9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.02.2015 - Geschichte

"Hans Robert Jauss, der weltberühmte Romanist: ein Kriegsverbrecher", staunt Joachim Güntner in der NZZ angesichts des an der Universität Konstanz aufgeführten Stücks "Die Unerwünschten" von Gerd Zahner (wir berichteten). Für das Jauss von Zahner angelastete Kriegsverbrechen waren allerdings französische, nicht deutsche Offiziere verantwortlich, erklärt Güntner und verweist auf das für Anfang Mai angekündigte Gutachten des mit Nachforschungen zu Jauss beauftragten Historikers Jens Westemeier: "Seine Biografie der Jaussschen Jahre von 1921 bis 1948 dürfte umfangreiches neues Material präsentieren. Details verrät der Historiker zurzeit nicht. Nach wie vor fehlen der Öffentlichkeit Belege, die Hans Robert Jauss eine Beteiligung an Kriegsverbrechen nachweisen. Man sollte also dem Moralismus, so wenig appetitlich der große Romanist uns auch erscheint, nicht vorschnell die Zügel schießen lassen."

Der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler erinnert in der SZ an die Berliner Konferenz vor 130 Jahren, in der die Aufteilung Afrikas unter den Kolonialmächten beschlossen wurde, und an genozidale, auch von Deutschen begangene Verbrechen in Afrika, die folgten: "In der Breite der Gesellschaft ist dieses Ereignis fast vergessen, und damit auch, dass es Berlin war, wo die geregelte Aufteilung Afrikas durch Europa ihren Anfang nahm."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.02.2015 - Geschichte

Götz Aly meldet in seiner Kolumne in der Berliner Zeitung Bedenken an der Rechnung an, derzufolge Deutschland eine Kriegsanleihe von 476 Millionen Reichsmark gegenüber Griechenland offen habe: "Ich kritisiere die verfälschende Interpretation eines einzelnen Dokuments. Es liegt mir fern, die deutsche Besatzung Griechenlands zu verharmlosen."

Klaus Kreier erklärt in der SZ die Hintergründe des türkischen Panzervorstoßes zum Mausoleum von Süleyman Schah auf syrischem Gebiet.
Stichwörter: Griechenland, Aly, Götz

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.02.2015 - Geschichte

Alan Posener wendet sich in der Welt gegen ein Verbot der Holocaustleugnung. Mit Art Spiegelman meint er: "Wer den Holocaust leugnet, ist ein bastard Nazi shit, ob er nun David Irving oder Mahmud Ahmadinedschad heißt. Wer noch Ehre im Leib hat, wird solchen Leuten weder die Hand noch ihren Ansichten eine Plattform geben. Er wird ihnen aber auch nicht den Gefallen tun, ihre Ansichten verbieten zu lassen - so, als wären sie so gefährlich, dass man ihnen anders nicht beikäme."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.02.2015 - Geschichte

Im Guardian übt der Historiker Garrett Felber scharfe Kritik an den amerikanischen Behörden, die auch 50 Jahre nach der Ermordung von Malcolm X trotz des Freedom of Information Acts die Ermittlungsakten nicht freigeben und eine erneute Untersuchung des noch immer nicht ganz geklärten Falls unmöglich machen: "In denying the requests, the department"s legal bureau cited a number of Public Officers Laws, claiming that the files would endanger the safety of officers and constitute unwarranted invasions of privacy."
Stichwörter: Malcolm X

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.02.2015 - Geschichte

Vor kurzem wurden noch unter einem Gebäude der FU Knochen gefunden und verbrannt, die möglicherweise von Gefangenen aus Auschwitz stammten (Götz Aly hat hierzu Stellung genommen, unsere Resümees). Für Vice erzählt Theresa Locker in einer großen Reportage die Geschichte des Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (KWI-A) in Dahlem, das ins Max-Planck-Institut aufgegangen ist und schon vor der Nazizeit mit Vorliebe Schädel von "Hottentotten" vermaß: "Nach der Machtergreifung durch Adolf Hitler nach 1933 schaltete sich das Institut widerstandslos gleich. Der bekannte Jesuitenpater Muckermann wurde als Leiter des Instituts entfernt; an seine Stelle trat Eugen Fischer - ein überzeugter Rassenhygieniker und flammender Kolonialist, der nach dem "Verlust" der Kolonien dort Rassenforschungen fortführen sollte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.02.2015 - Geschichte

Magnus Brechtken vom Institut für Zeitgeschichte hat gestern in Berlin Näheres zu der geplanten kritischen Ausgabe von Hitlers "Mein Kampf" bekanntgegeben. Der Hintergund ist, dass am 1. Januar 2016 die Urheberrechte frei werden, berichtet Sven Felix Kellerhoff in der Welt. Die Gemengelage ist nicht ganz unkompliziert: "Der Freistaat Bayern, bis zum 31. Dezember 2015 Inhaber der Urheberrechte, hatte dem Institut 2012 den Auftrag erteilt, Hitlers Buch wissenschaftlich kritisch zu edieren. Anderthalb Jahre später aber entzog man den Historikern die Unterstützung wieder, auf Weisung von Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU). Inzwischen lärmt der Münchner Justizminister Winfried Bausback sogar, man wolle jede Edition auf den Verdacht der Volksverhetzung hin überprüfen. Dagegen betont Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle, das Institut dürfe selbstverständlich die Wissenschaftsfreiheit wahrnehmen. Immerhin ein Grundrecht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.02.2015 - Geschichte

In der taz schreibt Stefan Reinecke einen Nachruf auf den Stasi-Spion Karl-Heinz Kurras, der 1967 Benno Ohnesorg erschoss: "Es ist keine kühne Vermutung, dass seine lebenslange Sucht nach Waffen, die sogar Stasioffizieren bizarr erschien, in der Erfahrung des Krieges wurzelt. Die Waffen waren Fetisch, Medium der Selbsterhöhung, Stützen für ein unsicheres Ich. Seinem zehnjährigen Sohn soll er zum Geburtstag eine Waffe geschenkt haben."

In der NZZ berichtet Hoo Nam Seelmann, mit welchen Begriffen in Asien an das Ende des Zweiten Weltkriegs erinnert wird.
Stichwörter: Kurras, Karl-Heinz, Stasi, 1967, Spio

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.02.2015 - Geschichte

Zwanzig Jahre nach dem Attentat auf eine Roma-Siedlung im Burgenland widmet das Wien Museum der Geschichte von Sinti und Roma eine Ausstellung "Romane Thana", berichtet Ralf Leonard in der taz: "Seit ihrem Auftauchen in Europa werden die Wandervölker aus Asien, die sich anfangs als Ägypter ausgaben, als unerwünschte Fremde betrachtet. Sie haben zwar nie Gebietsansprüche gestellt oder einen Krieg vom Zaun gebrochen, konnten aber ihre Herkunft nicht überzeugend nachweisen. "Wer als Volk in Europa an der Schwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit Anerkennung finden will, muss in der Lage sein, über seine Abstammung Auskunft zu geben: am besten in Gestalt eines Epos, wie der Aeneis", wagt der deutsche Literaturwissenschaftler und Suhrkamp-Autor Klaus-Michael Bogdal im Katalog eine Deutung."

Nach einem Ausbruch des Volcan de Fuego vor zehn Tagen auf Guatemala, erinnert Roman Hollenstein in der NZZ an die "in ihrer fragilen Schönheit einzigartige", jedoch ewig von Vulkanen und Erdbeben bedrohte Kolonialstadt Antigua.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.02.2015 - Geschichte

Nach einer Reise durch Armenien und die Türkei stellt Christian H. Meier in der NZZ fest, dass hundert Jahre nach dem Völkermord an den Armeniern die Annäherung der beiden Länder allenfalls zaghaft zu nennen ist: "So stechend der Schmerz des Völkermords für die Armenier bis heute ist: Mitunter scheint es, als hätten die offenen Wunden der Vergangenheit ein Schwarzweiß-Denken befördert, das die Nation teilweise lähmt. Aber auch in der Türkei gibt es bis heute fest etablierte Feindbilder. Und ihre Politik des Leugnens sowie die nach wie vor bestehende Diskriminierung der etwa 70 000 im Land verbliebenen Armenier tragen nur dazu bei, das armenische Weltbild zu zementieren."

Heinrich Wefing untersucht in der Zeit, wie berechtigt die griechischen Forderungen nach Reparationszahlungen sind. Aus der Luft gegriffen sind sie nicht, stellt er fest, aber auch nicht richtig: "In Wahrheit nämlich lassen sich solche Fragen nicht juristisch lösen, sondern nur politisch. Sie jetzt zu forcieren, wie es die neue griechische Regierung tut, mag im eigenen Land die Emotionen aufpeitschen, dem Verhältnis zu Deutschland schadet es nur. Das Problem hartnäckig zu ignorieren, wie Berlin es tut, ist genauso schädlich. Historische Schuld lässt sich nicht mit Schulden verrechnen, in keine Richtung. Doch auch moralische Defizite haben einen Preis."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.02.2015 - Geschichte

Die Welt druckt einen Auszug aus dem neuen Essayband von Götz Aly, "Volk ohne Mitte" (ein weiterer Auszug aus dem Buch, der sich mit dem Ökonomen Wilhelm Röpke beschäftigt, einem der wenigen nicht jüdischen und nicht kommunistischen Intellektuellen, die in die Immigration gingen, findet sich im Perlentaucher).
Stichwörter: Aly, Götz, Immigration