Magazinrundschau - Archiv

Merkur

240 Presseschau-Absätze - Seite 21 von 24

Magazinrundschau vom 13.09.2005 - Merkur

Das Doppelheft beschäftigt sich in diesem Jahr mit der Wirklichkeit (wir verkneifen uns jegliche Kalauer), also dem Realismus in Philosophie, Politik und Kultur. Hans Ulrich Gumbrecht konstatiert nach den Jahren dekonstruktivistischer Melancholie eine neue Sehnsucht nach Substanzialität: "'Substanzialität' steht auch und vor allem für eine (nicht nur psychische) Wärme, für eine Dichte und vielleicht auch für eine Unberechenbarkeit des Lebens, die sich nicht vollends auf Leistungen des Bewusstseins reduzieren lassen."

"Was Realpolitik anrichtete, vermochte nur Realpolitik zu mildern oder zu verhindern. Machtmissbrauch wurde beinahe nie durch Moral eingeschränkt, sondern fast immer durch Gegenmacht", hält Peter Bender in einem historischen Rückblick auf die Realpolitik fest: "Realpolitik trug viel dazu bei, menschliche Schwächen durch Maß und Vernunft auszugleichen. Realpolitik wirkte verheerend, wenn sie Macht und Vorteil als einzige Maßstäbe gelten ließ, Recht, Moral und Humanität verdrängte und menschlichen Schwächen zur Entfaltung verhalf. Realpolitik blieb aber das wirksamste Verfahren, Macht durch Gegenmacht nicht zur Allmacht werden zu lassen. Sie war nicht, wie es oft erscheint, das Gegenteil moralisch gelenkter Politik, beide bedingen einander. Realpolitik ohne Moral endete im Verbrechen, Moral ohne Realpolitik blieb leeres Gerede."

Siegfried Kohlhammer verteidigt die Realität gegen die Theorie und die Fotografie gegen gegen die Semiotik. "Aus der Tatsache, dass alle Fotos als Zeichen benutzt werden können, folgt nicht, dass Fotos an sich Zeichen sind: Das Problem dieser und anderer Theorien ist nicht, dass sie Theorien sind, sondern dass ihnen ihr Gegenstand weitgehend egal ist. Irgendein leidenschaftliches Verhältnis, sei es negativer oder positiver Natur, zu ihrem Gegenstand ist nicht zu erkennen; dieser theoretische Stiefel ließe sich auch an der Imkerei oder der Säuglingspflege durchziehen, und immer mit den gleichen Resultaten und jenem mürrischen Querulieren, das immer noch als oppositioneller Diskurs durchgeht. Theorien, denen die Welt abhanden gekommen ist, können sich notwendigerweise nurmehr mit sich selbst beschäftigen, ihrer Bestätigung und der Widerlegung anderer. Il n'y a pas de hors theorie."

Leider nur in der Printversion dieser Ausgabe: Karl Schlögel bedauert, dass die vergangenen fünfzehn Jahre in Osteuropa nur als Transformation, als Zwischenperiode wahrgenommen werden. Vielleicht, überlegt er, sollte man ein Museum des Übergangs schaffen. Mariam Lau sieht die UNO in der harten Wirklichkeit und vor einer Entscheidung angelangt, ob sie globale Heilsbringerin sein will oder sich permanent als Opfer des Egoismus der Nationalstaaten selbst bedauern.

Außerdem schreiben Herfried Münkler und Josef Joffe ebenfalls zur Realpolitik, Tod Lindberg über den Neokonservatismus (hier das Original aus der Policy Review), Jochen Hörisch, Paul Nolte, Jörg Lau über die ganz und gar ideologieunkritische Richtung der Filmkritik, die es wagt, im Kino glücklich zu sein, Christian Demand und und und.

Magazinrundschau vom 02.08.2005 - Merkur

Eine klare Abfuhr erteilt der Historiker Walter Laqueur all jenen, die noch Visionen von einem "neuen europäischen Jahrhundert" hegen: "Das Europa des Jahres 2050 wird ein vergreister Kontinent sein", schreibt Laqueur: "Nach Befunden der United Nations Population Division lebten im Jahre 1900 21 Prozent der Weltbevölkerung in Europa. Heute sind es weniger als 12 Prozent, 2050 werden es den Vorausschätzungen dieser UN-Behörde nach 7 Prozent und am Ende unseres Jahrhunderts weniger als 4 Prozent sein. Diesen Projektionen zufolge wird die deutsche Bevölkerung von gegenwärtig 82 Millionen bis Ende des Jahrhunderts auf 32 Millionen sinken, die Einwohnerschaft Italiens wird von 57 auf 15 Millionen schrumpfen, die Spaniens von 40 auf 11,9. Noch dramatischer wird der Niedergang in Osteuropa sein. Bis 2050 wird die Einwohnerzahl der Ukraine um 43 Prozent abnehmen, in Bulgarien werden es 34 Prozent weniger sein, in den baltischen Staaten 25 Prozent, und nichts anderes wird auch in der Russischen Föderation erwartet. Am Ende unseres Jahrhunderts werden im Jemen mehr Menschen leben als in Russland."

Ulrich Speck sieht in seiner Geschichtskolumne die Historisierung (oder Entmythologisierung) der RAF mit den Arbeiten von Gerd Koenen und Wolfgang Kraushaar auf einen guten Weg gebracht. Marius Meller sichtet die Literatur nach 68, von Uwe Tellkamps "national-apokalyptischer" Aufputschungsprosa "Eisvogel" (Leseprobe) bis zu Andreas Maiers nominalistischem Deeskalierungsprojekt "Kirillow". Michael Zeller schreibt über seine Reise nach Bosnien. Außerdem geht es um Cees Nooteboom, die "Gefühlsgeschichte der Bibliothek" und die "Ausgewanderten" in Gottfried Kellers Werk.

Magazinrundschau vom 05.07.2005 - Merkur

"Gibt es eine Disposition zum Verlieren?" Christopher Baethge analysiert tiefenanalytisch (Ödipus!) und sporthistorisch (Jana Novotna!), warum einige Menschen immer wieder an einem Gegner und an sich selbst scheitern. Und es keimt bei Baethge der Verdacht, dass eine Niederlage nicht immer auch eine Demütigung sein muss, zum Beispiel wenn er die Hingabe betrachtet, "mit der englische Fans ihre Fußball-Nationalmannschaft feiern, wenn sie wieder einmal knapp und äußerst unglücklich verloren hat, wie im Elfmeterschießen bei der letzten Europameisterschaft gegen die Portugiesen oder wie 1996 im eigenen Land gegen die deutsche Mannschaft. Überhaupt zeigt die Bilanz englischer Teams in dieser nervenzehrenden Teildisziplin des Fußballs eine mehr als zufällige Dominanz des Scheiterns. Von den letzten fünf Elfmeterentscheidungen bei internationalen Wettbewerben verloren die Engländer: fünf. Und doch werden die Spieler von den Fans mit einer solchen Bewegung besungen, dass der Verdacht aufkommen muß, die Briten vermöchten eine Niederlage mindestens genauso zu genießen wie einen Sieg."

Siegfried Kohlhammer umreißt die großen machtpolitischen Konflikte, die in Ostasien seit mehr als hundert Jahren kollidieren, und die uns auch im anstehenden "pazifischen Jahrhundert" beschäftigen werden. "Zu den dort heute aneinandergrenzenden und aufeinanderstoßenden Staaten gehören mit den Vereinigten Staaten, Russland und China die drei führenden Militär- und Nuklearmächte der Welt, Nordkorea ist Militärmacht Nummer fünf, und auch Japan und Südkorea sind militärisch starke Staaten, wirtschaftlich ohnehin. Mit Japan, den USA und bald auch China treffen dort die drei führenden Wirtschaftsnationen der Welt aufeinander, und Südkorea ist ebenfalls eine ökonomische Großmacht. Hier wird, ob die Beteiligten dies nun wollen oder nicht, Weltpolitik gemacht. Und wie vor hundert Jahren geht es bei den Auseinandersetzungen um Korea auch und wesentlich um China."

Weiteres: Mark M. Anderson zeigt sich befremdet von dem wachsenden Interessen amerikanischer Jugendlicher und Kinder am Holocaust. Christoph von Marschall berichtet von einer Reise durch Israel und die besetzten Gebiete. Weitere Artikel widmen sich der israelischen Siedlungsbewegung, dem totalitären Intellektuellen Sartre und den armen Schweinen, die im Gegensatz zu Kühen, Ziegen und Schafen keinerlei Sympathien auf sich ziehen können.

Magazinrundschau vom 31.05.2005 - Merkur

In diesem Monat glänzt der Merkur mit einem wunderbaren Essay von Lee Siegel über das einst "produktive, fesselnde, unendlich einfallsreiche" Gangstergenre in der amerikanischen Film- und Fernsehgeschichte, das beinahe der Vergreisung anheim gefallen wäre, wenn es nicht von den Sopranos gerettet worden wäre. Seine Hymne auf das "verstörendste Schauspiel, das je im Fernsehen gezeigt wurde", dürfte ein klarer Appell des Merkurs an das ZDF sein, die Serie wieder ins Programm zu nehmen: "Nachdem die Kultur Gewalt und Erniedrigung metaphorisiert und kommerzialisiert und komödifiziert hatte - als ob Gewalt und Erniedrigung letztlich kulturelle Phänomene und nicht reale Erfahrungen wären -, brachten die Sopranos Brutalität und Roheit ins wirkliche Leben zurück. Das Ärgerliche am amerikanischen Gangsterfilm war immer, dass er einen trotz all seiner impliziten oder expliziten Analogien zwischen Gangstertum und der verborgenen Unterseite des American way of life von der Realität der Gewalt und Brutalität abgelenkt hatte. Die Sopranos sind dagegen erbarmungslos in der Entidealisierung ihrer Protagonisten. Der Witz dieser Serie behält niemals das letzte Wort zum Thema. Sie lässt einen nie vergessen, dass man an einem emotionalen und physischen Horror Gefallen findet."

Christian Demand (mehr hier) verspürt in seiner Ästhetik-Kolumne Anzeichen von Seekrankheit angesichts des "quälend horizontlosen Ozeans" jüngerer Kunst-Diskurse: Besonders irritiert haben ihn die Rede vom "iconic turn", der Katalog zur RAF-Ausstellung und die Ergriffenheit über Christos und Jeanne-Claudes New-York-Projekt "The Gates".

Im Print: Thomas Steinfeld beschreibt den Niedergang der klassischen Musik: "Jetzt gibt es die Philharmonia Hungarica nicht mehr, die RCA Victor, die Stimme seines Herrn, ist nur noch ein Label in einem Konzern, und wenn einer stirbt, gibt es anstelle eines Largo ein Lied wie 'Bridge Over Troubled Water' zu hören." Harald Hartung fragt angesichts all der neuen dichterischen Gesamtausausgaben, ob in Zeiten der Krise die Stunde der Lyrik schlägt. Und Rainer Rother, Leiter der Kinemathek im Deutschen Historischen Museum, beschreibt, wie der Dokumentarfilm mit Ross McElwee, Michael Moore und Errol Morris an Humor, aber auch an Subjektivität gewonnen hat: "Man könnte sagen, der Dokumentarfilm habe seither verschiedene Wege gefunden, 'Ich' zu sagen."

Magazinrundschau vom 03.05.2005 - Merkur

Leider nicht online zu lesen ist Mariam Laus Text über den Iran und Westen, in dem sie die gleiche Art der "tough love" gegenüber dem Iran empfiehlt, mit der schon die Sowjetunion in die Knie gezwungen worden sei: "Es könnte also sein, dass sich der Westen am klügsten darauf verlegt, mit einem nuklearen Iran zu leben. Die Islamische Republik hat mehrmals in der Vergangenheit ihren Pragmatismus unter Beweis gestellt, und bei der Afghanistan-Invasion oder beim Krieg gegen Saddam keine Scheu gehabt, mit dem großen Satan zusammenzuarbeiten Warum also nicht den Kalten Krieg noch einmal aufleben lassen und rote Linien markieren: Israel wäre eine, die Hisbollah eine andere, während man gleichzeitig Sicherheitsarrangements für andere Verbündete in der Region schafft und ein Inspektionsregime wie im Irak."

Der Bonner Politikwissenschaftler Thomas Speckmann hält nichts von militärischen Interventionen und die bisherigen UN-Operationen in Afrika, Afghanistan oder auf dem Balkan allesamt für gescheitert. Goldrichtig findet er dagegen, dass sich die UN angesichts des Genozids in Ruanda verdrückt hat: "Was wäre das Ergebnis eines solchen Eingriffs gewesen? Sicherlich, Hunderttausende Menschenleben wären zumindest kurzzeitig gerettet, aber der Konflikt, dessen Wurzeln bis in die Kolonialzeit reichen, wäre damit nicht gelöst worden. Es mag auf den ersten Blick hin zynisch erscheinen, doch der Fall Ruanda steht nicht nur für das augenscheinliche Versagen der internationalen Staatengemeinschaft, sondern auch für die Katharsis von zwei Konfliktparteien durch totale Vernichtung." Gern würden wir wissen, ob die Ruander das auch so positiv sehen!

Weiteres: Rainer Paris denkt in seiner Soziologie-Kolumne über das Vertrauen nach, über Looping-Prozesse eskalierenden Misstrauens, Tit-for-Tat-Prinzipien und darüber, warum Männer bei Emanzen Reißaus nehmen. Harry Nutt wünscht sich ein Role-Model für die Verlierer des großen Glücksspiels.

Nur im Print: Tony Judts Artikel über die Zukunft Europas als Supermacht (online ist die Originalversion aus der New York Review of Books zu lesen). In einer Standortbestimmung der Feinde der offenen Gesellschaft, weiß Ulrike Ackermann von einer Umfrage zu berichten, nach der 19 Prozent der Deutschen glauben, die Anschläge vom 11. September seien von CIA und Mossad begangen worden.

Magazinrundschau vom 05.04.2005 - Merkur

Da hatte aber jemand eine Rechnung offen! In einem Artikel, den der Merkur aus der Policy Review übernimmt, reitet ein John Rosenthal eine wüste Attacke gegen den Architekten Daniel Libeskind. "Abstruse Metaphysik" und "esoterischen Symbolismus" sieht er bei Libeskind am Werke, beim Jüdischen Museum von Berlin gar nur "willkürliches Gekritzel". Ganz schlimm findet Rosenthal aber Libeskinds Entwurf für das neue World Trade Center. "Weit davon entfernt, eine Huldigung an die Opfer der Anschläge vom 11. September zu sein oder an die Gründungsprinzipien der amerikanischen Gesellschaft, ist er vielmehr eine Huldigung an diejenigen, die diese Anschläge begangen haben, und an die Ressentiments der Feinde Amerikas."

In seiner Geschichtskolumne legt uns Gustav Seibt zwei Bücher ans Herz, die beide völlig unterschiedlich erklären, wie "Geschichte geschieht": Michael Mitterauers dichtes, reiches, mobile-artiges "Warum Europa" und Gottfried Schramms "Fünf Wegscheiden der Weltgeschichte": "Schramms Buch, das sonderbarste historische Werk, das der Geschichtskolumnist, der hier Abschied von seinen Lesern nimmt, besprechen durfte, ist auf eine bestrickende Art altfränkisch, frei von Terminologie, voller Anschauung, erzählerisch, dabei im Kern aber doch systematisch, beteiligt, parteinehmend aus subjektiver Freiheit, leichthändig gelehrt - ganz der gute Stil des 19. Jahrhunderts, ein Werk langen Nachdenkens und reicher Erfahrung. Mitterauers Studie ist viel avancierter in Machart und Sprache, dabei ebenfalls voller konkreter Wahrnehmung und frei von der Ängstlichkeit des Spezialistentums."

Nur im Print: Karl Heinz Bohrer fordert mehr unorthodoxe Skepsis. Gert Raeithel feiert den Sieg der komischen Vernunft, den Humor der Verzweiflung, kurz: Dada. Außerdem schreiben Andrea Köhler über W.G. Sebald, Hannes Stein über Amos Oz und Witold Rybczynski über den Architekturkritiker Geoffrey Scott.

Magazinrundschau vom 01.03.2005 - Merkur

In einem großangelegten Rundumschlag wettert der Historiker Arnulf Baring gegen die dilettantische rot-grüne Außenpolitik, die im Zeichen einer höchst dubiosen Realpolitik gegenüber Russland die "neoimperiale Zielstrebigkeit des Kremls" schönrede, Frankreich ohne Gegenleistung Gefolgschaft zusichere und sich von den USA isoliere, die uns immerhin "über Jahrzehnte hinweg die Russen vom Leib gehalten" haben. "Wir sind den Amerikanern vermutlich heute ähnlicher als vielen europäischen Nachbarn. Aber wie auch immer: Für die Frage, ob das Bündnis auch künftig erforderlich, ja vielleicht für uns lebensnotwendig ist, geben Besonderheiten deutscher oder europäischer Kultur nichts her. Wer anderer Meinung ist, also deutsche und europäische kulturelle Eigenständigkeiten betont, wie das Jacques Derrida und Jürgen Habermas getan haben, lässt die für Deutschland schon vor mehr als hundert Jahren charakteristische Verwechslung von Geist und Macht wieder aufleben und will damit sagen, unsere (angeblich höherwertige) Kultur könne die (uns fehlende) Macht ersetzen. Wer so argumentiert, bejaht erneut unseren Weg in die Isolation."

In seiner lockeren Serie über die kruden Gedanken unserer Meisterdenker knöpft sich Jörg Lau diesmal Michel Foucaults Lobgesänge auf die iranische Revolution vor. In mehreren Reportagen und Interviews (mehr hier) hatte Foucault zwischen 1978 und 1979 die "schöpferische Kraft des Islam" gepriesen und die Erhebung eines Volkes mit bloßen Händen als die "modernste und irrsinnigste Form der Revolte": Lau wundert sich: "Der Analytiker der Macht verwandelt sich in den Apologeten einer Machtergreifung, die ihren langen Schatten bis in unsere Gegenwart fallen lässt. Foucault, der Alleszermalmer, der die heiligen Worte der westlichen politischen Philosophie - Demokratie, Fortschritt, Humanität, Freiheit - zertrümmert hat, besingt den Auftritt des Islamismus auf der Bühne der Weltpolitik als 'einen Versuch, der Politik eine spirituelle Dimension zu verleihen'." Seltsam, so Lau, dass diese Konversion die Foucault-Exegeten kaum interessiert hat.

Zu einem seltsam gespaltenen Urteil kommt Siegfried Kohlhammer nach Lektüre von Mike Davis' Buch "Die Geburt der Dritten Welt", das nachzeichnen will, wie Imperialismus und Kapitalismus erst zu den großen Hungersnöten im 19. Jahrhundert und schließlich zur Entstehung einer veramten Dritten Welt geführt haben: "'Die Geburt der Dritten Welt' ist ein lesenswertes Buch. Was die Begründung seiner Hauptthesen anbelangt, tendiert ihre Überzeugungskraft gegen null."

Im Print schreibt Heinz Bude schreibt über die beiden "Denker der Nachkriegszeit", Jürgen Habermas und Jacques Derrida. Adam Krzeminski erblickt die Geburt der gemeinsamen EU-Ostpolitik auf dem Kiewer Majdan: "In der Ukraine und nicht, wie 2003 in Paris und Berlin zu hören war, in der Auflehnung gegen amerikanische Eigenwilligkeit, entsteht die gemeinsame Außenpolitik der EU." Thomas Frahm erklärt den bulgarischen Humor. Und vieles mehr.

Magazinrundschau vom 04.01.2005 - Merkur

Siegfried Kohlhammer erklärt mit einem Abriss der japanischen Geschichte, warum dessen Demokratisierung nach den Zweiten Weltkrieg nicht als Modell für den Irak taugen kann. In Japan nämlich wurden die Samurai schon unter Hideyoshi Toyotomi (1536-1598) gezähmt: "Wichtiger noch war die fortschreitende Verwandlung der Samurai in Administratoren, die alle Sorten von Verwaltungs-, Rechtsprechungs- und auch Polizeiaufgaben wahrnahmen (wofür zivile Fertigkeiten wie Lesen und Schreiben, das Anfertigen von Inventarlisten und Dokumenten oder auch Verhandlungsgeschick wichtiger waren als Todesmut und Schwertkampf: 'aus Kriegern wurden Bürokraten', wie Andrew Gordon sagt). Ihr Ansehen und ihre Beförderung hingen nun zunehmend von ihrer Arbeitsleistung ab: Teil des dann in der Meiji-Zeit vollendeten Übergangs von der Statusgesellschaft zur Meritokratie. Das meritokratische Prinzip wurde im 19. und 20. Jahrhundert zu 'einem tiefverwurzelten und weitverbreiteten gesellschaftlichen Wert Japans'."

Leider nicht online findet es Wolfgang Przewieslik fraglich, die Türkei als Mitglied der "euopäischen Rechts- und Wertegemeinschaft" zu betrachten. "Bis in die jüngste Zeit hinein werden Reformgesetze durch eine vollkommen entgegengesetzte Praxis konterkariert. Unbeschadet der neuen Sicherheitsgesetze wurde im September 2003 ein bekannter kurdischer Sänger wegen vermeintlicher Propaganda gegen die Unteilbarkeit des Staates in Ankara auf der Bühne verhaftet. Der türkische Justizminister bestätigte, dass es sich hierbei um keinen Einzelfall handelt, und dass die Justiz- und Sicherheitsorgane des Staates die Reformgesetze und die Europäische Rechtsprechung bewusst missachten." Aber auch in den neuen Staatsschutzbestimmungen findet sich noch ein Paragraf 306, der Propaganda gegen 'grundlegende nationale Interessen' unter Strafe stellt. "Diese Formulierung erinnert fatal an die rechtswidrigen Staatsschutzparagrafen der Vorgängergesetze. In den Ausführungsbestimmungen werden die Forderung nach Abzug der türkischen Truppen aus Zypern und die Forderung nach Anerkennung der türkischen Schuld am Völkermord an den Armeniern genannt."

Weiteres: Als einfältig schmettert Thomas E. Schmidt Jürgen Habermas' Überlegungen zur hellen (europäischen) und zur dunklen (amerikanischen) Seite des Westens ab. In seiner Ökonomiekolumne ruft Rainer Hank die Patienten auf die Barrikaden: "Skandalös ist nicht, dass das Gesundheitswesen teuer ist. Skandalös ist, dass der Gesundheitsmarkt kein Markt ist." Denn "während auf Märkten der Kunde Herr des Geschehens ist, sind es auf dem 'Gesundheitsmarkt' die Anbieter: Ärzte, Pharmaindustrie, Medizinforscher. Patienten verstehen sich nicht als Kunden, der Mdizinbetrieb spricht ihnen diese Eigenschaft ohnehin ab." Und Wolfgang Kemp betrachtet in der Ästhetikkolumne DuMonts "Weltatlas der Kunst" als einen neuen Fall von "Parapolylogik". Jürgen Mittelstrass untersucht, wie Europa sich und seine Werte (Freiheit! Gleichheit!) gerade wiederentdeckt. Und Friedrich Dieckmann reist mit Schiller nach Malta, das "kleinste, möglicherweise das schönste, mit Sicherheit das älteste, das kulturell und geschichtlich am tiefsten reichende der neuen EU-Länder".

Magazinrundschau vom 30.11.2004 - Merkur

Der ehemalige Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Hubert Markl, erklärt in einem großangelegten Essay, was es mit Geist, Gehirn und Bewusstsein auf sich hat, was den Menschen vom Affen unterscheidet (Er kann lügen!) und welche Rolle die Spieltheorie in der Evolution spielt ("Ob ich angreifen oder fliehen oder vielleicht auch nur drohen oder bluffen soll, hängt außer von meinem Handlungspotenzial auch von dem Gegenhandlungspotenzial des Partners ab.") Und schließlich bescheidet er seinen Kollegen Wolf Singer und Gerhard Roth, die gezwungen sind, den freien Willen zu bestreiten: "Das wäre doch ein Scheißspiel, bei dem man selber keinen Zug machen dürfte."

Burkhard Müller besingt die juwelenartige Schönheit der Käfer, insbesondere des Carabus, wobei er auch Leben und Leistung des Biologen John Burdon Sanderson Haldane streift. Von dem berichtet Müller ungerührt: "Er führt, gemäß seiner Überzeugung, dass in jeder schwierigen Frage eine Unze Algebra mehr wert sei als eine Tonne Wortschwall, in die Biologie die Statistik ein. Falls das Universum heute zusammenbräche, rechnet er aus, so läge die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein neues bildet, bei 10 hoch 10 hoch 100."

Weiteres: Stefan Willer erinnert in der Sache Friedrich Christian Flick daran, dass "eine Kunstsammlung nicht nur eine Kollektion von Artefakten" ist, "sondern auch eine Akkumulation von Kapital - ein Zusammenhang, der konsequent beiseite geschoben wird, wenn Flick, der Ausstellungskurator Eugen Blume oder der Direktor der Berliner Staatlichen Museen Peter-Klaus Schuster als letztlich alleinentscheidend die künstlerische Qualität der Sammlung oder ihren 'unbezahlbaren geistigen Mehrwert' herausstreichen". John Bender schildert, wie aus den Romanfiguren Robinson Crusoe, Frankenstein und Dracula moderne Mythen wurden. Und Annegret Mahler-Bungers sieht sich Roman Polanskis Filme genauer an.

Magazinrundschau vom 08.11.2004 - Merkur

Der Jurist und Autor Bernhard Schlink nähert sich vorsichtig einer heiklen Frage: "Hat nicht auch die Gerechtigkeit ihren Preis? Muss nicht auch die stetige "Verrechtlichung und Vergerechtlichung" moderner Gesellschaften an Grenzen stoßen? "Dass die Sensibilität für Recht und Gerechtigkeit gewachsen ist, ist kein Schaden", schreibt Schlink, "der Schaden liegt in der Absolutheit, mit der das normative Paradigma die Verwirklichung von Recht und Gerechtigkeit der Verwirklichung anderer Ziele vorordnet. Manchmal können Unrecht und Ungerechtigkeit politisch, wirtschaftlich oder pädagogisch sinnvoll und sittlich vertretbar sein, und in der Liebe geht es ohnehin nicht fair zu. Immer ist die Wirklichkeit so, wie sie ist. Immer gilt es, sie richtig zu sehen und ernst zu nehmen, ob man sie mit gutem Grund lieber anders, besser, gerechter hätte oder nicht. Immer ist die Entscheidung, auf die Gerechtigkeit gegen die Wirklichkeit oder auf diese gegen jene zu setzen, eine zu verantwortende Entscheidung, die ihren Preis hat. Dass das normative Paradigma den Preis entfallen lasse, ist nur ein schöner Schein."

Weiteres: In ihrer Humaniorakolumne erkennt Katharina Rutschky im Bild der sinnlichen, pazifistischen Frau eine reaktionäre Männerphantasie, an die nur noch der Vatikan und der Feminismus glauben.

Im Print: Volker Gerhardt beleuchtet die amerikanisch-europäische Uneinigkeit im Kampf gegen den Terror. Matthias Bohlender verfolgt das "Gespenst der Arbeitslosigkeit", und Dirk von Petersdorf fragt, wie viel Metaphysik die Aufklärung verträgt.