9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.06.2021 - Gesellschaft

Fast hätte man die Aktion #allesdichtmachen schon wieder vergessen. Der Tagesspiegel versuchte hinter den Initiatoren der Aktion, darunter der Regisseur Dietrich Brüggemann, ein "antidemokratisches Netzwerk" nachzuweisen, was sich im nachhinein als nicht zutreffend erwies. (Unsere Resümees) Nach einigem Hin und Her darf Brüggemann nun im Tagesspiegel Stellung beziehen und macht sich ordentlich Luft: Über die Artikel, die er ein "Schlachtfest der Gehässigkeit" nennt, über die Autoren der Artikel, die ihm keine Gelegenheit zur Stellungnahme gaben, den Shitstorm, Cancel Culture und die Medien: "Was herrscht da für ein geistiges Klima, dass solche Texte entstehen können und dann auch noch veröffentlicht werden? Was läuft da insgesamt schief? Ja, man gibt allen Stimmen irgendwie Raum, aber das lauteste Instrument im Orchester ist nun mal die Paniktrompete, außerdem wird Corona selbst in aller Ausführlichkeit, dramatischen Farben und einfühlsamen Reportagen emotionalisiert, während die Lockdown-Schäden dagegen eher so in nüchternen Zahlen abgehandelt werden, und die schärfste Waffe der Presse, nämlich der schneidende Leitartikel, der grundlegend mit der Politik ins Gericht geht, wo bleibt der eigentlich? Tun wir uns wirklich einen Gefallen, stattdessen jeden Maßnahmenkritiker, sobald er eine gewisse Lautstärke überschreitet, als 'Querdenker' ins intellektuelle Sperrgebiet zu verbannen? (...) Soll ein geschätztes Drittel der Deutschen fortan AfD wählen, weil ihre begründeten Fragen zur Corona-Politik nur noch dort gehört werden? Sind das dann 25 Millionen Nazis?"

In der NZZ ärgert sich Sarah Pines über die "Biederkeit" des neuen Feminismus, der Bild-Girls und Boxenluder verbannte, Frauen am liebsten verhüllt sehen möchte und deren Körper "enteignet": "Vertreten wird er durch Feministinnen wie Andrea Dworkin - die postulierte, der einzig nicht-gewalttätige heterosexuelle Sex sei der mit erschlafftem männlichen Glied - durch Rebecca Solnit oder Catharine MacKinnon. MacKinnon ist nicht nur das Patriarchat ein Dorn im Auge, das sich in alten Männern verkörpert, sondern auch das vermeintlich liebste Lifestyle-Accessoire der patriarchalen alten Männer: das Pin-up, die entblößte, posierende Frau. Sie kann in den Augen der 'Anti-Pornografie'-Feministinnen nur als Sexsklavin verstanden werden, die sich unter Männerblicken windet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.06.2021 - Gesellschaft

Der Freitag macht ein Dossier über "Nestbeschmutzer". Der kritische Muslim Eren Güvercin erzählt, wie es einem in der Community ergeht, wenn man Kritik äußert. "Als Muslim soll man nicht auf antisemitische, kurden- und armenier- und ezidenfeindliche Einstellungen und Aussagen in der Community hinweisen. Man soll die aggressive nationalistisch-identitäre Ideologie unter den Türkeistämmigen in Deutschland beschweigen. Man soll die Auswirkungen der Entwicklungen in der Türkei, die über die Diasporaarbeit und die staatlich gelenkten türkischen Medien und Institutionen in die Community in Deutschland hineinwirken, gefälligst nicht sichtbar machen."
Stichwörter: Kurden

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.06.2021 - Gesellschaft

Antisemitismus ist längst Pop, und damit längst Mainstream, konstatiert die Schriftstellerin Mirna Funk in der Zeit, und nach der jüngsten Gewalt in Israel verstärkte er sich noch: "Wenn das amerikanische Model Bella Hadid an ihre 43 Millionen Follower auf Instagram per Infografik raushaut, dass Israelis nichts weiter seien als white supremacist colonizers, die ethnic cleansing betreiben, 'ethnische Säuberungen', um die indigene nichtweiße Bevölkerung auszulöschen, dann beweist das neben dem aktuellen Trend, Israel blöd zu finden, vor allem eines: Der Antisemitismus passt sich immer geschmeidig dem Zeitgeist an."

In der FAZ stellt die Migrationswissenschaftlerin Julia Bernstein eine "gemeinsame Erklärung zum Umgang mit Antisemitismus in der Schule" vor, die sie mit erarbeitet hat und die  am Freitag von der KMK veröffentlicht wird. Zu den Ergebnissen ihrer Untersuchung gehört, "dass der Antisemitismus in der Schülerschaft von Lehrern häufig nicht erkannt oder bagatellisiert wird, jüdische Schüler mitunter als 'eigentliches Problem' wahrgenommen werden und antisemitische Einstellungen auch unter manchen Lehrern ausgeprägt sind." Und "der israelbezogene Antisemitismus wird als zeitgemäß dominierende Erscheinungsform von vielen Lehrern nicht dem Problembereich zugerechnet, sondern als 'legitime Kritik' am jüdischen Staat verstanden."

In der SZ ist Sara Maria Behbehani vor allem genervt von der lauten Debatte um den Genderstern, von dem sie allerdings auch nicht viel hält: "Sprache, die alle Menschen mit einbeziehen will, sollte die Unterschiede zwischen Menschen als irrelevant betrachten - statt sie immer wieder neu zu manifestieren. Es sollte egal sein, ob jemand Mann, Frau oder divers ist. Spricht man von Ärzt*innen, gilt vereinfacht gesagt für die Männer der Wortstamm, für diverse Menschen der Stern und für Frauen die Endung. Anstatt bei einem Wort nur den Inhalt wahrzunehmen (Menschen, die heilen), was bei Ärzten eher möglich ist, verweist der Stern auf einen weiteren Bedeutungsraum, den des Geschlechts. (...) Besser wäre es, konsequent beim generischen Maskulinum zu bleiben und es gesellschaftlich zur Selbstverständlichkeit zu machen, dass alle damit gemeint sind."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.06.2021 - Gesellschaft

Es gibt noch Majestätsbeleidigung! Julie Burchill, einst eine gefeierte Popjournalistin, heute eher den Konservativen zugewandt, auch wenn man sie eher als Anarchistin bezeichnen sollte, erlebt auf Twitter einen Sturm der Entrüstung. Aber Brendan O'Neill nimmt sie bei Spiked-Online in Schutz: "Dies ist der Kommentar, für den Burchill an den metaphorischen Pranger gestellt und mit faulen Tweets überschüttet wurde: 'Was für eine verpasste Gelegenheit! Sie hätten es Georgina Floydina nennen können!' Sie bezog sich damit auf Harrys und Meghans neugeborene Tochter Lilibet Diana. Warum haben der Herzog und die Herzogin von Woke ihren Sprössling nicht nach George Floyd benannt statt nach Queen Elizabeth und der Prinzessin von Wales? Das war Burchills sündhafte Stichelei." Burchills Konto auf Twitter scheint inzwischen gelöscht zu sein. Laut Independent wurde Burchill als Kolumnistin beim Daily Telegraph gefeuert, weil ihr Tweet als rassistisch angesehen wird.

Die Alice-Schwarzer-Stiftung hat zusammen mit derer Giordano-Bruno-Stiftung und dem Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) eine repräsentative Umfrage zum Verhältnis der Deutschen zum Islam vorgelegt, über die Emma heute online berichtet. Die Deutschen sind demnach durchaus zu differenzierten Einsichten fähig: "So finden 65 Prozent, dass 'Muslime dasselbe Recht auf Religionsfreiheit haben müssen' wie Christen. Gleichzeitig aber meinen nur 5 Prozent der Befragten, vom Islam gehe keinerlei Bedrohung für die deutsche Gesellschaft aus. Eine Mehrheit von 63 Prozent erlebt allerdings nicht 'den Islam' als bedrohlich, wohl aber bestimmte islamistische Gruppen, von denen befürchtet wird, dass sie das gesellschaftliche Klima verändern und zu einem Rückschritt in Toleranz und Gleichberechtigung der Geschlechter beitragen könnten."

In der Welt ärgert sich Sergey Lagodinsky über eine Aufforderung im Tagesspiegel an drei junge Juden, sich nicht ausgerechnet mit einer Kippa auf dem Kopf unter eine Anti-Israeldemo zu mischen, wenn sie Ärger vermeiden wollten. "Als Jurist und Innenpolitiker weiß ich, dass Deeskalation bei Demonstrationen immer eine wichtige Komponente bleibt. Doch eine Empfehlung an jüdische Menschen, sich nicht als Juden erkennbar zu machen, ist keine Strategie der Deeskalation, weil sie etwas abverlangt, was in einer liberalen Demokratie inakzeptabel ist: die Verleugnung der eigenen Identität aus Angst vor Demokratiefeinden. An dieser Stelle ist nicht die Klugheit, sondern die demokratische Resilienz der richtige Leitbegriff: Wir müssen lernen, Freiräume in unserer Gesellschaft zu verteidigen, statt No-Go-Areas zu normalisieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.06.2021 - Gesellschaft

In Tschechien haben sie eine Genderdebatte mit umgekehrten Vorzeichen. Die weibliche Form des Nachnamens "-ová", die vom Nachnamen des Ehemanns abgeleitet wird, soll abgeschafft werden (unser Resümee). Jaroslav Rudis sieht das in der FAZ gelassen: "Die tschechische Sprache hat schon einige Veränderungen erlebt. Sie wird mit und ohne das Ová klarkommen. Vielleicht ist die Sprache sogar klüger als wir Menschen. Und toleranter. Die strengen Sprachpuristen waren mal empört über die vielen deutschen Wörter in der tschechischen Sprache, und doch sagt auch heute noch jeder tschechische Eisenbahner nicht 'strojvedoucí' zum Lokführer, sondern 'fíra', abgeleitet von deutschem Lokführer."

In der Berliner Zeitung warnt die Sprach- und Literaturwissenschaftlerin Susan Arndt (anders als neulich noch Götz Aly, unser Resümee) vor der Verwendung des Wortes "Mohr" - wie in "Mohrenstraße" -, weil es immer herabsetzend gemeint gewesen sei: "Das M-Wort geht auf das griechische Wort 'μαυρο' or 'mavro' zurück. Wortwörtlich ist es als 'schwarz, geschwärzt oder verkohlt' zu übersetzen. Es bezeichnete schwarze Dinge, aber eben auch Schwarze Menschen. In der griechischen und später auch der römischen Literatur finden sich zahlreiche Belege dafür, dass schwarz als Farbe des Bösen, speziell von Geistern und Dämonen (daimōn), die oft auch die Unterwelt repräsentieren, sowie als Farbe von Tod und Kummer steht. Das wiederum war eng mit den Klimatheorien des Aristoteles und anderer griechischer Denker verwoben. Die Sonne würde die Haut schwärzen, aber eben auch verbrennen, verkohlen - und dabei Haare wie Hirne austrocknen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.06.2021 - Gesellschaft

"Verhetzende Beleidigung" von bestimmten Gruppen soll künftig unter Strafe gestellt werden. Nur eine Gruppe wird in dem Gesetzentwurf nicht benannt, die Frauen, stellt Emma in einem nicht gezeichneten Artikel fest: "Das ist schwer verständlich, denn die Fakten sind wohlbekannt. Erst gerade berichtete die FAS über das epidemische Ausmaß der Hassbotschaften gegen Politikerinnen. 'Der Hass und die Gewaltbereitschaft gegenüber Politikerinnen haben sich über die Jahre potenziert', klagt Digital-Staatsministerin Dorothee Bär (CSU). Und nicht nur Politikerinnen sind zunehmend Ziel von Hassbotschaften, sondern alle Frauen. Die Initiative 'HateAid', die Opfer von Hass in Internet unterstützt, stellt fest: 'Ein Drittel aller Beschimpfungen richtet sich bei Frauen gegen ihr Geschlecht. Bei den Männern war dieser Anteil verschwindend gering.'"

Wie halten wir es mit dem Home-Office nach der Pandemie? In der NZZ plädiert der Philosoph Reinhard K. Sprenger wieder für die Rückkehr ins reale Büro: "Denn Kreativität entsteht durch heterogene Kooperation. Es sind Begegnungen unterschiedlichster Menschen, die Einzelteile neu zusammenfügen und so ein kreatives Mehr entstehen lassen - etwa durch Gespräche im Türrahmen oder am Kaffeeautomaten. ... Ein Unternehmen ist vorrangig eine Kooperationsarena. Keine Koordinationsarena. Ihr logisches Zentrum ist das Zusammenarbeiten, nicht die Addition von Einzelleistungen. Um den Kooperationsvorrang durchzusetzen, bedarf es keiner Appelle an den Teamgeist, sondern institutioneller Entscheidungen. Es braucht verräumlichte Kooperationssysteme - eben das Büro. Denn es ist ein Unterschied, ob man in einer Mannschaft spielt oder als Mannschaft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.06.2021 - Gesellschaft

Maxim Biller schickt der Coronakrise in einer SZ-Kolumne zum Abschied noch ein paar apokalyptische Angstlustträume hinerher: "Was aus der Corona-Katastrophe und der von ihr ausgelösten Selbst-Entmachtung, Selbst-Demontage, Selbst-Entblößung und Selbst-Demoralisierung unserer Regierungseliten folgen wird? Kurzfristig nichts. Auf mittlere Sicht aber die allmähliche Zermürbung, Zerstörung der Demokratie, Chaos auf den Straßen, in den Köpfen, in den Jobcentern" und so weiter...

Jana Hensel unterhält sich in Zeit online mit Anetta Kahane von der Amadeu-Antonio-Stiftung  über Rassismus in der ehemaligen DDR, aber auch über ihre eigene Biografie, ihre Jugend in der DDR und ihre Vergangenheit als Stasi-IM: "Ich bin durch den Antifaschismus zur Stasi gekommen. Damals war ich 19 Jahre alt. Meine Aufgabe war, westlichen Diplomaten und Journalisten in Ostberlin die Vorzüge der DDR zu zeigen und zu berichten, wie sie die DDR sahen. Je älter ich wurde, desto stärker kam ich damit in Konflikt."

Sehr viel retweetet wurde das Video von einer Abitur-Feier in Dallas, in der sich die Absolventin Paxton Smith gegen das neue drakonische Abtreibungsgesetz in ihrem Staat wendet:



Der Tagesspiegel zitiert aus Smiths Rede: "'Angesichts der jüngsten Ereignisse fühlt es sich falsch an, über etwas anderes zu sprechen, als über das, was mich und Millionen anderer Frauen gerade betrifft', sagt die 18-Jährige zu ihren Mitschülern. 'Ich habe Träume, Hoffnungen und Ambitionen', fährt Smith fort. 'Jedes Mädchen hat sie. Wir haben unser ganzes Leben damit verbracht, gemeinsam für unsere Zukunft zu arbeiten. Und ohne unsere Zustimmung oder einen Beitrag ist uns die Kontrolle über unsere Zukunft genommen worden.'" Auch in Deutschland ist die Debatte aktuell. Vor fünfzig Jahren veröffentlichte der Stern sein legendäres Cover, mit dem Bekenntnis vieler Frauen, dass sie abgetrieben haben. Die Grünen-Politikerin Laura Dornheim fordert im Gespräch mit Katrin Gottschalk von der taz die Abschaffung der Paragrafen 218 und 219.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.06.2021 - Gesellschaft

Wenn wir nicht klare Regeln aufstellen und undemokratische Strukturen ausschließen, könnte die Gesellschaft in einigen Jahren durch Islamisten gespalten und autonome muslimische Communitys entstanden sein, befürchtet Ahmad Mansour in der Welt: "Das Schlimmste für den politischen Islam wäre ein europäisch geprägter Islam mit westlichen Werten. Deshalb brauchen wir genau den. Wir können keinen Kampf gegen den Islamismus führen, wenn wir keinen Kampf um die Muslime führen. Diejenigen, die damit nichts zu tun haben, müssen weiterhin die Freiheit haben, ihre Religion auszuüben. (…) Muslimische Deutsche müssen darin bestärkt werden, einen gemäßigten Islam zu leben, in dem sie die strikte Trennung von Religion und Staat bedingungslos anerkennen. Liberale und moderate Muslime müssen im Islamdiskurs mehr Gehör bekommen. Sie sollten zudem zeigen, dass sie die Mehrheit sind und die Deutungshoheit über ihre Religion nicht den Radikalen überlassen. Dafür brauchen sie Alternativen. Moscheevereine beispielsweise, die unabhängig sind."

"In den vergangenen Wochen hat der Antisemitismus in Deutschland und den umliegenden Ländern wieder sein hässliches Gesicht gezeigt", schreibt der in Berlin lebende Europa-Korrespondent der israelischen Zeitung Yedioth Achronot Zeev Avrahami in der SZ. Immerhin waren bei den antiisraelischen Protesten "junge Leute mit arabischem oder muslimischem Familienhintergrund diesmal fast unter sich", fährt er fort, meint aber: Sich-Heraushalten reicht nicht. "Vor allem (…) sollte die deutsche Öffentlichkeit von ihrer Regierung Rechenschaft darüber verlangen, wohin das Steuergeld fließt, das an die Palästinensische Autonomiebehörde geht. Seit mehr als zwanzig Jahren überweisen Deutschland und andere Staaten große Summen an Hilfsgeldern in Richtung Gazas und der Westbank. Wo landen die am Ende? Wo stehen die Schulen und Krankenhäuser, wo findet sich die moderne Infrastruktur, in die angeblich investiert wird? So wie jeder Investor (in diesem Fall ist es ein Investor, der durchaus aufrichtig in den Frieden und das Wohlbefinden der Palästinenser investieren möchte) sollte Deutschland nachprüfen, was mit seinem Geld geschieht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.06.2021 - Gesellschaft

In einem von der NZZ übernommenen Essay für Bloomberg Opinion zieht Niall Ferguson eine erste große Bilanz der Corona-Pandemie und diagnostiziert ein Versagen auf allen Ebenen. Und es wird nicht die letzte große Katastrophe bleiben, warnt er: Die von uns aufgebaute Welt ist "im Lauf der Zeit zu einem immer komplexeren System geworden - anfällig für alle Arten von zufallsbestimmtem Verhalten, nichtlinearen Zusammenhängen und Verteilungskurven mit breiten Ausläufern. Eine Katastrophe von der Art einer Pandemie ist kein einzelnes, präzise abgrenzbares Ereignis. Sie führt unausweichlich zu anderen Katastrophenformen - ökonomisch, gesellschaftlich und politisch. Es kann zu Kaskaden oder Kettenreaktionen von Katastrophen kommen (was auch oft geschieht). Je stärker die Welt vernetzt ist, desto häufiger werden wir das erleben."

In einem Tagesspiegel-Gastbeitrag mit dem Titel "Warum das Kopftuchverbot bei der Polizei und im öffentlichen Dienst richtig ist", schrieb Ehrhart Körting, der als Innensenator 2005 maßgeblich am Berliner Neutralitätsgesetz beteiligt war, vor drei Wochen: "Urteile werden bei uns weder im Namen Gottes oder Allahs, sondern im Namen des Volkes gesprochen."

"Kopftücher bei Beamtinnen zu untersagen, ist nicht neutral", antwortet ihm ebenfalls im Tagesspiegel jetzt die Jura-Studentin Rabia Küçüksahin, die eine Petition gegen das "Gesetz zur Regelung des Erscheinungsbilds von Beamtinnen und Beamten" gestartet hat: Körting verkenne "dass jede Richter:in kraft ausdrücklicher Regelung ihre Religiosität öffentlich bekunden darf. So hat auch der Richtereid an Fachgerichten (Paragraf 38 Deutsches Richtergesetz) anders als bei Richter:innen des Bundesverfassungsgerichts in öffentlicher Sitzung zu erfolgen. Die gesetzliche Norm enthält sogar den Zusatz 'so wahr mir Gott helfe' - auch wenn diese Formulierung auf Wunsch weggelassen werden kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.06.2021 - Gesellschaft

Dass in Indien die Corona-Pandemie ein solches Ausmaß erreicht hat, liegt nicht nur an der Inkompetenz der Regierung Modi, es hat auch mit einer Gesellschaft zu tun, die sich nicht gern isoliert, erzählt Indien-Korrespondent Martin Kämpchen in der NZZ: "Im Pandemie-freien Alltag ist dieser Drang zur Gruppenbildung in allen indischen Gesellschaftsschichten zu beobachten. Steigt jemand in einen Zug, sucht er sich instinktiv ein Abteil, in dem schon andere sitzen. Im mittleren Europa wäre man glücklich mit einem leeren Abteil, in dem man ungestört sitzt. Die Hemmschwelle, mit Unbekannten ins Gespräch zu kommen, ist niedrig. Kaum hat man Platz genommen, gibt ein Wort das andere. In Kreisen etwa von Handwerkerfamilien wird ein Gast sogar nachts niemals allein gelassen. Ein Mann schläft neben einem männlichen Gast, eine Frau neben einem weiblichen, denn das gehört zur Wertschätzung eines Gastes."

Man kann das Down-Syndrom (oder Trisomie 21) in der Schwangerschaft auch mit einem einfachen, nicht invasivem Test  erkennen, den demnächst die Krankenkasse bezahlt. Das wird dazu führen, schreibt Alex Rühle in der SZ, dass kaum noch Menschen mit Down-Syndrom geboren werden - wie angeborene Behinderungen generell immer seltener werden, weil die Embryonen häufig abgetrieben werden. Rühle und die Menschen, die er befragt, kritisieren das als eine Selektion behinderter Menschen: "Niemand benennt, warum Menschen mit Trisomie nicht geboren werden sollen. Was genau ist es, was wir da nicht wollen? Sie machen halt seltener Abitur, so what. Die meisten Menschen mit Trisomie lernen lesen, rechnen, schreiben. Sie können auf dem ersten Arbeitsmarkt arbeiten. Allein bei uns im Ensemble sind vier Menschen mit Trisomie 21", sagt Harald Wolff Dramaturg an den Münchner Kammerspielen. Rühle hat mit niemandem gesprochen, der sich von einer solchen Entscheidung überfordert sähe. Es wird auch nirgends erwähnt, dass die Entscheidung am Ende bei der schwangeren Frau liegen sollte.

Wenn Deutschland nicht alle zwei Jahre lang davon überrascht werden will, dass es auch unter muslimischen Jugendlichen Antisemitismus gibt, braucht es starke pädagogische Maßnahmen, schreibt Ahmad Mansour in der Jüdischen Allgemeinen: "Dazu gehört als Erstes eine Reform der Aus- und Weiterbildung im Bereich Schule. Lehrer, Sozialarbeiter und Pädagogen müssen pädagogische Werkzeuge an die Hand bekommen, um jegliche Art von Antisemitismus zu erkennen und im Unterricht zu thematisieren. Dazu gehört ausdrücklich die Behandlung des Nahostkonflikts, die Vermittlung von Fakten und historischen Informationen. Unsere Gesellschaft ist vielfältig geworden, und deshalb sollten unsere pädagogischen Konzepte und Lehrpläne in der Lage sein, nicht nur Thomas und Susanne zu erreichen, sondern auch Ali und Zeynep."

Wer sich mit einem Davidstern um den Hals bei einer propalästinensischen Demo blicken lässt, muss ein ganz schöner Dummkopf sein, schreibt Tagesspiegel-Autor Malte Lehming in einem Kommentar, der auf Twitter erregt diskutiert wird. "Wichtig hier: Das Opfer bleibt immer Opfer, ist niemals auch nur mitschuld an den Taten der Täter. Aber vielleicht wäre es keine gute Idee, im Antifa-T-Shirt auf eine Reichsbürger-Veranstaltung zu gehen. Oder einen AfD-Stand direkt vor dem besetzten Haus in der Rigaer Straße aufzubauen. Oder am 'Tag der Republik', dem türkischen Nationalfeiertag 'Cumhuriyet Bayrami', sich mit einem großen Konterfei des islamischen Predigers Fethullah Gülen unter Erdogan-Anhänger zu mischen."

Außerdem: In der NZZ schreibt Martin R. Dean eine kleine Hymne auf seine Mutter und die Frauen ihres Alters, die in den fünfziger und sechziger Jahren den feministischen Aufbruch wagten.