Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 24.01.2012 - New York Times

Im Sunday Magazine porträtiert Robert F. Worth den 49jährigen ägyptischen Muslimbruder Mohamed Beltagy, der von vielen Liberalen geschätzt wird, weil er die Proteste erst gegen Mubarak, dann gegen die Militärs auf dem Tahrir Platz unterstützt hat. Bei der alten Garde der Muslimbrüder trägt ihm das allerdings auch Misstrauen ein: "Khalil Anani, einer der besten Analysten der islamischen Bewegungen in Ägypten, erklärte mir, dass die Burderschaft in den kommenden Monaten eine entscheidende Wahl treffen muss. 'Es gibt eine verschobene Konfrontation zwischen der Bruderschaft und dem Militär', sagt er, 'und wenn sie stattfindet, hängt viel davon ab, wie gut die Bruderschaft mit den liberalen und säkularen Kräften zusammenarbeiten.' Beltagy ist unentbehrlich um eine solche Kooperation zu sichern. Aber die Bruderschaft kann sich auch entschließen, die Liberalen auszuschließen und einen Handel mit dem Militär machen, so Anani: Sie würde die fortgesetzte Dominanz des Militärs akzeptieren und dafür in religiösen Fragen Konzessionen erhalten."

Apples Geräte werden, wie alle wissen, in China zusammengebaut. Die Arbeitsbedingungen dort sind teilweise schrecklich, wie Mike Davis etwa in der Radiosendung This American Life erzählt. Aber Tatsache ist eben auch, dass hunderttausende Jobs nach Asien gegangen sind. Was in den USA bleibt, beschreiben im Wirtschaftsteil Charles Duhigg und Keith Bradsher am Beispiel von Eric Saragoza, der 1995 in Apples Fertigungsanlage in Elk Grove, Kalifornien als Ingenieur angestellt worden war. Saragoza stieg schnell auf und verdiente 50.000 Dollar im Jahr. Bald jedoch wurden Apples Produkte zu teuer: Einen 1.500-Dollar-Computer zusammenzubauen kostete 22 Dollar in Kalifornien und 4,85 Dollar in Taiwan. "'Man sagte uns, wir müssten 12 Stunden am Tag arbeiten und auch Samstags kommen', erzählt Mr. Saragoza. 'Ich hatte eine Familie. Ich wollte meinen Kindern beim Fußballspielen zusehen.'" Leute wurden entlassen, 2002 traf es auch Mr. Saragoza. Nach vielen Anläufen fand er schließlich einen Job in einer Zeitagentur, die für Apple reklamierte Iphones und Ipads untersuchen, bevor sie an die Kunden zurückgeschickt werden. "Jeden Tag fuhr Mr. Saragoza zu dem Gebäude, in dem er einst als Ingenieur gearbeitet hatte. Für 10 Dollar die Stunde ohne Sozialleistungen putzte er Tausende von Glasbildschirmen und testete Audioports, indem er die Kopfhörer einstöpselte."

In der Book Review folgt der polyglotte Peter Constantine mit Vergnügen Michael Erards Suche nach den weltbesten Sprachlernern. Adam Kirsch bespricht William Gass' barocken Essayband "Life Sentences". Cullen Murphy stellt Benoit Peeters Herge-Biografie vor und Charles Isherwoood Ian Donaldsons Ben-Jonson-Biografie.

Magazinrundschau vom 13.12.2011 - New York Times

In einem faszinierenden Artikel für das Sunday Magazine beschreibt Tina Rosenberg am Beispiel von N'Ko - einer westafrikanischen Schrift, die 1943 erfunden wurde, um den Mande-Sprachen ein Alphabet zu geben - wie moderne Technologie zu neuen Alphabeten und damit Verständigungsmöglichkeiten führt: "Für die meisten Menschen auf der Welt ist nicht das Internet, sondern das Handy die coolste erreichbare Technologie. Und sie nutzten es eher zum Texten statt zum Sprechen. Obwohl die meisten Sprachen auf dieser Welt keine Schriftform haben, beginnen die Menschen ihre Muttersprache in das Alphabet einer nationalen Sprache zu transkribieren. Jetzt können sie in der Sprache texten, mit der sie aufgewachsen sind. [Der Linugist K. David] Harrison erzählt von einer Reise nach Sibirien, auf der er einen Lastwagenfahrer traf, der ein eigenes Aufschreibsystem für die vom Aussterben bedrohte tschulymische Sprache entwickelt hat. Dazu benutzt er kyrillische Buchstaben. 'Sie finden überall Leute wie ihn', sagt Harris. 'Wir bekommen Sprachen, deren erste geschriebenen Texte keine Übersetzungen aus der Bibel sind - wie das oft der Fall war - sondern SMS.'"

Etwas fehlt, meint Adam Thirlwell in der Book Review über Ingo Schulzes Roman "Adam und Evelyn", der jetzt in englischer Übersetzung erschienen ist: "In seiner Weigerung, die Zeit der Revolution zu idealisieren, ist dieser Roman, was die unromantischen Fakten angeht, von mutiger Wahrheit. Aber diese Fakten brauchen ihre eigene Form und diese Form, so empfand ich es jedenfalls, müsste barocker sein. Sie müsste näher an der schwebenden Metafiktion Nabokovs sein oder an den bösartigen Aphorismen Ciorans. Mit anderen Worten: Es braucht mehr als eine simple Story."

Besprochen werden außerdem Henry Louis Gates Jr.s Blick auf die Geschichte des schwarzen Amerikas, "Life upon these shores", das David Margolick enttäuscht hat, Will Hermes' Buch "Love goes to buildings on fire" über die New Yorker Musikszene in den Siebzigern und Anita Desais neuer Novellenband "The Artist of Disappearance".

Magazinrundschau vom 01.11.2011 - New York Times

In den sechziger und siebziger Jahren, als noch ein breites Publikum über Kunstwerke stritt, schrieb Pauline Kael für den New Yorker die leidenschaftlichsten und bissigsten Filmkritiken Amerikas. Jetzt sind einige ihrer Essays in die "Library of America" aufgenommen worden. Und Brian Kellow hat eine Kael-Biografie veröffentlicht. Seine Beschreibung von Kaels harten, frühen Jahre hat Frank Rich mit Interesse gelesen. Die Zusammenfassungen der Filme und ihrer Kritiken fand er eher öde: "Gottseidank endet diese Chronik mit einer knackigen, wenn auch deprimierenden Beschreibung von Kaels Niedergang. Wenn ihr Aufstieg junge Autoren zum Schreiben von Filmkritiken inspiriert hat, so ist ihr Fall ein warnendes Beispiel dafür, dass Kritiker in Machtpositionen rechtzeitig aufhören sollten, bevor sie unweigerlich in Korruption, Selbstparodie, Größenwahn - oder wie Kael in alle drei - versinken. ... Jemand musste das öffentlich kritisieren und dieser provokante Jemand war Renata Adler, die 1980 in der New York Review of Books Kaels Arbeiten 'Stück für Stück, Zeile für Zeile und ohne Unterbrechung wertlos' nannte." (Die NYRB hat den Artikel freigeschaltet. Wer schreibt heute noch solche Verrisse? Und hier noch Nathan Hellers vor zwei Wochen erschienenes Kael-Porträt aus dem New Yorker.)

Außerdem in der Book Review: Denis Donoghue liest den zweiten Band der Beckett-Briefe. Adam Thirlwell stellt David Bellos' Buch über die erfreulichen Seiten des Übersetzens vor. Jonathan Rosen bespricht Simon Sebag Montefiores Jerusalem-Biografie. Horrorfans werden nicht begeistert sein von Colson Whiteheads Zombie-Roman "Zone One" - sollten sie aber, meint Glen Duncan. Gideon-Lewis Kraus schließlich empfiehlt einen Band mit Reportagen, Interviews und Besprechungen von John Jeremiah Sullivan, der für GQ u.a. über Axl Rose, Michael Jackson und David Foster Wallace geschrieben hat (hier findet man viele seiner Artikel).

Magazinrundschau vom 25.10.2011 - New York Times

Sam Anderson hat für das Sunday Magazine Haruki Murakami in Tokio besucht und dabei auch eine irritierende Ahnung von den untergründigen Kräften bekommen, die in der Stadt ebenso wirken wie in Romanen des Autors. Außerdem erklärt Murakami, warum er am besten zwischen vier und zehn Uhr morgens arbeiten kann: Keine Ablenkung. "'Konzentration ist eines der besten Dinge im Leben', sagt er. 'Wenn man sich nicht konzentrieren kann, ist man einfach weniger glücklich. Ich bin kein schneller Denker, aber wenn ich mich einmal für etwas interessiere, dann bleibe ich viele Jahre dran. Ich werde nicht gelangweilt. Ich bin wie ein großer Kessel. Es braucht eine Zeit, ihn zum Kochen zu bringen, aber dann bleibe ich heiß.'"

In der Book Review: Als autorisierten Biografen hat sich Steve Jobs noch beizeiten Walter Isaacson ausgesucht, der durch seine Biografie von Benjamin Franklin und Albert Einstein für Genies hinreichend qualifiziert scheint. Sein "klares, elegantes und konzises" Buch taugt denn auch eindeutig zur "iBio", schwärmt Janet Maslin. James Fallows empfiehlt Thant Myint-Us Burma-Buch "Where China meets India" als lesenswerte Geschichte, Reisetagebuch, Familiengeschichte und Politikanalyse. Ganz hervorragend findet Thanassis Cambanis Steven Cooks Buch "From Nasser to Tahrir Square", das aber nicht von den Ereignissen des vergangenen Jahres erzählt, sondern die Geschichte des ägyptischen Militärs. Isabel Hilton lobt Ha Jins Roman "Nanjing Requiem", auch wenn er wenig Trost bereit halte.

Magazinrundschau vom 17.10.2011 - New York Times

Joseph Medill, liberaler Politiker, glühender Abolitionist und Mitstreiter Abraham Lincolns, begründete mit der Chicago Tribune auch eines der mächtigsten und reichsten Zeitungsimperien der USA. Gleich zwei Biografien - Megan McKinneys "The Magnificent Medills" und Amanda Smith' "Newspaper Titan" - widmen sich der schillernden Dynastie, werden ihr aber leid nicht gerecht, bedauert Joseph Epstein: "Die Medills waren nicht großartig, sondern neurotische Alkoholiker und Megalomanen und ganz generell ausgesprochen unangenehm. Cissy Patterson war weder eine Presse- noch eine sonstige Titanin, wie Smith selbst zeigt, sondern kapriziös, verwöhnt, starrköpfig, snobistisch, streitsüchtig, antisemitisch, eine gemeine Trinkerin und rachsüchtig. Joseph Medills Nachkommen waren keine nette Familie, würden wir heute sagen. Sie gaben viel, sich selbst am meisten, eher wie Medicis als Medills."

Mit mäßiger Begeisterung hat William Deresiewicz Jeffery Eugenides' neuen Roman "The Marriage Plot" gelesen, den er immerhin besser als "Middlesex", aber längst nicht so gut wie "Die Selbstmordschwestern" fand: "In dem Roman geht es nicht wirklich um Liebe, höchstens in zweiter Linie. Es geht um das, worum es in Eugenides' Büchern immer geht, egal wie unterschiedlich sie erscheinen: Das Drama des Erwachsenwerdens. Hier zeigt sich Eugenides viel geduldiger und näher an seinem Material als in 'Middlesex'. 'The Marriage Plot' ist seinen Mitbewohnern gewidmet, er besitzt die Webart und den Schmerz gelebter Erfahrung."

Magazinrundschau vom 11.10.2011 - New York Times

388 quälende und quälend langweilige Tage wurden Rachel und Paul Chandler von somalischen Piraten gefangen gehalten, erzählt Jeffrey Gettleman in einer spannenden, vom Comickünstler Wesley Allsbrook illustrierten Reportage im Sunday Magazine, in der man viel über das Kidnapping-Geschäft lernt. "Was man in Adado wusste, war dass ein junger Aufsteiger namens Buggas die Chandlers nach Amara gebracht hatte, einen kargen Flecken nahe der Küste, und dass die Einwohner von Amara hinter ihm standen. Lokale Unterstützung ist entscheidend, denn Geiselnahmen sind - besonders wenn sie lange dauern - sehr kostspielig. Die Geiseln müssen ernährt und streng bewacht werden, damit rivalisierende Piratengangs oder islamistische Milizen sie nicht ihrerseits kidnappen. Paul Chandler schätzt, dass es Buggas rund 20.000 Dollar im Monat kostete, ihn und seine Frau als Geiseln zu halten: am Tag 300 Dollar für Khat, 100 Dollar für Ziegen und wahrscheinlich noch einmal mehrere hundert Dollar für Tee, Zucker, Milchpulver, Benzin, Munition und andere Vorräte. Dann müssen die Leute bezahlt werden - im Falle der Chandlers bedeutete das Bargeld für den Piratentrupp und die rund 30 Handlanger, die sich als Wächter abwechselten. Obendrauf kommen die Dolmetscher, die eine happige Gebühr verlangen, um mit den Geiseln zu kommunizieren und das Lösegeld auszuhandeln. Piraten führen ihre Geschäfte meist auf Pump."

Weiteres: Höchst bedeutsam findet der Bioethiker Peter Singer in der Sunday Book Review das neue Buch von Steven Pinker, demzufolge die Entwicklung der Menschheit durchaus positiv verläuft, die Vernunft zunimmt, Gewalt und Grausamkeit dagegen schwinden: Selbst in Detroit sei die Mordrate nicht mehr höher als bei besonders friedfertigen Völkern wie den malaysischen Semai, den zentralarktischen Inuit oder den Kung der Kalahari. Charles McGrath meldet, dass Christopher Hitchens von der Atheist Alliance of America zum Freidenker des Jahres gekürt wurde.

Magazinrundschau vom 27.09.2011 - New York Times

Tom Bissell hat Neal Stephensons neuen Roman "Reamde" gelesen. Der Plot ist, wie Bissell versichert, komplett absurd und es kommen Online-Rollenspiele, eine afrikanische Waise, ein chinesischer Hacker, ein britischer Dschihadist und manches mehr darin vor. Höchst unterhaltsam und informativ findet Bissell das, manchen Schwächen zum Trotz. Am schönsten ist aber seine grundsätzliche Beschreibung des Romanciers Stephenson: "Sagen wir, Romanautoren sind wie unangekündigte Besucher. Während Norman Mailer und Saul Bellow männlich an der Tür pochen, klopfen Jonathan Franzen und Zadie Smith recht höflich... Neal Stephenson allerdings umweht ein vager Marihuana-Duft, und er hat eine Menge Koffer dabei. Vielleicht kann er ein paar wenige Tage Unterschlupf finden? Zwei Wochen später ist er immer noch da. Und du wirst ihn nicht los. Nicht, weil er unangenehm wäre, sondern weil er so interessant ist. Dann wachst du eines Morgens auf und er ist weg. Du bist ein bisschen erleichtert, aber du vermisst ihn auch. Und du wünschtest, er hätte das Zeug, das er raucht, zurückgelassen, denn alles, was einem Menschen erlaubt, sechs 1000-Seiten-Romane in zwölf Jahren zu schreiben, ist das Gesundheits- und Knastrisiko wert."

Weitere Artikel: Maureen Dowd schreibt sehr freundlich über Roger Eberts Autobiografie, Christopher Hitchens bespricht Christopher Turners Wilhelm-Reich-Buch "Adventures in the Orgasmotron". In seiner "Reading Life"-Kolumne widmet sich Geoff Dyer der Kunst des Signierens von Büchern.

Fürs Magazine schickt Robert F. Worth eine lange Reportage aus Libyen, in dem sich die Überzeugungen nach der Niederlage Gaddafis verdächtig schnell ändern: "In allen Militärlagern, die ich besuchte, fand ich Uniformen und Stiefel der Soldaten, die sie in dem Moment von sich geworfen hatten, in dem sie ihre Sandalen und Dschellabas überstreiften und in ihre Privatwohnungen flüchteten. Sogar die Gefangenen der Rebellen, mit denen ich in den improvisierten Gefängnissen sprach, hatten ihre alte Identität aufgegeben oder sie jedenfalls modifiziert: 'Ich habe mein Gewehr kein einziges Mal abgefeuert', sagten sie. 'Ich habe es nur des Geldes wegen getan'. 'Ich habe für sie gekämpft, weil ich ihren Lügen geglaubt habe.'"

Und online ist ein ellenlanges, unbearbeitetes Interview zu lesen, in dem Nicholas Kristof versucht, Irans Präsidenten Mahmud Achmadinedschad zu konkreten Aussagen zu bewegen.

Magazinrundschau vom 20.09.2011 - New York Times

Der Literaturwissenschaftler und Romancier David Lodge hat einen biografischen Roman über den Vielschreiber H.G. Wells verfasst, Titel: "A Man of Parts". So weit man in Christopher Benfeys Rezension schlau daraus wird, geht es deutlich weniger um das literarische Werk als um die "privaten (d.h. die Geschlechts-)Teile" des Autors, der Vögeln als "Freizeitbeschäftigung wie Tennis und Badminton" begriff: "Wie andere seiner utopisch gesinnten Generation - man denke etwa an die üppige erotische Fauna des Bloomsbury-Kreises - war Wells ein Vertreter der freien Liebe und der offenen Ehe, insbesondere da seine zwei Ehen sich als sexuell öde erwiesen. Er war an jüngeren Frauen interessiert, oder sie waren es an ihm. Die 'jungfräulichen Töchter' seiner Kollegen in der sozialistischen Fabian-Bewegung waren eine spezielle Versuchung. Als Rosamund Bland sich für verfügbar erklärte, war auch Wells bereit, und zwar mit der zweifelhaften Begründung, dass auch ihr raubtierhafter Vater hinter ihr her sein: besser H.G. als Inzest."

Weitere Artikel: Pamela Paul schreibt einen Essay über die Revolutionäre des englischsprachigen Kinderbuchs von Maurice Sendak bis Dr. Seuss. Besprochen werden unter anderem noch Denis Johnsons Novelle "Train Dreams" und Roya Hakakians Rekonstruktion der vom Iran angeordneten Berliner Mykonos-Morde im Jahr 1992.

Magazinrundschau vom 13.09.2011 - New York Times

107 Essays auf gut 780 Seiten findet man in Christopher Hitchens Band "Arguably" versammelt (hier Ian Parkers Hitchens-Porträt im New Yorker). Über Politik - zum Beispiel zum Irakkrieg, Afghanistan, Uganda und den Iran -, Gesellschaft und Bücher. Alle geschrieben unter dem Einfluss einer Dosis Alkohol, die die "meisten Menschen verkrüppeln würde", so der penible Bill Keller, der in der Book Review vorführt, wie man einen Autor gleichzeitig lobt und verreißt, so dass man auf jeden Fall auf der sicheren Seite steht: "Ich finde Hitchens ist einer unserer stimulierendsten Denker und unterhaltsamsten Autoren, selbst wenn er - oder vielleicht gerade wenn er - provoziert."

Außerdem: Negar Azimi beschreibt die - vielversprechende! - Verwirrung, die seit dem arabischen Frühling auf dem ägyptischen Buchmarkt herrscht. Besprochen werden u.a. Nuruddin Farahs Roman über somalische Piraten "Crossbones", Hisham Matars Roman "Geschichte eines Verschwindens", Robin Wrights Buch über den arabischen Frühling "Rock the Casbah", Nigel Cliffs Buch über Vasco da Gamas "Heiligen Krieg" und Thomas L. Friedmans und Michael Mandelbaum Buch "That Used to Be Us".

Im Magazin gibt's eine Diskussion von Michael Ignatieff, David Rieff, James Traub, Paul Berman, Scott Malcomson und Ian Buruma über den Irakkrieg, die um einiges spannender geworden wäre, hätte Christopher Hitchens (wie in der Slate-Runde 2004) dabei sein können.

Magazinrundschau vom 06.09.2011 - New York Times

Anthony Shadid hat sich für das Sunday Magazine von zwei jungen Aufständischen nach Syrien schmuggeln lassen, wo die Proteste gegen das Regime Assads trotz seiner brutalen Reaktion weitergehen. "Viele Jahre lang waren Syriens Städte recht kurzsichtig in ihrer Rivalität. Dara wurde für rückständig gehalten, bewohnt von den Hinterwäldlern der Houran-Steppe. Deir al-Zour war die Domäne bewaffneter Stämme. Homs, von der Regierung privilegiert, konkurrierte mit Hama, das lange Zeit für seine rebellische Geschichte und seine religiöse Prägung diskriminiert wurde. Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit, wetteifern Damaskus und Aleppo noch immer um die Führung im Land. Aber jetzt flammen Proteste regelmäßig in der einen Stadt aus Solidarität mit einer anderen auf, die gerade unter Beschuss steht. 'Dara und die Dörfer drumherum haben einen besonderen Platz in unserem Herzen, sagt Iyad, 'hier begann die Revolution, hier starben so viele Märtyrer. Von Dara haben wir gelernt, uns immer wieder zu erheben, auch wenn die Armee angreift.' Es war Nachmittag, er und Ahmed wollten mit uns zu einem anderen sicheren Versteck. Als wir aufbrachen, drehte sich Iyad zu mir und sagte: 'Wir haben schon gewonnen. Wir sind schon die Sieger. Ich habe ein Leben unter Terror, Angst und Mord gelebt. Jetzt bin ich frei.'"

Etwas obsessiv, aber sehr instruktiv erscheint Kathryn Schulz in der Book Review die Essaysammlung "Believing is Seeing" des Filmemachers Errol Morris, der darin der Wahrheit in der Fotografie nachspürt: "Glücklicherweise wird seine thematische Begrenztheit durch eine stilistische Tendenz in die andere Richtung ausgeglichen - vornehmlich hin zum Tangentialen und Panoptischen. In der Kombination ergibt dies einen seltsamen, fesselnden Effekt, wie ein Blizzard, der auf ein einzelnes Haus fällt. Wir reden über ein Buch, das unter anderem Karten, Briefe und Familienstammbäume enthält, alte Werbeanzeigen, Militärpläne und Interviewauszüge."