Dass in
Indien die Corona-Pandemie ein solches Ausmaß erreicht hat, liegt nicht nur an der Inkompetenz der Regierung Modi, es hat auch mit einer Gesellschaft zu tun, die sich
nicht gern isoliert,
erzählt Indien-Korrespondent Martin Kämpchen in der
NZZ: "Im Pandemie-freien Alltag ist dieser
Drang zur Gruppenbildung in allen indischen Gesellschaftsschichten zu beobachten. Steigt jemand in einen Zug, sucht er sich instinktiv ein Abteil, in dem
schon andere sitzen. Im mittleren Europa wäre man glücklich mit einem leeren Abteil, in dem man ungestört sitzt. Die Hemmschwelle, mit Unbekannten ins Gespräch zu kommen, ist niedrig. Kaum hat man Platz genommen, gibt ein Wort das andere. In Kreisen etwa von Handwerkerfamilien wird ein Gast
sogar nachts niemals allein gelassen. Ein Mann schläft neben einem männlichen Gast, eine Frau neben einem weiblichen, denn das gehört zur Wertschätzung eines Gastes."
Man kann das
Down-
Syndrom (oder Trisomie 21) in der Schwangerschaft auch mit einem einfachen, nicht invasivem Test erkennen, den demnächst die Krankenkasse bezahlt. Das wird dazu führen, schreibt Alex Rühle in der
SZ, dass kaum noch Menschen mit Down-Syndrom geboren werden - wie angeborene
Behinderungen generell immer seltener werden, weil die Embryonen häufig abgetrieben werden. Rühle und die Menschen, die er befragt, kritisieren das als eine
Selektion behinderter Menschen: "Niemand benennt, warum Menschen mit Trisomie nicht geboren werden sollen. Was genau ist es, was wir da nicht wollen? Sie
machen halt seltener Abitur, so what. Die meisten Menschen mit Trisomie lernen lesen, rechnen, schreiben. Sie können auf dem ersten Arbeitsmarkt arbeiten. Allein bei uns im Ensemble sind vier Menschen mit Trisomie 21", sagt Harald Wolff Dramaturg an den Münchner Kammerspielen. Rühle hat mit niemandem gesprochen, der sich von einer solchen Entscheidung überfordert sähe. Es wird auch nirgends erwähnt, dass die Entscheidung am Ende
bei der schwangeren Frau liegen sollte.
Wenn Deutschland nicht alle zwei Jahre lang davon überrascht werden will, dass es auch unter
muslimischen Jugendlichen Antisemitismus gibt, braucht es starke pädagogische Maßnahmen,
schreibt Ahmad Mansour in der
Jüdischen Allgemeinen: "Dazu gehört als Erstes eine Reform der
Aus- und Weiterbildung im Bereich Schule. Lehrer, Sozialarbeiter und Pädagogen müssen pädagogische Werkzeuge an die Hand bekommen, um jegliche Art von Antisemitismus zu erkennen und im Unterricht zu thematisieren. Dazu gehört ausdrücklich die
Behandlung des Nahostkonflikts, die Vermittlung von Fakten und historischen Informationen. Unsere Gesellschaft ist vielfältig geworden, und deshalb sollten unsere pädagogischen Konzepte und Lehrpläne in der Lage sein, nicht nur Thomas und Susanne zu erreichen, sondern auch Ali und Zeynep."
Wer sich mit einem Davidstern um den Hals bei einer
propalästinensischen Demo blicken lässt, muss ein ganz schöner Dummkopf sein,
schreibt Tagesspiegel-Autor Malte Lehming in einem Kommentar, der auf Twitter erregt diskutiert wird. "Wichtig hier: Das Opfer bleibt immer Opfer, ist niemals auch nur mitschuld an den Taten der Täter. Aber vielleicht wäre es keine gute Idee, im
Antifa-T-Shirt auf eine Reichsbürger-Veranstaltung zu gehen. Oder einen AfD-Stand direkt vor dem besetzten Haus in der Rigaer Straße aufzubauen. Oder am 'Tag der Republik', dem türkischen Nationalfeiertag 'Cumhuriyet Bayrami', sich mit einem großen Konterfei des islamischen Predigers Fethullah Gülen unter Erdogan-Anhänger zu mischen."
Außerdem: In der
NZZ schreibt Martin R. Dean eine kleine Hymne auf
seine Mutter und die Frauen ihres Alters, die in den fünfziger und sechziger Jahren den
feministischen Aufbruch wagten.