Im Kino
Wachsende Spannung in den Mundwinkeln
Die Filmkolumne. Von Fabian Tietke
26.02.2025. Ein Kleinod des deutschsprachigen Kinos: Getragen von der vortrefflichen Hauptdarstellerin Leonie Benesch erzählt Petra Biondina Volpes "Heldin" vom Alltag einer Krankenhaus-Pflegekraft. Der Stress, den dieser Beruf mit sich bringt, überträgt sich auf das Publikum.
An den Fenstern des Busses, der Floria Lind (Leonie Benesch) zur Spätschicht ins Kantonsspital bringt, zieht die nachmittägliche Kleinstadt Liestal vorüber. Linds Blick ist in eine Außenwelt gerichtet, die sie vor allem von der Umgebung des Busses abtrennt. Zügig eilt die junge Frau von der Bushaltestelle in den Umkleideraum, in dem sie ihre Alltagskleidung gegen die einer Pflegefachkraft tauscht. Auf der Station findet eine kurze Übergabe mit der Frühschicht statt. Durch unglückliche Umstände müssen an diesem Tag zwei Pflegefachkräfte die Station alleine schmeißen, unterstützt nur durch eine neue Schwesternschülerin. Die guckt verständlicherweise etwas überfordert, als Floria ihr ohne weitere Einweisung aufträgt, einen Rollwagen mit Medizinbedarf zu bestücken und dann auf ihre Runde durch die Hälfte der Station verschwindet, für die sie zuständig ist. Die Schweizer Regisseurin Petra Volpe zeigt in "Heldin" den Alltag einer Pflegefachkraft. Premiere feierte der Film vor wenigen Tagen auf der Berlinale.
Sobald Lind auf den Gang tritt, prasselt eine Flut von Fragen und Anliegen auf sie herunter. Einen älteren Mann erwartet die Diagnose Darmkrebs, falls es die zuständige Ärztin heute noch aus dem Operationsmarathon auf die Station schafft, ein anderer Patient soll für ein CT vorbereitet werden. "Einfach klingeln, wenn was ist - und nicht allein aufstehen." Bei einigen Patient_innen sind Behandlungspläne einzuhalten und ein etwas schnöseliger Patient im Privatzimmer klagt telefonierend, er habe zu lange auf sein Schmerzmittel für Rückenschmerzen gewartet. Angehörige fordern Gespräche ein, die ob dringenderer Aufgaben immer wieder nicht zustande kommen. Linds ohnehin zügiger Gang über den Flur wird hastiger, ganz allmählich bringt der Tag im Krankenhaus die junge Frau an ihre Grenzen.
Der Stress, dauernd mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, Prioritäten setzen zu müssen und zugleich fortlaufend mit immer neuen Problemen konfrontiert zu sein, überträgt sich beim Zusehen. "Heldin" wirkt wie Mischung aus einem zivilen Egoshooter und einer Krankenhausserie, bei der diverse Staffeln in anderthalb Stunden verdichtet werden. Man meint Linds Atem auf der Tonspur immer hastiger werden zu hören. Die punktierte Musik wirkt wie ein Countdown, der herunter zählt, bis etwas schief geht - denn dass früher oder später etwas schief gehen muss bei diesem Stress, erscheint unausweichlich. Tabletten werden vorsortiert, Spritzen werden aufgezogen, in jeder Tätigkeit lauert die Gefahr eines Fehlgriffs.

Volpe zeigt in "Heldin" eine junge Frau, deren Arbeitsbelastung ihre Souveränität bröckeln lässt. Als sie die Ärztin im Treppenhaus trifft, die nach einem Tag im OP auf dem Weg nach Hause ist, verliert sie kurz die Contenance; als der Privatpatient beklagt, den falschen Tee bekommen zu haben, wird das Brodeln des Wasserkochers, auf den Lind starrt, zum Ausdruck ihres Gemütszustands. Als Lind schließlich der unvermeidliche Fehler unterläuft, steht sie unter Schock.
Petra Volpe hat in Zürich Kunst studiert und nach einem Aufenthalt in New York als Cutterin gearbeitet. Volpes erste Filme, das Langfilmdebüt "Schönes Wochenende" (2006), "Kleine Fische" (2007) und "Frühling im Herbst" (2009) entstehen für das Fernsehen und liefen in Deutschland und der Schweiz auf Festivals. Seit ihrem Kinodebüt "Traumland" (2013) über Prostitution in der Schweiz und dem folgenden "Die göttliche Ordnung" (2017) über den Kampf einer Mutter für das Frauenstimmrecht in der Schweiz der 1970er Jahre sind Volpes Filme auch international präsent.
Der Film wird von seiner Protagonistin getragen. Floria Lind ist Leonie Beneschs großer Schauspielkunst wie auf den Leib geschrieben. Benesch, die zuletzt in Tim Fehlbaums "September 5" die Nebenrolle der deutschen Übersetzerin während des Münchner Olympia-Attentats verkörperte, spielt die Pflegefachkraft mit einer Mischung aus Intensität und Zurückgenommenheit, die nur wenige Schauspielerinnen im europäischen Kino beherrschen. "Heldin" verkommt nie zum Starkino. Stattdessen verkörpert Benesch eine junge Frau, die sich ähnlich wie die Lehrerin, die sie in İlker Çataks "Das Lehrerzimmer" spielte, in einem überfordernden Arbeitsumfeld selbst bewahrt und behauptet. Eine Heldin des Alltags. Beneschs Spiel ist dezent: wachsende Spannung in den Mundwinkeln lässt den Stress erahnen, die Gesten der Zuwendung werden fahriger, ihr Gang hastiger. Die wenigen Dialogzeilen, die sie während des Films spricht und von denen die meisten eher situativ sind, zeugen von der Routine der Rolle und transportieren Beiläufigkeit.
"Heldin" lebt von dem nahtlosen Ineinandergreifen von Volpes unprätentiöser Inszenierung und Beneschs Schauspiel, das sich nie aus der Rolle heraus in den Vordergrund spielt, sondern das Schauspiel in den Dienst des Films stellt. Die Kombination von Regisseurin und Hauptdarstellerin machen "Heldin" zu einem Kleinod des deutschsprachigen Films.
Fabian Tietke
Heldin - Schweiz 2025 - Regie: Petra Biondina Volpe - Darsteller: Leonie Benesch, Sonja Riesen, Alireza Bayram, Selma Jamal Aldin, Margherita Schoch, Urs Bihler - Laufzeit: 92 Minuten.
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