Gestern Abend kam die Meldung, "US-Präsident Joe Biden würde der Ukraine den
Einsatz weitreichender Raketen gegen bestimmte Ziele in Russland erlauben", etwa
hier in
Spiegel online. "Entsprechende Beschränkungen seien aufgehoben worden, hieß es demnach, die Entscheidung sei eine Reaktion auf den Einsatz Tausender
nordkoreanischer Soldaten auf russischer Seite."
Zuvor waren die Nachrichten vor allem durch
Olaf Scholz' Anruf bei Wladimir Putin dominiert, der nicht überall gut ankam.
Auch Wladimir Putin hat sich durch Scholz' Anruf nicht einschüchtern lassen,
berichtet Dominic Johnson in der
taz: "Mit den
größten Luftangriffen auf die Ukraine seit langer Zeit hat Russland in der Nacht zum Sonntag seinen Kriegskurs bekräftigt. Pünktlich zum Wintereinbruch kam
die Energie-Infrastruktur des ganzen Landes unter Beschuss."
Im Interview mit dem
Tagesspiegel kritisiert der amerikanische
Militärexperte Greg Melcher scharf Joe Biden und Europa, deren zögerliche Unterstützung der Ukraine er verantwortlich macht für die hohe Zahl
ukrainischer Kriegsopfer. "Der Westen verbietet der Ukraine in gleichem Maße gegen Russland vorzugehen, wie sie selbst angegriffen wird. Aus Angst vor einer möglichen Eskalation. Dabei müsste der Westen ein gewisses Risiko eingehen: Denn wir werden bedroht und müssen uns verteidigen. Aber wir wollen das nicht tun. Die Biden-Administration wollte diesen Krieg nie gewinnen. Sie wollte ihn
nur nicht verlieren. Hätte der Westen der ukrainischen Regierung einfach gegeben, worum sie gebeten hatte, und hätte sie machen lassen, wäre der Krieg
längst vorbei." In der
Welt sekundiert Ibrahim Naber: "Wir müssen aufhören, der Ukraine einen
Kampf mit ungleichen Waffen aufzuzwingen. Wir müssen aufhören, uns von Putins Drohungen einschüchtern zu lassen."
Auf
Zeit online blickt Oleksij Makejew, Botschafter der Ukraine in Deutschland, mit einiger Bitterkeit auf die
Antikriegsdemo der russischen Opposition, die gestern in Berlin stattfand: "Der ganze verbrecherische Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, der tägliche Terror gegen Zivilisten, das alles wird von Kara-Mursa, Nawalnaja und Jaschin in den bequemen Begriff '
Putins Krieg' gepackt. Das ist nicht unser Krieg, sagen sie, und auf die Frage nach der kollektiven Verantwortung greift Kara-Mursa wütend den Westen an, der Putin so lange toleriert habe. So schließt sich der Kreis. 'Der
Westen ist schuld an Russlands Krieg.' Sagt Putin. Sagt Kara-Mursa. Ich wünschte, ich könnte auch sagen, dass das
nicht mein Krieg ist. Doch ich kann das nicht ... auch der Mann aus Lwiw, der seine Frau und drei Töchter durch den russischen Terrorangriff verloren hat, wird nicht sagen können, dass das nicht sein Krieg ist. Ebenso wenig die Eltern der 589 ermordeten ukrainischen Kinder. Sie wurden von Russen ermordet, für die Kara-Mursa, Nawalnaja und Jaschin
keine Verantwortung übernehmen wollen, die sie aber im Westen vertreten wollen."
In Brasilien tagt der G20-Gipfel. Anna Lehmann
skizziert für die
taz die
Lage der Ukraine in der internationalen Diplomatie, allerdings noch in Unkenntnis der neuesten Meldung: "Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski ist
erst gar nicht eingeladen nach Rio, beim letzten Gipfel in Delhi war er immerhin noch zugeschaltet. Aber Brasiliens Präsident
Lula da Silva hatte ausdrücklich eine Einladung an Wladimir Putin ausgesprochen - der aber doch nicht selbst kommt, sondern seinen Außenminister schickt. Auch das Thema Ukraine steht nicht explizit als Punkt auf der Tagesordnung. Aus dem Kanzleramt heißt es, dass es trotzdem angesprochen werden müsse. In den Gesprächen, die Olaf Scholz am Rande des Gipfels führe, werde der russische Angriffskrieg eine wichtige Rolle spielen."
Der Osteuropahistoriker
Martin Schulze Wessel, ein entschiedener Verteidiger der Ukraine, kommt in einem ganzseitigen Essay in der
FAZ nochmal auf die Zeiten der
Friedensbewegung zurück und sucht nach Parallelen zu heutigen Debatten. So exotisch das Treiben der Friedensbewegung heute scheint, deren
religiöse Aufladung heute fremd wirkt - die Kontinuitäten überwiegen für Wessel: "Dass sich Berlin auch nach 2014 noch rohstoffpolitisch
von Moskau abhängig machte und Warnungen aus Warschau und Kiew in den Wind schlug, lag auf der Linie der Politik der Achtzigerjahre. Es war ein
geopolitisches Versagen, das zum gegenwärtigen Krieg beigetragen hat. Von Bundeskanzler Olaf Scholz wurde die russische Invasion nur am Anfang, als er das Wort von der '
Zeitenwende' prägte, als fundamentale Gefährdung der europäischen Sicherheit begriffen. Danach behandelte die Regierung sie eher wie einen Regionalkonflikt."
Im
Spiegel denkt der
Politologe Herfried Münkler über die weltweite Neuauflage des
imperialen Strebens nach, das sich durch die Trump-Wahl noch verstärkt hat, und über die Folgen für
Europa: Grundsätzlich gebe es zwei Optionen: "Die Erste ist, enger zusammenzurücken, die Europäische Union zu stärken und dabei sehr viel größere militärische Fähigkeiten aufzubauen. In deren Mittelpunkt muss dann eine eigene europäische
nukleare Abschreckungskomponente stehen. Das wird viel Geld kosten und nur durch eine weitreichende Umschichtung der Budgets - und das heißt: Veränderungen im Wohlfahrtsstaat - möglich sein." Das muss man seinen Wählern allerdings verkaufen können. "Die Alternative ist, dass man sich Russland und dessen politischen Erwartungen
annähert. Dann erübrigt sich der Aufbau von Fähigkeiten zur Abschreckung des Kreml. Ein solcher geopolitischer Schwenk, auf den die populistisch geführten Länder in Europa schon jetzt hinarbeiten, wird umso leichter fallen, je geringer das
transatlantische Handelsvolumen ist - und das wird sinken, wenn Trumps protektionistische Wirtschaftspolitik sich auch gegen die Europäer richtet", ein Szenario, das Münkler den Deutschen durchaus zuzutrauen scheint.
Die ungebrochene Unterstützung des Kriegs durch einen großen Teil der russischen Bevölkerung liegt nicht zuletzt am Einfluss der
russisch-orthodoxen Kirche, die Putins Krieg für "heilig" erklärt hat und als "unvermeidbares Faktum" darstellt, meint in der
NZZ der
Politikwissenschaftler Jörg Himmelreich: "Miserable Lebensverhältnisse, wie Revolution, Krieg, Unterdrückung, Okkupation, werden im traditionalistischen Denken der orthodoxen Theologie als
göttliches Strafgericht gedeutet: Gott lässt diese Dinge geschehen, um die Menschen für begangene Übel zu strafen und um sie auf den besseren Weg zu führen. Ein solches Erlösungsverständnis führt zu religiösem und von da zu politischem Fatalismus. Es animiert zur leidenschaftslosen Hinnahme des äußeren Geschickes, das ohnehin nicht zu ändern ist. Diese
Schicksalsverfallenheit hemmt jeden russisch-orthodoxen Christen in seiner sozialen und politischen Aktivität - und ist unweigerlich auch eine verborgene Ursache für die fatalistische Unterstützung Putins und seines verbrecherischen Krieges."