Im Kino
Totale Texttreue
Die Filmkolumne. Von Tilman Schumacher
24.07.2024. RP Kahl verfilmt in "Die Ermittlung" Peter Weiss' gleichnamiges Theaterstück über den Frankfurter Auschwitz-Prozess. Wie Weiss, der seinerzeit Gerichtsprotokolle collagierte, setzt Kahl dabei auf die Macht der überlieferten Sprache - und geht dabei dennoch möglicherweise nicht konsequent genug vor.
"Herr Präsident / man soll in diesem Prozeß / auch nicht die Millionen vergessen / die für unser Land ihr Leben ließen / und man soll nicht vergessen / was nach dem Krieg geschah / und was immer noch / gegen uns vorgenommen wird / Wir alle / das möchte ich nochmals betonen / haben nichts als unsere Schuldigkeit getan / selbst wenn es uns oft schwer fiel / und wenn wir daran verzweifeln wollten / Heute / da unsere Nation sich wieder / zu einer führenden Stellung / emporgearbeitet hat / sollten wir uns mit anderen Dingen befassen / als mit Vorwürfen / die längst als verjährt / angesehen werden müßten." Darauf folgt eine seltene Regieanweisung: "Laute Zustimmung von seiten der Angeklagten".
So schließt Peter Weiss' Drama "Die Ermittlung", das 1965 an fünfzehn deutsch-deutschen Theatern parallel uraufgeführt wurde und den zwischen Dezember 1963 und August 1965 stattgefundenen Auschwitz-Prozess in Frankfurt am Main künstlerisch verarbeitet. In elf ans antike Drama angelehnten Gesängen und mit großem Figurenensemble verdichtet Weiss die überlieferten Gerichtsaussagen zu einem denkbar reduzierten Stück, in dem die Worte der Zeugen, Täter, Verteidiger, Ankläger und Richter in einem einzigen, unveränderlichen Bühnenbild zusammentreffen. Vom "Gesang von der Rampe" bis hin zu dem der "Feueröfen" entfaltet sich die Topografie, Logistik und innere "Logik" der industriellen Vernichtung der Jüd:innen und politisch Verfolgten - und das ohne historische Ausstaffierung, allein durch Sprache vermittelt.
Eine Ermittlung, ein gleichermaßen um Fakten wie um persönlichste Erinnerung bemühter Bericht, der keinen Hehl daraus macht, dass er nicht Protokoll, sondern dramaturgisch zugespitzte Collage ist. Ein Text, der zum Ziel hat, so detailreich und schonungslos wie nötig davon Zeugnis abzulegen, was im KZ Auschwitz alltäglich geschah, und der zugleich von der BRD-Gegenwart erzählt, die für so viele weiter läuft, als wäre nichts geschehen. In der sich die Täter zu Opfern stilisieren, hochdotierte öffentliche Ämter bekleiden, von Pflicht und Verjährung schwadronieren.

Mit denselben Worten wie das Stück endet auch RP Kahls gleichnamiger Film, bevor uns ein musikunterlegter Epilog heutige Aufnahmen des Tatorts zeigt, die uns die Inszenierung bis dato vorenthielt. Der sonst eher für genre-pulpige Stoffe bekannte Kahl nähert sich Weiss' Stück "ehrfürchtig" in totaler Texttreue, das heißt ohne auch nur eine Auslassung. Entsprechend ist es eher erstaunlich, dass es der nicht weniger als vierstündige Dialogfilm - einige bekannte Darsteller:innen sind vorteilhafterweise mit dabei, z.B. Rainer Bock, Bernhard Schütz und Nicolette Krebitz - ins Kino geschafft hat. Hier kann er seine den historischen Bühneninszenierungen vergleichbare strenge Zeit- und Raumauffassung besser einlösen als im Stream, der zum Pausieren verleitet. Das eingedampfte Setting von "Die Ermittlung" erlebt man am besten als Mise-en-Scene und Schnittfolge im ständigen Fluss, in dem einem das Gefühl für die verstrichene Zeit entgleitet.
Wir befinden uns in einem schwarzen, lediglich durch Spotlights und Standscheinwerfer beleuchteten, spärlich mit Requisiten ausgestatteten Bühnenraum. Über Stunden hinweg ändert er sich nicht, wird lediglich unterschiedlich stark durch farbiges Licht illuminiert. Auf einem Podest samt Mikrofon treten mittig nach und nach die Zeugen auf, nicht wie in tatsächlichen Gerichtssituationen nach strengem Protokoll aufgerufen und befragt, sondern unaufgefordert und von ihrer Umwelt enthoben; oft mit leerem Blick monologisierend. Sie tragen Nummern, was ihrem entmenschlichten Status im Lager entspricht, haben also keine Klarnamen wie die Angeklagten, die auf einem stärker erhöhten Podest schräg hinter ihnen thronen. Wie die Zeugen tragen sie authentische Kleidung der 1960er Jahre, auch wenn vieles, wie etwa die höhengestaffelten Sitzreihen, darauf hindeutet, dass wir es nicht mit einer getreuen Rekonstruktion der Prozessjahre zu tun haben. Auf Höhe des Zeugenpodests sitzen links- und rechtsseitig Ankläger und Verteidiger, vor ihnen Aktenordner, Papiere. Der Richter ist vor dem Zeug:innenpodest positioniert, bildet die Spitze des Dreiecks aus Ankläger und Verteidiger. "Die Ermittlung" ist nicht nur von Sprache, sondern auch von graphischen Bildern bestimmt.
Was Kahls Film vom abgefilmten Theater abhebt, ist, wie er mit den Mitteln des Films die Statik der Bühne überwindet. Statt nur eine Zuschauerperspektive auf den Prozess einzunehmen, schwenkt die Kamera sanft zwischen den verschiedenen Parteien auf den Podesten hin und her, präpariert Figuren durch den Einsatz von Schärfe und Unschärfe heraus. Sie lässt uns, viel mehr als es die buchstäbliche Distanz zwischen Ensemble und Zuschauenden im Theater je ermöglichen könnte, an den Emotionen teilhaben, die sich in den herangerückten Gesichtern von Zeugen, Ankläger und anderen abzeichnen. Auffällig häufig wird von den Aussagen auf die Zuhörenden geschnitten. Entsetzes, vielsagendes Zubodenschauen oder die trotzig ihre Taten wecklächelnden Visagen von Lageraufsehern und Euthanasie-Ärzten kommen ins Bild. Das ist etwas, das im Stück zu keinem Zeitpunkt als Regieanweisung erscheint, wohl auch dem Anspruch Weiss', ein bewusst von Pathos und unmittelbarer Anschauung enthobenes Zeugnis des Massenmords und seiner unabgegoltenen Schuld zu geben, ein Stück weit zuwiderläuft.
Kahls opulenter Dialogfilm vertraut merkwürdigerweise nicht in letzter Konsequenz auf die Wirkung seines Dialogs. Im Gegensatz zu Weiss möchte Kahl sichergehen, wie man sich bei den Berichten übers Lagerleben fühlt. Die unnachgiebige Ermittlung, die im alltagssprachlichen Dramentext für sich spricht, wird in Gefühlsregungen eingebettet: "Regieanweisungen" ans Publikum. Die Empörung des Anklägers über die haarsträubenden Behauptungen der Täter, sie hätten nichts von der Endlösung gewusst oder nie einen Mord im Lager begangen, zeigt uns der Film wieder und wieder. Man kann sich diesen Close-Up-Illustrationen nicht entziehen, der Blick schweift nicht wie im Theaterraum. Nicht falsch verstehen: Es ist natürlich legitim, eine klare Haltung zu Folterungen, Menschenexperimenten, Erschießungen, Zyklon-B-Vergasungen und endlosen anderen Gräueln vorzugeben. Doch gerade die Nahbarkeit, vielleicht auch Didaktik, für die sich Kahl bei aller augenscheinlichen Abstraktheit des Settings entscheidet, verleiht dem Ganzen in meinen Augen den Beigeschmack von Schulklassenkino.
Aber vielleicht ist das gut und richtig, und alles andere filmkritikelitär? Für mich jedenfalls nimmt es dem Film einen Teil seiner Kraft. Vielleicht braucht es aber gar nicht den ständigen Ver- und Abgleich mit der Vorlage? Auch in dieser Hinsicht scheint mir der Film unsicher darüber zu sein, wie er sich verhalten möchte. Auf der einen Seite der gleiche, den Vergleich geradezu herausfordernde Titel, offensichtliche Referenzen an die Theaterbühne (in Kooperation mit dem Rostocker Volkstheater entstanden), die beschriebene Texttreue. Auf der anderen Seite Texttafeln zu Beginn, die nahelegen, dass wir einen Film über den Frankfurter Auschwitzprozess und keinen über die dramatische Aufarbeitung desselben durch Weiss sehen. Am Ende geht der Film seinen eigenen Weg: Statt des retrospektiven Erzählens sehen wir eine Abfolge ruhiger Einstellung von Auschwitz im Hier und Jetzt, so wie uns bereits Claude Lanzmanns "Shoah" (1985) auf die Gegenwart stieß, doch hier mit wuchtigem Score als eine Art Klagelied inszeniert. Gut möglich, dass das für andere besser funktioniert als für mich. Auch als Geschichtsstunde.
Tilman Schumacher
Die Ermittlung - Deutschland 2024 - Regie: RP Kahl - Darsteller: Rainer Bock, Bernhard Schütz, Nicolette Krebitz, Tom Wlaschiha u.a. - Laufzeit: 241 Minuten.
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