Magazinrundschau - Archiv

Merkur

240 Presseschau-Absätze - Seite 22 von 24

Magazinrundschau vom 13.09.2004 - Merkur

"Ressentiment", schreibt der Merkur in seinem Editorial, "ist unter den negativen Eigenschaften wie Neid und Hass die niedrigste und der Vorwurf daher besonders verletzend". Aber weil das Ressentiment für ihn - ganz im Sinne Nietzsches - nicht nur die "Erkennungsmarke von Zukurzgekommenen" ist, sondern auch "Quelle von Originalität", hegt der Merkur es in seinem diesjährigen Doppelheft in aller Ausführlichkeit.

Thomas E. Schmidt liest die "Dialektik der Aufklärung" als das Beispiel ressentimentgeleiteter Kulturkritik im 20. Jahrhundert. "Wo Aufklärung unterdrückt oder verboten wird, bleiben Horkheimer und Adorno gelassen, gerade dort, wo das aufgeklärte Denken siegreich ist, ereignet sich der vorläufig letzte Akt der weltgeschichtlichen Katastrophe. Ihr antiliberaler und antiwestlicher Affekt ist daher ungefiltert."

Christian Demand ("Die Beschämung der Philister") sieht im Ressentiment dagegen kein Ohnmachts-, sondern ein Machtphänomen, "die in der Kunstwelt so bewährte wie allgegenwärtige Diskursstrategie nämlich, sich jeglicher öffentlicher Kritik ... dadurch elegant zu entledigen, dass man die Einwände pauschal mit Ressentiment gegen 'die Kunst' als solche gleichsetzt ... Das wenig attraktive Signum dieser Form des ästhetischen Ständedenkens ist - darin treffen sich Nietzsches höhnische Einlassungen über die christliche 'Sklavenmoral' mit dem Eliteanspruch der Wissenden in der bayerischen Architektenkammer - ein Grundton der Herablassung, der schnell vom gönnerhaft aristokratischen Degout in offene Häme umschlagen kann."

Weiteres: Rainer Paris mokiert sich über einen ausufernden Opferkult. "Opfer ist jetzt, wer sich als Opfer fühlt." Nur im Print behandelt werden die Lust an der Negation, der ewige Nörgler und Rechthaber Karl Kraus, Männerhass, Selbsthass und die Kunst des Rühmens.

Magazinrundschau vom 02.08.2004 - Merkur

Jörg Lau feiert diesmal eine Ikone, statt sie zu demontieren, nämlich Paul Berman, neben Christopher Hitchens einer der führenden liberalen Falken. Berman ("Liberalismus und Terror") hält George W. Bush zwar für den schlechtesten aller Präsidenten der USA, weil er nicht in der Lage war, den Krieg gegen den Terror in einen Krieg gegen den islamischen Totalitarismus zu führen. Lau umreißt Bermans Mission folgendermaßen: "Angesichts des heutigen Angriffs des 'Islamofaschismus' auf die liberale Zivilisation droht sich, meint Berman, die Blindheit des letzten Jahrhunderts für die 'wichtigste Tatsache in der modernen Geschichte zu wiederholen: Der Aufstieg bestimmter politischer Bewegungen, die von paranoidem Hass, von apokalyptischen Phantasien und vom fanatischen Wunsch, Massenmorde zu begehen, angetrieben werden'" (Texte von Berman finden sich in seinem Dissent Magazine).

Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler erklärt noch einmal, was ein asymmetrischer Krieg ist. Interessant vielleicht, wie die neuen Kriege heutzutage beendet werden: "An die Stelle von Friedensschlüssen sind Friedensprozesse getreten, in denen nicht mehr zwei Seiten miteinander Frieden schließen, sondern durch einen Dritten dazu motiviert werden müssen, den Frieden für attraktiver zu halten als den Krieg. Die Hauptmotive für die Orientierung am Frieden sind in der Regel Finanzzusagen des Dritten für den Fall der Kriegsbeendigung, also das, was man als Gewaltabkauf bezeichnen kann."

Weiteres: Walter Klier stöhnt über all die Sklavendienste, die einem Dichter heutzutage aufgebürdet werden: Lesungen, Debatten, Jury-Sitzungen und Kasernierungen zum Zwecke der Kreativitätsförderung etwa in Bamberg oder Wiepersdorf. Gustav Seibt stellt Bücher zum Ersten Weltkrieg vor. Reinhardt Brandt sieht es ein: "Wer von einer Amerikanisierung Europas spricht, verkennt, dass wir selbst unser Amerika sind; es wird aus Neu-Europa nur als Konzentrat und Karikatur zurückgebracht, was hier entstand."

Magazinrundschau vom 05.07.2004 - Merkur

"Gerechtigkeit fürs Sofabild", ruft Gustav Seibt und reitet eine ordentliche Attacke gegen die Kunstkritik: "Hier wendet sich der kritische Impuls fast ausschließlich gegen das Publikum, das als feindlich-träge Masse wahrnehmungsresistenter, dekorationslüsterner, reaktionärer bürgerlicher Bildungsspießer begriffen und zurechtgewisen wird ... Die enorme, oft sinnverwirrende Explosion ästhetischer Möglichkeiten in der europäisch-amerikanischen Moderne des 19. und 20. Jahrhunderts war begleitet von einem frappanten Ungleichgewicht in den Funktionen des kunstkritischen Diskurses: Dieser schlug sich mit einer Einseitigkeit, die in anderen Disziplinen - Literatur, Theater, Musik, Film - keine Parallele hat, auf die Seite der Kunst und machte sich deren kritische Impulse gegen die Gesellschaft zu eigen." Gelernt, sich über diese bizarre Konstellation zu wundern, hat Seibt übrigens mit Christian Demands "brillanter" Studie "Die Beschämung der Philister. Wie die Kunst sich der Kritik entledigte".

Weiteres: In der Reihe "Runtergeputzte Ikonen" widmet sich Sabine Pamperrien diesmal Heiner Müller und seinem neurotisch-fixierten Antikapitalismus: "Müller war kein autonomer Künstler, der nur eigenen ästhetischen Gesetzen folgte und dessen Kunst in einem universalen Diskurs die Geschichte der Menschheit reflektierte. Müller war ein vorbildlicher Ingenieur der Seele. Sein Theater sollte belehren, nicht erbauen... Seine Argumentationsmuster entsprachen dabei ohne Einschränkungen dem sozialistischen Dogma. In Konflikt mit der Kulturpolitik kam Müller immer nur, wo er deren inkonsequente Haltung bei der Durchsetzung des kommunistischen Ideals herausstellte, nicht weil er das Primat der Partei bezweifelte." Der in dem Text ebenfalls abgewatschte Richard Herzinger hat in seinem Weblog übrigens schon geantwortet.

Im Print: Patrick Bahners erkennt in Patricia Highsmiths Romanen ein gewisses aristokratisches Vorurteil, nämlich dass der Geist über die Materie erhaben ist. Und Kaspar Maase zieht die neue Staatsräson in Zweifel, wonach der amerikanische Lebensstil ("Rock und Pop und Rumtata") "den autoritären, militarischen und chauvinistischen Deutschen eine zivile, lässige und hedonistische junge Generation bescherte". Und Karl Schlögel rühmt die Tagebücher von Harry Graf Kessler als ein "Dokument vom Reichtum und der Fülle Europas zwischen 1880 und 1937, verfasst von jemandem, der diesen Reichtum nicht nur bobachtet und fixiert, sondern mitproduziert hat."

Magazinrundschau vom 01.06.2004 - Merkur

Den aktuellsten Text versteckt der Merkur unter dem unauffälligen Link "Hintergrund". Hier publiziert man als pdf noch einmal Jean Amerys berühmten Essay über die Folter aus dem Merkur vom Juli 1965: "Wer von der Tortur spricht, muss sich hüten, den Mund voll zu nehmen. Was mir in dem unsäglichen Gewölbe in Breendonk zugefügt wurde, war bei weitem nicht die schlimmste Form der Folter. Man hat mir keine glühenden Nadeln unter die Fingernägel getrieben, noch brennende Zigarren auf meiner nackten Brust ausgedrückt. Was mir dort zustieß, war vergleichsweise gutartig, und es hat keine auffälligen Narben an meinem Körper zurückgelassen. Und doch wage ich, zweiundzwanzig Jahre später, auf Grund einer Erfahrung, die das Maß des Möglichen keineswegs auslotete, die Behauptung: die Tortur ist das fürchterlichste Ereignis, das ein Mensch in sich bewahren kann."

"Kann man einer Region das demokratische Herrschaftssystem von außen mit Gewalt überstülpen?", fragt der Konfliktforscher Ernst-Otto Czempiel und erklärt uns als Antwort Gesetz eines gewissen Seeleys, nach dem "der Grad der Freiheit in einem Land umgekehrt proportional zu dem Druck" ist, "der auf seinen Grenzen lastet". "Nach Seeleys Gesetz können sich die Freiheitsräume der Bürger in den Staaten eines internationalen Systems nur erweitern, wenn der Spannungsgrad niedrig ist. In einer Zone aktueller gewaltsam ausgetragener Konflikte kann sich keine Demokratie entfalten, werden vorhandene demokratische Strukturen eher reduziert."

Außerdem online zu lesen ist die Ästhetikkolumne, in der Wolfgang Kemp die superkalifragilistisch-expealigorischen Sprachgepflogenheiten der aktuellen Kunstszene zerpflückt.

Nur im Print untersucht Stefan Weidner vom Online-Kulturmagazin "Art & Thought" die Tauglichkeit "harter" und "weicher" Islamdeutungen, die sich grundsätzlich in der Frage unterscheiden, ob der Islam demokratisierbar ist. "Was auch immer man dazu dekretiert, forscht oder meint, es ist einerlei. Denn selbst gesetzt, diese Vereinbarkeit bestünde nachweislich nicht, wäre es sehr wohl möglich, sie neu zu begründen und zu diesem Zweck alle widersprechenden Dogmen nach Art einer radikalen Reformation über Bord zu werfen... Es genügt, sie zu wollen."

Weiteres: Der Publizist Peter Bender ("Weltmacht Amerika") denkt über Nutzen und Nachteile eines Imperiums nach. John Brewer feiert James Buchans Buch "Capital of the Mind" über die schottische Aufklärung, die mit David Hume und Adam Smith an der Spitze von Edinburgh aus die Welt veränderte. Und Hans-Olaf Wiesemann hält es für höchste Zeit, dass sich Ökonomen an den Gesundheitsbereich machen, um "das dichte Geflecht aus egalitären Gerechtigkeitsvorstellungen, wohlorganisierten Partikularinteressen und gutgemeinter Verschwendung zu verstehen und bessere Alternativen anzubieten".

Magazinrundschau vom 03.05.2004 - Merkur

Der Schriftsteller Michael Zeller liefert Impressionen aus der Ukraine, wo seiner Meinung nach der Blues spielt: "'Freiheit' meint in diesem Land seit 1991 Unabhängigkeit von Moskau, dem von jeher erdrückenden Brüderchen im Osten. Der Gefühlswert, den dieses Wort 'Freiheit' hierzulande in den Menschen auslöst und der ihre Seelen wärmt, auch wenn sie hungern mögen, in allen Widrigkeiten ihres Alltags: Es ist ein kräftiges, vitales Gefühl, vergleichbar vielleicht dem Pathos der Französischen Revolution vor zweihundert Jahren. Jung und uralt zugleich." Und wie gut dies der ukrainischen Lyrik getan hat! Zum Beispiel der des von Lemberg bis Kiew gerühmten Sergiy Zhadan: "Keine Reime mehr, keine feste Strophik. Die Verse fließen in freiem Rhythmus und haben dabei entscheidend an Atem gewonnen. Schön geregelter Atem sind Gedichte, was sonst. Die Klangfarbe des Ukrainischen meine ich darin zu hören, die sanghafteste aller slawischen Sprachen, wie es immer wieder heißt."

In den Marginalien wirft Thomas Frahm einen ausgesprochen nüchternen Blick auf die Situation der Zigeuner in Bulgarien: "Es sind zahlreiche Versuche unternommen worden, die Zigeuner zu integrieren, sprich: sie zum Wertekanon einer bürgerlichen Lebensform zu bekehren. Die Vorzüge dieser Lebensform erschienen ihren Vertretern so unbestreitbar, die Armut einer Mehrzahl der Zigeuner so evident, dass es ihnen undenkbar war, die Gemeinde der Zigeuner könnte diesen Integrationsvorschlag ablehnen. Die Integratoren waren sich in ihrer Hoffnung um so sicherer, als der Materialismus der Zigeuner ja offenkundig war. Statussymbole spielen bei Zigeunern eine gewaltige Rolle. Der Wert einer Hochzeit bemisst sich an der Zahl der Gäste, der Fülle der Bewirtung und nicht zuletzt an dem Preis, den die Familie des Bräutigams an die Familie der Braut bezahlt (50.000 Euro für besonders schöne Mädchen sind keine Seltenheit)." Doch es klappte nie. Der Grund, so Frahm, ist die besondere Ökonomie der Zigeuner: Für sie "existiert nur die Kategorie des Privateigentums - alles andere sind Ubiquitäten."

Nur im Print finden sich Artikel zur "Geschichte als Therapie", Kulturanthropologie und zu Norbert Elias, zur Normalität von Ostdeutschland, zur Fruchtbarkeit von Tratsch und Kenzaburo Oe.

Magazinrundschau vom 29.03.2004 - Merkur

Christoph Plate erinnert sich in einem sehr eindrücklichen Text an den Völkermord, den er 1994 in Ruanda miterlebte: "Der Rebellenoffizier, der uns begleitete, hieß Wilson Rutayisire. Der Major verstand es, uns nur jene Dinge zu zeigen, die wir sehen sollten. Etwa die Kirche von Kiziguro. Er wollte uns aber nicht jene Klärgrube zeigen, in der zweitausend tote Tutsi lagen. Später erfuhren wir warum: Die Rebellen hatten sich offenbar an den überlebenden Hutu in Kiziguro gerächt und ihrerseits Menschen getötet, die auf die Tutsi-Leichenberge geworfen worden waren. Diese Vergeltungsaktionen der Rebellen sollten wir nicht sehen. Major Wilson fand Jahre später ein unrühmliches Ende. Zum letzten Mal sahen wir ihn nach dem Krieg in der Lobby des Hotel Mille Collines in Kigali. Er war fett und trug einen Jogginganzug. Nach dem Krieg war er Minister geworden, dann Radiochef. In Kigali erzählte man später, Wilson habe sich umgebracht, drüben im Kongo, weil er HIV-positiv gewesen sei. Dabei pfiffen es die Kolibris von den Dächern, dass Wilson Rutayisire von seinen eigenen Leuten ermordet worden war. Er war nicht sympathisch. Wilson war wahrscheinlich sogar das, was man gemeinhin als ein 'mieses Schwein' bezeichnen würde."

Weiteres: In der Musikkolumne untersucht Richard Klein anhand von Bob Dylan und Woodie Guthrie, ob das Leben in der Popmusik eigentlich eine Rolle spielt. Christopher Baethge versucht die Behauptung, dass Amerikaner viel stärker als Europäer versuchen, Ambivalenz zu unterdrücken, ja dass ihnen eine "besondere Ambivalenzintoleranz" eigen ist. Marc Plattner denkt über postmoderne Demokratien, Souveränität und Gewaltanwendung nach. Wolfgang Kemp wütet gegen die Beschlüsse von Bologna, nach denen "sämtliche Studiengänge Europas, also auch in Deutschland, aus das Bachelor-Master-Format heruntergetrimmt werden müssen". Robert Picht beschäftigt sich mit dem Europabild der Generation Erasmus. Außerdem zu lesen sind Beiträge über W.E.B. Du Bois, Charles Darwin, Identitätspolitik und vieles mehr.

Magazinrundschau vom 01.03.2004 - Merkur

Christoph Müller, Studienberater an der Universität Karlsruhe, beschäftigt sich mit der Selbstauswahl an deutschen Hochschulen, eine Materie, von der er einräumt, dass sie "den intellektuellen Charme des Steuerrechts" habe. Er hält zumindest gar nichts davon: "Wer 'Selbstauswahl' sagt, hat zunächst einmal deutlich zu machen, was er damit meint: Soll es sich um ein Recht oder um eine Verpflichtung handeln? Sollen die Hochschulen auch das Recht erhalten, die Zahl der Aufzunehmenden selbst zu bestimmen? ... Ist an Aktenverfahren gedacht oder an Tests und Motivationsgespräche, zu denen der Bewerber erscheinen muss? Gegenwärtig handelt es sich bei der 'Selbstauswahl' mehr um neoliberale Wettbewerbspropaganda als um ein durchdachtes Wettbewerbskonzept."

Beim Lesen von Arthur Schnitzlers Tagebüchern ist Burkhard Müller auf den bemerkenswerten Satz gestoßen: "Ich freu mich geradezu auf einen weiberlosen Tag", was ihn auf den Gedanken bringt: "Gerade im Verächter der Sitte und Konvention, dem Verführer, der die Grundlagen der Gesellschaft bedroht, verbirgt sich, beim geringsten Nachlassen der Kräfte, der auf seine Bequemlichkeit bedachte Spießer."

Weiteres: Bernd Hüppauf preist die Wiederkehr der Unschärfe in Film und Fotografie, die durch aufklärerische Ideale ein wenig aus der Mode gekommen war. Michael Rutschky liefert einen bescheidenen Beitrag zur kritische Essayistik, "wie unsereins sie 1965 bei Professor Adorno" zu erlernen versuchte: "Der Essayist ist der Kunstkritiker, der sich selbst und den hohen Herren, denen die Werke gehören, beibringt, wie man sie genießt, indem man sich in sie vertieft." Renatus Deckert bemängelt, dass alle über den Luftkrieg und die Literaten reden, ohne Heinz Czechowski (mehr hier) gelesen zu haben. Karl Heinz Bohrer erzählt uns die Geschichte "Der Granatsplitter".

Magazinrundschau vom 02.02.2004 - Merkur

Jens Bisky beklagt ausführlich die Geschichtsvergessenheit der neuen Ostalgie: "Obwohl die 'ostdeutsche Identität' erst nach der Vereinigung entstand, bilden nicht die Erfahrungen von Revolution, Umbruch, Neuanfang, Krise ihren Kern, sondern Traumbilder, Erinnerungen und Relikte des Sozialismus. Der Eintritt in die Pionierorganisation scheint da wichtiger als der Austritt aus der Partei ... . In der Sprache der deutsch-deutschen Erinnerungsindustrie heißt das: Sigmund Jähn statt Bärbel Bohley, Spreewaldgurken statt Mauerstücke. 'Unsere Heimat' erklingt häufiger als jene unvergessenen Verse, die doch in den achtziger Jahren in NVA-Kasernen gesungen wurden: 'Tausend Meter Stacheldraht / Minenfelder im Quadrat / Weißt du, wo ich wohne? / Ja, ich wohne in der Zone'."

Jörg Lau widmet sich dem Mann, der die linke Öffentlichkeit aufgerollt hat "wie Wal Mart den Einzelhandel": Michael Moore. In ihm einen "Rebellen" zu sehen, geht für Lau "völlig daneben": "Er ist eigentlich ein Seelentröster. Er führt seinem Publikum eine zunehmend verwirrende Wirklichkeit immer wieder als das alte Narrenschiff vor, auf dem nun mal Habgier, Eitelkeit und Torheit regieren. Dass Moores Interventionen von einem Millionenpublikum - und vom deutschen Feuilleton, das sichtlich dankbar ist, endlich einmal mit der Masse gegen das böse Empire marschieren zu können - als linke, aufklärerische Politik missverstanden werden, ist das Zeichen einer intellektuellen und politischen Krise."

Weitere Artikel: "Eine 'Wissensgesellschaft' besteht nicht etwa aus lauter 'Wissenden', sondern vornehmlich aus Leuten, die nicht wissen, wie sie das Wissen ... noch zu durchschaubaren oder wenigstens überschaubaren Einheiten zusammenfassen sollen", eröffnet Christoph Türcke (mehr) seine Überlegungen zu dem Zauberwort "Hypertext", von dem sich seine Apologeten ein Lösung des Problems versprechen. Türcke fürchtet eine Gesellschaft von Lese-Krüppeln: "'Nicht-linear' lesen ist der Knüller für alle, die für eine etwas längere Novelle gar nicht mehr die Ausdauer haben. Unfähig, sich in den Text zu versenken, versenken sie sich in den Computer." Außerdem gestaltet Herfried Münkler die neue Weltinnenpolitik, liefert Ulrich Speck eine Kritik der rot-grünen Regierung und stellt Ulrike Ackermann fest, dass sich Russland seiner Vergangenheit entledigt.

Magazinrundschau vom 22.12.2003 - Merkur

In dieser Ausgabe geht es, als ob Karfreitag vor der Tür stünde, um den Tod. Katharina Rutschky wendet sich gegen die landläufige Meinung, dass der Tod heute verdrängt oder verleugnet werde. Sie selbst etwa sammelt kuriose Todesanzeigen, die sie eher in der These bestärken, dass die Heuchelei einer neuen Offenheit gewichen ist. Ein Beispiel aus ihrer Sammlung: "Elke B. 1941 - 2003. Du wolltest, aber Du hast es nicht geschafft. Alkohol macht einsam." Volker Gernhardt befasst sich mit der Notwendigkeit des Todes: "Denn nach allem, was wir wissen, gibt es kein Leben ohne Tod." Claus Koch denkt über das Sterben in der medikalisierten Gesellschaft nach.

Karl Heinz Bohrer (mehr hier) räumt mit einem fatalen Irrglauben auf, mit dem Gedanken nämlich, "es handele sich bei Krieg und Kultur um zwei einander ausschließende Bereiche". Immerhin habe die Literatur dem Krieg einiges zu verdanken: "So sichert die Kriegsthematik ähnlich der Liebesthematik ihrer Inszenierung und Rhetorik extreme Gefühlszustände diverser Natur, die man seit Aristoteles als 'Leidenschaften' diskutiert."

Weiteres: Wolfgang Kemp konstatiert in seiner Ästhetikkolumne: "Eine essentialistische Definition von Kunst ist heute so selten wie ein gut gemachtes Walfisch-Sandwich". Billig ist der Fortschritt nicht zu haben, meint Rainer Hank in seiner Ökonomiekolumne und findet den Preis, der für den "demokratischen und intellektuellen Fortschritt" in der New Economy bezahlt wurde, nicht zu hoch. "Ach es ist eine Jammergeschichte, die Geschichte der Philologie! Die ekelhafteste Gelehrsamkeit, faules unthätiges Beiseitesitzen, ängstliches Unterwerfen", zitiert Detlev Schötker den guten alten Nietzsche, aber nur um zu hinterher zu verichern , dass Hans Ulrich Gumbrechts mit seinem Buch über "Die Macht der Philologie" das Gegenteil beweist.

Magazinrundschau vom 01.12.2003 - Merkur

In einem Essay über die Schönheit, das Martyrium und den Fetischcharakter der Mode kommt Ingeborg Harms auf folgenden Gedanken: "Die Verpackung hat das Unsterblichkeitsversprechen des klassisch Schönen beerbt. Während das zu vermarktende Produkt einen Gebrauchswert besitzt und aus dem begrenzten Reservoir der Natur recycelt wird, fügt ihm die fetischistische Verpackung eine Aura der Immunität hinzu."

Weitere Artikel: Der Schriftsteller Bernhard Schlink (mehr hier) bewältigt eine "kleine Vergangenheit": die der juristischen Fakultät von Heidelberg. Dabei kommt er zu der Erkenntnis, dass man sich nicht nur durch Macht oder Geld korrumpieren lassen kann, sondern auch durch die gute Absicht. Armin Schreiber vermisst in der Kunst "bildhafte Vergegenwärtigungen epiphanischer Zustände von Möbeln, Autobahnen, Runkelrüben". Ein leicht sentimental gestimmter Burkhard Müller vermisst die Geflügelten Worte: "Ein Gespräch, das Zitate schwängern, denke ich mir wie die Atmosphäre eines Salons, wo in den Vasen ein halbes Dutzend mitgebrachter Sträuße steht, ein wenig drückend, aber charmant." Leopold Federmair lehrt uns die Sprache des zeitgenössischen Krimis: "Schlagfertigkeit einerseits, bedächtiges Insistieren andererseits; männliche Lässigkeit sowie die Neigung, geschwind einmal nach dem Sinn der Welt zu fragen."