Nachlese zu den
Oscars (
hier unser erstes Resümee): Es war ein angesichts der geopolitischen Weltlage und den jüngsten Trampeleien des US-Präsidenten
ziemlich braver Abend,
findet Dietmar Dath in der
FAZ. "Wer sich von der Oscar-Gala des Weltordnungs-Sorgenjahresbeginns 2025 eine bewegte, belebende, beredte Front linksliberaler Prominenz gegen die gegenwärtige Hasardeurs-Regierung im Weißen Haus erwartet hatte, musste sich dieses Wunschbild
am Gerät selbst zusammenpuzzeln." Umso politischer sind die nominierten Filme und die Auszeichnungen selbst gewesen,
findet Jenni Zylka in der
taz: "Selten spielten eindeutige politische Themen und Botschaften eine so tragende Rolle in der von Eskapismus und Entertainment geprägten US-Filmindustrie."
Marlene Knobloch (
Zeit Online) saß zuweilen ratlos vor dem Fernseher: "War man früher fast genervt vom
Aktivismus einer ihrem Naturell entsprechend doch sehr eitlen Branche, hoffte man nun ein kleines bisschen, dass nach dieser Woche ... die amerikanische Filmbranche, die sich gern als kraftvoll, progressiv, liberal feiert, Zähne zeigt. Schon die Eröffnung der Oscarverleihung aber deutet etwas anderes an: 'Somewhere Over the Rainbow'
singt Ariana Grande im roten Disney-Prinzessinnenkleid. Als ihr Co-Star
Cynthia Erivo aus
'Wicked' zum Duett beispringt, sich die beiden zweistimmig nach oben schwingen und das Orchester schmettert, funkelt eine
alte,
unschuldige Schönheit auf der Bühne des Dolby Theaters. Nur
irgendwie kratzt die Seide."
"Sonntagnacht in L. A. war lax",
schreibt Andreas Scheiner in der
NZZ. Anscheinend "ist Hollywood
eingeschüchtert. Die Filmszene steht für das alte Amerika. ... Fürchtet sie
Trumps Rache? Für das demokratische Hollywood sind die Oscars ein letzter 'safe space'. Neu ist das nicht. Der wichtigste Filmpreis der Welt wagt sich schon länger kaum mehr aus der Bubble heraus. Nicht nur ideologisch. Man verliert das Publikum aus dem Blick." Auch
SZ-Kritikerin Kathleen Hildebrand beobachtete "eine gewisse Müdigkeit der Geschlagenen. ... Der politischste Moment der Verleihung kam dann bei der Übergabe des Oscars für den besten Dokumentarfilm: 'No Other Land' gewann, der viel besprochene Film über den Kampf palästinensischer Dorfbewohner im Westjordanland. ... Der Palästinenser
Basel Adra und der Israeli
Yuval Abraham haben den Film zusammen gedreht, und nun standen sie auch gemeinsam auf der denkbar größten Bühne für einen Film, der als Friedensprojekt gedacht ist. ... Die Außenpolitik der USA, sagte Abraham, helfe dabei, den politischen Weg zu blockieren, der zu einem
friedlichen Miteinander in Israel und Gaza führen könnte."
Und der Siegerfilm? Ja,
"Anora" hat zweifellos Wucht und die Erfolgsgeschichte dieses Indie-Films von der Goldenen Palme in Cannes (unser
Resümee) bis zum Oscarsegen ist beeindruckend, doch "die Oscars wurden in diesem Jahr
um ein paar gute Geschichten gebracht, die perfekt zum Selbstbild Hollywoods gepasst hätten", findet Andreas Busche im
Tagesspiegel. "Um die eines Preises für
Demi Moore zum Beispiel, die nach über dreißig Jahren in Hollywood, dem natürlichen Alterungsprozess beharrlich trotzend, ihr Lebenswerk mit einer
Satire über den
Jugendwahn der Unterhaltungsbranche hätte vergolden können. Oder um die
Geschichte eines ersten Oscars für eine trans Schauspielerin,
Karla Sofía Gascón. Oder um den Regiepreis für
Brady Corbet mit
'Der Brutalist', der inmitten seiner Oscar-Kampagne noch Werbung in Europa drehen musste, um Geld zu verdienen. Das Kandidatenfeld war dieses Jahr so
ausgeglichen wie lange nicht mehr."
Weiteres von den Oscars: Bert Rebhandl
schreibt für den
Standard ein Kurzporträt über
Sean Baker, dem als unabhängiger Filmemacher mit "Anora" das Kunststück gelungen ist, dass bei diesen Academy Awards erstmals an einem Abend ein Künstler mit insgesamt vier Oscars ausgezeichnet wurde. Marian Wilhelm
hofft im
Standard, dass Hollywood mit dem Oscarregen für einen Film über Sexarbeiterinnen sich "auch endlich eines Teils seiner
Prüderie entledigt". Daniel Gerhardt
hat für
Zeit Online Mohammad Rasoulof,
Tim Fehlbaum und
Edward Berger zu den Oscars nach Los Angeles begleitet. Ane Hebeisen
berichtet im
Tages-Anzeiger von der
Partylaune in Brasilien über den Oscar für den besten internationalen Film. Robin Detje
ärgert sich in der
taz grün und blau
, dass die
Tagesschau den Oscar für den Dokumentarfilm "No Man's Land" nicht schnell und breit genug gewürdigt hat.
Abseits der Oscars: Teresa Wirth
informiert in der
Presse über den Stand der Dinge beim
Filmstandort Wien. Besprochen werden
Petra Biondina Volpes Krankenhaus-Drama "Heldin" (
NZZ, unsere
Kritik) und die zweite Staffel von
Taylor Sheridans auf
Paramount+ gezeigter Westernserie "1923" mit
Harrison Ford (
FAZ).