Im Kino

Die Schönheit im Grauen

Die Filmkolumne. Von Patrick Holzapfel
18.02.2025. Andrea Arnold bleibt auch in ihrem neuen Film ihrer bewährten Mischung aus working class rage und Coldplay-Kitsch treu. Aber: "Bird", der sich um ein schwarzes Mädchen und einen von Franz Rogowski gespielten Vogelmenschen dreht, ist auf der Suche nach verlorener Schönheit und eben deshalb politisch relevantes Kino.

Einmal mehr versetzt Andrea Arnold den grautristen Sozialrealismus britischer Prägung in ihre eigene Form des lyrischen Windbö-Kinos. Sie möchte beweisen, dass es vom Dreck der Straße nur einen Blick zu den Wolken braucht, um fliegen zu lernen. Mit diesem Blick zu den Wolken steht und fällt ihr Kino. Kann man ihm folgen, entdeckt man darin einen erdzugewandten Rauschzustand, der sich mit der utopischen Geste eines geteilten Daseins zwischen Menschen und Tieren gegen die zynische Wirklichkeit und Politik der in diesem Fall britischen Regierung wendet. Folgt man ihm nicht, drohen sich die penetranten Zwischenbilder von Tieren und an Wände und Fenster gemalten Zeichnungen oder Wörtern zu einem bemühten und esoterisch angehauchten Mischmasch zu verdicken, in dem zu wenig Bodenhaftung möglich ist, als dass er wirklich wertvoll sein könnte.

Arnold dreht immer den gleichen Film. In diesem einen Film gibt es einen Sinnlichkeitsüberschuss, durch den sich heranwachsende und im Leben benachteiligte Frauen (oder andere Lebewesen wie in "Cow") gegen die Welt verbarrikadieren. Sie suchen nach einem möglichen Ich in einer Gesellschaft, die sie nicht suchen lässt. Familien sind zersplittert, zerbrochen, es wird geschrieen und gerotzt, getobt und gevögelt. Die Männer kommen nicht klar mit ihren Gefühlen, brüllen oberkörperfrei durch die Korridore der Wohnblocks. Sie schlagen um sich, drohen. Die Frauen ducken sich oder schlagen zurück.Irgendwer trinkt, viele sind arbeitslos. Meist entdecken die Figuren ein mögliches Leben in Bezugspersonen oder einer Kunst, manchmal auch nur im Licht, das über eine Heide fällt. Es sind Coming-of-Age-Filme, die dem Zeitgeist huldigen und doch nach Auswegen suchen. Man könnte abwinken, wenn man zu oft das Gleiche sieht, aber vielleicht hat Arnold auch etwas zu sagen, was einer beständigen Wiederholung bedarf? Womöglich hat sie ihren letztlich gültigen Film noch gar nicht gedreht und bis jetzt sind das alles impressionistische Skizzen einer Annäherung an das aufblitzende Leben, das in den besten Augenblicken aus ihren Filmen zu sprechen scheint? Oder aber diese ins Fluide ragenden Arbeiten sind alles, was es zu sagen gibt, in einer an den Rand gedrängten Welt, die sich jedweder Festigkeit entzieht?

Diesmal heißt ihre zwischen Begehren, Straße und Phantasie flackernde Protagonistin Bailey. Sie wird von der Laindarstellerin Nykiya Adams verkörpert. Der Schnitt Arnolds lässt keinen der üblichen Standardsätze über ihre Darstellung zu, alles ist so dermaßen haptisch, so nah (Kamera wie immer bei Arnold: Robbie Ryan), dass man praktisch nichts sieht, nur fühlt oder nervös wegschaut. Kurze Blicke und Gesten, das ist alles. Man bekommt den Eindruck, dass alle irgendwie menschlich aussehen würden in einem Film von Arnold. Das zwölfjährige Mädchen stammt jedenfalls aus einem geschiedenen Haushalt in Gravesend, einer an der Nordsee gelegenen Kleinstadt im Südosten Englands, bekommt gerade zum ersten Mal ihre Periode, filmt alles, was ihr vors Mobiltelefon kommt und lässt sich die Haare schneiden, um männlicher zu wirken. Eines Tages trifft sie auf den von Franz Rogowski verkörperten Bird, einen durchs Feld hüpfenden, vogelähnlichen Waisen, den es in die Gegend verschlagen hat, weil er nach seinen Eltern sucht.



Zwischen ihrem bald heiratenden, ziemlich irren Vater (Barry Keoghan) und ihrer Mutter, die sich in einer bedrohlich toxischen Beziehung findet, ihren Schwestern, ihrem Stiefbrudern, der Gang ihres Stiefbruders, Bird selbst und einer in die heruntergekommenen Wohnungen architektonischer Malaise tretenden Vielzahl an Tieren (ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Kröten, Schmetterlinge, Motten, Fliegen, Pferde, Hunde, Möwen, Raben, Krähen, Schlangen, Fische und ein Fuchs, sowie zahlreiche Tatoos von Käfern und Spinnen), versucht Bailey einen Sinn zu finden, in der an ihr vorbeirauschenden, prekären Wirklichkeit. Das ist Arnolds Modernisierung von Ken Loachs "Kes", wenn man so will, allerdings als Produkt einer weitaus chaotischeren und vielschichtigeren Welt, in der Identität nicht mehr bloß auf Klasse zu beziehen ist. Arnold spinnt vielmehr ein Netz der fehlenden Zugehörigkeiten um ihre Schwarze Protagonistin, deren Zuhause schließlich die Welt selbst werden muss, so widersprüchlich sie auch sein mag.

Mit großer Selbstverständlichkeit und ästhetischer Finesse versteht es Arnold, die mit dem Handy gedrehten Videos ihrer Protagonisten in die visuelle, von 16mm-Bildern dominierte Palette einzugliedern. Bailey projiziert ihre Aufnahmen von Vögeln und Menschen an die Wand ihres Zimmers, so werden diese Aufnahmen wie alles im Kino von Arnold zu einer Schrift, die das Persönliche (Verletzliche, Flüchtige) mit dem Allgemeingültigen (Ewigen, Lyrischen) vermengt. Sowohl in den niedrig aufgelösten Hochkantbildern des Digitalen als auch im analogen Handkamera- und Gegenlichtgewackel geht es letztlich darum, dass die Dinge schöner sind, wenn sie nicht ganz scharf sind. Arnold versteht ihr Kino auch ästhetisch als Bollwerk gegen die scharfe Eindeutigkeit. Zärtlichkeit und Rauheit fallen zusammen. Was hässlich scheint, trägt Schönheit in sich.

Dass dabei allerhand Magisches passiert und es nach und nach zu Metamorphosen kommt, ist neu für Arnold, obwohl bereits in ihrem Fish Tank davon geträumt wurde, sich in einen Vogel zu verwandeln, um davonzufliegen. Diese aus dem Realismus ausbrechenden Szenen fügen sich ziemlich nahtlos in Arnolds übliche Melange aus working class rage und Coldplay-Kitsch (hier wortwörtlich in einer sentimentalen und doch komischen Szene mit einer Kröte zu deren Hit "Yellow"). Die Schwellenphase ihrer Protagonistin bietet sich einfach an für diese Form des fließenden Übergangs zwischen den Wirklichkeiten. In musikalischer Hinsicht legt der Film eine Reise von "Is it too real for ya?" ("Too Real", Fontaines D.C.) zu "It really, really, really could happen" ("The Universal", Blur) zurück und macht damit auch dem Letzten klar, wie eng die Wirklichkeit doch mit dem Traum verwandt ist in diesem Film. Ähnlich wie Terrence Malick macht sich Arnold zu einem leichten Angriffsziel aufgrund ihres überbordenden Lyrismus'. Man kann nicht abstreiten, dass manches daran allzu abgenutzten Codes einer nach Identifikation und Gefühl schielenden Filmsprache entspricht. Trotzdem fühlt sich dieser Stil nicht unpersönlich an, höchstens ist er ein bisschen abgenutzt, was aber auch im Auge des Betrachters liegen könnte.

Die in der Begegnung mit den Tieren angelegte Utopie einer gemeinsamen Welt (die Tiere treten großteils dann auf, wenn die Menschen Empathie zeigen und aufrichtig fühlen und handeln) strapaziert das Märchenhafte der Handlung. Was zunächst beiläufig als Teil des Milieus gefilmt wird, droht ins Metaphorische zu kippen. Arnold zeigt uns, wie alle Lebewesen zusammengehören. Das ist an sich nicht verkehrt, reibt sich aber mit der Struktur ihres Films. Denn diese Überbetonung einer Weltsicht in der Handlung nimmt die gefundene Erhabenheit in den Wiesen eines Brachlands oder den auf Betonbauten sitzenden Federtieren nicht ganz ernst. Anscheinend muss da doch mehr dahinterstecken, als nur das, was es zu sehen gibt. Anscheinend braucht es doch einen magischen Überbau, um an etwas glauben zu können. Das ist ohnehin die Frage, die sich an diesem Film entzünden könnte, vielleicht sollte: Leben wir in einer Wirklichkeit, in der es wichtig ist, die Schönheit im Grauen zu finden? Und was braucht es, um diese Schönheit noch finden zu können? Das wäre immerhin eine Umkehr der sonstigen Ideen des politischen Films, die zeigen wollen, was anderswo verdrängt wird. Bei Arnold aber wird die Schönheit verdrängt und sie versucht, sie wieder zu finden, um ihre Figuren damit auszurüsten, damit sie sich wehren können. Vielleicht macht sie genau das zu einer der politisch relevantesten Filmemacherinnen unserer Zeit.


Patrick Holzapfel


Bird - GB 2024 - Regie: Andrea Arnold - Darsteller: Nykika Adams, Barry Keoghan, Franz Rogowski, Jason Buda, Jasmine Jobson, Frankie Box - Laufzeit: 119 Minuten.