Magazinrundschau - Archiv

Le Nouvel Observateur

246 Presseschau-Absätze - Seite 14 von 25

Magazinrundschau vom 08.02.2005 - Nouvel Observateur

Im Debattenteil entwickelt der indische Wirtschaftswissenschaftler, Harvard-Professor und Nobelpreisträger für Ökonomie Amartya Sen in einem Interview sein Demokratieverständnis und erklärt, weshalb die Demokratie keine rein westliche Erfindung sei. So lehnt er etwa die Vereinnahmung der Griechen durch den Westen ab, weil diese "versessener waren auf einen Dialog mit den Persern, Indern und Ägyptern als mit den Goten und Westgoten." Das griechische Erbe sei mithin eher ein östliches. "Der Gegensatz Orient-Okkzident ist darüber hinaus ebenso künstlich wie die Gegensätze, die mit der Rasse begründet werden, vor allem wenn es um Demokratie geht. 600 Jahre vor der englischen Magna Charta hatte sich Japan eine Verfassung gegeben, die dem Kaiser vorschrieb, vor jeder Entscheidung Beratungen einzuholen. Und Indien hat eine große Tradition der öffentlichen Debatte. In diesen Ländern ist alles Diskussionsthema. Trotz der Bedeutung, die die Religion hat, verfügt Indien über die älteste atheistische Tradition und den größten Anteil atheistischer Literatur. ... Die Demokratie an einer westlichen Tradition festzumachen, ist deshalb ein fundamentaler Irrtum."

Das Titelthema widmet sich - wie auch viele deutsche Medien - der Diskussion um die "Internetpiraterie". So nennen es die Musikkonzerne, die das private Herunterladen verhindern und Nutzer zunehmend einschüchtern und kriminalisieren wollen. In seinem Dossier denkt der Nouvel Obs über Lösungsmöglichkeiten wie neue Finanzierungsmodelle nach und veröffentlicht seinen Appell "Gebt die Musik frei!", den bereits eine ganze Reihe französischer Musiker, DJs, Produzenten und Komponisten unterschrieben haben.

Magazinrundschau vom 01.02.2005 - Nouvel Observateur

In der nächsten Ausgabe von Regis Debrays Zeitschrift Medium erscheint ein Text von Debray (mehr) über Michel Foucault. Eine gekürzte Fassung hat der Nouvel Obs jetzt vorabgedruckt. Debray, über die "einhelligen Huldigungen" anlässlich von Foucaults zwanzigstem Todestag "beunruhigt", versucht darin eine kritische Analyse. "Die neuralgischen Gebiete des 21. Jahrhunderts haben sich in den toten Winkeln dieses sehr gelehrten Antikonformismus niedergelassen: Glaube, Biologie, Hightech, Medien, Fernsehen, Identität, Religion, Ethnien, Kommunikation. Alles Stichwörter, die im Index (von Foucaults gesammelten Schriften) "Dits et Ecrits" fehlen. Die am häufigsten genannten Begriffe - Struktur, Sexualität, Wissenschaft, Existenz, Diskurs, Wahrheit - werden auch weiterhin unsere Diplome, Seminare und Abschlussarbeiten nähren und unter einer Glasglocke halten, weil sie domestizierte Kulte für uns geworden sind."

Jean Daniel hält Debrays Kritik die Besprechung eines "kurzen, lebendigen und verblüffenden" Buchs über Foucault entgegen. In "Michel Foucault aujourd?hui" (Plon) halte die Autorin Blandine Kriegel Foucault "glücklicherweise" exakt all das zu Gute, was Debray gegen ihn ins Feld führe. "Seien wir also weniger nachsichtig gegenüber den Anspielungen unseres Regis auf den gefälligen Antisowjetismus von Foucault, und unterstreichen statt dessen, dass er, im Gegensatz zu Althusser und Bourdieu, dazu beigetragen hat, die Forschung vom Marxismus zu lösen."

In einem Interview spricht der amerikanische Politikwissenschaftler Samuel Huntington (mehr) über die "Bedrohungen durch den Multikulturalismus", Demokratie und den Irakkrieg. Ausführlich erläutert er seine These, dass es den USA nicht gelungen sei, die spanischsprechenden Einwanderer aus Mexiko zu integrieren, diese wollten gar keine Amerikaner werden. Huntigton prophezeit, dass die USA schon "bald ein Land mit zwei Kulturen und zwei Sprachen" sein werden. Über die amerikanischen Demokratiesierungsbemühungen sagt er: "Demokratie exportiert man nicht. Sie muss auf dem Boden jeweiligen der Länder geboren worden sein, um sich zu entfalten ... Die Einführung der Demokratie im Irak wird eine langwierige Angelegenheit."

Magazinrundschau vom 25.01.2005 - Nouvel Observateur

Sehr persönlich schreibt Hanif Kureishi (homepage) in einem Beitrag über die Hintergründe der Entstehung seines neuen Buchs, seine Doppelidentität als Brite pakistanischer Herkunft und den Islam. Das Thema von "Contre son Coeur", das in Frankreich gerade bei Bourgeois erschienen ist, ist eine Art Spurensuche nach Kureishis Vater. Nach dessen Tod hatte er mehrere Romanmanuskripte gefunden und zunächst gezögert, darüber zu schreiben. "Ein Thema meines Buchs ist genau diese Schwierigkeit, die ich damit hatte, es zu schreiben: War es zu intim, ja inzestuös? ... Es handelt auch vom Verhalten von Kindern gegenüber ihren Eltern, die ihre Zeit damit verbringen, sich neu zu bewerten, vor allem vor ihrem Tod. Seit ich die Manuskripte meines Vaters in Händen hielt, konnte ich mit der Idee dieses verborgenen Vaters spielen. Die Frage, ob damit die Wahrheit oder eine Fiktion zu Tage tritt, ist nicht zu beantworten."

Im Debattenteil sind zwei Beiträge einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung zu lesen, die der Nouvel Obs im Vorfeld des bevorstehenden Sozialforums vergangenen Samstag zum Thema "Die Linke und die Globalisierung" organisierte. Der Wirtschaftswissenschaftler Daniel Cohen untersucht die Frage nach einer notwendigen Demokratisierung innerhalb des Globalisierungsprozesses. Er fordert, die Begrifflichkeiten umzudrehen: "Nicht die weltweite ökonomische Integration schafft das Bedürfnis nach einer weltweiten Demokratie, vielmehr ist, um es kurz zu machen, genau das Gegenteil der Fall. Der Weltbürger kommt vor der Weltökonomie." Und der emeritierte Politikwissenschaftler Pierre Hassner denkt über Menschenrechte und die Pflicht der Einmischung nach. Er meint, dass Einmischung "weder ausschließlich einem gutmeinenden Staat überlassen werden kann, der kein anderes Gesetz anerkennt, als jenes, das seiner Verfassung und dem Auftrag seiner Wähler entspringt, noch einem ungleichgewichtigen Sicherheitsrat, der den Vetos nichtdemokratischer Mächte unterliegt, und auch nicht einer UNO-gesteuerten Bürokratie, die vom guten Willen der Mitgliedsstaaten abhängig ist."

Zu lesen ist schließlich die hymnische Besprechung eines Romans über eines der berühmtesten Pariser Hotels, das Hotel Lutetia ("Lutetia", Gallimard). In einem weiteren Artikel führt sein Autor, Pierre Assouline, durch diesen "mythischen Ort", in dem unter anderen James Joyce, Thomas Mann, Peggy Guggenheim, Andre Gide, Saint-Exupery und Matisse logiert hatten. Geschickt spinnt er diesen historischen Schauplatz in seine fiktive Geschichte ein, die während der Requirierung des Hotels durch Canaris' deutsche Abwehr spielt.

Magazinrundschau vom 18.01.2005 - Nouvel Observateur

Am 27. Januar ist es sechzig Jahre her, dass Auschwitz von sowjetischen Truppen befreit wurde. Diesem Anlass widmet der Nouvel Observateur in dieser Woche sein Titeldossier, in dem unter anderem Interviews mit dem britischen Historiker Ian Kershaw und der Politikerin Simone Veil sowie Porträts und Erinnerungen von überlebende französischen Insassen (alle Links hier) zu lesen sind.

In einem Essay im Debattenteil denkt der israelische Schriftsteller Aharon Appelfeld, dem 1942 als Zehnjährigem die Flucht aus einem KZ gelang, über die generationsbedingt unterschiedlichen Formen der Erinnerung nach. Er stellt fest, dass den älteren Überlebenden eine fast "minuziöse" Beschreibung des Holocaust wichtig sei. Deshalb sei ihm häufig mangelnde Präzision vorgeworfen worden. Ihm gehe es aber darum, den Holocaust "auf ein menschliches Maß zurückzuführen. Das ist das entscheidende Problem, weit davon entfernt, einfach nur ein technisches zu sein. Mit 'zurückführen' meine ich nicht, das Entsetzen zu vereinfachen oder abzumildern. Sondern dafür zu sorgen, dass sich die Geschehnisse durch das Individuum ausdrücken, dass das Leiden aus den Statistiken heraustritt, aus der furchtbaren Anonymität, dass der Name des Individuums wiederhergestellt wird, der Qual die menschliche Gestalt zurückgegeben, die ihr genommen wurde. Die überlebenden Kinder sollten sich nicht wie die Erwachsenen an den Holocaust erinnern. Ihr Beitrag ist untrennbar mit ihren erlebten Erfahrungen verknüpft. Und diese Erfahrungen, so begrenzt sie sein mögen, sitzen tief. Nicht erstaunlich also, dass die Literatur über den Holocaust mit ihnen geboren werden sollte."

Magazinrundschau vom 28.12.2004 - Nouvel Observateur

Auch in Frankreich läuft jetzt Oliver Hirschbiegels Film "Der Untergang" an. Der Nouvel Obs widmet dem Ereignis mehrere Artikel. In seiner Besprechung des Films stellt Claude Weill fest, die Vorwürfe gegen den Film - Hitler werde darin vermenschlicht und zum Opfer gemacht, seine Schuld und die seiner Anhänger relativiert - folgten "immer noch lebendigen antideutschen Vorurteilen". In Bezug auf den Film sei "diese Kritik jedoch völlig unbegründet". "Keinerlei Nachsicht auf Seiten der Autoren. Von dieser Reise ins Herz der hitler'schen Finsternis, aus diesem morbiden Verlies, diesen einhundertfünfundfünzig unendlichen Minuten, bis die Bestie tot ist, kehrt man schreckensstarr zurück. Das also war Hitler? ... Abgesehen von ein paar verrückten Neonazis kann man sich niemanden vorstellen, der sich auch nur ansatzweise in diesen Hitler einfühlen könnte."

Bruno Ganz darf noch einmal sein Rollenverständnis darlegen, Günter Grass erklären, warum er den Film für "tendenziös und unauthentisch" hält und der Historiker Ian Kershaw in einem Kurzinterview begründen, weshalb der Film zwar atmosphärisch stimmig sei, aber nicht im geringsten zu einem "besseren Verständnis Hitlers oder der Shoah" beitrage. Zu lesen ist weiter ein Hinweis auf die im März erscheinenden Erinnerungen von Bernd Freytag von Loringhoven, der als junger Wehrmachtsoffizier die letzte Woche im Hitlerbunker verbrachte ("Dans le bunker de Hitler", Perrin).

Im Debattenteil analysiert die amerikanische Literaturwissenschaftlerin und Autorin Alison Lurie (mehr) in einem Essay den weltweiten Siegeszug von Elefantenkönig Babar.

Magazinrundschau vom 21.12.2004 - Nouvel Observateur

Im Debattenteil sind Auszüge aus einer Rede zu lesen, die der spanischstämmige Schriftsteller Juan Goytisolo (mehr) auf der Buchmesse in Guadalajara anlässlich der Verleihung des Juan-Rulfo-Preises hielt. Er spricht darin über den Wahnsinn in der Welt, sein bewegtes Leben und seine literarischen Vorlieben und bekennt sich zum Pessimismus, aber auch zur "Klarsichtigkeit", die ein "Vorteil des Pessimismus" sei. "Kann man den posthumen Roman Tolstois ergründen und dabei mit verschränkten Armen zusehen, was alles im Kaukasus geschieht? Das 'Herz der Finsternis' lesen und ohne ein Stirnrunzeln an der Wiederholung der Massaker, in deren Kontext das Buch steht, beteiligt sein? Edward Said lesen und die Zeitungsseite mit der täglichen Chronik der Demütigung und des Leidens der Palästinenser überblättern? Wir können heutzutage keine Unwissenheit mehr vorschützen."

Als "Höllenfahrt" beschreibt eine Reportage das Schicksal des prestigereichen Verlags Editions du Seuil, der Anfang dieses Jahres von den Großkonzernen Herve und La Martiniere geschluckt wurde. Entlassungen, die Abwanderung vieler Autoren in andere Konzernteile und die Wut der Buchhändler hätten 2004 zu einem "annus horribilis" gemacht.

Außerdem zu lesen ist ein Interview mit Arnaud Desplechin über seinen neuen Film "Roi et Reine", der auf den Filmfestspielen in Venedig lief und nun ins Kino kommt; und in einem Gespräch philosophieren die Schauspielerinnen Isabelle Huppert und Catherine Frot, Hauptdarstellerinnen in Alexandra Lecleres Film "Soeurs fachees", über die besondere Beziehung zwischen Schwestern.

Magazinrundschau vom 13.12.2004 - Nouvel Observateur

Die beiden Europaabgeordneten Daniel Cohn-Bendit und Jean-Louis Bourlanges diskutieren im Debattenteil über ihre unterschiedlichen Standpunkte in der Frage des Beitritts der Türkei zur Europäischen Union. Cohn-Bendit hält "ein Europa mit und ein anderes ohne die Türkei" für möglich. "Ich bin für eine Aufnahme von Verhandlungen, auch ohne zu wissen, wie sie ausgehen. (...) Am Ende der Probephase wird es nicht die völlige Übereinstimmung in der Gesetzgebung sein, die es uns ermöglicht, eine Wertegemeinschaft festzustellen, sondern die globale Entwicklung des Lebensstandards, die Einstellung zu Religion, Laizismus und der Stellung der Frau." Bourlanges hält diesen "Empirismus" für "unzulässig" und entwickelt seinen Standpunkt entlang einer europäischen "Grenzziehung". Wenn man den Gedanken akzeptiere, dass die Europäische Union "politischer Ausdruck" eines abendländisch-christlich geprägten "kulturellen Erbes" sein solle, müsse man den Beitritt der Türkei ablehnen. Wenn man ihn umgekehrt befürworte, hieße das, "wie M. Erdogan folgerichtig nahe legt, aus der Union einen simplen 'Jahrmarkt der Kulturen' zu machen, der Hoffnungen auf eine unbegrenzte Ausweitung in Richtung Kaukasus, Mittlerer Osten und Maghreb weckt."

Mit dem Thema beschäftigt sich unter der Schlagzeile "Muss man sich vor der Türkei fürchten?" auch das Titeldossier dieser Woche.

Magazinrundschau vom 30.11.2004 - Nouvel Observateur

In einem Gespräch unterhalten sich die Literaturnobelpreisträger Toni Morrison (mehr) und Wole Soyinka (mehr) über Literatur, die beunruhigende Wiederwahl von Bush und das Problem des Fundamentalismus. Letzteres sei unleugbar, meint Soyinka, "ob es sich dabei um religiösen oder politischen Fundamentalismus handelt. Ich wollte, man würde die Fundamentalisten jeglicher Couleur mit einer Rakete auf einen unbewohnten, möglichst weit entfernten Planeten schießen, wo sie dann ihre monolithische Gesellschaftsvision verwirklichen können. Alle gemeinsam. Man wäre über die geringe Anzahl der Freiwilligen überrascht. Denn es handelt sich um nichts weiter als eine Randgruppe von Fanatikern." Toni Morrison wundert sich dagegen über die ausgesprochen "phantasielose und wörtlich verstandene Weltsicht" von Fundamentalisten, insbesondere über die christliche "Besessenheit von der Apokalypse". "Ich habe eine Bush-Wählerin, eine wiedergeborene Christin, sprechen hören, die sich nicht nur darüber freute, dass Gott nun im Weißen Haus wohnt, sondern darauf hofft, dass sich die Apokalypse noch zu Lebzeiten ihrer Kinder ereignet. Ihre Vorstellung davon sieht einer Atombombenexplosion zum Verwechseln ähnlich: der Himmel reißt auf und so weiter. Alle Fundamentalisten sind von einem Todestrieb beherrscht, den sie heilig halten, um ihre Angst zu vergessen."

Magazinrundschau vom 23.11.2004 - Nouvel Observateur

In seinem neuen Essay "La Mort dans l'oeil" (Maren Sell Editeurs) geißelt Stephane Zagdanski das Kino als "habgierige Industrie", die auf einer "hypnotischen und manipulativen" Ideologie basiere. Sein Rundumschlag reicht von den Brüdern Lumiere bis zu "Matrix", außerdem beschimpft er "große Theoretiker" des Kinos wie Elie Faure oder Gilles Deleuze. Besonders scharf greift er Jean-Luc Godard an: Dieser sei gewissermaßen die "Inkarnation der cinephilistischen Anmaßung". Der Obs lud Godard und Zagdanski zu einem Streitgespräch, das zwei Stunden dauerte und an dessen Ende die beiden als "die besten Feinde der Welt" schieden. In dem Gespräch gibt es auch eine sehr seltsame Passage über den Holocaust: "J.-L. Godard: - Zu den Todeslagern hat selbst so jemand wie Hannah Arendt gesagt: 'Sie haben sich wie Schafe zur Schlachtbank führen lassen.' Ich denke eher im Gegenteil: Sie haben Israel gerettet. Im Grunde gab es sechs Millionen Selbstmordattentäter. - S. Zagdanski: - So würde ich das nicht sagen. - J.-L. Godard: - Die sechs Millionen haben sich gerettet, indem sie sich geopfert haben. Die Filme, die man darüber machen müsste sind nie gemacht worden. - S. Zagdanski: - Ich bin überhaupt nicht einverstanden."
(Bei France Culture können Sie das ganze auch hören)

Vorgestellt wird außerdem ein über 1.300 Seiten starker Band mit Briefen von Marcel Proust (Plon).

Magazinrundschau vom 08.11.2004 - Nouvel Observateur

Zu lesen ist ein Interview mit dem inzwischen 97-jährigen amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler John Kenneth Galbraith (mehr), der in Frankreich gerade sein jüngstes Buch über "neue Lügen des Kapitalismus" vorlegt ("Les Mensonges de l'economie", Grasset, noch nicht auf Deutsch erschienen). Galbraith, der angibt, es "tunlichst zu vermeiden, sich selbst zu definieren", überrascht darin mit einer Aussage zur Bedeutung des Mauerfalls: "Ich messe dem Fall der Berliner Mauer keine große historische Bedeutung bei. Es waren viel tiefergehende Kräfte, die Ost und West geeint haben, die Russland und China wie die westlichen Länder in die Ära der Unternehmensökonomie kippen ließen."

Weiteres: Ausführlich besprochen werden zwei Bücher zum Thema "Autofiktion", ein Mittelding zwischen Autobiografie und Fiktion, das in Frankreich seit Herve Guibert und anderen zum Begriff wurde ("Est-il je? Roman autobiographique et autofiction" von Philippe Gasparini, Seuil; "Autofiction & autres mythomanies litteraires" von Vincent Colonna, Tristram). Anlässlich des Erscheinens seines neuen Romans ("Fanny", Plon) gibt der amerikanische Schriftsteller Edmund White (mehr) Auskunft über seine Lieblingsschriftsteller und beklagt, dass heutzutage "keine Unterscheidung mehr zwischen der Literatur und dem Leben" gemacht würde. Und mehr Buchbesprechungen: Geradezu hymnisch ("Köstlich, komisch, frech, meist genau: insgesamt der beste Sollers!") wird der "Dictionnaire amoureux de Venise" von Philippe Sollers besprochen (mehr, Plon). Empfohlen wird außerdem die Wiederlektüre des kommunistischen Literaturkritikers Marc Bernard, der in den dreißiger Jahren gegen "bürgerliche, katholische und verräterische Schriftsteller" zu Felde zog ("A l'attaque!", Le Dilettante), sowie ein "leidenschaftlicher" Essay von Nicole Lapierre, der sich mit "Denkern des Andersseins", darunter Walter Benjamin, Georg Simmel, aber auch Günter Wallraff beschäftigt ("Pensons ailleurs", Stock).