Magazinrundschau - Archiv

Le Nouvel Observateur

246 Presseschau-Absätze - Seite 13 von 25

Magazinrundschau vom 10.05.2005 - Nouvel Observateur

Der Countdown für das französische Referendum zur europäischen Verfassung läuft, die Chancen für eine Zustimmung sollen jüngsten Meldungen zufolge wieder gestiegen sein. In einem exklusiven Beitrag für den Nouvel Obs meldet sich Jürgen Habermas zu Wort und erklärt unter der Überschrift "Das illusorische Nein der Linken", dass eine Ablehnung der Verfassung "ganz Europa für lange Zeit in eine Depression stürzen" würde. Er schreibt: "Wie wünschenswert die Bändigung und Zivilisierung des Kapitalismus auch wäre, käme eine Ablehnung der Verfassung durch die Linke meiner Ansicht nach zum falschen Zeitpunkt und wählte die falsche Seite. Natürlich gibt es gute Gründe den eingeschlagenen Weg der europäischen Einigung zu kritisieren. (?) Aber die rechte und fremdenfeindliche Auffassung, wonach die Abschaffung der Grenzen unerwünschte soziale Konsequenzen nach sich zöge, die man durch eine Wendung zum Nationalstaat verhindern könne, ist nicht nur aus normativen Gründen verdächtig, sondern darüber hinaus vollkommen irreal. Eine Linke, die diesen Namen verdient, hat nicht das Recht, sich von dieser Art regressiven Reflexen anstecken zu lassen."

Im Vorfeld der am 11. Mai beginnenden Filmfestspiele von Cannes beklagt der Obs einerseits, die allbekannte "Übermacht" des amerikanischen Kinos, die bewirke, dass der französische Film "von Jahr zu Jahr weniger Raum erobern" könne. Der Artikel berichtet aber gleichzeitig über Erfolge im Ausland. "In Moskau, Peking und New York gilt der französische Film als romantisch, intelligent, humorvoll, 'anders', zuweilen ärgerlich intellektuell; das französische Kino hat auf jeden Fall etwas, das alle anderen nicht oder nicht mehr haben."

Zu lesen ist außerdem eines der seltenen Interviews mit Nick Hornby, dessen Buch "A Long Way Down" bei Plon erscheint (in Deutschland demnächst bei Kiepenheuer & Witsch).

Magazinrundschau vom 19.04.2005 - Nouvel Observateur

Im Zusammenhang mit dem französischen Referendum zur europäischen Verfassung interviewt in dieser Woche der Nouvel Obs den amerikanischen Ökonomen Jeremy Rifkin, der nicht zuletzt aufgrund seines letzten Buchs "Der europäische Traum" ein beliebter Gesprächspartner ist. Auf die Frage, ob die Franzosen nun mit Ja oder Nein stimmen sollten, antwortet er: "Haben sie eine Wahl? Soll sich die Zukunft Frankreichs auf seine kleine Scholle und seinen kleinen Markt beschränken, obwohl die Möglichkeit der Integration in eines der größten Wirtschaftszonen der Welt besteht? Um gegen seinen Geburtenrückgang anzugehen, braucht Europa eine Immigrationspolitik und ebenso eine gemeinsame Verteidigung für seine Grenzsicherung, um nicht Amerika darum bitten zu müssen. Es wird vielleicht der Tag kommen, an dem man sich damit abfindet, Englisch als lingua franca zu wählen, was den weltläufigen Eliten sicherlich leichter fällt als den Arbeitern. Aber ich glaube nicht, dass eine Rückkehr zum Nationalstaat heute noch möglich ist. Der Versuch, das 'alte' dem 'neuen' Europa gegenüberzustellen, ist ein enormer Irrtum."

Weiteres: Der New York-Korrespondent des Obs berichtet über das "Nicht-Leseland" USA; vor allem viele junge Menschen geben an, noch nie in einem Buchladen gewesen zu sein. Ein weitere Artikel beschreibt das französische Paradox: immer mehr Bücher und ebenfalls immer weniger Leser. Ein Special beschäftigt sich mit der boomenden "neuen Welthauptstadt" Shanghai. Zu lesen sind unter anderem Artikel über den Hochhausbau, das Verhältnis zu China und die örtliche Schickimickiszene. Und der französische Politikwissenschaftler und UN-Mitarbeiter Boris Eisenbaum beschreibt den "geheimen Kampf" zwischen Russen und Amerikanern um die Kontrolle zentralasiatischer Regionen.

Magazinrundschau vom 12.04.2005 - Nouvel Observateur

Als "absolute Notwendigkeit" lobt der spanische Schriftsteller Juan Goytisolo (mehr) "Le Rideau" (Gallimard) von Milan Kundera (mehr). In diesem "meisterhaften, hellsichtigen Essay" zeige Kundera, dass die großen Werke der Literatur "niemals innerhalb nationaler Grenzen eingesperrt werden" könnten und der Schriftsteller über "größere Klarheit" verfüge als der Historiker. "Kunderas Gedanken zum historischen Roman und seiner schlimmsten Variante - jener, die sich in den Dienst patriotischer Werte stellt und 'das Wesen' eines Volkes herauskristallisiert - sollten alle Autoren nationaler Literatur lesen, die ihren Wertmaßstab aus mehr oder weniger großer Treue gegenüber diesem 'Wesen' beschränken. 'Der Schriftsteller ist nicht Diener der Historiker', erklärt uns Kundera. Anders gesagt: Er verteidigt nichts, sondern er analysiert, interpretiert, fragt nach und widerspricht einfach. 'Der brave Soldat Schweijk' etwa, geschrieben aus dem Blickwinkel eines Narren, entlarvt die blutige Absurdität des Ersten Weltkrieges tausendmal besser, als jene Schriftsteller, die ihn in ein episches Genre überführt haben."

Weiteres: Der israelische Sach-und Kinderbuchautor David Grossman schreibt anlässlich des Erscheinens seines Novellenbandes "Das Gedächtnis der Haut" über die Konflikte mit seinen palästinensischen Freunden, Eifersucht, Bush, die Bibel und Sharon ("Sharon ist eine Romanfigur"). In einem Appell führt der italienischen Sozialistenchefs Massimo D?Alema den Franzosen die "immense Bedeutung" ihres Referendums zur europäischen Verfassung vor Augen.

Ein Interview stellt schließlich den Journalisten Serge Bile und seinen Dokumentarfilm "Noirs dans les camps nazis" über das bisher eher unbeachtet gebliebene Kapitel von Schwarzen in deutschen Konzentrationslagern vor. Er war durch eine Biografie des Sängers John William auf das Thema gestoßen und berichtet über die Schwierigkeiten bei der Recherche; zum Thema liegt außerdem bereits eine gleichnamige Publikation vor (Le Serpent a Plumes; die Rezension lesen Sie hier).

Magazinrundschau vom 05.04.2005 - Nouvel Observateur

Im Debattenteil empfiehlt Jorge Semprun (mehr) anlässlich des Referendums zu einer europäischen Verfassung die Wiederlektüre von Leon Blum (mehr), Mitbegründer der Parti Socialiste Francais und zweimaliger französischer Ministerpräsident, besonders ein Papier Blums von 1948, in dem er die Annahme des Marshall-Plans begründet und die Sozialisten auffordert, die "europäische Sache über Parteiinteressen" zu stellen: "Die Sozialisten, betont Blum, hätten den amerikanische Marshall-Plan akzeptiert, weil er sich nicht gesondert an jedes einzelne Land richtete, sondern die Bildung einer europäischen Einheit verlangte, um Unterstützung zu bekommen. Und das bedeutet - und nur die Neokonservative in Washington dürfte dies überraschen oder ärgern -, dass die Vereinigten Staaten einer der Motoren und Ursachen der europäischen Verfassung gewesen sind!"

Der Bücherteil untersucht in einem kleinen Schwerpunkt das "Ende einer Mode": der Biografie. Denn obwohl immer mehr davon erscheinen, würden gleichzeitig immer weniger verkauft. In seiner Rezension des Essais "Pari biographique. Ecrire une vie" von Francois Dosse (La Decouverte) konstatiert Pierre Assouline, selbst Biograf unter anderem von Georges Simenon und Herge, die "Ausgeschöpftheit" des Genres. Gleichwohl werden in weiteren Besprechungen Biografien über Lola Flores (Fayard) und den Schriftsteller und Essayisten Paul Nizan (Complexe) sowie eine Autobiografie des Regisseurs Frederic Mitterand (Laffont) vorgestellt.

Magazinrundschau vom 29.03.2005 - Nouvel Observateur

Nach Jahrzehnten lacanistischer Introspektion entdecken die französischen Schriftsteller das Elend der Arbeiterklasse wieder ganz neu. Im neuen Heft des Nouvel Obs befragen sich zwei Schriftsteller gegenseitig zu ihren Büchern, Francois Bon, Autor von "Daewoo" über die Schließung eines Autowerks in Lothringen und Gerard Mordillat, Autor des Romans "Les vivants et les morts", der ebenfalls von einer Werksschließung handelt. Mordillat erklärt, wie bei seiner Heldin namens Dallas ein neues Klassenbewusstsein entsteht: "Eines Tages stellt sie fest, dass sie keine Windel mehr für ihren Sohn hat und auch kein Geld, um eine zu kaufen, und da begreift sie, dass Entscheidungen, die in New York, Frankfurt und London durch die Finanzmächte getroffen werden, direkte Auswirkungen auf sie selbst, auf ihr intimstes Privatleben haben. Da entsteht ihre Revolte, angesichts ihres nackten und dreckigen Babys."

Im Nouvel Obs finden sich auch Spekulationen über die Zukunft Edwy Plenels, des ehemaligen Chefredakteurs von Le Monde. Angeblich soll er eine Stiftung gründen, "um das Gewicht von Le Monde in der intellektuellen Debatte zu verstärken".

Magazinrundschau vom 22.03.2005 - Nouvel Observateur



Im Debattenteil denkt Eugeno Scalfari, Gründer von la Repubblica, darüber nach, ob man sich bei Bush für den Irakkrieg bedanken müsse. Immerhin, schreibt er am Ende seines Beitrags, sind zumindest "Anzeichen für Freiheit und Demokratie" im Irak erkennbar. "Aber vorerst haben die USA ein Land mit Ruinen und Toten übersät. Es heißt, Bush werde dafür vor der Geschichte und der Nachwelt gerade stehen müssen. Doch das Urteil der Nachwelt ist nur für die Nachwelt von Interesse. Den heute Lebenden kann es reichlich egal sein. Sicher, für jene, die daran glauben, wird es das Jüngste Gericht geben. Doch wenn ein Mann überzeugt ist, Gott auf seiner Seite zu haben, an oder sich eigentlich, pardon, Seit an Seit mit Gott wähnt, ist das Urteil des Jüngsten Gerichts schon gesprochen. Bush wird deshalb vermutlich unter den Seligen sein."In der gleichen Abteilung ist eine Liebeserklärung an Istanbul von Jean Baudrillard zu lesen ("Jede Stadt hat ihre Phänomenologie. Doch jede Stadt hat auch ihren Grundton, der sich in keinster Weise mit seinem Ursprung deckt"). Der bisher unveröffentlichte Text aus dem Jahr 1999 erscheint in der 84., dem Philosophen gewidmeten Ausgabe der "Cahiers de l?Herne", die auch Beiträge von Edgar Morin, Michel Maffesoli und Jacques Donzelot enthält.

Aus Anlass des Salon du Livre porträtiert der Nouvel Obs den mächtigsten Literaturagenten Frankreichs, Francois-Marie Samuelson. Er vertrat und vertritt unter anderem Marguerite Duras, Philippe Djian, Pierre Assouline und Michel Houellebecq und genießt unter Verlegern den Ruf eines "gefährlichen Genies", der den Autoren den Kopf verdrehe und die Honorare hochtreibe. Ergänzend wird sein angelsächsisches Gegenstück Andrew Wylie vorgestellt, der etwa Martin Amis, Norman Mailer, Saul Bellow, Orhan Pamuk, Philip Roth und Salman Rushdie betreut.

Zu lesen ist außerdem eine Zusammenfassung der neuesten kunstwissenschaftlichen Erkenntnisse über die Mona Lisa, die im Louvre einen neuen Saal bezieht, sowie ein Bericht über die Szene der agilen argentinischen Kulturschaffenden in Paris.

Magazinrundschau vom 15.03.2005 - Nouvel Observateur

Im Debattenteil fordert der libanesische Lyriker syrischer Herkunft Adonis (mehr) den sofortigen Abzug Syriens aus dem Libanon. "Die gegenwärtige Situation im Libanon beweist, dass sich seine Einzigartigkeit innerhalb der arabischen Länder als Gefahrenquelle erweist. Denn die Vielschichtigkeit des Libanon, die Grundlage seiner Dynamik und seines Reichtums, könnten zur Ursache einer fatalen Spaltung und Beschädigung werden. Jede Einmischung von außen, ob arabischer oder anderer Natur, sowie jede Störung des inneren demokratischen Gleichgewichts - gleich, ob auf einer symbolischen oder der Wirklichkeitsebene - nähren diese fatale Spaltung und Beschädigung. Jegliche äußere Einmischung stellt für den Libanon eine Gefahr dar, weil er das Gleichgewicht des Zusammenlebens und der gegenseitigen Anerkennung der libanesischen Bevölkerungsgruppen erschüttert."

Im Titeldossier geht es um Frauen im Islam, genauer gesagt die richtige Lesart des Koran zu diesem Thema. Was sagte der Prophet wirklich? Was haben seine Exegeten hinzugefügt oder anders interpretiert? Zu lesen ist dazu ein Interview mit Adel Rifaat und Bahgat Elnadi, die unter dem Pseudonym Mahmoud Hussein bei Grasset die Textsammlung "Al-Sira", eine weitere Gründungsschrift des Islam (mehr dazu hier), herausgegeben haben (Besprechung hier). Und der Anthropologe, Psychoanalytiker und Islamexperte Malek Chebel schreibt über das rege Liebesleben des Propheten Mohammed. Der Literaturteil beschäftigt sich mit zeitgenössischer russischer Literatur, die auf dem diesjährigen Salon du Livre den Schwerpunkt bildet. Zu lesen ist schließlich ein Hintergrundsartikel über das neue israelische Kino, das derzeit äußerst erfolgreich zu sein scheint.

Magazinrundschau vom 08.03.2005 - Nouvel Observateur

Nach der Ermordung des libanesischen Oppositionsführers und ehemaligen Premierministers Rafic Hariri denkt der libanesische Lyriker Salah Stetie (mehr) in einem Essay über die gewaltträchtige Geschichte seines Landes nach. Er schreibt: "Nach jedem Attentat legt sich über alles eine schreckliche Stille, die man als 'primitiv' bezeichnen könnte. Nicht nur im Freudschen Sinn des Begriffs, der verlangt, dass er mit einem rätselhaften, heimlich erwünschten Verbrechen verknüpft ist, sondern auch in seiner ursprünglichen Bedeutung von Archaik und Grausamkeit. Die Zurückweisung des Anderen und seiner Ansichten. Die Verweigerung des Dialogs. Die Verweigerung von allem, das in einer Gesellschaft den Zündfunken der Demokratie darstellt."

In einem Interview spricht der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama über sein neues Buch "Staaten bauen". Auf die Frage, ob es einfacher sei, einen Staat oder eine Nation aufzubauen, antwortet er: "Der Unterschied zwischen Staat und Nation besteht in der Unterscheidung zwischen Regierung und Gesellschaft. Eine Nation stützt sich auf ein gemeinsames Gedächtnis, eine gemeinsame Kultur. Einen Staat zu bauen, heißt dagegen einfach ihn mit einer Regierung und mit Institutionen auszustatten."

In diesem Jahr würde Jean-Paul Sartre seinen 100. Geburtstag feiern, ein Ereignis also, das in den französischen Medien breiten Raum einnimmt und weiter einnehmen wird. Der Obs bringt einen Essay von Aude Lancelin verbunden mit dem Hinweis auf die bisher größte Ausstellung zu Sartre in der Bibliotheque Nationale. In weiteren Artikeln schreiben unter anderem der Historiker Michel Winock über militanten Sartre, Peter Sloterdijk über den "großen Verneiner", Didier Eribon über den Intellektuellen und der Theaterregisseur Michel Raskine über den Dramaturgen.

Zu lesen ist schließlich ein Bericht über die Explosion auf dem Markt für außereuropäische Kunst und ein Interview zu diesem Thema mit dem Direktor des Musee Branly.

Magazinrundschau vom 22.02.2005 - Nouvel Observateur

Zwei üppige Lesestücke in dieser Woche. So denkt in einem Essay der Historiker Alain Corbin ("L?histoire du corps", Seuil), nachdem der verheerende Tsunami inzwischen wieder aus den Schlagzeilen verschwunden ist, über die Ängste nach, die das Meer seit jeher im Menschen weckt. Als für den Menschen von Grund auf feindliches Milieu sei das Meer zugleich "Träger von Fantasmen, Erzeuger von Schrecken, Quelle der Inspiration, Symbol der Unendlichkeit und der Allmacht". Corbin, Mitherausgeber des Begleitkatalogs zur Ausstellung "La mer. Terreur et faszination" in der Bibliotheque Nationale, schreibt darin unter anderem: "Die Dualität Land - Meer ist trügerisch, weil es ein drittes Element gibt: den Himmel. Für Michelet standen Himmel und Meer in einem ständigen Dialog. Das Meer spricht mit den Sternen, und auch der Himmel ist mit dem Wasser beschäftigt. Darin besteht die Dialektik von Süß- und Meerwasser. Die Erde filtert, der Himmel regnet, die Sonne verdunstet. Sie reinigen das Meerwasser."

Des weiteren stellt der Historiker und Professor an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences sociales, Pierre Vidal-Naquet, seine jüngste Veröffentlichung vor. In "l?Atlantide. Petite histoire d?un mythe platonicien" (Belles Lettres) spürt er der langen Geschichte des Mythos von Atlantis quer durch die Jahrhunderte und seinen Metamorphosen von Platon über Jules Verne und Montaigne bis zu den Nationalsozialisten nach.

Anlässlich des 10. Geburtstags der Pariser Bibliotheque Nationale wird in einem Artikel noch einmal an die ereignisreiche und pannengeplagte Baugeschichte der von Mitterand initiierten, teuersten Bibliothek der Welt erinnert.

Magazinrundschau vom 15.02.2005 - Nouvel Observateur

Im Debattenteil ist ein Essay von Fouad Laroui zu lesen. Der marokkanische Wirtschaftswissenschaftler und frankophone Schriftsteller ("Tu n'as rien compris a Hassan II", Julliard) lebt derzeit in Amsterdam und sorgt sich über den "Integratismus" in einem Land, das bisher als "europäisches Paradies der Integration" galt. "Wenn Franzosen mich nach dem 'niederländischen Drama' fragten, habe ich gelegentlich den Anflug einer ironischen Befriedigung, einer gallikanischen Schadenfreude (dt. i. Original) gespürt: als ob der Zusammenbruch des multikulturellen Modells die Überlegenheit des französischen Zentralismus beweise! Kikeriki, die Niederlande brennen! Jetzt werden sie bestraft, diese Haschischraucher, die fast alles toleriert haben, diese Naivlinge, die radikalen Imamen Tür und Tor geöffnet haben! Aber die Niederlande brennen nicht. Wir haben vielleicht den Schlüssel zum Paradies verloren, aber dieses Paradies hatte immerhin den Vorteil, dass es existiert hat."

Weiteres: Das Titeldossier beschäftigt sich angesichts der neuen politischen Entwicklungen in Nahost mit den wechselvollen französischen Beziehungen zu Israel und den Palästinensern. In zwei Artikeln werden die Geschichte der "Entliebung" mit Israel (hier) und die "arabische Politik" Frankreichs (hier) beschrieben. Zu lesen ist außerdem ein Interview mit Schimon Peres.Im Buchteil wird eine zweibändige Kulturgeschichte des Körpers von Alain Corbin (mehr) und Georges Vigarello vorgestellt ("Histoire du corps", Band I: "De la Renaissance aux Lumieres", herausgegeben von Georges Vigarello; Band II: "De la Revolution a la Grande Guerre", herausgegeben von Alain Corbin, Seuil). Und in einem Interview erzählt Jazzlegende Archie Shepp von der Erfüllung eines Lebenstraums: Er hat im Alter von 66 Jahren jetzt sein eigenes Label, ArchieBall, gegründet.