Im Kino
Wenn Affen Flügel wachsen
Die Filmkolumne. Von Katrin Doerksen
10.12.2024. Jon M. Chus "Wicked", basierend auf dem gleichnamigen Musical, aktualisiert den Klassiker "Der Zauberer von Oz". Wichtiger als die Yellow Brick Road sind hier zeitgeistige Pop-Referenzen. Ein überwältigendes Spektakel ist der Film am Ende zum Glück trotzdem.
"Der Zauberer von Oz" ist - das gilt für die Vereinigten Staaten wahrscheinlich mehr als für Europa und für den 1939er Musicalfilm mehr als für das Buch L. Frank Baums - fester Bestandteil des kollektiven popkulturellen Referenzrahmens. Merkwürdig, dass ausgerechnet in einem Märchen aus dem Land des Vaudeville, der Roadshows und Hollywoods der große Twist darin besteht, dass die versprochene, wild herbeigesehnte Magie im Herzen der Smaragdstadt nur ein Budenzauber ist. Im Original ist es wenigstens nur das: der Zauberer von Oz als eine Enttäuschung, ein gerissener, aber im Grunde seines Herzens guter Hochstapler, der dem Volk mithilfe ausgeklügelter Illusionsmaschinen und Zaubertricks Allmacht vorgaukelt. In "Wicked" hingegen (und da die Filmhandlung eins zu eins dem ersten Akt des Broadway-Musicals entspricht, das seit 2003 ununterbrochen aufgeführt wird, kann an dieser Stelle kaum die Rede von einem Spoiler sein) verbirgt sich hinter dem Schein des charmanten, sentimentalen Bastlers, als den Jeff Goldblum den Zauberer spielt, nicht weniger als ein skrupelloser Protofaschist.
Zum prominenten Opfer dessen Machtanspruchs wird Elphaba (Cynthia Erivo), die spätere böse Hexe des Westens, deren Tod zu Beginn von "Wicked" das ganze Munchkinland feiert. In ihrer schillernden Seifenblase heranschwebend, verbreitet die gute Hexe Glinda (Ariana Grande) die frohe Botschaft, gemeinsam tanzen sie um eine riesige brennende Strohpuppe und alles ist ein bisschen zu schrill, ein bisschen zu sehr aus einer verzerrenden Untersicht gefilmt, als dass man die Szene als ein Moment reiner Freude missinterpretieren könnte. "Werden Leute böse geboren?", fragt eine rehäugige Munchkin-Frau schließlich und Glinda wird gezwungen, sich zu erinnern.
Elphabas Geschichte ist von Anfang an die Geschichte einer Außenseiterin. Als Ergebnis eines mütterlichen Seitensprungs mit der Gesichtsfarbe einer unreifen Paprika geboren, ist sie von Kleinauf Ziel des Spotts ihres verbitterten Vaters und unausgeglichener Altersgenossen. Dass Hautfarbe zum Thema in "Wicked" wird, ist naheliegend, allerdings manifestiert sich das eher in beiläufigen Witzen, als dass Regisseur Jon M. Chu einen expliziten Race-Diskurs eröffnet. Ähnlich wie bei einem späteren Subplot um die Verfolgung sprechender Tiere in Oz bleiben die Botschaften des Films vorzugsweise im Bereich des Allegorischen und Allgemeingültigen, in den jeder seine Marginalisierungsproblematik der Wahl hineinlesen kann. Umso zeitgeistiger bildet Chu freilich die Selbstzufriedenheit einer behüteten Macht- und Bildungselite ab, der es in ihrem Wolkenkuckucksheim leicht fällt, die Augen vor besorgniserregenden Entwicklungen im Land zu verschließen.

An der Hexenschule von Glizz trifft Elphaba schließlich auf Galinda (damals noch mit einem 'a') und es dauert eine Weile, bis aus gegenseitiger Abneigung Freundschaft erwächst. Galinda ist das personifizierte virtue signaling, eine Art Elle Woods, nur ohne tatsächliche Kompetenz. Ihre Charakterisierung mag sich eine Spur zu schnell im Haareschütteln und den immer gleichen gezierten Posen erschöpfen, aber sie macht sie zur beliebtesten Schülerin der Akademie, die, angefüllt mit geleckten Uniformen und aufgedonnerten Frisuren, aussieht, als hätte man ein Disney-Schloss in die Welt der Hunger Games verpflanzt.
Das maximalistische Production Design setzt sich vor allem aus popkulturellen Referenzen jüngerer Jahre zusammen und produziert zwar immer wieder Momente der Überwältigung; vieles ist aber kurz nach dem Ende des Films schon wieder vergessen. Das heißt nicht, dass "Wicked" uninteressant wäre, aber man hat doch den Eindruck, sich durch einen modernen Diskursraum zu bewegen, eine visuelle Echokammer gewissermaßen, in der sich alle auf dieselben Mainstream-Ästhetiken und Einflüsse beziehen. Hinweise auf das Originalmaterial sind in dieser Welt nunmehr Eastereggs für die letzten verbliebenen Eingeweihten: die roten Schuhe, ein beliebiges Accessoire aus Galindas riesigem Fundus, das ihre neue Freundin dem gängigen Schönheitsideal näherbringen soll. Die Yellow Brick Road, ein Modell im Oz-Bauplan des Zauberers, deren Farbe noch nicht final entschieden ist. Viel mehr Kenntnis der historischen Referenzen braucht es nicht und wird auch nicht vorausgesetzt.
Dennoch verlasse ich am Ende das Kino mit dem Eindruck, einer wahren Wucht von einem Film beigewohnt zu haben. "Wicked" ist immer dann umwerfend, wenn zu dem visuellen noch der emotionale Überschuss kommt. Wenn Elphaba in ihrer Wut unkontrollierbare Kräfte freisetzt, wenn Affen Flügel wachsen und in den Duetten Erivos und Grandes Stimmen, einander umtanzend, eine geradezu körperliche Präsenz annehmen. Dann ist "Wicked" genau der fantastische Budenzauber, den ich mir im Kino wünsche.
Katrin Doerksen
Wicked - USA 2024 - OT: Wicked: Part I - Regie: Jon M. Chu - Darsteller: Cynthia Erivo, Ariane Grande, Jeff Goldblum, Michelle Yeoh, Jonathan Bailey, Ethan Slater - Laufzeit: 160 Minuten.
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