wir, dass die Normalität, die wir dann haben werden, eine andere Normalität sein wird und neue Formen des Zusammenwirkens nötig macht. Ich weiß, was Sie jetzt beide sagen wollen - und nein, ich finde auch nicht, dass irgendeiner der politischen Anbieter dieses Problem schon verstanden hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.07.2021 - Ideen

Im Historikerstreit 2.0 sind es Akademiker von links, die den Holocaust in größere globalgeschichtliche Kontexte integrieren wollen - im Namen "antirassistischer" und postkolonialer Ideen. In diesen modischen Diskurs reiht sich nun auch Per Leo mit seinem Buch "Tränen ohne Trauer" ein, kritisiert Stefan Laurin bei den Ruhrbaronen. Laurin deckt einige faktische Fehler bei Leo auf, die Geschichte passend machen: "An dem Satz 'Nicht von ungefähr jedenfalls fanden die ersten rassistischen Pogrome nach dem Nationalsozialismus nicht in Hoyerswerda oder Rostock-Lichtenhagen statt, sondern in Solingen und Mölln' ist nahezu alles falsch: Die Pogrome von Hoyerswerda (17. September 1991) und Rostock-Lichtenhagen (22. und 26. August 1992) fanden vor den Morden in Mölln (23. November 1992) und Solingen (29. Mai 1993) statt. Und letztere waren Anschläge von Neonazis und keine Pogrome, die von der Bevölkerung der beiden Ost-Städte zumindest teilweise unterstützt wurden."

Außerdem: In der NZZ erinnert Zsuzsa Breier die Verfechterinnen einer gegenderten Sprache daran: "Ohne Sprachnormen gibt es keinen Sprachgebrauch, ohne Sprachgebrauch keine Kommunikation." Und in der Welt kritisiert Jan Küveler die neuen "Lifestyle-Linken": "Während sie sich moralisch überlegen dünken und andere Leute aufgrund ihrer Konsumentscheidungen oder -möglichkeiten verachten, zementieren sie in Wahrheit eine gesellschaftliche Spaltung, die einer wahren Linken, die gerade das Gegenteil anstrebt, niemals genehm sein dürfte. Das Vertrauen auf die eigene Tugendhaftigkeit lässt sie die wachsende Ungleichheit um sie herum ignorieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.07.2021 - Ideen

Die Publizistin Cinzia Sciuto wehrt sich in der FAZ (Gegenwartsseite) gegen die Formulierung, dass Kindern bei der Geburt ein Geschlecht "zugewiesen" wird. Diese Formulierung findet sich etwa in Texten des Bundesfamilienministeriums im Kontext mit dem Thema Transsexualität. "Wenn man sagt, 'das Frau-Sein kann nicht darauf reduziert werden, dass Frauen eine Gebärmutter haben', ist das so wahr wie die Aussage, dass das Menschsein nicht darauf reduziert werden kann, dass Menschen zwei Beine haben. Dies sind Aussagen auf einer völlig anderen semantischen Ebene. Deshalb sind sie alle wahr. Die Behauptung dagegen, dass das biologische Geschlecht selbst eine soziale Konstruktion ist und nichts Objektives an sich hat, wie es der Ausdruck 'zugewiesen' suggeriert, hat keine wissenschaftliche Grundlage." Daraus zieht Sciuto auch Konsequenzen in der Frage der Bezeichnung und Selbstdefinition von Geschlechteridentitäten: "Natürlich hat jeder und jede die Freiheit, sich so zu definieren, wie er oder sie es für richtig hält. Für mich lehne ich die Definition von 'cisgender'-Frau ab, und ich bitte alle, mich nicht so zu bezeichnen. Ich bin eine Frau, weil ich ein weibliches Exemplar der Gattung Homo sapiens bin."

Die taz setzt einen kleinen Schwerpunkt zu "Diversity", die sie als Kampf um eine "offene Gesellschaft" begreift, wie Andreas Rüttenauer im Editorial schreibt, "im Zeichen des Regenbogens - versteht sich". Unter anderem verteidigt Patricia Hecht das Gendern, das mehr sei als eine Sprachmarotte: "Gendern greift Identität an. In einer Sprache des generischen Maskulinums scheinen sich die Geschlechter übersichtlich und in traditionellen Rollen wohlgeordnet zu befinden. Dass dies schon lange nicht mehr der Fall ist, dass das binäre Geschlechtersystem und sogenannte traditionelle Rollen aufgebrochen sind, dazu trägt Sprache bei. Dass es dabei 'nur' um Sprache geht und wir insofern doch Besseres zu tun hätten, was gern als Argument gegen das Gendern vorgebracht wird, stimmt nicht: Sprache ist ein Handlungsinstrument. Sprache prägt Gesellschaft."

In der Welt sehen Andreas Rödder und Kristina Schröder das ähnlich und werfen genau deshalb "einer selbstgerechten Elite akademischer Mittelschichten" einen "rücksichtslosen und ziemlich verlogenen Kulturkampf" vor: "Wer so mit Fakten zum Klima umginge, wie es die Genderstern-Aktivisten mit der Sprache tun, würde sofort als Wissenschaftsleugner diffamiert. Dasselbe gilt für den Umgang mit der Biologie. Der Genderstern will nicht einfach Frauen und andere sichtbar machen, wie es oftmals heißt. Dahinter steht vielmehr das Konzept der fluiden Geschlechtlichkeit, das die naturwissenschaftlich unstrittige Unterscheidung von Männern und Frauen überwinden will."

Laut Claudius Seidl in der FAS stellt Per Leo in seinem Buch "Tränen ohne Trauer", das sich nun auch noch mit der deutschen Vergangenheitsbewältigung befasst, die Frage "Was ist deutsch?" Seidl antwortet mit Leo: "Zum Volk der Täter gehörig: Das wäre eine der schärfsten Definitionen - wenn nicht fast jeder fünfte Deutsche eine Person mit Migrationshintergrund wäre, ein Mensch also, dem man von der Schuld der deutschen Urgroßväter nichts zu erzählen braucht, weil er womöglich mit ganz anderen Geschichten fertig werden muss. Per Leo erwähnt das, aber dass es ein nahezu unlösbares Problem fürs deutsche Selbstverständnis sein könnte, mag er nicht glauben."

Die Theologen Gabriele Scherle und Peter Scherle antworten in der FAZ auf einen Artikel Dan Diners, der wiederum auf A. Dirk Moses' Spott über den "Katechismus der Deutschen" geantwortet hatte (unser Resümee). Sie stimmen Diner, der im Bezug auf den Holocaust von "negativer Erwählung" sprach, zu: Auch im Holocaust bleibe "die theologische Kontur sichtbar, dass es um das Gottesvolk Israel und damit um jene souveräne Macht Gottes geht, die alle menschliche Macht begrenzt - am deutlichsten durch eine in nichts Innerweltlichem begründete Erwählung. Deshalb ist der Antisemitismus nicht einfach eine weitere Gestalt des Rassismus oder einer anderen Form der Entmenschlichung. Der Wille zur Vernichtung der Juden (im tausendjährigen Reich) ist in geschichtlichen Kategorien nicht völlig verrechenbar."

Außerdem: In der taz erklärt Malaika Rivuzumwami, was "ganzheitliche Dekolonisierung" ist und schlägt ein "Critical-Wellness"-Programm vor, das klärt, "was Rassismus körperlich und psychisch mit einer Person macht".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.07.2021 - Ideen

Cornel West, einer der prominentesten schwarzen Intellektuellen der USA, verlässt Harvard, meldet NPR, offenbar aus einer ganzen Reihe von Gründen frustriert, darunter seine mickrige Bezahlung, eine nur oberflächliche Diversität - und die Feindlichkeit der Universität gegenüber der palästinensischen Sache.



In der Welt reagiert Thomas Schmid mit einem bösen Verriss unter der Überschrift "Die Arroganz der späten Geburt" auf Per Leos Streitschrift gegen die deutsche Gedenkkultur ("Tränen ohne Trauer"), auch wenn er ihm zubilligt, mit seiner Kritik an den hohlen Phrasen und Stanzen der Feiertagsreden einen Punkt zu machen. Mehr aber nicht: "Per Leo reiht sich in die Schar derer ein, die dazu neigen, das Holocaust-Gedenken als einen schweren Klotz zu betrachten, der unsere Bewegungs- und Denkfreiheit einschränke. Der uns hindere, endlich ins Freie zu treten, Nationalsozialismus und Holocaust hinter uns zu lassen beziehungsweise zu historisieren und deutend einzubetten. So ist es auch kein Wunder, dass er immer wieder nah an einer Begrifflichkeit vorbeischrappt, die in rechts-reaktionärer Ecke verbreitet ist. Leo spricht zwar nicht ausdrücklich von 'Sündenstolz', er echauffiert sich auch nicht ausdrücklich über Deutschland als 'Moralweltmeister', meint das vermutlich aber. Und kommt dem auch ziemlich nahe, wenn er angesichts der Warnungen vor altem und neuem Antisemitismus die Deutschen dazu aufruft, 'nicht mehr auf jeden Dealer hereinzufallen, der unserem Gewissen seinen gestreckten Stoff als 'Antisemitismus' verkaufen will, nur weil er zu wissen meint, wie sehr wir darauf abfahren'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.07.2021 - Ideen

Pierre-André Taguieff ist schon seit den achtziger Jahren einer der wichtigsten Historiker der "Neuen Rechten" in Frankreich, aber auch des Rassismus und des Antisemitismus von rechts und links. Taguieff prägte den Begriff  des "Islamogauchismus". Jetzt erscheinen gleich zwei neue Bücher von ihm (bisher nur auf Französisch), die Jürg Altwegg in der FAZ vorstellt, "L'imposture décoloniale" und "Liaisons dangereuses: islamo-nazisme, islamo-gauchisme". Die Genese des "Islamogauchismus" zeichnet Altwegg nach Taguieff so nach: "Die Causa der Palästinenser hatten die (vielfach jüdischen) Maoisten der 'Gauche Prolétarienne' im Visier, sie ersetzten die Proletarier der Kommunistischen Partei durch die muslimischen Einwanderer aus den ehemaligen Kolonien. Doch die Algerier, Tunesier, Marokkaner wollten nicht vereint kämpfen. Mit den Palästinensern konnten sie sich hingegen identifizieren, die Religion und der Antizionismus beflügelten das Engagement, dem Antisemitismus wurde die 'Islamophobie' entgegengesetzt."

Ebenfalls in der FAZ bespricht der Sprachwissenschaftler Wolfgang Krischke sehr kritisch das Buch "Sprachkampf" seines Kollegen Henning Lobin, der behauptet, dass die aktuellen Scharmützel um Sprache vor allem von der Rechten ausgehen (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr). Und Christian Geyer erinnert an den Philosophen und Psychologen Paul Watzlawick, der in diesen Tagen hundert Jahre alt würde.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.07.2021 - Ideen

Ist der Westen unrettbar rassistisch? Die Postkolonialisten behaupten das, aber es geht ihnen nicht um Rassismus, wie die von A. Dirk Moses ausgelöste Debatte zeigt, es geht immer um Israel, glaubt Thomas E. Schmidt in der Zeit. "In Deutschland fordern bis jetzt nur Rechtsextreme, dass Israel von der Landkarte verschwinden solle." Das hat sich geändert, wie Schmidt bei einer Diskussionsveranstaltung der Postkolonialen im Haus der Kulturen der Welt erkannte. "BDS ist der weiße Elefant in diesem Diskursraum. BDS ist die Lizenz, sich ideenpolitisch mit der Sache der Palästinenser zu solidarisieren, und zwar in einem Rahmen, den die palästinensischen Kampforganisationen gezogen haben. Dieser Rahmen eröffnet die Möglichkeit, die Kritik an der israelischen Politik mit einer Infragestellung des Staates Israel zu verschleifen, sie vielleicht auch nur in Kauf zu nehmen. Und dies ist nur im Zusammenhang mit einer postkolonialistischen Argumentation möglich: Die jüdische Landnahme stellt dann den letzten großen Fall in der modernen Geschichte der Kolonisierung dar, Israel die derzeit skandalöseste Gestalt westlicher Nationalstaatlichkeit im 'rassistischen Jahrhundert' (Moses). Originär ist dann nicht die Schoah, sondern die Gründung des Judenstaates."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.07.2021 - Ideen

Antisraelische Positionen sind im Zeichen des Postkolonialismus oder modischen Antirassismus allgegenwärtig. Für Antisemitismus haben die Strömungen gar keinen Begriff, schreibt Anastasia Tikhomirova in der taz. Aber neu sind diese Positionen in der aktionistischen Linken nicht. Schon seit dem Sechstagekrieg richtet man sich "gegen den 'zionistischen Besatzerstaat' - als höchste Form des US-Imperialismus und Kolonialismus. In diesem Weltbild fanden auch Verschwörungsideologien von der 'zionistischen Weltherrschaft' und vom 'jüdischen Finanzwesen' in Form des regressiven Antikapitalismus Platz. Sie wirken bis heute in relevanten Teilen der Linken fort, während Antisemitismus sowie die permanente Bedrohung jüdischen Lebens kategorisch ausgeblendet und stattdessen eine bedingungslose Solidarität mit Palästina eingefordert wird."

In der Berliner Zeitung behauptet Susan Neiman, in Deutschland würden Diskussionen über einen "demokratischen Nahen Osten ... für illegitim, ja für antisemitisch erklärt". Zwar kommen Kritiker der israelischen Politik wie David Grossman, Eva Illouz und Omri Boehm in deutschen Medien ausgiebig zu Wort, wie sie zugibt, aber der BDS-Beschluss des Bundestages von 2019 liegt ihr auf der Seele: "Projektgelder werden zurückgezogen, Ausstellungen und Konzerte abgesagt. Neulich wurde die Arbeit der israelischen Künstlerin Shira Wachsmann, für eine Chemnitzer Ausstellung bestellt, in einem anderen Raum gezeigt, weil der Veranstalter einen Brief erhielt, der ihr 'israelfeindliche Positionen' vorwarf. Begründet wurde der Vorwurf damit, dass die Israelin Wachsmann einen Aufruf der Initiative 'GG 5.3 Weltoffenheit' unterstützt habe." Die Frage, wer denn unter den Bedingungen der Israel-Boycott-Bewegung BDS ausstellen dürfte, stellt sich Neiman nicht. Sie lobt ausdrücklich Bundespräsident Steinmeier, der während seines Israelbesuchs jüngst just Grossman, Illouz und Boehm ehrte.

Ali Tonguç Ertuğrul, Sabri Deniz Martin und Vojin Saša Vukadinović kritisieren in der Jungle World A. Dirk Moses und seine Adepten, deren Antirassismus sie als Instrumentalisierung von Minderheiten zu politischen Zwecken sehen: "Dass sich solch linksidentitäre Zeilen lesen, als ob der Schulbesuch in der KZ-Gedenkstätte für junge Migranten eine Zumutung sei, weil ihre Blutsverwandtschaft nichts mit den einstigen Verbrechen zu tun gehabt habe, ist kein Zufall. Moses professionalisiert für die höchsten Bildungsebenen jene tribalistischen Tendenzen, die in anderen gesellschaftlichen Bereichen längst vorherrschen."

Außerdem: Herfried Münkler geht in einem ganzseitigen FAZ-Essay (auf der Seite "Ereignisse und Gestalten") der Theorie nach, dass sexuelle Übergriffe auf die Frauen, Mädchen und Knaben von Kriegsgegnern aber auch im eigenen Staat schon in der Antike als "Merkmal der 'orientalischen Despotie'" gegeißelt wurden. Und in geschichtedergegenwart.ch unterhält sich Sina Speit mit der Historikerin Tiffany N Florvil über die Geschichte der afrodeutschen Frauenbewegung.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.07.2021 - Ideen

Schuld und Beschämung können legitime Mittel in einer politischen Auseinandersetzung sein, schreibt die Philosophin Maria-Sibylla Lotter in der NZZ und nennt als Beispiel dafür die durch jahrelange Anklagen erkämpfte Anerkennung des Genozids an den Herero und Nama. Allerdings habe sich der Diskurs der Schuld verselbständigt und werde immer mehr zum Diskurs einer Erbsünde - hierfür nennt Lotter die Ideen des "strukturellen Rassimsus" und der "Critical Whtiness", die eine automatische Schuld behaupten: "Diese Wahrnehmung wird genährt durch eine selektive Geschichtsbetrachtung, die den Anschein erweckt, als seien Sklaverei, Kolonialismus und andere historische Ungerechtigkeiten allein eine von der westlichen Kultur ausgehende Praxis, während allen anderen die Rolle von Opfern zukomme. In anderen Teilen der Welt staunt man über diese Formen geschichtsvergessener Autoaggression. So diagnostizierte der indische Politiker Swapan Dasgupta in der Hindustan Times schon 2017, die Geschichtswissenschaft in Großbritannien sei mittlerweile von einem unkritischen Eurozentrismus in eine politisch ebenso unkritische Form der kulturellen Selbstverachtung umgeschlagen."

Ebenfalls in der NZZ denkt Robert Nef, Gründer des "Liberalen Instituts" in Zürich, über die Triftigkeit der Begriffe "Links" und "Rechts" zur Beschreibung des politischen Spektrums nach.