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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.10.2002. Die arabische Welt hat sich nur in der Poesie und in den Sicherheitsapparaten erneuert, meint der palästinensische Dichter Mahmoud Darwisch in der Zeit. Die FAZ sucht die Seele der Berliner Festspielwochen. Die taz porträtiert die französische Regisseurin Germaine Dulac. Die NZZ geht mit dem französischen Kulturminister Jean-Jacques Aillagon d'accord. Die SZ erinnert an die Zündung der ersten Wasserstoffbombe.

Zeit, 31.10.2002

Schön viel Lesestoff heute! Der palästinensische Dichter Mahmoud Darwisch (mehr hier) erzählt in einem ganzseitigen Gespräch von seinem Leben als Politiker ("Zwischen Schwert und Blut habe ich nicht die Möglichkeit, neutral zu bleiben, denn es ist mein Blut, das fließt.") und als Lyriker ("Eine wirklich humane Dichtung kann nicht dem Krieg dienen"). Zum Dilemma der arabischen Dichtung meint Darwisch: "Wie soll ein Dichter modern sein in einer Gesellschaft ohne Moderne, in einer Gesellschaft, die quasi in einer Vormoderne verharrt? Es gibt in der arabischen Welt keine Erneuerung außer in der Poesie und in den Sicherheitsapparaten. Das führt dazu, dass sich die zeitgenössische arabische Dichtung wie auf einer umzingelten Insel bewegt."

Weitere Artikel: Der russische Schriftsteller Anatolij Pristawkin wirft einen Blick auf die prosaische Geschichte des Kaukasus und zitiert Puschkin, der angesichts des Ararat an seinen Bruder geschrieben hat: "Gierig schaute ich auf diesen biblischen Berg, sah die an seiner Spitze angelegte Arche in der Hoffnung auf erneuertes Leben, sah einen fliegenden Raben und eine Taube als Symbole der Hinrichtung und Versöhnung." Jörg Burger erzählt noch einmal die Geschichte des Thomas Haffa, der ab Montag wegen Kursbetrugs vor Gericht steht, und damit das Drama der New Economy (oder war es eine Soap?). In der Leitglosse kommentiert Jens Jessen die wundersamen Wandlungen des Zürcher Theaterpublikums. Dorothee Wenner huldigt der exzentrischen Regisseurin Germaine Dulac. Zum Tod von Marianne Hoppe schreibt Peter Kümmel.

Peter Roos meldet heftige Turbulenzen aus den Berkshires. Die Hochschule von Williamstown zeigt eine Ausstellung zu Hitler als Künstler und als Mensch. "Vor dem Kölsch kommt der Knatsch", weiß Claudia Herstatt und berichtet vom Gerangel der Galeristen vor Beginn der Art Cologne. Hanno Rautenberg sucht die Utopien der Architektur und der Kunst in Graz. Besprochen werden die beiden "Titus Andronicus"-Aufführungen in München.

Im Aufmacher des Literaturteils erinnert Ulrich Greiner an den "unüberwindlichen, unwiderstehlichen" Siegfried Unseld.

Zu empfehlen ist außerdem das Dossier, das seinen Blick auf den nicht endenden Krieg in Tschetschenien richtet, und ein Essay von Andrew J. Nathan und Bruce Gilley über Chinas neue Führer, lauter "pragmatischer Technokraten", die allerdings allein in ökonomischer Hinsicht westliche Werte teilen (Im Netz lesen kann man nur das zweiteilige Original aus der New York Review of Books - und zwar hier und hier).

FAZ, 31.10.2002

"Die neue ästhetische Ordnung, die mit Festwochenintendant Joachim Sartorius einzog, ist von der eher stillen, graumausigen Art", schreibt Elisabeth Büning bedauernd über die Berliner Festwochen. Allerdings gilt das hauptsächlich fürs Drumrum. Das Programm hat Büning offenbar gefallen. So gab es eine ganze Reihe von Konzerten mit - in Berlin viel zu selten gespielter - zeitgenössischer Musik: von Nigel Lowery, Lachenmann, Salvatore Sciarrino oder Louis Andriessen, dessen Videooper "Neue Mathematik" aufgeführt wurde. "Was der rote Apfel in der Hand des jungen Mädchens soll, was die Zahlen und Formeln besagen, die sie mit Lippenstift an den Spiegel malt, ist nicht erheblich. Man verlässt das Festspielhaus jedoch mit einem fröhlichen Tritonus auf den Lippen." Den "brüskierten Vertretern der Abendkleidfraktion", die schon die Abschaffung der Festwochen verlangten, gibt Büning noch mit auf den Weg, dass "Festwochen mehr sein sollten als nur verdoppelnde Abbildung dessen, was ein Ort an Glanz, Musik und Lustbarkeit ohnehin bereithält. Jedes neue Festival braucht, will es leben, seine eigene Seele und Sinn".

Auf der letzten Seite erzählt Hans-Peter Riese von den Schwierigkeiten der Barnes-Foundation, die eine der "wohl eindrucksvollsten Kunstsammlungen der Vereinigten Staaten" - darunter 69 Werke von Cezanne und 60 von Matisse - besitzt. "Im ersten Stock dieses Anbaus empfängt Kimberly Camp, 'Excecutive Director', den Besucher. Gestern habe sie noch einen ekelhaften Käfer in ihrem Büro gesichtet, eröffnet sie das Gespräch und springt damit mitten ins Thema. Sie manage eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen moderner Kunst - und gleichzeitig liefen hier in ihrem Büro die Kakerlaken über die Teppiche." Grund sind die Stiftungsverträge, die der Foundation das Leben schwer machen.

Weitere Artikel: Gerhard Rohde berichtet über den drohenden Konkurs des Deutschen Musikrats. 500 Millionen Euro fehlen in der Kasse, was laut Rohde viel mit der "bürokratischer Kameralistik" zu tun hat, mit der der Musikrat geschurigelt werde. Seine Zerschlagung wäre "schlicht eine Katastrophe". Heinrich Wefing war auf einem Thomas-Mann-Symposion in des Dichters Villa in Pacific Palisades (Bild). Heinz Berggruen erinnert sich an den "lieben Herrn Afschar". In der Reihe "Wir vom Bundesarchiv" erläutert Klaus-Volker Gießler einen Entwurf für das Flottengesetz, den Alfred von Tirpitz 1897 vorlegte. Sabine Muscat hat eine Lesung koreanischer Autoren in Frankfurt gehört. Oliver Jungen gratuliert dem Philosophen Wolfgang Kluxen zum Achtzigsten. Und Jürgen Kaube porträtiert den Wirtschaftswissenschaftler Amartya Sen.

Auf der Filmseite erzählt Dirk Schümer, dass Roberto Benignis "Pinocchio" in Italien alle Rekorde bricht (siehe dazu auch unsere Post aus Neapel), und Bert Rebhandl beschreibt den Triumph französischer Filme auf der Viennale. Auf der Medienseite findet sich eine kurze Meldung, dass die WAZ nun doch nicht bei der Süddeutschen Zeitung einsteigen will

Besprochen werden die Ausstellung "Napoleon Bonaparte - Zar Alexander I., Epoche zweier Kaiser" im Roemer- und Pelizaeus-Museum in Hildesheim, Fred Schepsis' Kinomelodram "Letzte Runde", eine Ausstellung zur Geschichte der Sephardim im Centro Cultural San Marcos in Toledo und Jochen Ulrichs Choreografie "Ich tanze mit dir in den Himmel hinein" in Tirol.

FR, 31.10.2002

Rudolf Walther beschwert sich, das Jacques Chirac vor der Wahl die Kultur "für heilig" erklärte, die neue Regierung sie jetzt trotzdem beschneiden will: "Von Reformen ist gar nicht mehr die Rede .... Allein in die militärische und polizeiliche Aufrüstung fließen im nächsten Jahr fast 25 mal mehr Mittel (60 Millionen Euro) als in den gesamten Kulturetat."

Weitere Artikel: Elke Buhr sieht auf der Art Cologne die Auswirkungen der Rezession auf die Kunst: "Am liebsten aber kauft der Art-Cologne-Kunde Malerei, Malerei und Malerei. In unendlicher Vielfalt breiten sich die Versuche der Künstler aus, den verschiedenen Richtungen der malerischen Abstraktion noch neue Facetten abzuringen. Erst tupfen und dann wischen, oder vielleicht tropfen und wieder abkratzen?" Ina Hartwig denkt über die Zukunft des Suhrkamp Verlags nach, und Lutz Hagestedt gratuliert dem Schriftsteller Ernst Augustin (mehr hier) zum 75. Geburtstag.

Besprochen werden der neue Hannibal-Lecter-Film "Red Dragon" von Brett Ratner, dessen Filmsprache Kritiker Holger Römers ähnlich rudimentär wie Frankensteins Basiswortschatz fand, Achim Freyers Inszenierung von Luca Francesconis Oper "Ballata" in Brüssel, Gregor Jordans Militärsatire "Army Go Home", die im Original eigentlich "Buffalo's Soldiers" heißt, und Bücher, darunter David Rakoffs Reportageband "Gelogen!" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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TAZ, 31.10.2002

Madeleine Bernsdorff schreibt über die avantgardistische Filmpionierin und -theoretikerin Germaine Dulac (mehr hier und hier), die mit ihren Filmen "den Regungen der Seele auf musikalische Weise Gehör verschaffen" wollte. "Sicher könne das Kino eine Geschichte erzählen, aber das sei die Oberfläche. 'Die siebte Kunst, die Kunst der Kinoleinwand, ist die spürbar gewordene Tiefe, die unter dieser Oberfläche liegt: das ungreifbar Musikalische.' Das Kino als Befreiungsfigur besitzt für sie 'die Macht, uns aus unseren moralischen und faktischen Einschränkungen herauszuführen'. Sie bemerkt auch, wie 'all die Errungenschaften der Avantgarde vom kommerziellen Kino langsam und ohne Aufsehen instinktiv absorbiert' werden." In Frankfurt finden ab morgen eine Dulac-Film-Retrospektive und ein Internationales Symposium (mehr hier) statt

Tobias Hering hat den populärsten Satiriker der USA, Michael Moore (homepage), beim Filmfest in Chicago nach einer Vorführung von dessen Dokumentarfilm "Bowling for Columbine" ("das Psychogramm eines Amerika, das zwischen Angst und Größenwahn hin und her gerissen ist") vor Publikum erlebt: "'Ich habe es satt: Ich, ich, ich. Survival of the fittest. Fuck everybody! Sind wir wirklich so beschissen?' Michael Moore hat die Basecap hochgeschoben. Er will die Leute sehen, und er will von ihnen gesehen werden ... Die Mischung ist so bunt, dass man Moore glauben möchte, wenn er ruft: 'Wir sind keine Sekte, wir sind die Mehrheit. Wir sind die 234 Millionen Amerikaner, die Bush nicht zum Präsidenten wollten.'"

Weitere Artikel: Kolja Mensing hat sich mit einer Buchhändlerin aus Bad Oeynhausen über die Branchenkrise, Dieter Bohlen sowie Sinn und Effektivität von Bücherparties unterhalten. Besprochen werden Brett Ratners Hanniball-Lecter-Film "Red Dragon", in dem Sir Antony Hopkins sich selbst und Edward Norton Jodie Foster spielt, Chris Kraus' Spielfilm "Scherbentanz", Andrea Maria Dus' Film "Blue Moon" und Computerbücher, darunter Joseph Weizenbaums Aufsätze über die Illusion der Computerkultur "Computermacht und Gesellschaft" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Schließlich TOM

NZZ, 31.10.2002

Was der neue französische Kultusminister Jean-Jacques Aillagon für die ihm unterstehenden Pariser Immobilien plant, hat sich Marc Zitzmann angehört. Denn in Frankreich, schreibt Zitzmann, gebe es die "fatale Tradition, für Millionen oder gar Milliarden Bauwerke aus dem Boden zu stampfen und dann mit deren Unterhaltskosten zu knausern". Dass Aillagon sich nun auf das Bestehende konzetrieren will, findet Zitzmanns volle Zustimmung: "Auf dem Papier legt der Minister einen - angesichts seines minimalen Handlungsspielraums - überzeugenden Gesamtplan vor. Bestehendes wird aufgewertet, Potenziale werden genutzt, Lücken gefüllt - wie es eben geht." Hört, hört!

Alle weiteren Artikel sind Besprechungen und widmen sich dem Film "Red Dragon", drei CDs von amerikanischen Jazz-Musikern, der Aufführung der C-Dur-Messe von Beethoven in Zürich und mehreren Büchern, darunter der Autobiografie der Portugiesin Agustina Bassa-Luis, Hari Kunzrus Roman "Die Wandlungen des Pran Nath", Keto von Waberers Erzählung "Schwester" oder dem nachgelassenen Roman von Aglaja Veteranyi (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 31.10.2002

"Am Allerheiligentag 1952, 7 Uhr 15 Ortszeit in der Südsee - in Amerika war noch immer Halloween -, war es so weit", erinnert Ulrich Kühne an die Zündung der ersten Wasserstoffbombe vor fünfzig Jahren. "Der erste experimentelle Kernfusionsapparatur wurde gezündet, Operation Ivy, Codname Mike. In Millisekunden setzte sie die Energie von 10,4 Millionen Tonnen des konventionellen Sprengstoffs TNT frei, das rund Fünfhundertfache der Plutoniumbombe, die 1945 Nagasaki vernichtete und mehr als alle Sprengstoffe sämtlicher bis dato geführten Kriege zusammen .... Die Logik der nuklearen Abschreckung hat - nach fünfzig Jahren der Erprobung durch die klügsten Strategen der Supermächte - mittlerweile auch den letzten Rebellenclan in fernen Wüstenprovinzen überzeugt. Selbstmord, gerade weil er irrational ist, hat sich als effizienteste Waffe der gegenwärtigen und kommenden Konflikte erwiesen."

"Alle Nationen scheinen den ungeschriebenen Vertrag unterzeichnet zu haben, dass Atombomben in keinem Krieg eingesetzt werden dürfen", sagt der Physik-Nobelpreisträger und Friedensaktivist Hans Bethe in einem Interview. " Fünfzig Jahre lang konnten wir damit leben. Aber weh uns, wenn eine Nation den Vertrag bricht! "

Weitere Artikel: Holger Liebs hat beobachtet, wie die Art Cologne angesichts der Wirtschaftskrise ihr Gesicht verändert: "Die Rezession provoziert bei Käufern und Händlern eine retour a l'ordre, die auch das einstige Rebellen-Image der jungen Galerien nicht unbeeinflusst lässt. Öl auf Leinwand, möglichst aus dem 20. Jahrhundert: So lautet einmal mehr der Messe-Renner ..." Hans Schifferle sucht auf der diesjährigen Viennale nach Verbindungen zwischen dem "Dritten Mann" Harry Lime und Jacques Derrida. Fritz Göttler gratuliert dem Heimat-Filmer Edgar Reitz zum siebzigsten Geburtstag und freut sich über eine große Retrospektive für die Filmregisseurin Germaine Dulac (mehr hier und hier). Schließlich hat die Feuilletonredaktion im "International Classification of Diseases10", dem weltweit gültigen Verzeichnisses aller Krankheiten, zehnte Revision, nachgeschlagen, um der Krankheit von Patient Deutschland auf die Spur zu kommen.

Besprochen werden: Elfriede Jelineks "Prinzessinnen"-Trilogie beim Steirischem Herbst in Graz, der Film "Ali Zaqua" des marokkanischen Regisseurs Nabil Ayouch, weiter Stefanie Sycholts südafrikanisches Road Movie "Malunde", die Wolfgang-Laib-Retrospektive im Münchner Haus der Kunst, Achim Freyers Inszenierung der Erstaufführung von Luca Francesconis Oper "Ballata" nach Samuel Taylor Coleridge in Brüssel, Fred Schepisis Verfilmung von Graham Swifts Roman "Letzte Runde" (hier kann man lesen, was Swift selbst darüber denkt) und Bücher, darunter die deutsche Übersetzung von Michel Houellebecqs erstes Buch "Gegen die Welt, Gegen das Leben" über H. P. Lovecraft (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).