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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.07.2002. Ein weithin grassierendes Muttersterben diagnostizierte ein seit der Walser-Debatte erstmals wieder einhelliges deutsches Feuilleton beim Klagenfurter Wettlesen. Schlimmer noch: Gestorben wird in Mittelmaß. Die FAZ tröstet sich mit dem aleatorischen Durcheinander in Messiaens Franziskus-Oper, welche in Berlin zur Aufführung gebracht wurde. In der taz behauptet Christoph Schlingensief, dass es bei Möllemanns spukt. Und die NZZ beklagt ein Möbelrücken in der Berliner Stadtlandschaft.

FAZ, 01.07.2002

Das Klagenfurter Wettlesen (mehr hier) war für Richard Kämmerlings eine Enttäuschung. Auf niedrigem Nveau wurde viel "Muttersterben" dargeboten, schreibt er: "Da wimmelt es nur so von toten Verwandten aller Art, psychischen Krisen am Rande der Suizids, Dauertrauerarbeit und Depression... Wirklichkeit und Welt, die durchaus genau beschrieben werden, sind aufgelöst in einem verhangenen Blick, der alles Äußere zum Spiegel der Seelenlandschaft macht und Biografie und Geschichte in unbewegliche, tote Natur verwandelt und zum Stilleben gefriert." Also dann lieber Pop.

Recht sarkastisch kommentiert Rainer Maria Kiesow den Bericht des thüringischen Innenministers zum Massaker von Erfurt. Ein Auszug: "Der Punkt 3.2.5. trägt den Titel 'Nutzung eines Internet-Cafes'. Der Text lautet: 'Anhand von Rechnungen ist belegt, dass der Täter bis zum August 2000 regelmäßig ein Internet-Cafe in Erfurt aufsuchte.' Das ist alles. Eine Erläuterung, eine Interpretation, ein Ermittlungsansatz, ein Profil - Fehlanzeige. Insinuiert wird: Das böse Internet, die bösen Computerspiele aus dem bösen Internet, der böse Spieler der bösen Computerspiele aus dem bösen Internet."

Eleonore Büning hat Oliver Messiaens "Saint Francois d'Assise" an der Deutschen Oper Berlin gesehen. Der Architekt Daniel Libeskind hat eine Würfelkonstruktion auf die Bühne gesetzt die ihr schon bekannt war: "Zum dritten Mal recycelt er dafür die gleiche, betörend einfache Bildidee. Alter Witz, gut erzählt, wirkt wie neu. Nur die Sänger haben nicht viel zu lachen." Aber die Musik! "Diese vielfach geschichteten und synkopierten Rhythmen, diese in alle denkbaren Instrumenten-Farbkombinationen aufgefächerten Rufe, diese widerstreitenden Modi und das aleatorische Durcheinander von in kleinste Intervalle zerteilten Motiven werden mit einer solchen Klarheit und Schärfe musiziert, dass daraus die wahre, reine Lust wird." Eine wunderbare Homepage hat Daniel Libeskind trotzdem.

Weiteres: In einer Meldung entdeckt die FAZ mit einem Verweis auf einen Artikel von Klaus Briegleb in der Welt, dass der vor kurzem noch verehrte Martin Walser immer schon ein Antisemit war (auch auf einen Artikel Leon de Winters in der Welt wird hier hingewiesen). Jordan Mejias beklagt, dass die Trennung von Staat und Religion in den USA auf Druck rechtsreligiöser Kreise unterhöhlt wird. Hannes Hintermeier schreibt zum Baubeginn für die Berliner Bertelsmann-Zentrale Unter den Linden 1. Andreas Kilb würdigt den Regisseur William Wyler, der heute hundert Jahre alt geworden wäre. Achim Bahnen berichtet über eine deutsch-französische Tagung der respektiven Ethikräte über bioethische Fragen.

Auf der Medienseite resümieren Kulturkorrespondenten die internationale Fernsehberichterstattung über das WM-Finale - trauriges Resümee: Alle waren für Brasilien. Ferner erfahren wir, dass der Holtzbrinck-Konzern seine Anteile am Fernsehsender NTV verkaufen will. Auf der letzten Seite schildert Oliver Tolmein am Beispiel eines Kroaten, der behauptet, von den Erben zum Erschießen von moslemischen Bosniern gezwungen worden zu sein, die Schwierigkeiten des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag. Christian Schwägerl zeichnet ein Profil des Berliner Gentechnikers Arno Krotzky. Und Andreas Rosenfelder erzählt, wie gern sich die nordrhein-westfälische FDP angesichts von Christoph Schlingensiefs "Aktion 18" als verfolgte Unschuld aufspielt.

Besprochen werden: eine Ausstellung des Maler Carl Bantzer in Marburg, eine Ausstellung des Malers Richard Prince in Wolfsburg, Bellinis "Norma" in Stuttgart und einige Bücher, darunter Texte von Inge Müller (mehr hier) und Arnulf Krauses "Geschichte der Germanen". (Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr.)

TAZ, 01.07.2002

Vom Kongress Kraft der Negation, den Diedrich Diederichsen in Köln und Berlin kuratiert hat, berichtet Tobias Rapp. Genauer gesagt: nur vom Kölner Teil der Veranstaltung, Berlin am Wochenende war wohl nach taz-Redaktionsschluss. Sehr erhellend war es wohl nicht in Köln, aber hübsch absurde Dialoge gab's zwischen Diederichsen und Christoph Schlingensief: "'Diederichsen: 'Warum Möllemann?' - Schlingensief: 'Es simuliert mir jemand einen Geist, der nicht die Person ausmacht. Aber warum treffe ich nicht den richtigen Geist? Beim Einbiegen in die Straße, wo Möllemanns Firma ist, dort spukt es. Dieses Spuken ist noch lange nicht im Bewusstsein aller.' - Diederichsen: 'Verstehe.' - Schlingensief: 'Ist das hier ne Bühne?' - Diederichsen: 'Klar erkennbar eine Bühne.'" Apropos Spuken: Adorno sprach im Fernsehen als Endlosschleife über Beckett, Rapp berichtet: "Aber hier kommunizierte sich vor allem die historische Distanz. Hallo!, rief einem der Fernseher zu, nach dieser Sendung kann man eigentlich nicht mehr über Negation sprechen, und diese Sendung ist 34 Jahre alt." Nicht so ermutigend.

Kolja Mensing war in Klagenfurt, scheint den Wettbewerb mit einem gewissen Ennui verfolgt zu haben, stänkert eigentlich gegen alle und alles (außer Annette Pehnt, die den Preis der Jury gewann), vor allem auch gegen Peter Glaser, den Hauptpreisträger: "Das geht nur in Klagenfurt: Ein nicht mehr ganz junger Schriftsteller, der mit den literarischen Techniken der Siebziger- und Achtzigerjahre arbeitet und sich immer noch für die Korruption der Sprache durch die modernen Medien begeistern kann, wird wie ein Heiland gefeiert." Das klingt nach allem, nur nicht nach Glasers großartigem Text (lesen Sie hier nach (pdf) und urteilen Sie selbst!) - und bei der Preisverteilung ist Mensing dann wohl endgültig eingenickt, denn der 3sat-Preis ging nicht, wie er behauptet, an Melanie Arns, sondern an Raphael Urweider.

Eine ausführliche Analyse widmet Manfred Hermes zuletzt dem nach zwei Jahren in die deutschen Kinos gelangten Politik- und Bürgerrechtsfilm "Rufmord - Jenseits der Moral" von Rod Lurie.

Und Tom.

NZZ, 01.07.2002

Tote Kritiker sind eben nicht alles: Roman Bucheli war auf den 26. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt (hier geht's zur Homepage) und wurde Zeuge des großen "Verwandtensterbens". Von der Erneuerung der Literatur allerdings, die Hugo Loetscher in seiner Eröffnungsrede prophezeit hatte, war nicht viel zu sehen: "Viel Mittelmaß wurde überdies vorgetragen, viel gut Gemeintes und bisweilen auch gut Gemachtes. Manches indessen, zu viel wohl angesichts der Bedeutung des Wettbewerbs, gehörte in die Rubrik der Stilübung" - mit preisgekrönten Ausnahmen.

Weitere Artikel: Marc Zitzmann berichtet in einer langen Reportage über besetzte Häuser in Frankreich und den kleinen Unterschied zwischen In und Off. Sieglinde Geisel schreibt über die Berliner Verschiebungswut, die mit Gebäuden umgeht, als wären sie Möbel. Und gleich zwei hunderste Geburtstage: Roman Hollenstein porträtiert den Architekten Josep Lluis Sert (mehr hier, leider nur auf Spanisch) und Thomas Binotto schreibt über Filmregisseur William Wyler (mehr über den Macher von "Ben Hur" findet sich hier).

Besprochen werden Gennady Rozhdestvenskys Aufführung von Schostakowitschs vierter und siebter Sinfonie auf den Zürcher Festspielen, Daniel Libeskinds Inszenierung von Messiaens Opern-Oratorium "Saint Francois d'Assise" an der Deutschen Oper in Berlin und Bellinis "Norma" an der Staatsoper Stuttgart.
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FR, 01.07.2002

Marius Meller ist zum Wörthersee geradelt und hat sich wohl gewünscht, gleich dort zu bleiben, denn Aufregendes hat er nicht gehört in Klagenfurt: "Denn nicht einmal die Doppel-Performance der beiden kabarettistisch begabten Kunstrichter Burkhard Spinnen und Denis Scheck (die liebenswerten Laurel und Hardy der Jury), ersterer rechtschaffen analytisch und wie gedruckt formulierend, letzterer schwäbisch-spitzzüngig, konnte darüber hinwegtäuschen, dass keine tragenden Texte zur Disposition standen." Wenig charmant äußert sich Meller vor allem über "die sympathische" Annette Pehnt, Trägerin des Jury-Preises: "Ihr artiger Text über ein an seiner Hochbegabtheit leidendes Kind, diesmal nicht mit Krankheitsujet, sondern dem Niedlichkeitsprimäreffekt des Mutter-Vater-Kind-Schemas, dem zweiten meistbedichteten Stoff dieser Bachmann-Tage, pastellig weichgeschmirgelt, mit einem stilistischen Risiko von Ikea-Möbeln, entwarf eine dröge Utopie von einer Insel, auf der alle vögeln."

WM zu Ende - Harry Nutt kümmert sich um zeitlose Wahrheiten wie diese: "Als Karnevaleske verfügt der Fußball über die bemerkenswerte Fähigkeit, Emotionen zu bündeln und Details mit Bedeutung aufzuladen. Die Party ist vorbei und das nächste Spiel ist wieder das schwerste. Vermutlich war die politische Klasse nur deshalb im Stadion von Yokohama, weil sie weiß, dass ihr Ringen um Ergebnisse nicht annähernd von solcher Aufmerksamkeit begleitet sein wird."

Außerdem: Ausführlich und kenntnisreich berichtet Ulf Erdmann Ziegler vom Hamburger Auftaktkonzert einer kleinen Willie-Nelson-Tournee in Deutschland (hier die homepage des Countrysängers). In times mager geht es auf reichlich seltsame Weise um die beiden großen deutschen Tageszeitungsfeuilletons. Georg-Friedrich Kühn hat in Daniel Libeskinds Inszenierung von Olivier Messiaens Oper "Saint Francois d'Assise" nicht mehr als "fünf Minuten Spannung" ausgemacht - nicht gerade viel bei viereinhalb Stunden Nettospielzeit. Einen kurzen Nachruf gibt es auf den Schauspieler Francois Perier.

Besprochen werden politische Bücher, darunter die Erinnerungen von Paul Spiegel (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 01.07.2002

Tss, die SZ war heute morgen um halb neun noch nicht im Internet. Links zu den einzelnen Artikeln können Leser (später) hier suchen.

Nicht mehr Freude als seine Kollegen hatte Ijoma Mangold beim Ingeborg-Bachmann-Preislesen: "Was in diesem Jahr in Klagenfurt vorgelesen wurde, war in seiner erdrückenden Mehrheit von niederschmetternder Mittelmäßigkeit, garniert durch Ausreißer von unterirdischem Niveau. Verantwortet von einer Jury, deren Argumentationsphlegma, rhetorische Muffeligkeit und Urteilsschwäche die Substanzlosigkeit der meisten Autoren kongenial zum Ausdruck brachte." Vorschläge zur Besserung: "Man sollte mehr Schriftsteller einladen, die bereits auf ein größeres Werk zurückblicken, denn mit dem Entdecker-Zauber ist es so eine Sache. Und wenn es auch dann nicht zu leidenschaftlicheren Diskussionen kommt, sollte man vielleicht sogar zurückkehren zu jener Form der Spontankritik, wie sie die Anfägne des Wettbewerbs prägten, wo die Juroren bei der Lesung die Texte zum ersten Mal hörten: Damit die Blamage zwischen Autoren und Juroren wenigstens fair verteilt ist."

Weitere Artikel: Beim Leibniz-Tag der Berliner Akademie der Wissenschaften hörte Gustav Seibt Vorträge des Ethnologen Georg Elwert - der den Attentäter Atta als "verhinderten Abspringer" charakterisierte - und von Jürgen Habermas, der "gedrängt-begrifflich" über Toleranz nachdachte. Allzu "neureich" kam Franziska Augstein eine Tagung der Alfred Herrhausen Gesellschaft vor, ebenfalls in Berlin, ebenfalls zum Thema Toleranz.

Außerdem gibt es ein ausführliches Interview mit dem DFG-Präsidenten Ernst-Ludwig Winnacker über die braune Vergangenheit der DFG und die aktuelle Hochschulsituation. Abgedruckt wird Elfriede Jelineks Dankrede zur Verleihung des Mülheimer Dramatikerpreises (hier Infos zu den Theatertagen). Michael Lentz liefert ein Protokoll des WM-Finales und kurz gemeldet wird, dass der Suhrkamp-Verlag die Veröffentlichung von Martin Walsers Roman "Ein springender Brunnen" im rechtslastigen italienischen Verlag "Edizioni di Ar" in letzter Sekunde blockiert hat. Fritz Göttler kommentiert die Schließung des Globe Theatre - in Tokio. Einen kurzen Nachruf gibt es auch auf den Schauspieler Francois Perier. Im Medien-Teil freut sich Arnold Hohmann aufs zehnte Jahr der erotischen ZDF-Sommernachtsphantasien.

In einem kleinen Sonderteil zum Münchner Filmfest wird Michael Manns Boxerfilm "Ali" (offizielle Seite) besprochen und die indische Filmemacherin Aparna Sen vorgestellt; dazu gibt es Tipps zum laufenden Programm. Franz-Xaver Kroetz hat im Münchner Residenztheater Ferdinand Raimunds "Der Bauer als Millionär" inszeniert, und zwar "staatstheatralisch satt". Wolfgang Schreiber hat bei Daniel Libeskinds Inszenierung von Messiaens Franziskus-Oper immerhin eine "geschlossene Ensembleleistung" erlebt. Und bei Willie Nelsons Konzert in Hamburg hat es wohl in erster Linie nicht aufgehört zu regnen. Besprochen werden ein neuer Roman von Joseph Zoderer und politische Bücher (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).