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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.11.2002. Geradezu hysterisch findet Hans Mommsen in der SZ die Behauptung, die Krise der deutschen Demokratie nehme Weimarer Ausmaße an. Die NZZ widmet sich dem Streit um die nouveaux reacs in Frankreich. In der FR beschreibt Georg Klein den Kanon als "Tod zu Lebzeiten". Die taz probiert unglaublichen Sex.

SZ, 27.11.2002

"Bonn ist nicht Weimar". Mit diesen Worten hat man sich lange Zeit im Nachkriegsdeutschland von der Weimarer Republik distanzieren und - zu Unrecht - demokratische Überlegenheit demonstrieren wollen, bemerkt der Historiker Hans Mommsen. Geradezu "hysterisch" sei jedoch die zur Zeit kursierende Behauptung, die Krise der bundesdeutschen Demokratie nehme Weimarer Ausmaße an. Doch die Opposition wie auch die Presse seien mit Kassandra-Rufen frisch zugange: "Der CSU-Generalsekretär Thomas Goppel hat Schröder und Eichel nachgesagt, sie zerstörten durch ihren angeblichen 'Wahlbetrug' das Vertrauen der Wähler in die parlamentarische Demokratie, ähnlich wie Heinrich Brüning die Wähler durch die Deflationspolitik ins Lager der NSDAP getrieben habe. Goppel versteigt sich sogar zu der unglaublichen Behauptung, dass die Wahlbezirke, die in den Bundestagswahlen 2002 nicht 'schwarz' gewählt hätten, 1933 für die NSDAP eingetreten seien: Eine groteske Verkennung der Ursachen der NS-Machtergreifung" und "eine fragwürdige posthume Entnazifizierung Bayerns dazu." Warum können wir nicht einfach von Weimar lernen?

Michael Crichton spricht in einem langen Interview über seinen neuen Roman "Prey", mechanische Vampire, Nanotechnologie und die Evolution: "Zu Beginn des Romans bemerkt der Mann, das seine Frau sich verändert hat, dass sie attraktiver ist, schärfere Züge hat und mehr Muskeln besitzt, dass sie einen engeren Rock und Schuhe mit höheren Absätzen trägt. Und er selber erkennt im Spiegel, wie sein Körper in der Mitte immer weicher wird. Sieht er nicht aus wie der Verlierer in der natürlichen Auslese - und sie wie das überlegene Tier?", fragt Thomas Steinfeld. Crichton gibt es zu, "aber es ist mir noch gar nicht aufgefallen. Als ich diese Geschichte schrieb, suchte ich zunächst ein Bild dafür, dass sich die Dinge unablässig verändern, die Natur genauso wie die Strukturen der Macht."

Weitere Artikel: Willy Winkler kommentiert die Kontroverse, die sich "in England und anderswo" um das neueste Buch des Historikers Jörg Friedrich entsponnen hat, das vom alliierten Bombenkrieg im Zweiten Weltkrieg handelt. Bei allen erlittenen Qualen: "Es hilft nichts, es waren die Deutschen, die damit angefangen haben." Otfried Höffe schreibt einen Nachruf auf den Gerechtigkeits-Philosophen John Rawls (siehe auch unser Link des Tages von gestern). In der Kolumne bemerkt "Tost", dass der bundesdeutsche Neid sich über die Jahre gewandelt hat. Sonja Zekri zeigt sich skeptisch, was den Aufruf der Konsum-Boykotteure zum "buy nothing-day" angeht. 

Auf der Medienseite gibt Andrian Kreye den Spielverderber: Wir Deutschen sollen uns bloß nichts darauf einbilden, den Emmy für den TV-Dreiteiler "Die Manns" abgesahnt zu haben - das sei in New York "soviel wert wie ein Tisch am Klo im Nobelrestaurant".

Besprochen werden der neue James-Bond-Film "Stirb an einem anderen Tag", eine Ausstellung über Frauen in der Roten Armee im Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst, Michael Simons Inszenierung von Gertrude Steins "Doctor Faustus" am Berliner Maxim Gorki Theater, und natürlich Bücher: Paul Brodowskys Prosaband "Milch Holz Katzen", eine Biografie von Ludwig dem Deutschen, eine Neu-Übersetzung von Amerigo Vespuccis "Mundus Novus" sowie Carson McCullers' Autobiografie (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

NZZ, 27.11.2002

Marc Zitzmann widmet sich dem Streit um Frankreichs "neue Reaktionäre", gegen die der Pariser Politikwissenschaftler Daniel Lindenberg mit Verve zu Felde zieht und zu denen er neben Maurice Dantec und Michel Houellebecq auch Philippe Muray, Pascal Bruckner, Luc Ferry, Alain Finkielkraut, Andre Glucksmann, Bernard-Henri Levy und Philippe Sollers zählt. Gemeinsam sei ihnen die "Abneigung gegen den Mai 68, gegen die Massenkultur, den Antirassismus, den Islam, das republikanische Prinzip der egalite, das 'Menschenrechtlertum' (droit-de-l'hommisme) und so weiter". Innerhalb einer Generation, so Lindenberg, hätten sie es geschafft, "vom doktrinären Marxismus zum Kult der Souveränität und nationaler Idiosynkrasien" übergegangen zu sein, "vom universalistischen Franko-Judaismus zur bedingungslosen Verteidigung Ariel Sharons, von der Lektüre Tocquevilles zu der von Carl Schmitt". Für Zitzmann ist Lindenbergs Essay "Le rappel a l'ordre" (Seuil) zwar alles andere als stringent, aber nicht ganz abwegig, und so wird in den französischen Blättern heftigst gestritten, unter anderem im Nouvel Obs, in Le Figaro und Le Monde.

Ob man zugleich islamistisch und demokratisch sein kann, fragt der türkische Schriftsteller Nedim Gürsel ("Turbane in Venedig"). Und gibt eine ziemlich negative Antwort: Denn wenn auch davon überzeugt, dass die Türkei zu Europa gehört, meint er: "Mir scheint, dass der Islam, anders als das Christentum, der Gemeinschaft der Gläubigen auch eine Art zivile Gesetzgebung verordnet, die das gesellschaftliche und individuelle Leben regelt. In diesem Sinn lässt er keinerlei Säkularismus und damit wohl auch keine Reform zu. Wenn man argumentiert, dass in vergangenen Jahrhunderten der Islam toleranter war als die katholische Kirche, deren Schoss die Inquisition entsprang, dann mag das zwar zutreffen - es ändert aber grundsätzlich nichts am Problem."

Weitere Artikel: Wilfried Hinsch schreibt den Nachruf auf den Philosophen John Rawls. Philipp Meuser blickt nach Turkmenistan, in die Hauptsadt Aschchabad, wo der Personenkult um den Potentaten Saparmurat Nijasow - inzwischen bekannt unter dem Namen Turkmenbaschi ("Führer der Turkmenen") - nach der Gleichschaltung von Staat und Gesellschaft nun auch schlimmste architektonische Ausmaße annimmt.

Besprochen werden Aufnahmen mit dem Dirigenten Jascha Horenstein, der laut Michael Schwalb gerade mit der Aura einer "Legende" versehen werden soll, historische Aufnahmen mit dem Tenor Joseph Schmidt. Und Bücher, darunter ein Sammelband zur Berliner Kulturpolitik, Erich Auerbachs Dante-Buch (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 27.11.2002

Der Schriftsteller Georg Klein fühlt sich etwas eingeengt im Korsett des Reich- Ranickischen Kanons, der gerade in der Vorweihnachtszeit in allen Auslagen prangt. "Die greise Autorität spricht nicht von den Abenteuern einer ungesicherten Lesezukunft, sondern sie verheißt uns eine unter Dach und Fach gebrachte Vergangenheit. DU SOLLST GELESEN HABEN! lautet das einzige Gebot auf der steinernen Tafel des Kanon." Leider antworte dieser Kanon tatsächlich auf die Sehnsucht des "Gelesen-Haben-Wollens", die allmählich die des "Lesen-Wollens" verdränge. "Ach", seufzt da Klein, "jedem wahren Leser, jeder wahren Leserin sollte erspart bleiben, aus einem solchen Siechtum der Fantasie in einen Tod zu Lebzeiten - in den Kanon! - flüchten zu müssen."

Weitere Artikel: Rainer Forst schreibt einen Nachruf auf den Philosophen John Rawls. House-DJ Hans Nieswandt hätte dem Gitarren-Superhelden Jimi Hendrix (mehr hier) zum Sechzigsten gratuliert - wenn er noch leben würde. Für Harry Nutt kann der gleichzeitige Abgang von Jürgen W. Möllemann und Jörg Haider kein Zufall sein - es sehe geradezu nach "Synchronspringen" aus. Laut dpa wird gemeldet, dass Alexandre Dumas (mehr hier und hier) seine allerletzte Ruhestätte im Pariser Pantheon finden wird. Und Katharina Rutschky berichtet von der Frankfurter Herbsttagung der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung, dass man in psychoanalytischen Kreisen nun nicht mehr über "Sublimierung" , sondern über "Symbolisierungsstörungen" spricht.

Besprochen werden die Ausstellung "Mensch und Tier - eine paradoxe Beziehung" im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden und Albert Langs Wiener Inszenierung von Ferdinand Bruckners "Krankheit der Jugend". Außerdem hat die FR heute eine Literaturrundschau beiliegen.
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TAZ, 27.11.2002

Andreas Merkel hat in allerlei Sex-Ratgebern geschmökert und sich dabei prächtig amüsiert. Umso mehr als die wunderbare Welt des unglaublichen Sex, so beteuern zumindest die Ratgeber, allein "eine Frage der Technik" sei. Also Männer, aufgepasst! "'Achten Sie auf diese drei Punkte: Benutzen Sie den Mittelfinger oder Daumen, um ihren Klitorisbereich zu stimulieren, während die Finger der anderen Hand ihren G-Punkt streicheln und der Handballen der oberen Hand den sanften Druck aufrechterhält.' Das klingt wie die deutsche Übersetzung der Gebrauchsanweisung zu japanischem Küchengerät, aber man blättert dennoch ganz gerne in den beiden Büchern. Das liegt vor allem an zahlreichen Zeichnungen, auf denen ein schüchtern naturalistisch gemaltes Pärchen die Techniken schulbuchmäßig demonstriert - sie vollbusig und schlank, er mit einem sympathisch durchschnittlich dimensionierten Dauerständer bestückt."

Weitere Artikel: Ralf Bönt beweist, dass man über die vielzitierte Generationengerechtigkeit auch abseits von Prozentpunkten nachdenken kann. Hans Nieswandt hat das Revierverhalten in deutschen Zügen beobachtet.

Auf der Medienseite berichtet Klaus-Helge Donath aus Moskau, dass Wladimir Putin mit seinem Veto gegen die verschärften Pressegesetze wieder einmal bewiesen hat, dass der Duma nur die "Rolle eines eines willfährigen Akklamationsorgans" zukommt. Und auf der Meinungsseite empfiehlt Michael Rutschky die Lektüre von Alexis de Tocquevilles hellsichtiger Schrift "Über die Demokratie in Amerika".

Besprochen wird das Berliner Grönemeyer-Konzert.

Und schließlich TOM.

FAZ, 27.11.2002

Nur Routine heute in der FAZ. Christian Geyer schreibt den Nachruf auf den Philosophen John Rawls. Alexander Kosenina war bei einer Potsdamer Tagung zu dem Dichter und Philosophen Karl Wolfskehl. Falk Jaeger stellt das neue Internat des Landesgymnasiums St. Afra in Meißen vor ("viel Bauhaus und etwas Mallorca", heißt es in der Bildunterschrift), das der Hamburger Architekt Jörg Friedrich entworfen hat (mehr zum Konzept hier, mehr zur Ausführung hier).

Auf der letzten Seite erzählt Peter Jochen Winters, wie in einer Dorfkirche bei Berlin ein Reformationsfresko des Italieniers Gabriele Mucchi vollendet wurde. Andreas Rosenfelder hat einen Vortrag des Kultursoziologen Urs Stäheli über den "Börsenticker als Inklusionsmedium" gehört. Und Dieter Bartetzko berichtet, dass in der Villa Hadrian Reste eines Großbaus entdeckt wurden, der vermutlich eine Gedenkstätte für Hadrians Geliebten Antinoos war. Auf der Medienseite porträtiert Michael Hanfeld die Fernsehspielchefin des Bayerischen Rundfunks Gabriele Sperl.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken von neunzehn Künstlern aus der Sammlung des Psychiaters und Kunsthistorikers Hans Prinzhorn, die der nationalsozialistischen Euthanasie zum Opfer fielen, in Heidelberg, der neue James-Bond-Film "Stirb an einem anderen Tag", Gertrude Steins "Doctor Faustus" im Berliner Gorki Theater, ein Konzert des Pianisten Abdullah Ibrahim (homepage) in Mainz und Bücher, darunter ein Essayband von Stephan Wackwitz (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).