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Heute in den Feuilletons

Soll ich mich einmischen?

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.12.2007. In der Welt macht Juli Zeh einen großen Satz aus dem Jahr 2007. In der FAZ fragt sich Durs Grünbein, ob er sich einmischen soll in verkehrter Welt. In der taz konstatiert Silvia Bovenschen: Im Vergleich zu heute war 1968 gar nicht mal so schlecht, zumindest theoretisch. Im Tagesspiegel gibt Anselm Kiefer keinen Sinn. In der FR ergibt auch die Lage Pakistans laut Tariq Ali keinen Sinn. Die SZ fordert: Schluss mit der unwürdigen Exhumierung ehemaliger Rockbands.

Welt, 29.12.2007

In ihrem Jahresrückblick beschränkt sich Schriftstellerin Juli Zeh auf einen einzigen Satz, der allerdings die erste Seite dee Literarischen Welt einnimmt. Ganz schlau ist Zeh aus 2007 nicht geworden, "...denn schließlich lebt Knut, und Bruno ist tot, woraus man viel lernen kann, und Deutschland ist zwar immer noch nicht Fußball-, dafür aber Handballweltmeister, und Tinky-Winky ist doch nicht schwul, und der Regen fällt, und die Bahn wird schon kommen, und Merkel reist, und Sarkozy telephoniert, und Putin gewinnt, und Blair ist weg, und Müntefering schon vergessen, und wenn 2007 ein menschliches Wesen wäre, dann wäre es 7 Jahre alt und nicht in der Lage, auf dringende Fragen Antwort zu geben, weil es nämlich genau so wenig wie seine jüngeren Vorgänger wüsste, was zum Beispiel Kopftücher und Bomben eigentlich miteinander zu tun haben, oder wer beim Kampf der Kulturen gegen wen kämpft..."

Ulrich Weinzierl besucht zudem Selma Steiner, die der ältesten Buchhandlung in Bratislava vorsteht. Auf der letzten Seite findet sich ein weiterer Jahresrückblick mit den Höhepunkten aus dem Lesebetrieb.

Im Feuilleton stellt Hannes Stein die letzten Filme des Jahres vor, die sich um einen Oscar bewerben: Mike Nichols "Charlie Wilsons's War" über die amerikanische Unterstützung der Mudschaheddin und Paul Thomas Andersons "There Will Be Blood" über einen amerikanischen Ölbaron. Rainer Moritz schenkt dem ehmaligen Autoverkäufer und ewigen ZDF-Moderator Dieter Thomas Heck ein durchaus kritisches Porträt zum Siebzigsten. Regisseur David Cronenberg lobt im Interview mit Ronald Bluhm den Schauspieler Viggo Mortensen, der zur Vorbereitung für "Tödliche Versprechen" selbst in Russland recherchiert hat. Martin Ebel schreibt zum Tod des estnischen Autors Jaan Kross. Eckhard Fuhr kündigt die neue Dauerausstellung im Museum Baden in Solingen über verfemte Künstler des 20. Jahrhunderts an, die auf der Sammlung Jüegen Serkes basiert.

TAZ, 29.12.2007

Mit einer knallbunten Titelseite und einer Kaskade an Artikeln feiert die taz heute leicht verfrüht vierzig Jahre 1968. Die Literatuwissenschaftlerin und 68er-Feministin Silvia Bovenschen meint im Interview: "Wenn ich mir das Niveau der heutigen Talkshow-Diskussionen nicht nur rund um die Albernheiten von Eva Herman ansehe, werden mir die Theoriebemühungen der Siebziger wieder sympathisch." In einem großartigen Streitgespräch treffen die Publizistin Katharina Rutschky und der Historiker Götz Aly aufeinander - letzterer ist hinsichtlich der Theorie anderer Meinung: "All die Befreiungsschriften von damals sind Müll, unerträglich. Nicht nur die Theorie, auch die Schriften zu den Kinderläden. Es steht kein vernünftiger Satz drin, nichts, was man heute noch mit Gewinn lesen könnte." Es ist faszinierend zu lesen, wie sich Rutschky und Aly die postivien und negativen Seiten dieses Jahrs um die Ohren hauen!

Weitere Artikel: In einer Freiburger Ausstellung ist derzeit die künstlerische Arbeit der Erdschollenarchivarin Betty Beier zu sehen - Silke Bitzer stellt sie vor. Julian Weber informiert über die Fortsetzung des Gebührenstreiks an der Hamburger Kunsthochschule. Besprochen wird Michael und Mark Polishs Film "The Astronaut Farmer".

Außerdem buchstabiert und nummeriert Barbara Dribbusch säuberlich durch, was sich durch 68 alles verändert hat. Eine kulturelle - nicht politische - Erfolgsbilanz zieht Stefan Reinecke. Dirk Knipphals fragt sich, wie die Altachtundsechziger mit dem Alter umgehen. Michael Rutschky weiß dank Pierre Bourdieu, warum sich Adornos Musiktheorie nicht durchsetzen konnte. Den Star-Friseur Udo Walz, der einst schon, wenn auch ohne großes politisches Bewusstsein, Uschi Obermaier und Ulrike Meinhof frisierte, hat Cigdem Akyol besucht.

Und Tom.

Tagesspiegel, 29.12.2007

Anselm Kiefer darf im Louvre ein Wandgemälde aufhängen. Froh macht ihn das nicht, wie wir im Interview mit Sigrid von Fischern erfahren: "Die Liebe gibt keinen Sinn. Sie gibt vielleicht eine Befriedigung, aber keinen Sinn.Wir wissen nicht, woher wir kommen, warum wir hier sind. Die Abstammung, wie sie die Israeliten sehen, geht bis zu Abraham zurück. Doch niemand weiß, was das alles soll. Unser Universum ist etwas völlig Irrationales. Es gab die Bewegung des Christentums und den Marxismus, um der Welt einen Sinn zu geben. Aber es gibt keinen Sinn."
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FR, 29.12.2007

Der Publizist Tariq Ali sieht nach dem Attentat auf Benazir Bhutto schwere Zeiten auf Pakistan zukommen: "Pakistans turbulente Geschichte, das Resultat fortwährender Militärherrschaft und beim Volk unbeliebter Auslandsbündnisse, stellt die herrschende Elite jetzt vor ernste Entscheidungen. Die Herrschenden scheinen keinerlei positive Zielsetzungen zu haben. Die überwältigende Mehrheit des Landes ist mit der Auslandspolitik der Regierung nicht einverstanden. Es herrscht Zorn über das Fehlen einer ernsthaften Innenpolitik, die nicht nur darauf abzielt, einer herzlosen und gierigen Oberklasse, zu der die parasitäre Geschwulst des Militärs gehört, die Taschen zu füllen."

Weitere Artikel: Im Interview kritisiert Kathrin Göring-Eckhardt das Gedenkstättenkonzept von Kulturstaatsminister Bernd Neumann und plädiert für mehr zivilgesellschaftliche Beteiligung. Aureliana Sorrento erzählt von ihrem antiklerikalen Weihnachten in Rom. Peter Michalzik verteidigt die Aleviten, die gegen die jüngste "Tatort"-Folge auf die Straße gehen: die strittige Sache mit dem Inzest sei auch noch schlecht erzählt gewesen. Hans-Jürgen Linke denkt in einer Times Mager darüber nach, wie zeitgemäß die Kernfamilie heute noch oder wieder ist. In ihrer USA-Kolumne macht Marcia Pally sehr hilfreiche Weltverbesserungsvorschläge wie diesen: "Was El Kaida im Angebot haben, ist ein gerüttelt Maß an Erfahrung mit Flugzeugen. Wäre es nicht viel billiger, anstatt Milliarden von Dollars in die internationale Sicherheit zu stecken, die Terrornetzwerker bei Boeing oder Airbus zu beschäftigen?"

Besprochen wird eine Pariser Ausstellung zur Nachkriegsfotografie.

FAZ, 29.12.2007

Durs Grünbein behauptet in einem wunderschönen kleinen Text, jede x-beliebige Berliner Straßenszene anhalten und als Tableau beschreiten zu können, ebenso kann er sich ins Innere von Gemälden, besonders von niederländischen Genresezenen begeben, was er an Jan Steens "Verkehrter Welt" exemplifiziert: "Unterdessen kommt ein Schwein in die gute Stube spaziert und beschnüffelt die Rose, die auf dem Boden liegt wie der sprichwörtlich hingeworfene Hut und die verstreuten Spielkarten. Schließlich ist noch ein Hund auf den Tisch gesprungen und hat sich über die Wildpastete hergemacht, von der keiner mehr essen wollte. Soll ich mich einmischen?"



Weitere Artikel: Im Leitartikel des politischen Teils begrüßt Dieter Bartetzko Raoul Schrotts These, dass Homer ein assyrischer Schreiber gewesen sei, der dem Abendland eine Menge Orientalisches in die Wiege gelegt habe. Im Feuilleton kommentiert Regina Mönch einen demografischen Befund, der manche aufgeregte FAZ-Debatte erübrigt hätte: Deutsche Akademikerinnen bekommen nach neuesten Studien nämlich doch noch Kinder, in den neuen Ländern sowieso. Christian Deutschmann freut sich über den anhaltenden Boom auf dem Hörbuchmarkt - in Quantität und Qualität. Andreas Rossmann ist nicht zufrieden mit der in Düsseldorf nach dem Architekten Hans Schwippert benannten Straße, die den Kriterien des Meisters kaum entsprochen hätte. Jürgen Dollase erweist sich in seiner Gastrokolumne als treuer Besucher der "Schumann's"-Bar (mit falschem Apostroph) in München. Robert von Lucius schreibt zum Tod des estnischen Nationaldichters Jaan Kross.

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht's um eine neue CD von Radiohead, um Witchcraft, um Kammermusik von Sibelius. Besonders aber sollte man sich eine kleine Anthologie der schönsten tenoralen hohen Cs, ja sogar Ds und eines E in der Geschichte der Tonaufzeichnungen zur Seite legen, die der große Kenner Jürgen Kesting verfasst hat - unbestrittene Meister sind für ihn Nicolai Gedda, Jussi Björling und Carlo Bergonzi für das Pianissimo-B in "Celeste Aida".

Besprochen wird außerdem Pia Marais Spielfilmdebüt "Die Unerzogenen".

In Bilder und Zeiten begleiten wir die Schriftstellerin Sybille Bedford auf Weinreise ins Bordelais im Jahre 1978 - sie hatte das Privileg, Chateau d'Yquem zu besuchen, als es noch vom Grafen von Lur-Saluces und nicht von LVMH betrieben wurde. Erwin Seitz legt einen Essay über die Frage der mangelnden kulinarischen Eleganz der Deutschen vor. Tobias Rüther besucht die historische britische Antarktisforschungsstation Port Lockroy. Marco Schmidt interviewt den Regisseur Jean-Jacques Annaud zu Leben und Werk.

Auf der Literaturseite geht's um Bücher, in denen Zeugen des Holocaust und Nachfahren von Holocaust-Überlebenden zu Wort kommen, und um den wiederzuentdeckenden Autor Georges Hyvernaud.

In der Frankfurter Anthologie stellt Jan-Christoph Hauschild den "Neujahrsbrief 1963" von Heiner Mülller vor.

"Ein Jahr ist zu Ende gegangen mit Lärm
Von Glocken und Feuerwerkskörpern Die Zeitung
die gebracht werden wird in einer Stunde
In deiner Stadt dir mir in meiner Stadt
..."

NZZ, 29.12.2007

Weitere Artikel: Cord Aschenbrenner schreibt zum Tod des estnischen Autors Jaan Kross. Christian Schaernack besucht eine große Turner-Schau in der Washingtoner National Gallery of Art. Gabriele Detterer stellt das neu eröffnete Triennale-Designmuseum in Mailand vor. Christoph Egger schreibt zum Tod des polnischen Regisseurs Jerzy Kawalerowicz. Sieglinde Geisel liest ein Amerika-Heft der Neuen Rundschau. Besprochen werden Schillers "Kabale und Liebe" am Theater Basel und einige Bücher, darunter Rossana Rossandas Erinnerungen an die KPI "Die Tochter des 20. Jahrhunderts".

In Literatur und Kunst schreibt Martin Meyer über Arthur M. Schlesingers bisher nur auf englisch publizierte "Journals 1952-2000" (Auszug). Es wird ein Vortrag des Philosophen Georg Kohler über das Glück bei Bach nachgedruckt. Michel Mettler betrachtet das Gemälde "Der Weg von UE nach A" von Max Matter. Außerdem wird auf zwei Seiten das Inhaltsverzeichnis der gesamten Literatur-und-Kunst-Beilagen des Jahres 2007 abgedruckt.

SZ, 29.12.2007

Auf "zehn Ideen, die uns bleiben" blickt das Feuilleton auf der ganzen ersten Seite zurüc. Nicht alles Zukunftsträchtige war erfreulich, der Umgang mit "aufgetauter Erinnerung" zum Beispiel eher nicht: "Große Momente der Vergangenheit werden aufs Neue inszeniert. Und weil sich die Zyklen der Popkulturen immer schneller abwechseln, sind die Protagonisten von damals oft noch in Form. Das ist zwar Verrat am vorwärts gerichteten Pop, kann aber gutgehen, so wie bei den wiedervereinigten Led Zeppelin und The Police."

Weitere Artikel: "Wissenschaft und ihre Vermittlung wird zu einem Mannschaftssport" - so resümiert der Historiker Dieter Langewiesche den Umbau der europäischen, insbesondere der deutschen Hochschullandschaft. Der armenische Dramatiker und Filmemacher Nuran David Calis berichtet von einer Einladung zu einem Filmfest in der Türkei, der Heimat seiner Eltern. Alex Rühle stellt eine neue Studie vor, "derzufolge in 30 Jahren in den meisten englischen Städten keine einzelne Ethnie mehr die Mehrheit stellen wird". Fritz Göttler schreibt zum Tod des polnischen Regisseurs Jerzy Kawalerowicz. Auf der Literaturseite würdigt Volker Breidecker den verstorbenen estnischen Schriftsteller Jaan Kross.

Besprochen werden eine Frankfurter "Premierenoffensive" mit Inszenierungen von Einar Schleefs "Gertrud", Ibsens "Volksfeind" und einer "Don Quijote"-Theaterversion und Bücher, darunter Neuerscheinungen zum unerschöpflichen Phänomen Karl May und die von Alfred Neven Dumont herausgegebenen Erinnerungen prominenter Vertreter des Jahrgangs 1926/27 (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Im Aufmacher der SZ am Wochenende präsentiert Benjamin Henrichs Vorschläge, wie man Tragödien wie "Hamlet" oder auch "Drei Schwestern" ein überzeugenderes Ende verpassen könnte. Holger Gertz erzählt noch einmal die sagenhafte Erfolgsgeschichte des Getränks "Bionade". Katerberatung für Silvesterfolgen gibt es von Stefan Gabanyi. Auf der Historienseite geht es ums Wiener Schnitzel. Vorabgedruckt wird Patrick Roths Erzählung "Lynch for Lunch", in der David Lynch da erscheint, wo man ihn nicht erwartet. Im Interview spricht Nadine de Rothschild über "Manieren".