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9punkt - Die Debattenrundschau

Freiheit, Gleichheit und Überfluss

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.02.2021. Ein Jahr nach den Morden von Hanau untersucht Klaus Theweleit in der taz den Tätertypus des panischen Soldatenkillers. Woke ist nicht links, meint Bernd Stegemann in der Welt, sondern moralisch-regressiv, also reaktionär. In der SZ bescheint Nele Pollatschek denjenigen ein Empathie-Problem, die den vorrangigen Impfschutz für Männer kategorisch ablehnen. Ebenfalls in der SZ stemmt sich Durs Grünbein gegen den Revisionismus, der seit dem 13. Februar 1990 die Bombardierung Dresdens vereinnahmt. Die FAZ beobachtet staunend die Zerknirschung der Cinque Stelle. Und die NZZ plädiert für mehr Karneval.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.02.2021 finden Sie hier

Ideen

Vor einem Jahr, am 19. Februar 2020, tötete der rechtsextreme Tobias R. in Hanau zehn Menschen. Diesen "soldatischen Killertypus", der auch in Halle, Christchurch, Charleston oder Utoya  zuschlug, als schizophren oder narzisstisch zu diagnostizieren, reicht nicht aus, meint Klaus Theweleit in der taz: "Mensch ist heute ein in vieler Hinsicht mehrfach gespaltenes Gebilde und lebt in einer Körperlichkeit, die sich unter einem dieser Begriffe vernünftig nicht fassen lässt. Ich nenne das heute vorkommende ein Segment-Ich, das sich aus vielerlei Spaltungen zusammensetzt, mit denen es alltäglich umgeht, ohne dass eine Zuschreibung wie Schizophrenie oder Narzisst irgendeinen Sinn dafür machen würde. Die Spaltungen sind Alltag. Das Individuum ist ein Split-Ego. Die Verrücktheit der Killer besteht darin, dass sie genau damit nicht klarkommen. Sie fordern die Wiederherstellung der nicht mehr haltbaren Einheitlichkeit des Subjekts unter Einheitlichkeitstermini wie Nation, Rasse, Natur, Geschlecht. Den tatsächlichen Untergang von deren Relevanz durchleben sie im eigenen Körper, können ihn aber nicht verarbeiten. Sie werden davon zerrissen und leben in Panik. Hilfe verspricht allein Gewalt. Zerstörung jener, die in den neuen Uneinheitlichkeiten leben können; und das auch noch feiern."

Wir erleben derzeit eine "Krise der Öffentlichkeit", sagt der Dramaturg Bernd Stegemann im großen Welt-Gespräch, das Jan Küveler anlässlich des Erscheinens von Stegemanns Buch "Die Öffentlichkeit und ihre Feinde" mit ihm geführt hat. Die Gesellschaft ist zersplittert, Debatten werden nicht mehr "produktiv" geführt und die Identitätspolitik treibt die "Retribalisierung" der Gesellschaft voran, meint er auch mit Blick auf Cancel Culture von links: "Man kann nur dafür eintreten, dass die Empörung nicht allzu viel Macht in den Institutionen bekommt. Leider ist bei den woken Aktivisten das Wissen verloren gegangen, dass Moral lange ein Mittel der Unterdrückung war, um die sogenannten Unterschichten mundtot zu machen. Ihnen wurde entgegengerufen 'Seid nicht so neidisch, so gierig, so unverschämt', um sie vom Aufstand abzuhalten. Die Geschichte der Moral nicht zu kennen, ist ein regressiver Zug der neuen Moralisten. Deshalb unterscheide ich auch zwischen 'woke' und 'links': 'Woke' verfolgt eine moralistisch- regressive Politik, die mit links gar nichts zu tun hat. Sie hat ein reaktionäres Menschenbild und betreibt eine reaktionäre Politik."
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Gesellschaft

Männer infizieren sich nicht häufiger als Frauen mit Covid-19, aber sie sterben doppelt so häufig. Ein vorrangiger Impfschutz für sie, wie ihn Ralf Bönt in der Zeit forderte, sei vielleicht nicht gerecht durchführbar, aber auf keinen Fall illegitim, schreibt die Autorin und Literaturwissenschaftlerin Nele Pollatschek in der SZ. Im Gegenteil: "'Dann sollen sie doch Hände waschen' schallte es durch die sozialen Medien. Das war nicht nur schlecht gedacht - Schmierinfektion spielt eine untergeordnete Rolle, Händewaschen bringt wenig, und die meisten von Bönt erwähnten Faktoren sind biologisch. Es war vor allem sexistisch. Selbst wenn Männer maßgeblich selbstverantwortlich sind, was sie wahrscheinlich nicht sind, macht das sie nicht weniger schützenswert. Medizin bedient sich nicht der Schuldfrage. Nach der gleichen Logik müsste man Übergewichtigen sagen, sie sollen weniger essen, statt bevorzugt geimpft zu werden. Wir können nicht von Männern eine Verhaltensänderung erwarten und von anderen gefährdeten Gruppen nicht, ohne damit zu sagen, dass wir Männer für überlegen halten. Wenn wir auf die Schutzforderung einer gefährdeten Gruppe nicht mit Schutz, sondern mit 'dann benehmt euch anders' reagieren, dann haben wir ein Empathie-Problem."

Nie hätten wir den Karneval nötiger gehabt als nach diesem Corona-Jahr, seufzt Manuel Müller in der NZZ, aber natürlich ist er nicht nur in Köln und Rio abgesagt, sondern auch in Luzern. Den Verächtern des Karnevalesken erklärt er noch einmal das Utopische an der Idee: "Bachtin sagt es so: 'Der Karneval ist das zweite, auf dem Lachprinzip beruhende Leben des Volkes, er ist sein festliches Leben.' Was heißt das? Die Fasnächtler treten nach Bachtin eine Zeitlang in ein utopisches Reich ein, wo Freiheit, Gleichheit und Überfluss herrschen. Alle hierarchischen Verhältnisse seien dabei aufgehoben, es gebe keine Privilegien, keine Normen und keine Tabus mehr. Ihre Stelle nehme ein universales Lachen ein, das sich auf alles richte - auch gegen sich selbst."
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Geschichte

Den Dichter Durs Grünbein fröstelt in der SZ bei den revisionistischen Geschichtsbildern, die in der Antifa auf einmal eine üble Organisation sehen und die Bombardierung Dresdens nicht als Reaktion auf die von Nazi-Deutschland lancierten Luftangriffe auf Europas Städte wie Warschau, Coventry, Rotterdam und Belgrad: "Die Bombardierung meiner Heimatstadt: Natürlich konnte sie von den Betroffenen und ihren Familien nie vergessen werden. Das sind die Gesetze der Psyche, das Trauma wirkt nach. Warum man aber die historischen Gesetze: Ursache und Wirkung, Täter und Opfer, in Frage stellt, bleibt ein Rätsel. Jedes Aufrechnen führt in die Irre. Und doch waren am 13. Februar 1990 die Geister von gestern wieder zur Stelle, Revanchisten, Revisionisten. Plötzlich war die Rede vom 'Völkermord'. Ein britischer Historiker, David Irving, veranschlagte die Toten von Dresden auf über hunderttausend. Damit war das Rennen um das Vergleichen des Unvergleichlichen eröffnet."
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Archiv: Geschichte

Politik

Die Vergiftung und Verurteilung Alexei Nawalnys, die niedergeknüppelten Demonstrationen und Putins Goldpalast lassen die Menschen in Russland allmählich zweifeln an der Legitimität ihrer Herrscher, beobachtet Viktor Jerofejew in der Welt und fühlt sich an Andrej Platonows Figur des Makar erinnert: "Der gewöhnliche Politiker besteht aus Versprechungen und Eitelkeiten, Nawalny opfert sich selbst. Das hat viele Menschen erschüttert und selbst beim schlichtesten Gemüt im tiefsten Russland Zweifel gesät. Woran? An allem! Nawalnys Enthüllungen begannen Wirkung zu zeigen: Der kollektive Makar, der alles glaubte, begann sich in einen zweifelnden Makar zu verwandeln."

In Italien wird der neue Ministerpräsident Mario Draghi selbst von den Cinque Stelle als Heilsbringer gefeiert, staunt Klaus Georg Koch in der FAZ, ganz so als hätten sie nicht ihr Programm des "Leck mich am Arsch" gegen die Institutionen und die Märkte gerichtet: "Wie aufrichtig die aktuelle Zerknirschung unter den Populisten ist, lässt sich nicht beurteilen. In der Form ist sie aber das Eingeständnis, die eigenen Ansprüche nicht eingelöst zu haben, ja sogar, den falschen Weg beschritten zu haben. Während früher Fronten gegen angebliche Feinde italienischer 'Identität' errichtet wurden, soll es unter Draghi um gesellschaftlichen Zusammenhalt gehen. Wollte man vorher Regeln der EU umstürzen, so stehen jetzt Reformen im Inneren an. Wurden anfangs die Rentner bedient, geht es künftig um die Entwicklung des Humankapitals der jüngeren Generationen. Salvini wollte 'verteidigen', Draghi investiert."

Die Pandemie hat die Krise der Innenstädte nicht geschaffen, aber sie vergrößert, schreibt Joachim Käppner in der SZ und fordert gegen die Verödung eine Mietpreispremse unter anderem auch für gewerbliche Immoblien: "Nur auf die schützende und gebende Hand des Staates zu setzen und zu hoffen, ist Tagträumerei. Zu viele Kommunen begreifen ihre Innenstädte als eine Art möglichst einträglicher High-End-Verkaufsfläche. Doch diese Zeit läuft ab, Strukturwandel lässt sich abmildern, aber nicht aufhalten. Was, zum Beispiel, viele Innenstädte in Italien oder Portugal so attraktiv macht, ist der einmalige Mix, das Zentrum als Begegnungsstätte für Shoppen und Flanieren, als Wohnort, Ausgehviertel und Kulturangebot. Mehr Grün, mehr Kinder, mehr Campus, mehr Vielfalt - so könnte die Zukunft aussehen."
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Wissenschaft

In der FAZ verteidigt Sibylle Anderl die Modellberechnung in der Wissenschaft gegen die Anhänger der reinen Faktenlage: "Modelle als Brückenelemente zwischen Theorien und Anwendungsfällen prägen seit jeher die Wissenschaften. Je komplexer das Problem, desto wichtiger werden Vereinfachungen, Idealisierungen und Approximationen. Mit dem Einsatz von Computern wurden die Grenzen des Berechenbaren zwar verschoben. Daran, dass Modelle das Modellierte nur annähern können, hat sich dennoch nichts geändert. 'Unsicherheit' ist daher der zentrale Begriff jeder Modellierungstätigkeit."
Archiv: Wissenschaft