Magazinrundschau - Archiv

The Boston Review

24 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 3

Magazinrundschau vom 14.04.2020 - Boston Review

Pandemien kann man nicht miteinander vergleichen, jede folgt ihren eigenen Gesetzen. Aber die sozialen Antworten darauf vergleichend, kann schon gewinnbringend sein, meint Alex de Waal und empfiehlt die Leküre von Richard Evans' 1987 erschienenem Buch "Death in Hamburg". Aber auch sein Kampf gegen Aids - das mit Corona viel gemeinsam hat, zum Beispiel die Vorstellung, dass die am härtesten Betroffenen, bei Aids die Schwulen, bei Corona die Alten, wegen ihres angeblich moralisch verwerflichen Lebensstils selbst Schuld haben - hat ihn einiges gelehrt: "Die klarsten Fragen sind politischer Natur. Was sollte die Öffentlichkeit von ihren Regierungen verlangen? Durch hart erlernte Erfahrungen entwickelten die AIDS-Aktivisten ein Mantra: 'Kenne deine Epidemie, handle nach ihrer Politik'. Die Motive für - und die Folgen von - Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit gingen schon immer weit über die Kontrolle von Krankheiten hinaus. Das politische Interesse übertrumpft die Wissenschaft - oder, genauer gesagt, das politische Interesse legitimiert einige wissenschaftliche Lesarten und andere nicht. Pandemien sind der Anlass für politische Auseinandersetzungen, und die Geschichte legt nahe, dass Fakten und Logik Werkzeuge für den Kampf sind und nicht Schiedsrichter des Ergebnisses."

Magazinrundschau vom 06.08.2019 - Boston Review

Egal, wie skandalös Donald Trump auftritt - er hat eine unbeirrbare Basis an Wählern, die nicht wankt, lernt Ronald Aronson, der Zahlen und Bücher zum Thema studiert hat. Und es sind nicht einfach Armut und Hoffnungslosigkeit, die die Leute in Trumps Arme treibt. Das fand die Politikwissenschaftlerin Diana Mutz heraus, die für eine Studie das Wahlergebnis von 2016 im Detail analysiert hat, so Arnonson: "Ihre Schlussfolgerung ist in ihrem Titel zusammengefasst: 'Statusangst, nicht wirtschaftliche Not, erklärt die Präsidentschaftswahl 2016.' Die Beweise deuten überwiegend darauf hin, erklärt sie, dass bei Gruppen mit hohem Status die Angst vor dessen Verlust das wichtigste Motiv für die Unterstützung Trumps ist. Die rückläufige zahlenmäßige Dominanz der weißen Amerikaner in den Vereinigten Staaten zusammen mit dem steigenden Status der Afroamerikaner und der amerikanischen Unsicherheit darüber, ob die Vereinigten Staaten weiterhin die dominante globale Wirtschaftssupermacht sein werden, haben zu einer klassischen Abwehrreaktion unter den Mitgliedern dominanter Gruppen geführt. Mutz' quantitative Analyse ist durchaus kritisiert worden, aber die generelle Stoßrichtung ihres Arguments scheint unbestreitbar. Ein afroamerikanischer Mann wird gewählt, und der Schlachtruf lautet 'Take America back!'. Hispanische Einwanderer werden sichtbarer, und der Kampfruf wird zu 'Bauen Sie die Mauer!'. Eine muslimisch-amerikanische Kongressabgeordnete kritisiert den Präsidenten, und der Kampfruf lautet 'Schick sie zurück!'. Laut Mutz speist sich das nicht aus einem 'Rassismus, der darauf hindeutet, dass Weiße Minderheiten als moralisch oder intellektuell minderwertig betrachten, sondern aus der Angst, Minderheiten könnten mächtig genug sein, den Status quo zu verändern."

Magazinrundschau vom 08.05.2018 - Boston Review

Der Schriftsteller William T. Vollmann ("Europe Central") hat ein wie stets riesiges Buch über den Klimawandel geschrieben. Ihm geht es auch um die Widerstände, die sich mit dem Thema verbinden und die Frage, wie man ihnen begegnet, erklärt er im Gespräch mit Ted Hamilton: "In West Virginia habe ich eine Kellnerin getroffen, die mir gesagt hat, dass man in McDowell County 'entweder Kumpel oder Gefängniswärter ist, oder man ist im Gefängnis.' Nachdem Hillary Clinton ihren Mund voll nahm und ankündigte, dass wir Kumpel arbeitslos machen und Minen schließen, warum sollten die Familien der Kumpel nicht für Trump stimmen? Die Leute in West Virginia waren ja eigentlich eher Wähler der Demokraten. Es muss einen Weg geben, dass es diesen Leuten besser geht, statt sie zu bestrafen. Wäre ich Hillary gewesen, hätte ich gesagt: 'Ich bin den Kumpeln und den Ölleuten wirklich dankbar... Statt euch arbeitslos zu machen, lasst uns Sonnenkollektoren aus dem Holz der Appalachen-Wälder machen und amerikanische Flaggen drauf pflanzen... Das wäre eine Win-Win-Situation."
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Magazinrundschau vom 29.08.2017 - Boston Review

Merve Emre weiß nur zu gut, dass schon Virginia Woolf den Niedergang des Essays beklagte. Dennoch ärgert sich Emre sehr über den neuen Trend, die Bespiegelung des eigenen Ichs an die Stelle einer ästhetischen, ethischen oder politischen Haltung zu setzen. Als Gegengift (etwa zu den Essays von Durga Chew Bose) empfiehlt sie Mary Gaitskills "Somebody with a Little Hammer" und noch mehr Deborah Nelsons "Tough Enough", der Porträts großer Essayistinnen versammelt: "Nelsons Buch ist eine Studie ethischer und ästhetischer Unsentimentalität. Sie feiert diese eisigen, erbarmungslosen, scharfzüngigen Künstlerinnen, die sich verpflichtet hatten, 'direkt und klar auf die schmerzliche Realität zu blicken, ohne zu besänftigen und ohne zu trösten'. Viele dieser Frauen beschrieben ihr eigenes Leben in unbequemer Detailliertheit: Mary McCarthy ihre religiöse Erziehung, Susan Sontag ihren Brustkrebs, Joan Didion den Verlust von Mann und Tochter. Andere wie Simone Weil und Hanna Arendt dokumentierten den Horror der industriellen Moderne: das Elend der Fabrikarbeiter, die Verheerungen des Holocaust und der Atombombe. Doch keine von ihnen glaubte, dass die Darstellung menschlicher Erfahrung, egal wie komplex, qualvoll oder unwägbar, emotionale Expressivität erforderte. Vielmehr verlangte das Verständnis für die conditio humana das Gegenteil: die Kunst vom Gefühl freizumachen."

Magazinrundschau vom 26.04.2016 - Boston Review

Die Spanier interessiert ihr Cervantes nicht für fünf Cent. Diesen Eindruck bekommt man jedenfalls, vergleicht man die Fülle der Veranstaltungen in England zum 400. Todestag Shakespeares mit dem praktisch unsichtbaren Gedenken für Miguel de Cervantes, der ebenfalls vor 400 Jahren starb, bemerkt Stephen Phelan staunend. Und das geht schon ewig so: Häuser, in denen Cervantes gelebt hatte, wurden einfach abgerissen, es gibt kein großes Denkmal, er wird kaum noch gelesen, selbst sein Grab wurde nur entdeckt, weil ein Privathistoriker mit eigenem Geld und nie nachlassender Zähigkeit danach suchte. Gefunden hat er es schließlich in einem Convent der Barfüßigen Trintarierinnen. Die Schwestern waren entsetzt über die Störung. Und heute? "Technisch ist der Convent für die Öffentlichkeit zugänglich. Gruppenbesuche sind mit Anmeldung erlaubt. Aber ich habe wochenlang dort angerufen und nie ging jemand ans Telefon. Fernando de Prado erzählte mir, die Nonnen seien jetzt unter Druck, sich mehr zu öffnen und es scheint, sie haben als Antwort darauf ihre Türen noch fester geschlossen. Als ich dorthin kam, war die Tür jedoch weit offen und eine Frau saugte im Eingang. Es war das einzige Geräusch in der Straße an diesem stillen Donnerstag nachmittag. Ich dachte, ich könnte vielleicht schnell einen Blick ins Innere werfen und den neuen Grabstein besuchen oder wenigstens jemanden zum Reden finden. Ich lächelte die Frau an und bereitete innerlich eine Bitte in meinem besten modernen Spanisch vor, in der Sprache Miguel de Cervantes'. Sie lächelte zurück, schaltete den Staubsauger aus und schlug mir sanft die Tür vor der Nase zu."

Magazinrundschau vom 10.11.2015 - Boston Review

Yarden Katz beschreibt den Kampf um das Patent auf Crispr zwischen der Universität von Kalifornien, Berkeley, dem Broad Institute des MIT und Harvard: Alle waren an der Entdeckung beteiligt, alle haben dafür öffentliche Gelder bekommen, alle haben Firmen gegründet, die Crispr kommerziell verwerten. Katz wünscht sich eine Bewegung für freie Biologie ähnlich der für freie Software. "Yochai Benkler, der darüber nachgedacht hat, wie man die Verletzung der Commons durch das Patentsystem verhindern könnte, hat vorgeschlagen, dass Wissenschaftler offene Lizensierungen wie auf dem Gebiet der Software benutzen. Dies würde es ihnen gestatten, die Verwendung ihrer Forschungsergebnisse selbst zu bestimmen, ohne auf Gesetzesänderungen warten zu müssen. Diese Commons-basierten Lizenzen könnten ausdrücklich humanitäre Verwendungen erlauben, die sonst durch private Eigentum unmöglich gemacht werden. Wenn Forscher solche Mechanismen anwenden, so Benkler, würden die Universitäten erhebliche Verhandlungsmacht gegenüber der Bio- und Pharmaindustrie erhalten."

Magazinrundschau vom 26.08.2014 - Boston Review

In einem langen Essay für die Boston Review sieht der große syrische Philosoph Sadiq Al-Azm das Hauptproblem Syriens nicht in der Verfolgung von Minderheiten, sondern im Gegenteil in der Unterdrückung der sunnitischen Mehrheit durch die alawitische Minderheit um den Diktator Baschar al-Assad. Von der Terrorgruppe "Islamischer Staat" steht in dem Text noch nichts, wohl aber sagt Al-Azm (der selbst aus einer sunnitischen Familie stammt) eine Radikalisierung der Sunniten durch die Repression des Regimes an. Statt Syrien ausbluten zu lassen, weil sich dort lauter Feinde des Westens gegenseitig bekämpfen, so Al Azm, wird der Westen spätestens intervenieren müssen, um den Islamismus zu bekämpfen. Und bezüglich Syriens "muss der Westen helfen, Assads Zugriff auf das Land und seine Zukunft zu beenden und den Alawiten eine erträgliche Position zuzuweisen - in einem demokratischen Rahmen, der natürlich die Sunniten ins Recht setzen muss."

Magazinrundschau vom 28.02.2014 - Boston Review

Jessica Sequeira führt für die Boston Review ein faszinierendes Gespräch über die jüngere argentinische Geschichte mit dem Journalisten Uki Goñi, der nur seine Lebensgeschichte erzählen muss, um uns in die Abgründe, die da gähnen, hineinzuversetzen. Um 1980 arbeitete er beim englischsprachigen Buenos Aires Herald, der einzigen argentinischen Zeitung, die überhaupt über die Mütter von der Plaza de Mayo berichtete - unter großer Gefahr und zum allgemeinen Desinteresse der Argentinier. Dank eines seiner Bücher ist der Foltergeneral Alfredo Astiz verurteilt worden. In einer Szene schildert Goñi die Atmosphäre in Argentinien zur Zeit der Diktatur: "Wir waren damals zufällig zusammen auf einer Party und tanzten zu 'The Last Train to London' von ELO. Ich zog den Hausherren zur Seite und fragte ihn: 'Weiß du, wer hier ist?' Er sagte: 'Ja, Alfredo Astiz'. Ich sagte: 'Der Mörder der französischen Nonnen und des schwedischen Mädchens.' Und er: 'Nein, der Held der Falklands'. Darauf ich: 'Sag ihm nicht, dass ich für den Herald schreibe.' Ich fragte mich, ob ich auf der Party bleiben soll, und ich blieb und tanzte mit Astiz Seite an Seite."

Magazinrundschau vom 01.10.2013 - Boston Review

Joel Whitney von der Online-Literaturzeitschrift Guernica zeigt, wie Zensur im Google-Zeitalter funktionieren wird. Die Zeitschrift, die eine seltene Kombination ist aus linkem Politikverständnis und echtem Interesse an Kultur, verdient ein bisschen Geld nebenbei mit Google-Anzeigen. Als sie einen Text des Autors Clancy Martin über "frühe sexuelle Erfahrungen" brachte, erhielt sie eine automatische Mail von Google, die ihr mitteilte, dass das Anzeigenprogramm abgeschaltet würde, sofern sexuell explizite Texte nicht von der Website entfernt werden. Whitney beschreibt, wie die Redaktion spaßeshalber versuchte, Martins Text google-kompatibel zu machen: "Was würde Google statt 'Mein Penis schwillt vor Freude an' sagen? Es wäre zu dumm, einfach Synonyme oder Permutationen zu benutzen. Auch Sternchen anstelle der Vokale befriedigten uns nicht. Nirgends gab es eine Liste verbotener Wörter oder Seiten. Martins Artikel war auch nur als Beispiel genannt worden. Wir konnten niemanden fragen, um hier Klarheit zu bekommen. Wir konnten nur raten."

Magazinrundschau vom 25.09.2012 - Boston Review

Der Journalist Philip Gourevitch, dessen große Ruanda-Reportage "Wir möchten Ihnen mitteilen, daß wir morgen mit unseren Familien umgebracht werden" mit dem National Book Critics Circle Award ausgezeichnet wurde, spricht in einem sehr interessanten Interview mit Cécile Alduy über den narrativen Ansatz seiner Berichte und die Grenzen westlicher Intervention in Krisengebieten: "In Syrien herrschen entsetzliche Zustände. Wir sehen abstoßende Dinge, das steht außer Frage. Aber man hört Leute, die Obama dafür kritisieren, dass er nicht einschreitet. Sie sagen, Washington spiele auf Zeit. Natürlich spielt Washington auf Zeit. Auf Zeit spielen bedeutet, dass es keine guten Optionen gibt, und dass man hofft, dass sich die Dinge so entwickeln, dass sich vielversprechendere Optionen auftun. Man kann die Russen nicht einfach ignorieren. Man kann nicht ignorieren, dass Iran zu Assads Verbündeten zählt. Man kann nicht ignorieren, dass es sich um eine höchst unberechenbare Region handelt. Man kann nicht ignorieren, dass die Opposition ein ziemlich bunter Haufen ist. Man kann nicht ignorieren, dass einem niemand sagen kann - und das ist besonders wichtig -, was nach Assad kommen soll. Wir wissen, dass wir gegen ihn sind, aber für wen sind wir stattdessen? Ohne dieses Wissen sollte man nicht in einen äußerst gewalttätigen Konflikt eintreten."
Stichwörter: Ruanda, Washington