Magazinrundschau - Archiv

Al Ahram Weekly

202 Presseschau-Absätze - Seite 19 von 21

Magazinrundschau vom 21.12.2004 - Al Ahram Weekly

Khaled Dawoud war einer von fünf arabischen Reportern, die vor einigen Tagen Zugang zu den Gefängnisanlagen von Guantanamo Bay erhielten. Bis ins Detail beschreibt er die fünf verschiedenen "Camps" und die Zellen, die den Besuchern vorgeführt wurden. "Die Gefangenen in Guantanamo haben keinen Zugang zu Zeitungen und wissen nicht, was in der Außenwelt geschieht, außer, was ihre Befrager ihnen sagen. Der Chefvernehmer sagte, er informiere die Gefangenen über bestimmte Ereignisse, wenn das seinen Untersuchungen nützen würde, wie der Tod des palästinensischen Präsidenten Jassir Arafat oder die afghanischen Wahlen vor zwei Wochen. "Aber nicht alle Gefangenen wissen notwendig, dass Iraks Präsident Saddam Hussein gefangen genommen wurde", oder dass der Irak jetzt besetzt ist, fügte er hinzu. Auf die Frage, welche nützlichen Informationen denn Gefangene geben könnten, die seit drei Jahren von der Außenwelt abgeschnitten sind, erklärte er, sie könnten immer noch Informationen über den Hintergrund von Al-Qaida geben, ihre Taktik, Rekrutierungsmethoden und das finanzielle Netzwerk."

Rania Khallaf stellt den Dichter Girgis Shoukry, dessen Gedichte vor kurzem auf Deutsch erschienen sind, als einen Vertreter der jüngeren Generation ägyptischer Schriftsteller vor, die an einer Poetik des Alltäglichen arbeiten und damit das Bild arabischer Dichtung im Ausland verändern könnten. Shoukry selbst will von derlei Klassifikationen nichts hören, und überhaupt - wer liest denn schon? "Klar kann man von einer gegenwärtigen poetischen Bewegung sprechen, aber worauf es letztlich hinausläuft, ist eine Gruppe unabhängiger Stimmen. Das Paradox (...) ist doch, dass wir auf die essenzielle Rolle von Poesie für das soziale und kulturelle Leben pochen, während die Regierung noch damit beschäftigt ist, über Wege aus dem Analphabetismus nachzudenken. Die maximale Auflage eines Romans oder Lyrikbandes in staatlich finanzierten Verlagen ist 3.000. Wer also liest uns?"

Magazinrundschau vom 30.11.2004 - Al Ahram Weekly

"Hüter der Stimme, die einst Ägypten war": Gamal Nkrumah hat Mustafa Abul-Oyun besucht, einen Kairoer Gynäkologen, der nebenbei die größte Sammlung ägyptischer Musik aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert zusammengetragen hat - tausende Grammophonschallplatten, jede von ihnen eine Reise in die Vergangenheit des Landes. Die Stimmen und Texte der Sänger und Sängerinnen, erfahren wir, erzählen viel mehr als Liebesgeschichten, denn viele der Sänger waren auch Rezitatoren des Koran. Und dann war da die anregende Qualität der Musik: "'Religion, Sex und Narkotika', sagt der Doktor, sticht dabei mit melodramatischem Gestus seinen Zeigefinger in die Luft, als wollte er jedes einzelne Wort durchbohren, und fährt mit erregter Stimme fort: 'Das sind die einzigen drei bekannten Stimulantia, die nachweislich Ekstase produzieren.' Dann hält er inne, um Luft zu holen. 'Und Musik ist oft mit jedem von ihnen symbiotisch verbunden.'"

Weitere Artikel: Dina Ezzat berichtet von einem Ereignis, dass bei den internationalen Nachrichtenagenturen keine Beachtung fand: die Internationale Konferenz "Women Defending Peace", die in der vergangenen Woche in Genf stattfand. Gastgeberinnen waren Suzanne Mubarak, Gründerin und Vorsitzende des Women's International Peace Movement, und die Schweizer Außenministerin Micheline Calmy-Rey. Der Chefredakteur des jährlichen Arab Strategic Report, Hassan Abu Taleb, analysiert ausführlich die Notwendigkeit und Aussichten gesellschaftlicher Reformen in der arabischen Welt: Warum die Beteiligung der internationalen Gemeinschaft unerlässlich ist, aber dennoch ein Problem darstellt; warum regressive religiöse und kulturelle Diskurse aufgebrochen werden müssen, doch nicht, ohne zuvor den Hebel an den konkreten politischen Institutionen anzusetzen. Und der amerikanische Regisseur und Autor Jon Jost, dessen neuester Film "Homecoming" in Venedig Premiere hatte, begründet seine Entscheidung, nach der Wiederwahl von George W. Bush nicht mehr in seiner Heimat zu leben.

Und ein letzter Nachruf auf Arafat: Hassan Khader (mehr) erinnert sich an einen Frühlingstag im Jahr 2002, als er mit einer internationalen Gruppe Schriftsteller, darunter die Nobelpreisträger Jose Saramago und Wole Soyinka, zu Besuch beim Präsidenten in dessen Hauptquartier in Ramallah war. Arafat, rekapituliert Khader, plauderte über Literatur, erzählte Geschichten, löste Bewunderung bei seinen Gästen aus. Und er offenbarte einmal mehr sein Vermögen, Menschen für sich einzunehmen und sie so zu kontrollieren - Basis eines Persönlichkeitskults, der Arafats politisches Vermögen zugleich etablierte und beschränkte.

Magazinrundschau vom 23.11.2004 - Al Ahram Weekly

Thema Nummer eins ist weiterhin Jassir Arafat: Mahmoud Darwish schreibt einen Nachruf, in dem er die symbolische Bedeutung der Figur Arafats als Survivor hervorhebt: Sein Überleben war das Überleben der Palästinenser und ihres Kampfes im Angesicht von Niederlagen. "Etwas von ihm", schreibt Darwish, "ist in jedem von uns. Er war der Vater und der Sohn: der Vater einer ganzen historischen Epoche der palästinensischen Menschen, und ihr Sohn, dessen Rhetorik und Image sie mit hervorbrachten."

Hani Shukrallah beschreibt den Populismus Arafats - seine Nähe zu Volk und Land - als seine Stärke und große Schwäche. Und Noam Chomsky unterzieht die Nachrufe und Analysen in der New York Times und dem Boston Globe - die wichtigste und die liberalste der großen amerikanischen Zeitungen - einem close reading und interpretiert sie als Lehrstück über die Macht der Geschichtsschreibung.

Dazu ein ausführlicher und hochinteressanter Artikel über den Mythos des reinrassigen Araber-Hengstes - eine ägyptisch-britische Koproduktion - und die Welt der modernen Pferdezucht mit ihren Standbeinen in der Genetik und der Mythologie: Jenny Jobbins verfolgt das arabische Zuchtpferd durch viertausend Jahre menschlicher Geschichte.

Magazinrundschau vom 16.11.2004 - Al Ahram Weekly

Ihren Schwerpunkt widmet Al Ahram diese Woche dem Sterben von Jassir Arafat - der Tod wird erst in weiteren Updates kommentiert. Graham Usher staunt, dass es in Ramallah kaum heftige Reaktionen auf Arafats absehbaren Tod gab. Ein Arafat-Berater erklärt: "Es gibt zwei Jassir Arafats. Der eine ist das Symbol, der Vater unserer Nation, der Mann, der Palästina auf die Landkarte gesetzt hat. Dieser Arafat wird in den Geschichtsbüchern mit Respekt behandelt werden. Der andere ist Arafat, der politische Führer, der hier die letzten zehn Jahre regiert hat. Und über diesen Arafat wird die Geschichte kein freundliches Urteil fällen, und auch an diesen Arafat wird sich sein Volk erinnern. Er hat viele, sehr viele Fehler gemacht. Aber der gravierendste war, dass er nicht verstanden hat, dass mit Oslo eine neue Ära angebrochen war, die neue Leute und ein anderes Denken erfordert. Stattdessen hat er sich - wie stets zuvor - auf die alten verlassen." Außerdem porträtiert Graham Usher den in Israel zu lebenslanger Haft verurteilten Fatah-Führer Marwan Barghouti.

Amr Hussein beschreibt das Nachtleben in Kairo während des Ramadan: "Im heiligen Monat ist das Nachtleben in Kairo kaum wiederzuerkennen. Musikliebhaber lassen die Oper links liegen und bewegen sich in Richtung der Altstadtviertel der Stadt. Da, wo normalerweise Rock und Jazz den Ton angeben, dominiert im Ramadan arabische Musik, es ist der Gesang der Sufis, der die größten Mengen anlockt. Diese Ramadan-spezifische Kultur verdankt sich einem Prozess, in dem die Stiftung für die Entwicklung der Kultur eine entscheidende Rolle gespielt hat, indem sie in den 1980ern und 1990ern historische Gebäude wie Beit Al-Harrawi in der Nähe der Al-Ashar-Moschee renoviert und für die Öffentlichkeit freigegeben hat. Die Stiftung hat diese Gebäude in Auftrittsorte verwandelt und entfaltet während des Ramadan reiche kulturelle Aktivitäten, noch dazu, als zusätzlicher Anreiz, mit freiem Eintritt."

Außerdem: Im Interview bejaht der türkische Politologe Ahmet Davutoglu - wenn auch etwas gewunden - die Möglichkeit eines demokratischen Islam und islamischer Demokratie. Shaden Shehab berichtet, wie der Chefredakteur der regierungskritischen Zeitung Al-Arabi, Abdel-Halim Qandil, entführt, gedemütigt, geschlagen wurde- vermutlich, weil er sich vehement gegen eine fünfte Amtszeit für Präsident Mubarak stemmt. Das Innenministerium weist alle Vorwürfe selbstverständlich von sich - von den Tätern gibt es bisher keine Spur.

Magazinrundschau vom 01.11.2004 - Al Ahram Weekly

Die spanische Soziologin Gema Martin Munoz ist eine "vehemente Kritikerin der falschen Darstellung des Islam in der westlichen Welt" - doch es geht, erklärt sie im Gespräch mit Omayma Abdel-Latif, nicht um kulturelle Richtigstellungen, sondern um die Möglichkeit politischer Einflussnahme. Die Medien, so Munoz, betonen das Besondere und verschweigen das Gemeinsame, sie fokussieren auf Kultur und Religion und ignorieren Politik und Ökonomie - sie handeln, anders gesagt, mit Differenz und zeichnen ein Standbild unüberwindbarer Distanz, anstatt nach Anknüpfungspunkten zu suchen. Distanz schafft Phantasien und Phobien und lässt nur den Weg des bewaffneten Rückzugs frei. Dem, argumentiert sie, wäre entgegenzuwirken, wenn die obsessive Beschäftigung mit Kultur zugunsten einer rationalen Hinwendung zur politischen Analyse der arabischen Welt aufgegeben würde.

In einem anderen Artikel geht es nicht um Wahrnehmungsfehler auf europäischer, sondern um Repräsentationsfehler auf arabischer Seite. Denn Stereotypen "arabischer Kultur", so Nehad Selaiha, kommt man nicht bei, wenn man ihnen "arabische Kultur" en bloc entgegenstellt, egal in welchem Gewand - zum Glück hat Selaiha, nachdem er bei der Frankfurter Buchmesse in die Sackgasse des uniformen Gegendiskurses geraten war, beim Festival "Theaterlandschaften Seidenstraße" Mülheim/Ruhr erlebt, wie kultureller Dialog tatsächlich funktioniert.

Und schließlich: noch ein Zünglein an der einen Waage - Khaled Dawoud berichtet von einem Umschwenken der arabischen Amerikaner, die eigentlich traditionell republikanisch wählen und 2000 achtzig Prozent ihrer Stimmen für Bush abgaben; dieses Mal schlagen sie sich wohl auf die andere Seite.

Magazinrundschau vom 25.10.2004 - Al Ahram Weekly

Wer ist Tariq Ramadan? "Für die einen ist er ein brillanter junger Philosoph, der das Beste des Islams und des Westens zusammenbringt, ein Brückenbauer zwischen zwei Zivilisationen, eine energischer Streiter für eine universelle Vorstellung von Gerechtigkeit und eine der wichtigsten Stimmen der Gegenwart. Seine Kritiker beschuldigen ihn dagegen der Doppelzüngigkeit - mit einer besonnenen Botschaft in Englisch und Französisch und einer radikalen in Arabisch; er trägt, sagen sie, eine Maske der Liberalität, um seine wahre 'islamistische Agenda' zu verbergen. Einige haben ihn sogar als 'trojanisches Pferd des Dschihad in Europa' bezeichnet." Omayma Abdel-Latif hat Ramadan getroffen und sich seine Gedanken darlegen lassen, insbesondere seine Vorstellung eines "europäischen Islam", der es den dortigen Muslimen erlauben würde, "aus ihrem Ghetto herauszukommen und aktive Bürger zu werden". Die Begründung seiner Vorstellung findet Ramadan allerdings nicht in einer liberalen Variante des Islam, sondern in einer Neulektüre seiner wichtigen Schriften, aus denen er universelle Werte herausarbeitet. (Auf Deutsch ist von Tariq Ramadan "Muslimsein in Europa" erschienen. Ein Porträt Ramadans von Jörg Lau aus der Zeit finden Sie hier, einen längeren Artikel von Sabine Haupt über Ramadan aus der NZZ hier.)

Der Berliner Autor Norman Ohler war vier Wochen lang Stadtschreiber in Ramallah, das Goethe-Institut hat?s ermöglicht. Rania Gaafar hat sein Internet-Tagebuch gelesen und war gefesselt, und zwar trotz des manchmal etwas orientalistischen und naiv-xenophilen Blicks des Deutschen, der sich selbst als "Intifada-Touristen" bezeichnet. Ein kleiner Preis für die Möglichkeit, dem Blick eines Fremden zu folgen, der seine Überwältigung nicht durch die Standards des politischen Journalismus abschwächt. Und der deshalb Erkenntnisse gewinnt wie: "Selbst Palästinenser können leidenschaftliche Liebhaber sein." Derweil war Ibrahim Farghali (mehr) in Stuttgart installiert und hat in der kurzen Zeit eine bemerkenswerte Erfahrung gemacht: Nach ein paar Tagen in Berlin fühlte er sich bei der Rückkehr nach Stuttgart, als käme er nach Hause. Hier geht?s zu den Tagebüchern Farghalis. Und hier finden Sie alle Tagebücher der Reihe Midad.

Mohamed El-Assyouti ist unzufrieden mit Youssef Chahines neuem, autobiografischen Film "Iskenderiya - New York" (Alexandria - New York). Und Lubna Abdel-Aziz ruft: "Willkommen in der neuen Machowelt der männlichen Kosmetik! (...) Die Tage, in denen markige Mannsbilder ihre Bartstoppeln mit After Shave einrieben und stolz das Spiegelbild ihrer markanten Falten und grauen Haare angrinsten, sind vorüber."

Magazinrundschau vom 18.10.2004 - Al Ahram Weekly

Frankfurt-Nachlese: Dina Ezzat und Rania Gaafar haben auf der Messe mit jungen Deutschen arabischer Abstammung geplaudert, Johannes Ebert, den Leiter des Goethe-Instituts in Kairo, nach seinen Eindrücken befragt, und bei einen Bummel durch die Stadt in den Buchhandlungen nach deutschen Ausgaben arabischer Literatur gefahndet - ohne viel Erfolg. Zum Thema Übersetzungen aus dem Arabischen hat Jennifer Evans ein hochinteressantes Gespräch mit Mark Linz, Verleger der American University in Cairo Press, geführt. Mona Anis hat viele Beschwerden über den dekorativen Orientalismus gehört, der die Buchmesse begleitete: Kamele, Teppiche und arabische Kalligraphie, wo man hinsah. Berechtigt? Ja, aber viel Schlimmer ist: Die Aussteller haben selber kräftig mitgemischt, (einer ließ einen arabischen Hengst bestaunen), und Amr Moussa hat in seiner Eröffnungsrede jedes Klischee bedient, das er zu fassen kriegte, und war dabei so unpolitisch wie nur möglich, kritisiert Anis. So viel, wie man meistens glaube, habe sich nicht verändert, seit vor 137 Jahre auf der Exposition universelle in Paris die Kopie eines orientalischen Palastes aufgebaut wurde.

Weitere Artikel: Nach dem Anschlag in Sinai stellt Ibrahim Nafie eine Betrachtung über den globalen Charakter des Terrorismus an. Das heißt: Niemand kann so tun, als ginge es ihn nichts an, und niemand kann so tun, als ginge es ihn allein etwas an. Kamil Mahdi berichtet von der Gefahr, die der Altstadt von Najaf, einer der wichtigsten historischen Kulturstätten der arabischen Welt, droht - paradoxerweise durch amerikanische Wiederaufbaupläne. Und Frederick Bowie berichtet, was die akademischen Hochkaräter - Stuart Hall, Benita Parry, Ella Shohat und andere - auf einer Londoner Tagung zum Vermächtnis von Edward Said besprachen.

Magazinrundschau vom 11.10.2004 - Al Ahram Weekly

Diesen Text sollte man lesen: Er handelt vom Irak, und er unterscheidet sich von all den Reportagen der vergangenen Monate,weil er zugleich viel hoffnungsloser und hoffnungsvoller ist. Zaid Al-Ali ist kein Journalist, sondern ein Iraker, der sein bisheriges Leben in den Vereinigten Staaten und in Westeuropa verbrachte und jetzt zum zweiten Mal ins Land seiner Eltern reiste. "Nie in meinem Leben", schreibt er, "habe ich mich so fehl am Platz gefühlt, so fremd, so unwillkommen, so unwohl, so schuldig." Die meisten Menschen, die er traf, waren krank, nicht einer war lebensfroh, nicht einer glaubte an Besserung, alle hassten die Amerikaner, doch die meisten hassten auch ihr eigenes Land. Niemand, den Al-Ali traf, war politisch tätig oder glaubte an die Idee politischer Betätigung. Oder kannte jemanden, der daran glaubte. Fast alle Iraker, die während Saddams Zeit heranwuchsen, sind ungebildet - eine verlorene Generation ohne Werte. Und die Älteren haben die Hoffnung längst verloren. Kommen Sie nicht wieder, riet ihm einer - "bleiben Sie im Ausland und leben Sie Ihr Leben." Die Iraker sind tot, schreibt Al-Ali. "Ihre Verzweiflung ist permanent und überdeckt alles. Sie sind verzweifelt, wenn sie lachen und wenn sie streiten. Der einzige Ort, wo ich nicht dieses Gefühl hatte, war das Ufer des Tigris, nahe Tikrit - ein Ort, der sich seit der Zeit Babylons nicht verändert zu haben scheint, einer Zeit, in der die Menschen dieses Landes aller Wahrscheinlichkeit nach glücklicher waren als jetzt." Doch Al-Alis Text ist nicht nur als Zustandsbericht erschütternd - er zeigt auch, was es für den Einzelnen heißt, dennoch auf dem Wert von Humanismus zu bestehen.

Weitere Artikel: Die Theaterkritikerin und Vorsitzende des International Theatre Institute Martha W. Coigney spricht mit Yasmine El-Rashidi über Theater als Möglichkeitsfeld globaler Kommunikation. Rania Gaafar berichtet von der Frankfurter Buchmesse. Und Amina Elbendary zieht nach zwei Jahren neuer Bibliotheca Alexandrina betrübliche Bilanz: Kein Ort der Wissensproduktion sei der wunderbare Bau bislang, sondern vor allem ein beliebter Ort für Konferenzen und eine Attraktion für Touristen, die ehrfurchtsvoll durch die weiten Räume laufen.

Magazinrundschau vom 04.10.2004 - Al Ahram Weekly

Kairo hat das europäische Kino wiederentdeckt! Nachdem in den gesamten Neunzigern gerade man zwei (!) europäische Filme in Ägypten liefen, brachte ein zweiwöchiges Festival mit Filmen von Lars von Trier, Wim Wenders und vielen anderen die Erkenntnis, dass großes Interesse an Alternativen zu Hollywoods Big-Budget-Kino besteht - die Säle platzten aus allen Nähten, berichtet Hani Mustafa. Organisiert wurde das Programm von der Regisseurin und Produzentin Marianne Khoury, die von Yasmine El-Rashidi wunderbar porträtiert wird: als Energiebündel, Filmbesessene, Beobachterin des Lebens.

Mohamed Hassanein Heikal, einst ein enger Mitstreiter von Nasser, seit vielen Jahrzehnten Journalist und renommierter politischer Kommentator in der arabischen Welt, hat den Sommer über im Fernsehsender Al-Dschasira in einer wöchentlichen Sendung die arabische Gegenwart im historischen Kontext dargestellt. Al-Ahram veröffentlicht Auszüge, in denen Heikal den Verlust arabischer Einheit kritisiert, die imperialen Ansprüche der Vereinigten Staaten aus der amerikanischen Geschichte heraus erklärt und die Zukunft israelisch-arabischer Konflikte in einen geopolitischen Rahmen stellt.

Thema Buchmesse: Rania Gaafar hat sich angeschaut, was die deutschen Medien im Vorfeld über die arabische Welt zu sagen haben, und stellt fest: erstens, jede Menge, und zweitens, endlich mehr über Literatur und Kultur und weniger über Politik - den Themen, die seit dem 11. September in einem krassen Missverhältnis standen. Peter Ripken, Projektmanager und Leiter der Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika, bestätigt diese Eindrücke und ist optimistisch, dass die Präsentation einen enormen und nachhaltigen Aufschwung arabischer Literatur und Kultur in Europa zur Folge haben wird - Anzeichen dafür hat er bereits im Vorfeld der Messe gefunden. Doch während Ripken die Kritik am offiziellen Programm abwehrt, wird sie vom Schriftsteller Bahaa Taher verstärkt, der hier seine Entscheidung begründet, die Frankfurter Präsentation zu boykottieren.

Schließlich, als Bonbon, ein Gedicht Mahmud Darwischs in Erinnerung an Edward Said - hier der Beginn:

"New York/ November/ Fifth Avenue
The sun a plate of shredded metal
I asked myself, estranged in the shadow:
Is it Babel or Sodom?
..."

Magazinrundschau vom 27.09.2004 - Al Ahram Weekly

Hamid Dabashi, Professor für Iranische Studien und Vergleichende Literaturwissenschaften an der Columbia University, erzählt in einem langen, unaufgeregten Text von einer Reise nach Jerusalem und einem persönlichen Dienst an einem Freund: Dabashi entnahm ein wenig Erde von den Gräbern zweier Begleiter Mohammeds, um sie auf das Grab des im vergangenen Jahr verstorbenen Edward Said zu streuen. Ein Bericht über die emotionalen Farben einer in Angst erstarrten Stadt, über Fremdheit und Heimat, über Blicke zwischen Gegnern und Menschen.

Abdel-Azim Hammad hat ein Auge auf Otto Schily geworfen, der dem Autor durch besonders eifrige anti-arabische Ressentiments aufgefallen ist. Warum, fragt sich Hammad, betreibt der deutsche Innenminister Politik auf eigene Rechnung, während die deutsche Regierung ansonsten um Ausgleich im Nahen Osten bemüht ist? Hat er ein persönliches Problem? Oder spielt er nur den Bad Cop, der in Zeiten des Terrors hart durchgreift, während die Good Cops Schröder und Fischer sanft vermitteln?

In einer "wegweisenden" Rede in der Kairoer Al-Azhar-Moschee hat Rowan Williams, Erzbischof von Canterbury, dafür plädiert, die Doktrin des einen, allmächtigen Gottes, die dem Judentum, dem Islam und dem Christentum gemein ist, zur Grundlage einer Handlungsethik zu machen, die religiöse Unterschiede und verschiedene weltliche Interessen im Interesse eines gottgefälligen Verhaltens überwindet. Al-Ahram dokumentiert den Wortlaut der Ansprache.

Außerdem: In der vergangenen Woche trafen sich arabische Intellektuelle in der Bibliotheca Alexandrina, um sich über Pressefreiheit und die Möglichkeiten des Schutzes unabhängiger Journalisten und Autoren auszutauschen; Gamal Nkrumah war dabei und berichtet von Forderungen nach politischen Reformen - und einem gewissen Pessimismus. Ein/e nicht genannte/r Autor/in hat sich von der geistigen Vitalität des 82-jährigen Alain Robbe-Grillet, der als Ehrengast zum 20. Filmfestivals von Alexandria geladen war, fesseln lassen. Und Dina Ezzat berichtet weiter über die Buchmesse und die Debatte um die Repräsentation der arabischen Welt: Der Kulturkritiker Ahmed Kamal Abul-Magd, der als offizieller Vertreter der Arabischen Liga nach Frankfurt reist, verteidigt die Image-Mission der Delegation und greift seinerseits die Kritiker des offiziellen Programms, die er als "Rückzügler" bezeichnet, an. Die Frankfurter Messe, meint er, ist eine einzigartige Chance, das Bild der moslemischen Welt im Westen zu verbessern - wer in einem solchen Moment über Teilnehmerlisten streite, schade der guten Sache.