Magazinrundschau - Archiv

Merkur

240 Presseschau-Absätze - Seite 23 von 24

Magazinrundschau vom 03.11.2003 - Merkur

Christoph von Marschall widmet sich ausführlich der Baustelle "Neue Weltordnung", den Möglichkeiten und Grenzen der Vereinten Nationen, und stellt fest, dass alle Zeichen auf Multilateralismus stehen: "Den USA machen derzeit die Folgen des eigenen Handelns mehr zu schaffen als die Versuche ihrer Gegner und Partner, ihren Handlungsspielraum durch formale Prozeduren und Rechtssetzungen einzudämmen. Militärisch wurde der Irakkrieg rasch und relativ billig gewonnen. Doch die Besatzungskosten sind menschlich wie finanziell so hoch, dass das ganze Unternehmen nicht nach Wiederholung schreit. Es ist eher unwahrscheinlich, daß Amerika den Bush-Kurs in weiteren Ländern fortsetzt; jedenfalls nicht ohne Partner und schon gar nicht gegen sie."

In dem zweiten online-gestellten Artikel befasst sich Thomas Steinfeld mit Noam Chomsky, dem wir die moderne Linguistik verdanken ebenso wie das moderne politische Jakobinertum.

Nur im Print: Dirk Tänzler untersucht die Geschmacksdiktatur in der Mediendemokratie. Gerhard Drekonja-Kornat beschreibt, wie Lateinamerika zu einem Kontinent der Auswanderung wird. Ernst-Otto Czempiel verfolgt das Schwanken der USA zwischen Pax Americana und Imperium Americanum. Roland Benedikter lotet die Chancen für eine Demokratie im Irak aus, und Adam Krzeminski sieht sich an, wie der "trojanische Esel" Polen über den Irak nach Brüssel kommt.

Magazinrundschau vom 08.09.2003 - Merkur

"Dass der Sozialismus sich als barbarisch erwiesen hat, hat den Kapitalismus bei den westlichen Intellektuellen nicht beliebter gemacht", stellt der Merkur im Editorial seiner Doppelausgabe fest und würdigt deshalb unter dem Banner "Kapitalismus oder Barbarei" ausführlichst die "revolutionäre Rolle" und die "zivilisatorische Mission" des Kapitalismus.

Online zu lesen sind zwei Artikel des insgesamt 240-Seiten-starken Konvoluts: Zum einen Rainer Hanks gepfefferte Abrechnung mit den Gegnern der Globalisierung, die noch immer das Vorurteil pflegen, diese mache die Welt ungleicher, also Arme ärmer, Reiche reicher. Nachdem Hank dargestellt hat, dass an diesem Irrglauben nichts daran sei, stellt er fest: "Globalisierungskritik, welche die Moral auf ihre Seite zieht, ist in Wirklichkeit nichts anderes als eine Verteidigungsstrategie leidlich begüterter Mittelschichten der reichen Welt, die im Wettbewerb mit den Entwicklungsländern in einer globalisierten Weltwirtschaft ihren Einkommensstatus nicht mehr halten können. Denn der Preis ihrer Arbeit, bezogen auf die Produktivität, fällt angesichts des wachsenden Arbeitsangebots der Entwicklungsländer auf offenen Märkten. Gerade deswegen muss die Globalisierungskritik ihre wahren Absichten aber camouflieren. Sie ist in Wirklichkeit eine Strategie zur Wahrung von Besitzständen der Ersten Welt. Westliche Gewerkschaften und linke Parteien tun sich zusammen, um im moralischen Gewand der armen Welt Sozial- und Umweltstandards zu empfehlen."

Zum anderen Richard Herzingers Klarstellung, dass es sich bei den großen kapitalistischen Theoretikern - von Adam Smith und David Ricardo, selbst über die Manchesterkapitalisten Richard Cobden und John Bright, bis Friedrich August von Hayek und Milton Friedman - um leidenschaftliche Verfechter der menschlichen Würde und Selbstbestimmung gehandelt hat. "Wenn wir hier von großen Prokapitalisten sprechen, so sind damit jene Denker gemeint, die den Kapitalismus als ein Ideal, als eine emanzipatorische Idee begriffen haben. Wir sprechen nicht von jenen, die den Kapitalismus aus Phantasielosigkeit als eine nun einmal gegebene beste aller schlechten Welten hinnehmen oder ihn zynisch als Ausdruck einer natürlichen Auslese der Stärkeren verstehen. Im Grunde haben sich die Enthusiasten des kapitalistischen Marktes als letzte treue Kinder der Aufklärung ein unverwüstliches Vertrauen in die positive Veränderbarkeit der Welt erhalten. Den Kapitalismus feiern sie als Motor dieser Veränderung - ähnlich wie es Karl Marx und Friedrich Engels taten."

In der Print-Ausgabe schreiben unter anderen Thomas E. Schmidt, Mariam Lau, Christian von Weizsäcker zur neuen politischen Ökonomie von, sowie von Michael Rutschky, Guido Graf, Harry Nutt und Hans Ulrich Gumbrecht zum weiten Feld des kulturellen Kapitals.

Sehr schön auch Jörg Laus "Lob der Entfremdung", das (entgegen der allseits bemühten Chiffre vom "Masturbieren unter Schmerzen") in eben dieser die Antriebskraft von Freiheit, Kreativität und Individualität entdeckt. "Schlimmer als die Entfremdung ist nur ihre Abwesenheit, die Herrschaft des authentischen, ehrlichen, 'einfachen Bewusstseins des Wahren und Guten'".

Magazinrundschau vom 04.08.2003 - Merkur

Wieland Freund und Guido Graf haben die vier gegenwärtigen Stars der amerikanischen Literatur besucht - Jonathan Franzen (mehr hier), David Foster Wallace (mehr hier), Jeffrey Eugenides (mehr hier) und Richard Powers (mehr hier)- und stellen viele Gemeinsamkeiten fest, unter anderem, dass ihre großen Erzählungen um die gleichen Probleme der Postmoderne kreisen, um "bröckelnde Identitäten" und den ganzen "seelischen Kindergarten". "Sie sind alle um 1960 geboren, im Mittleren Westen, im unübersehbaren Nirgendwo Amerikas, im Herzen des Herzens des Landes. Alle vier zählen heute zu den bedeutendsten Erzählern Amerikas. Sie kommen nicht aus den Metropolen, sie kommen aus dieser verlässlichen Leere - vier weiße Männer um die vierzig. David Foster Wallace, in der Universitätsstadt Urbana in Illinois geboren, eben dort wo Richard Powers heute lebt, erzählt, dass seine Eltern an Universitäten an der Ostküste studiert haben, dass dort alles schneller, aber auch zynischer abläuft. Dort fragt man, wenn man irgendwas hört oder liest: Ist das interessant? Im Mittleren Westen dagegen: Ist das wahr?"

Jochen Stöckmann erinnert an die Anfänge des vor fünfzig Jahren eingeschlagenen deutschen Sonderwegs, aus jeder (mehr oder weniger zerbombten) Innenstadt eine Fußgängerzonen zu machen. "Das neue, demokratische Deutschland schützt seine Bürger, Kaufhauskönige wie Konsumenten, vor allzu rasendem Verkehr, vor dem rationalen Delirium der Metropolen. Lust an der Geschwindigkeit, Beat des großstädtischen Lebens, urbanes Vergnügen an unvorhergesehenen Situationen - diese westlichen Werte passen einstweilen nicht in den Kanon eines Wirtschaftswunderlandes."

Im Print preist der Amerikanist Gert Raeithel Schönheit und Reichtum des amerikanischen Englisch, das mit seinen Stab-, Binnen- und Endreimen, mit seinen Lautmalereien, seinen Abkürzungen und Wortschöpfungen so schnell, direkt und ungestüm vorwärts drängt. Stephan Wackwitz bricht eine Lanze für die erotische Lyrik des "kommunistischen Dandys" Peter Hack (mehr hier), die "die Selbststilisierung, das Versteckspiel, die Verkleidung, die Ironie, die Grausamkeit, die Verlogenheit, die Treulosigkeit, die Eleganz und das Raffinement" der Erotik "glanzvoll und lustig wieder in ihre seit der Antike angestammten Rechte" gesetz habe und dafür von einer "souveränen Republik" auch gewürdigt werden sollte. Und Gustav Seibt befasst sich noch einmal mit Jörg Friedrichs Buch "Der Brand". Er wirft ihm im Grunde vor, gerade dadurch, dass er nicht aufrechnet, sein Thema - den Luftkrieg - unheilvoll zu verkürzen. "Geschichtsschreibung kann nicht im Stupor vor dem Schrecken verharren." Als Gegenlektüre empfiehlt Seibt Kurt Flaschs Aufzeichnung seiner Mainzer Kindheit "Über die Brücke" zu lesen, in denen der Philosoph sehr bewegend schildert, wie seine Mutter noch in ihrer Todesangst hoffte, dass Deutschland den Krieg verlieren würde.

In weiteres Artikel geht es um die Werte, die neuere Literatur und die verfängliche Praxis des Zitierens, um die Wiederkehr der großen Familiensagen (der Rothschilds und der Esterhazys), um Antonin Dvorak in der Neuen Welt von Iowa, um Schriftsteller als Realitätenvermittler und vieles mehr.

Magazinrundschau vom 07.07.2003 - Merkur

Volker Gerhardt, Professor für Philosophie an der Berliner Humboldt-Universität (mehr hier), kommt "bei nüchterner Betrachtung" zu dem Schluss, dass die USA mit dem Irakkrieg einen wichtigen "Impuls zur Fortschreibung des Völkerrechts" gegeben haben. "Schade nur, dass sie niemand dafür lobt." Entscheidend sei doch, so Gerhardt, "dass sich alle Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen dem massiven politischen Druck ausgesetzt sehen, 'republikanisch', also rechtsstaatlich zu werden. Diktatoren verwirken die Souveränität ihres Staates, denn sie handeln dem bereits in der Antike formulierten Grundgedanken politischer Organisation entgegen. Der Grundsatz besagt, dass ein Staat allen Bürgern Schutz zu gewähren und ihre Tugend, das heißt ihr Wohl und ihre Tüchtigkeit, zu fördern hat. Saddam Hussein hat diesem Ziel staatlichen Handelns vorsätzlich und fortgesetzt widersprochen. Also kann man es nur gutheißen, dass an ihm ein Exempel statuiert worden ist." (Den Artikel gibt es nur im Print zu lesen).

Nachdem bereits Jörg Lau mit dem "Radical Chic" des "geistig verwahrlosten" Zlavoj Zizek abgerechnet hat (nachzulesen hier), knüpft sich Luca di Blasi nun den "Cynical Chic" des Medientheoretikers Boris Groys vor, der wohlkalkuliertes Aufsehen erregt mit Äußerungen wie "Terrorist ist ein moderner Beruf, ebenso wie Webdesigner oder Unternehmensberater" oder "Bin Laden ist uns doch in erster Linie als ein Videokünstler bekannt, der mit der Welt durch das Medium Video kommuniziert".

Weiteres: Der Stanford-Germanist Russell Berman (mehr hier) fragt, wie demokratisch ein Krieg sein kann und wie repressiv der Frieden. Siegfried Kohlhammer stellt nach einem Blick auf die mehrere Jahrhunderte umspannende Literatur zum muslimischen Spanien fest, dass entgegen anderslautender Vorwürfe "von Ignorieren, Verschweigen, Indifferenz gegenüber Al-Andalus" in Europa keine Rede sein kann. Und Peter Graf Kielmansegg denkt über zukunftsverantwortliches Handeln von Demokratien nach. In weiteren Artikeln geht es unter anderem um Friedensfeiern, Führungskultur und die Folgenlosigkeit des Pisa-Schocks.

Magazinrundschau vom 02.06.2003 - Merkur

Ein hübsches Highlight findet sich in den Marginalien. R.W.B. McCormack, bekannt durch seine streng ethnolinguistischen Studien "Tief in Bayern" und "Mitten in Berlin", hat diesmal einen genaueren Blick auf die Österreicher geworfen und folgendes bemerkt: "Wandlungen im kollektiven Bewusstsein der Österreicher sind keinesfalls geopsychologisch bedingt, denn die Berge stehen ja wie eh und je. Man muss wohl nach historischen Ursachen fahnden, um aktuell zu beobachtende Gemütsveränderungen zu begreifen. Noch im Abendrot der Habsburgermonarchie konnte ein General zu seinen Rekruten sagen: 'Wenn Sie einmal austreten müssen, dann bitt' ich mir aus: Scharfer Strahl und nicht so lülülü wie die Zivilisten.' Bevor die letzten Tage der Menschheit anbrachen, sah man k.u.k. Grenadiere rennen, bis die Tapferkeitsmedaillen schepperten. Zumindest das Lebenstempo hat sich seither verlangsamt. 'Nur net hudeln', heißt die Devise, und nicht nur, weil man vom Hudeln Kinder kriegt."

Ansonsten pflegt der Merkur in diesem Monat seinen ästhetischen Konservatismus. Online zu lesen ist ein Beitrag von Thomas Steinfeld, der sich auf einen Schmerzensgang durch die moderne Architektur begibt, um Erlösung vom Neoklassizismus zu erhoffen: Man müsste, um die Städte von ihren vielzähligen Wunden zu heilen, zu einer "Architektur des menschlichen Maßes" zurückkehren, findet Steinfeld, "man müsste, kurz gesagt, fast einhundert Jahre Architekturgeschichte ungeschehen machen und zu einem schon modernen, aber noch handwerklichen Bauwesen zurückfinden wollen, wie es vor dem Triumph des Funktionalismus bestand, bei Peter Behrens etwa oder bei Greene und Greene." Heute, meint Steinfeld, baut so Hans Kollhoff.

In seiner Ökonomiekolumne erklärt Rainer Hank am Beispiel von Kanada und Burundi, dass nicht der exportierte Kapitalismus der Imperialisten schuld an der Unterwicklung der armen Länder sei. "Im Gegenteil: Nicht zuviel, sondern zu wenig Kapitalismus ist - auch historisch - schuld an der heutigen Armut vieler Länder. Hätten die Kolonisatoren ihnen die Marktwirtschaft eingepflanzt, anstatt sie nur auszubeuten, wären die armen Länder heute womöglich reiche Länder."

Weitere Artikel: Gustav Seibt folgt den Spuren des Dichter und Essayisten Rudolf Borchardt (mehr hier), dessen Welt in den Jahren des Dritten Reichs zusammenbrechen musste. Claudia Schmölder befasst sich mit einer seltsamen Ressource, die durch Verbrauch nicht abnimmt, sondern wächst, die sich nur langsam aufbaut, aber schnell und nachhaltig zerstört werden kann - dem Vertrauen. Gadi Taub erkennt in Raymond Carvers minimalistischem Existenzialismus die Suche nach dem Mitgefühl (mehr hier).

Magazinrundschau vom 05.05.2003 - Merkur

Herfried Münkler (mehr hier) beschäftigt sich mit der Frage, wie sich Europa gegenüber den USA künftig behaupten kann, und gibt dabei folgendes zu bedenken: "Mit der bloßen Kritik der Löwen und ihrer Einbindung in die Egalität der Tiere ist es freilich nicht getan: Bleiben die Hasen auch in Zukunft Hasen, so können sie die Löwen für entzaubert erklären, so oft sie wollen, und alle anderen Tiere den Löwen als gleichberechtigt ansehen - es wird sich an der faktischen Machtausübung durch die Löwen nichts ändern. Tatsächlich ist das Verhältnis zwischen einem Teil der Europäer und den USA seit langem durch periodisch wiederkehrende Löwenkritik und auch gelegentliche Hasenaufstände gekennzeichnet ...".

In einem aus der New York Review of Books übernommenen Text warnt der New Yorker Historiker Tony Judt (mehr hier) vor einer Tragödie historischen Ausmaßes, einem andauernden Zerwürfniss zwischen den USA und Europa: "Wenn Amerika nicht geachtet wird, wenn man ihm eher gehorcht als glaubt; wenn es sich seine Freunde kauft und seine Verbündeten einschüchtert; wenn seine Motive Misstrauen erregen und es eine Doppelmoral praktiziert - dann wird die alles in den Schatten stellende militärische Stärke ihm nichts einbringen. Die Vereinigten Staaten können loslegen und nicht nur die 'Mutter aller Schlachten' gewinnen, sondern auch Generationen von 'Wüstenstürmen' siegreich bestehen; und doch werden sie nichts als Wind ernten - und daneben Schlimmeres. Wir sollten also bitte aufhören, unseren Ängsten und Unsicherheiten in Macho-Schmähreden auf Europa ihren Lauf zu lassen." (Im Netz ist immerhin das Original zu lesen).

In weiteren Artikeln zur neuen Weltordnung fragt sich Mariam Lau (mehr hier), wohin die Berliner Republik außenpolitisch treibt: "Dass ein ehemaliger Sponti die Stabilität der nahöstlichen Region - also die Herrschaft der Familie Saud, die iranische Theokratie, die sudanesischen Killerkommandos - zum Hauptanliegen seiner Außenpolitik, zum Hauptargument gegen den Sturz des Diktators Saddam Hussein gemacht hat, ist deprimierend." Ulrich Speck erklärt dagegen sowohl die USA als auch Europa zu Verlierern des Irakkonflikts: "Machtpolitisch haben Frankreich und Deutschland eine Niederlage erlitten, in neokonservativen Think Tanks wird bereits darüber nachgedacht, wie man die beiden Länder künftig 'eindämmen' kann. Und Amerika hat seinerseits deutlich an Legitimität verloren."

Der Autor Thomas Frahm hat einige wundersame "Bulgarische Erfahrungen" gemacht. Eine davon beschreibt er so: "Die Wirklichkeit des Balkans ist nichts Feststehendes, kein krudes Faktum, sondern Verhandlungssache. Man kann darüber reden. Man kann um sie pokern, man kann Einsätze auf sie wagen, Kopf und Kragen riskieren, alles auf eine Karte setzen: Wenn das Schicksal einen schlechten Tag hat, dann ist viel zu gewinnen!"

In weiteren Beiträgen geht es um den Kampf der Geschlechter, der laut Rainer Paris (mehr hier) in öffentlichen Geschlechterhass umgeschlagen ist, um das Gesamtkunstwerk DDR, die Programmgeschichte der CDU und das Sterben für Bagdad und und und.

Magazinrundschau vom 31.03.2003 - Merkur

Anlässlich von Richard Osbornes Biografie rollt Richard Klein den "Fall Herbert von Karajan" (mehr hier) noch einmal auf und stellt immerhin klar, dass Karajan tatsächlich nur einmal in die NSDAP eingetreten ist. Bemerkenswert auch eine Konzertbesprechung von Isaiah Berlin aus dem Jahre 1947, die Klein anführt: "Berlins Unruhe über das Gehörte, das von Wohlklangglätte weit entfernt gewesen sein muss, ist nicht zu verkennen. In aller Veräußerlichung scheint ein latent katastrophisches Moment mitgeschwungen zu haben. Berlin beschreibt eine Organisation von Tempo und Dynamik, 'die sich mit der unbarmherzigen Genauigkeit eines Sturzkampfbombers fortbewegt, welcher sich auf seine Opfer konzentriert'. Karajan war von der Kritik begeistert."

Dirk Kurbjuweit erzählt eine deutsche Filmgeschichte, genauer gesagt, wie aus seinem Roman "Schussangst" ein Film wurde. Es geht darin um einen jungen Hamburger Pazifisten, dessen Welt durch den Bosnien-Krieg und seine Liebe zu Isabella aus den Fugen gerät. Der georgische Regisseur Dito Tsintsadze hatte sich von einer Bulgarin das Drehbuch ins Russische übersetzen lassen und fand den Stoff ganz hervorragend: "'We'll make a very poetic movie, a movie about poetic killing', sagte er und mit seinem georgischen Akzent klang das selbst schon ziemlich poetisch." Dann strich Tsintsadze Bosnien aus dem Drehbuch.

Den Lesern der Printausgabe vorbehalten: Karl Schlögel folgt den Spuren Sergej Djagilew (mehr hier oder hier), Chef der Balletts Russes, Dandy, Ästhet und Herold der russischen Moderne, und beklagt, dass an die Stelle von Persönlichkeiten wie Djagilew die Apparate des Kulturbetriebs getreten sind. Gustav Seibt fragt sich, warum Berlin als einzige europäische Metropole keinen gültigen Großstadtroman hervorgebracht. Liegt's am fehlenden Bürgertum, den vielen Kindern der Provinz, die sich in den Schwarzwald zurücksehnen, oder diesem "gleichmütigen, maulenden, faulen Berliner Volk"? Gerhard Henschel wünscht sich für Hans-Ulrich Treichels ("Der irdische Armor") nächsten Roman einen Putsch des Erzählers gegen den Stadrat von Emsfelde und einen Helden, der mit Glück und Erfolg zurechtkommt. Und Jeremy Adler erkennt im Zickzack die Denkfigur der Moderne.

Magazinrundschau vom 03.03.2003 - Merkur

Mit seinen Erklärungen, warum die USA und Europa so unterschiedlich sind, hat Robert Kagan ("Macht und Ohnmacht") für viel Aufregung gesorgt. Christoph Bertram findet Kagans Thesen zwar höchst stilvoll, aber deshalb auch nur besonders schön falsch. "Nicht Schwäche macht den Unterschied zu Amerika aus, sondern der Mangel an Ehrgeiz, verstärkt durch einen Entscheidungsprozess, der Schnelligkeit verhindert." Und anders als Kagan behaupte habe Europa nicht etwa eine andere Politik als die USA: "Es hat überhaupt keine". "Die Regierungen Europas sehen sich selbst weiterhin als Zuschauer, nicht als Mitgestalter, wenn es um internationale Ordnung jenseits der gegenwärtigen Grenzen der Europäischen Union geht. Ihre Visionen sind Wunschzettel, nicht Richtlinien zum Handeln. Sie besetzen die moralischen Höhen und überlassen das Handeln in den politischen Niederungen den Vereinigten Staaten. Europa ist geworden, was Schweden in den fünfziger und sechziger Jahren war: Bannerträger einer Vision internationaler Ordnung, die umzusetzen es herzlich wenig tut."

Hans Ulrich Gumbrecht (mehr hier) liefert Impressionen aus der pazifistischen deutschen Seelenlandschaft, in der man sich sich "zu gesundem Volksempfinden vereinigt, mit eben jener Selbstverständlichkeit gegen einen möglichen Krieg zu sein, mit der man sonst nur gegen schlechtes Wetter, einschlagende Blitze oder andere Naturkatastrophen protestiert."

Weitere Artikel: Rudolf Burger gibt Entwarnung: Die Vereinigten Staaten von Europa wird es nicht geben. "Die Völker Europas, die 'großen Lümmel' werden sie verhindern - aus plebejischem Hang zur Demokratie." Heinz Bude blickt auf die allmählich vergehende Bundesrepublik zurück. Konrad Adam rechnet mit den Gewerkschaften ab ("Besitzstand ist auch ein Stand.") Walter Klier delektiert sich am "Tratsch in seiner edelsten Form" - der Biografie. Und von Hans-Jürgen Greif erfahren wir, warum Frankreich dem Ethos den Vorzug vor dem Pathos gibt. Außerdem geht es um Paul Ricoeur, Lucien Febvre und seinen Rabelais, um die soziale Evolution von Tieren und Menschen sowie um die Chemie des Lebens.

Magazinrundschau vom 02.02.2003 - Merkur

Wo immer postmodernistisch, medienphilosophisch oder vernunftkritisch herumtheoretisiert werde, ist der slowenische Philosoph Slavoj Zizek dabei und sorgt mit "apart kontrapunktisch gesetzten Lacan- und Leninzitaten" für Radical Chic. Für Jörg Lau Grund, einmal gehörig mit Zizek abzurechnen, dessen "pseudowissenschaftliche Einlassungen" er zwischen Scharlatanerie und aufgeblasener Banalität schwanken sieht. Mal sieht Zizek nämlich im 11. September ein ideologiekritisches Unternehmen, mal bewundert er die "heroische Weise", mit der Lenin den Bolschewiki die Macht gesichert habe. "Dieser Autor scheint getrieben von einem unbedingten Willen zum Verbalradikalismus, auch noch um den Preis von Lüge und Geschichtsklitterei. Das hat schon etwas Verkommenes, geistig Verwahrlostes an sich. Nimmt man Zizek über Lenin beim Wort, so liegt hier nichts Geringeres vor als eine Apologie des politischen Massenmordes." Und einmal soll es gesagt sein: "Wem es allein auf Zitatpomp, kombinatorische Überraschungseffekte und Moralprotzerei ankommt, der produziert Bullshit im strengen Sinn des Wortes."

In weiteren Artikel schreibt Stephan Wackwitz über sein Lesen und Leben als junger Schmerzensmann und das vergebliche Warten auf den Messias. Katharina Rutschky findet den Poproman völlig zu unrecht geschmäht und sieht Benjamin von Stuckrad-Barre und Christian Kracht ganz in der Nähe des jungen Goethe, der mit dem Werther das Genre überhaupt begründet hat. Michael Rutschky porträtiert den großen Geschichtserzähler des 20. Jahrhunderts Walter Kempowski. Ralf Dahrendorf plaudert in seiner Politikkolumne wieder einmal aus dem britischen Oberhaus, von Heinrich VIII und darüber, wie sich die Lords gegen die Labour-Regierung auf die Seite von Asylbewerbern schlugen.

Magazinrundschau vom 23.12.2002 - Merkur

Auch der Merkur ist jetzt der Neuen Zeit angekommen. Nicht nur, dass seine Texte endlich im html-Format zu lesen sind, das neue Heft ist ganz der Ökonomie verschrieben.

Christoph Müller etwa versucht sich an einer Ontologie der New Economy. "Diese Ökonomie, meint Müller, sei "selbstdestruktiv als Bedingung der Möglichkeit ihres Überleben". Da ihre Produkte immateriell sind, also nicht rosten oder verschleißen können, muss ihre Veralterung künstlich erzeugt werden: "Die Immaterialität seines Produktes erweist sich für den Produzenten als eine Art von Fluch, der ihn zu immerwährender Flucht nach vorn zwingt. Mit permanenten Innovationen produziert er nun selbst jene Vergänglichkeit, die seinen Produkten 'von Natur aus' nicht zukommt und die doch allein kontinuierlichen Absatz ermöglicht. Das paradoxe Ergebnis dieses Kunstgriffs ist bekannt: Nichts veraltete schneller als die verschleißresistenten Produkte der Informations- und Telekommunikationsbranche." Mit anderen Worten: "Pentium III entwertete Pentium II entwertete Pentium I; Office 2000 entwertete Office 98 entwertete Office 95; DVD entwertete CD entwertete Diskette; TDSL entwertete ISDN entwertete analogen Anschluß etc."

In seiner wunderbaren Ästhetikkolumne beschäftigt sich Wolfgang Kemp mit den neuesten Trends. Das sind unter anderem "Sofortvertrauen", "Verpflichtung auf Zeit", die Fernanwesenheit und die Generation Sandsack. In den Marginalien werden die Gewinner des Essaywettbewerbs "Unter 28" präsentiert. Unter anderen erzählt Ines Langelüddecke, warum ihr der Osten lieber ist als der Westen.

Leider nur im Print: Georg Franck ruft den mentalen Kapitalismus aus, "in dem nicht Ware gegen Geld, sondern Information gegen Aufmerksamkeit getauscht wird." Volker Gerhardt zeichnet die philosophische Karriere der "Anerkennung" nach. Adam Krzeminski beschreibt Polens langen Weg nach Westen als eine Folge meist missglückter Modernisierungsschübe.