Im Kino

Prothesen statt Thesen

Die Filmkolumne. Von Kamil Moll
17.09.2024. Eine mysteriöse Substanz bewirkt in Coralie Fargeats zweitem Film eine Zellteilung, die aus einer Frau zwei macht - die allerdings nicht gleichzeitig, sondern abwechselnd bei Bewusstsein sind. "The Substance" erzählt die Geschichte einer nicht lösbaren Abhängigkeit mit beglückenden Rückgriffen auf das transgressive Horrorkino der Reagan-Ära.

So lässt sich eine Leinwandkarriere gerafft auch erzählen: Zu Beginn von Coralie Fargeats "The Substance" wird auf dem Hollywood-Boulevard ein Stern für die Schauspielerin Elisabeth Sparkle (Demi Moore) gelegt. Über die Jahre wird dessen Beton rissig, zuletzt bleiben lediglich Hunde und Touristen, denen der matschige Burger auf den Bürgersteig geklatscht ist, noch daran stehen. Aus der einstmals Oscar-prämierten Darstellerin ist ein nur noch schwach leuchtender Fernsehstar geworden, der eine morgendliche Aerobic-Sendung moderiert. Ihre die Zuschauer motivierende Catchphrase, "You got it", kaschiert, dass bald auch ihr nichts mehr bleiben wird: Der Programmchef des Senders (wundervolle Schmierenperformance: Dennis Quaid) möchte sie gegen eine Jüngere austauschen und entlässt sie an ihrem 50. Geburtstag.

In einer Klinik steckt ihr ein sonderbar plastiniert wirkender Krankenpfleger einen USB-Stick in die Jackentasche. Darauf befindet sich eine Anleitung, wie der menschliche Alterungsprozess abgespaltet werden kann: Per Injektion einer namenlosen Substanz lässt sich eine Zellteilung initiieren, bei der ein zweiter jüngerer Körper entsteht, ein alternatives, optimiertes Selbst, das, wenn alle dafür notwendigen Regeln befolgt werden, nicht mehr altert. Elisabeth beschließt, sich dieses farblich an Zitronen-Gatorade gemahnende Mittel zu spritzen.

Wie durch ein Portal kriecht aus dem längs der Wirbelsäule aufreißenden Rücken eine idealisierte Version Elisabeths, die von Margaret Qualley gespielte Sue. Das Prinzip, nach dem beide Frauen koexistieren können, ist so einleuchtend simpel wie rigide zu befolgen. Sieben Tage lang injiziert sich Sue als stabilisierendes Mittel Flüssigkeit aus dem Rückenmark ihrer Wirtin, die in bewusstlosem Schlaf mit wässriger Nahrung gefüttert und am Leben gehalten wird. Dann wechseln die beiden ihre Rollen. Trotz geteilter Wahrnehmung zerteilt sich schnell auch die Art, wie beide ihre Zeit nutzen: Sue avanciert in den ihr überlassenen Tagen zum neuen Star der Aerobic-Sendung, während Elisabeth zur Stubenhockerin wird, die lediglich bis zum nächsten Switch ausharrt und neidvoll die aufsteigende Karriere ihres anderen Ichs beobachtet.


Ihre Körper verbindet eine nicht voneinander lösbare Abhängigkeit, deren zerstörerischen Effekte beide zunehmend in Kauf nehmen: Was die eine beansprucht, muss die andere zwangsläufig verbrauchen. Als Sue den Wechsel einen Tag länger hinauszögert und Elisabeth ohne Nahrung lässt, erwacht diese mit einem verwesenden Zeigefinger, der ersten von vielen folgenden Manifestationen körperlichen Raubbaus. Mit einem stilsicheren Gespür für explizite, sich eskalativ steigernde Schockeffekte entwickelt sich "The Substance" zu einer süffisanten Variation auf Oscar Wildes "The Picture of Dorian Gray", dem literarischen Urstoff aller popkulturellen Sehnsucht nach anhaltender Jugendlichkeit. Dabei beherzt Fargeat erfreulicherweise ganz die Maxime "Show, don't tell": Anstelle von begleitenden Erklärungen und übermotiviert erläuternden Dialogen beobachtet sie geduldig und fasziniert die anschwellende Dysbalance zweier aufeinander angewiesener und sich schadender Körper. Dadurch beansprucht der Film mit 140 Minuten ungewöhnlich viel Zeit für eine Genrearbeit, nutzt diese aber auch für eindrücklich intensivierte Bilder, wie sie das aktuelle Horrorkino zuletzt selten erzeugt hat.

Mit ihrem Debüt "Revenge" folgte die Regisseurin 2017 noch dem zeitgenössischen Trend von am Festivalbetrieb orientierten Horrorfilmen, denen mehr am Durcharbeiten von Konzepten als an Affekten gelegen ist. Demgegenüber besitzt "The Substance" etwas stolz Altmodisches. In der Überzeugung, dass gesellschaftliches Übel sich am sichtbarsten in der Art ausdrückt, wie wir unsere Körper bearbeiten, belehnt der Film Muster und Motive des amerikanischen Horrorkinos der Reagan-Ära, das auf die Schönheitsvernarrtheit seiner Zeit mit lustvoller Transgression reagierte. Mit diesem teilt der Film nicht zuletzt eine Vorliebe für so ausschweifende wie handwerklich kreativ umgesetzte Splattereffekte, die nicht von ungefähr an Genremeisterwerke der späten 1980er wie Suart Gordons "From Beyond" und Brian Yuznas "Society" erinnern. Nicht erst im letzten exzessiven Akt scheut Fargeat auch nicht die Nähe zur genüsslich enthemmten Blödelei: Auf selbstbewusste und einnehmende Weise ist "The Substance" so viel mehr ein Prothesen- als ein Thesenhorrorfilm.

Kamil Moll

The Substance - GB 2024 - Regie: Coralie Fargeat - Darsteller: Margaret Qualley, Demi Moore, Dennis Quaid, Hugo Diego Garcia, Oscar Lesage, Alexandra Papoulias Barton - Laufzeit: 140 Minuten.