
Das Doppelheft beschäftigt sich in diesem Jahr mit der
Wirklichkeit (wir verkneifen uns jegliche Kalauer), also dem Realismus in Philosophie, Politik und Kultur.
Hans Ulrich Gumbrecht konstatiert nach den Jahren dekonstruktivistischer Melancholie eine neue
Sehnsucht nach Substanzialität: "'Substanzialität' steht auch und vor allem für eine (nicht nur psychische) Wärme, für eine Dichte und vielleicht auch für eine
Unberechenbarkeit des Lebens, die sich nicht vollends auf Leistungen des Bewusstseins reduzieren lassen."
"Was Realpolitik
anrichtete, vermochte nur Realpolitik zu mildern oder zu verhindern.
Machtmissbrauch wurde beinahe nie durch
Moral eingeschränkt, sondern fast immer durch Gegenmacht",
hält Peter Bender in einem historischen Rückblick auf die
Realpolitik fest: "Realpolitik trug viel dazu bei, menschliche Schwächen durch Maß und Vernunft auszugleichen. Realpolitik wirkte verheerend, wenn sie Macht und Vorteil als einzige Maßstäbe gelten ließ, Recht, Moral und Humanität verdrängte und menschlichen Schwächen zur Entfaltung verhalf. Realpolitik blieb aber das wirksamste Verfahren, Macht durch Gegenmacht nicht zur Allmacht werden zu lassen. Sie war nicht, wie es oft erscheint, das Gegenteil moralisch gelenkter Politik, beide bedingen einander.
Realpolitik ohne Moral endete im Verbrechen, Moral ohne Realpolitik blieb
leeres Gerede."
Siegfried Kohlhammer
verteidigt die Realität gegen die Theorie und die
Fotografie gegen gegen die Semiotik. "Aus der Tatsache, dass alle
Fotos als Zeichen benutzt werden können, folgt nicht, dass Fotos an sich Zeichen sind: Das Problem dieser und anderer Theorien ist nicht, dass sie Theorien sind, sondern dass ihnen ihr Gegenstand weitgehend egal ist. Irgendein leidenschaftliches Verhältnis, sei es negativer oder positiver Natur, zu ihrem Gegenstand ist nicht zu erkennen; dieser
theoretische Stiefel ließe sich auch an der
Imkerei oder der
Säuglingspflege durchziehen, und immer mit den gleichen Resultaten und jenem mürrischen Querulieren, das immer noch als oppositioneller Diskurs durchgeht. Theorien, denen die Welt abhanden gekommen ist, können sich notwendigerweise nurmehr mit sich selbst beschäftigen, ihrer Bestätigung und der Widerlegung anderer.
Il n'y a pas de hors theorie."
Leider nur in der Printversion dieser Ausgabe:
Karl Schlögel bedauert, dass die vergangenen fünfzehn Jahre in Osteuropa nur als Transformation, als Zwischenperiode wahrgenommen werden. Vielleicht, überlegt er, sollte man ein Museum des Übergangs schaffen. Mariam Lau sieht die UNO in der harten Wirklichkeit und vor einer Entscheidung angelangt, ob sie
globale Heilsbringerin sein will oder sich permanent als Opfer des Egoismus der Nationalstaaten selbst bedauern.
Außerdem schreiben Herfried Münkler und Josef Joffe ebenfalls zur Realpolitik, Tod Lindberg über den Neokonservatismus (hier das Original aus der
Policy Review), Jochen Hörisch, Paul Nolte, Jörg Lau über die ganz und gar ideologieunkritische Richtung der Filmkritik, die es wagt, im Kino glücklich zu sein, Christian Demand und und und.