9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

2769 Presseschau-Absätze - Seite 112 von 277

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.06.2021 - Gesellschaft

Jene intellektuelle, vor allem aber institutionelle Prominenz, die sich im letzten Jahr in der "Initiative GG 5.3 Weltoffenheit" für BDS stark machte, hat zu den jüngsten antisemitischen Ausschreitungen geschwiegen, beobachtet Vojin Saša Vukadinović in der Jungle World: "Vergleicht man den politischen, akademischen wie kulturbetrieblichen Einsatz, den viele in der Causa Achille Mbembe zeigten, die vergangenes Jahr zu einer Kontroverse weit über das Feuilleton hinaus geführt hatte, zeigt sich, welche Prioritäten in Deutschland gesetzt werden. Die Historikerin Ute Frevert sagte damals im Gespräch mit der ZDF-Sendung 'Aspekte', sie habe den Eindruck, die Kritik an Mbembe lenke vom eigentlichen Antisemitismus in Deutschland ab. Das Gegenteil ist der Fall: Es ist der Bezug auf postkoloniale Theorie, der von antisemitischen Verhältnissen ablenken soll."

Im Freitag ärgert sich Sebastian Puschner schwarz über die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), die in Berlin die Rückkehr der Schulen in den Regelbetrieb vor den Sommerferien ablehnt, obwohl die 7-Tage-Inzidenz in Berlin unter dem Bundesdurchschnitt liegt. Es geht hier um "Erwachsene, deren Brutto-Entgelt in Berlin oft mehr als 5.000 oder gar 6.000 Euro beträgt, deren Arbeit im vergangenen Jahr oft Eltern aufgebürdet wurde und die bei den Impfungen zu den priorisierten Gruppen zählen. ... Ihr Interessensverband aber macht mobil für bequeme Gleitzeit in die Sommerferien, da können noch so viele Kinder aufgrund mangelnder sozialer Kontakte psychisch erkranken." (Laut RBB hat das Berliner Verwaltungsgericht jetzt indirekt eine Rückkehr zum Regelunterricht erzwungen.)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.05.2021 - Gesellschaft

In der NZZ hat der Schriftsteller Jürg Halter nichts übrig für identitätes Denken, ob es von rechts, von links oder vom Mond kommt: Je mehr man von einer klar definierten, keine Abweichungen duldenden Bubble lebt, sei diese nun linker, rechter, liberaler oder queerer Art, desto mehr hat man Angst, Widersprüche, die einem innerhalb der Bubble plötzlich auffallen, zu benennen. Das führt zu Komplexitätsverdrängung, bubblespezifischer Gefallsucht, dann Selbstzensur und letztlich zu einem von Doppelmoral durchdrungenen Freund-und-Feind-Denken. Die Moral von der Geschichte: Moralische Selbstüberhöhung führt zu moralischem Verfall."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.05.2021 - Gesellschaft

In der Welt führt der Schriftsteller und Pianist Yorck Kronenberg eine Reihe von Punkten an, um zu erklären, weshalb er nichts vom Gendern hält. Zum einen werde die deutsche Sprache noch schwieriger übersetzbar, zum anderen widerspricht er der Behauptung, unser Denken werde durch die Sprache vorgegeben: "Dass wir mit dem generischen Maskulinum als unmarkierte, also allgemein anwendbare Pluralform hadern, spricht für unseren kritischen Blick auf die Vergangenheit. Dass aber Sprachgemeinschaften, die weitgehend ohne grammatikalisches Geschlecht auskommen - neben dem Englischen beispielsweise auch das Ungarische, Türkische oder Persische - ein höheres Maß an Geschlechtergerechtigkeit hervorgebracht hätten, darf bezweifelt werden. Sprachfamilien wie das nordamerikanische Mohawk, die als unbezeichnete grammatikalische Form ein robustes generisches Femininum benutzen, gingen traditionell durchaus nicht mit einem Rollenverständnis der biologischen Geschlechter einher, das Kritikern des generischen Maskulinums als Ideal vorschweben dürfte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.05.2021 - Gesellschaft

Die Philosophin und Direktorin des Potsdamer Einstein Forums Susan Neiman erklärt in der Zeit noch mal, warum sie sich mit so vielen anderen Kulturfunktionären in der "Initiative GG 5.3 Weltoffenheit" für einen "kritisch-toleranten" Umgang mit dem BDS engagiert. Sie lobt die deutsche Vergangenheitsbewältigung, findet aber auch, dass die Deutschen es jetzt irgendwie übertreiben: "Jeder kann im Internet sehen, mit welcher Gewalt die Al-Aksa-Moschee entweiht wurde. Wie hätte die Welt denn reagiert, wenn der Petersdom an Heiligabend von Truppen mit Tränengas und Gummigeschossen gestürmt worden wäre? Doch seit die Bilder von den Angriffen auf Gaza (denen 66 Kinder zum Opfer fielen) um die Welt gingen, fokussieren sich deutsche Medien auf die Szenen, in denen Demonstranten vor einer deutschen Synagoge 'Scheißjuden' skandierten."

Ebenfalls in der Zeit setzen sich Paul Middelhoff und Samiha Shafy mit verschiedenen Formen des Antisemitismus, unter anderem an Schulen auseinander und stellen fest, dass er keineswegs nur von rechtsextremer Seite kommt.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung" (BZgA) verteilt an Schulen in Millionenauflage ein "Körper-ABC", das Annika Ross bei emma.de fragen lässt, ob nicht versehentlich Texte aus den fünfziger Jahren kopiert wurden: "Nehmen wir J: Da wäre zum Beispiel das 'Jungfernhäutchen' (Seite 38), das 'möglichst heil bleiben soll' und beim 'ersten Sex bluten kann'. Aber immerhin, 'ein Tampon passt meist durch'. Dass es diese Frischhaltefolie gar nicht gibt, eher über den Vaginalkranz gesprochen werden sollte und der Mythos des vermeintlichen Beweises der 'Jungfräulichkeit' zur Einschüchterung von Frauen dient, das hat sich bei der BZgA scheinbar noch nicht rumgesprochen. Und auch nicht, dass dieser Mythos manche muslimische Mädchen das Leben kosten kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.05.2021 - Gesellschaft

Charlotte Wiedemann erzählt in ihrer taz-Kolumne von ihrem heroischen Einsatz für israelkritische Juden, an dem sie festhält, auch wenn sie dabei Schlimmes durchmachen muss: "Ich habe also eine Weile gebraucht, um mich dem Phänomen linker Jüdischkeit zu nähern. Zögerlich bezog ich vor zwei Jahren im Streit um die Vergabe des Göttinger Friedenspreises publizistisch Position, verteidigte die 'Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost' gegen den Vorwurf des Antisemitismus - und hatte selbigen dann bald selbst am Hals. Es bedarf so wenig, um des Schlimmsten mir Vorstellbaren bezichtigt zu werden."

Die Blockade einer Diskussion über den politischen Islam durch die Linke ist fatal, meint Ahmad Mansour in der Welt. Und sie ist auch dumm, denn "die Geschichte hat immer wieder gezeigt - in Ägypten, in Gaza und vor allem im Iran -, dass die Linken immer die ersten Opfer der Islamisten sind, in dem Moment, in dem sie an die Macht kommen. Wir müssen aufhören, uns ohne jede Strategie gegen den Politischen Islam im Kreis zu drehen."

Außerdem: "Klimajurist ist heute ein Beruf", und nicht nur das, er "verkörpert eine Wachstumsbranche", ruft Florian Coulmas in der NZZ allen angehenden Juristen zu.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.05.2021 - Gesellschaft

In einem sehr persönlichen Text für die FAZ erzählt der Psychologe Ahmad Mansour, der häufig mit Schulklassen arbeitet, wie schwierig es ist, mit Schülern etwa über den Mord an Samuel Paty und über Meinungsfreiheit zu diskutieren: "Solche Diskussionen bewegen sich immer auf einem schmalen Grat. Wir müssen moderieren zwischen Empathie, zorniger Entrüstung und Aufklärung, ohne dabei das Vertrauensverhältnis durch Überforderung aufzulösen. Die Gefühle der Jugendlichen sind real, sie geben Werte und Einstellungen ihres Umfelds wieder, oft ohne Distanz oder Abstraktionsvermögen, Ambiguitätstoleranz, Elastizität im Umgang mit Ambivalenzen. Über Nacht kann sich das nicht ändern."

In der Welt ist Caroline Turzer empört, dass der rotrotgrüne Senat an den Berliner Schulen bis zu den Sommerferien nur Wechselunterricht zulassen will. Aber auch bundesweit zeige Deutschland in der Pandemie, dass ihnen die jungen Leute egal sind: "Wäre es anders, stünden die Luftfilter nicht in Betrieben und Parlamenten, sondern flächendeckend in den Schulen. Dann gäbe es nicht nur eine Impfgarantie für Erwachsene, sondern eine Bildungsgarantie: das Versprechen, dass die Schulen erst durch eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung sicher gemacht, dann für alle geöffnet - und in Zukunft nie wieder geschlossen werden. Weil wir Erwachsene alles dafür tun, dass Bildung und Gesundheit kein Widerspruch sind, sondern Hand in Hand gehen. Genau das passiert aber nicht."

In der NZZ spricht sich die Publizistin Judith Sevinç Basad strikt gegen das Gendern aus. Soziale Wirklichkeit verändert man nicht, indem man die Sprache manipuliert, meint sie: "Wenn diese Kausalität wahr wäre, müsste in Ländern mit genuslosen Sprachen wie der Türkei und Ungarn bereits ein queeres Matriarchat herrschen. Das ist nicht der Fall. Fakt dagegen ist: In den letzten 70 Jahren haben sich Frauen und Queers in den westlichen Ländern in rasantem Tempo aus den Fesseln des Patriarchats befreit. Sie haben sich das Recht auf finanzielle Unabhängigkeit erkämpft, sich aus der juristischen Knechtschaft der Ehe befreit, ihr Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper durchgesetzt und den Paragrafen 175 abgeschafft. Im Jahr 2020 sind die drei mächtigsten Personen in Europa - Angela Merkel, Ursula von der Leyen und Christine Lagarde - Frauen. Und die schwedische Regierung nennt sich die 'erste feministische Regierung der Welt'."

Ähnlich sieht das auch Hamburgs CDU-Chef Christoph Ploß, der sich im Interview mit dem Spiegel für ein Verbot der Gendersprache bei staatlichen Stellen ausgesprochen hat, meldet der Tagesspiegel.

Anders sieht es Daniel Deckers in der FAZ: "Mag die Linguistik noch so sehr darauf beharren, dass ein generisches Maskulinum nicht auf das biologische Geschlecht der damit bezeichneten Personen abstellt, so hat Sprache doch auch eine repräsentative Funktion. Frauen können sich in einem generischen Maskulinum ('Bürger') mitgemeint fühlen. Warum sie es sollen, ist aber keine Frage der Grammatik, sondern von gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen. Die Dominanz der männlichen Form lässt sich ja auch so lesen, dass sie einen Status konserviert, in der eine Frau eine Person minderen Rechts war und deren Sichtbarkeit gering."

Der jüngste Schlagabtausch zwischen Hamas und Israel hat auch in den USA einen erschreckenden Antisemitismus ans Licht gebracht, schreibt Bret Stephens in der New York Times und zählt eine ganze Reihe von Anschläge gegen Juden in den USA auf. Ihn erinnern die dabei gebrüllten Parolen immer wieder an Zeiten, als Juden generell Gier und Blutdurst vorgeworfen wurde. "Wie ein Echo alter Verleumdungen erscheint auch die Vorstellung, dass elf Tage Kampf zwischen Israel und der Hamas irgendwie einen einzigartigen globalen Horror darstellen, während die Welt kaum Notiz von dem mörderischen Anschlag der Taliban nahm, die in diesem Monat 85 Menschen in einer Schule in Kabul töteten. Die antisemitische Weltsicht ist immer judäozentrisch, sie ist besessen von der Vorstellung, jüdisches Verhalten sei der wichtigste Faktor im nationalen und internationalen politischen Leben. Die Linke war in letzter Zeit furchtbar judeozentrisch. Das sollte den Progressiven, die behaupten, über jede Form von Vorurteil entsetzt zu sein, laut in den Ohren klingen. Stattdessen haben sie einer Anti-Israel-Bewegung gefrönt, die immer wieder in die gröbsten Formen des Antisemitismus abgleitet. Sie erinnern mich an eine bestimmte Art von Trump-Wählern, die gelegentlich Abscheu über sein empörendstes Verhalten äußern, nur um sich ein paar Tage später wieder auf seine Seite zu schlagen. Nach einer Weile wird klar, dass die Empörung billig ist, wenn nicht sogar einfach unwahr."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.05.2021 - Gesellschaft

In der FR blickt der Philosoph Avishai Margalit, Mitbegründer der israelischen Friedensbewegung Peace Now und Unterzeichner der Jerusalemer Erklärung (mehr hier), auf die Lage im Nahen Osten, erkennbar bemüht um einen skrupulösen Sprachgebrauch. Er sieht eine ganze Reihe von Streichhölzern in der Nähe des Pulverfass gezündet, konstatiert am Ende aber vor allem ein bitteres Ergebnis: "Der aktuelle Gewaltausbruch hat die Hamas zur führenden Kraft im Kampf gegen Israel gemacht. Die von der Fatah geführte Palästinensische Autonomiebehörde erscheint dagegen blutleer und fast irrelevant. Es besteht kaum ein Zweifel daran, dass die Ablösung der Fatah als Trägerin der palästinensischen Bestrebungen eines der Hauptziele der Hamas war. Ihr gelang es auf spektakuläre Weise, den Gazastreifen mit Jerusalem, der Westbank und den israelischen Arabern zu verbinden."

Fatal finden die Politologin Saba-Nur Cheema und der Historiker Meron Mendel in einem gemeinsamen Beitrag in der taz die krasse Lagerbildung, mit der jede Eskalation im Nahen Osten inzwischen beantwortet wird, auf der Straße und in der Politik: "Genauso schematisch reagierten die üblichen Verdächtigen in den sozialen Medien. Unter #gazaunderattack werden Aufrufe zur Vernichtung des Staates Israel geteilt und von einem 'Holocaust gegen Palästinenser' geraunt. Unter #israelunderattack werden Sharepics geteilt, in denen der Bezug der Muslime zu Jerusalem geleugnet und die israelische Armee angefeuert wird, möglichst hart gegen Gaza vorzugehen. Die Lebenswelten von Juden und Muslimen entwickeln sich auseinander und damit auch die Wahrnehmung darüber, was im Nahen Osten passiert. Die einen bekommen nur noch Fotos von ermordeten palästinensischen Kindern zu sehen, die anderen nur noch Videos von zerstörten Häusern in Tel Aviv. Ohne es zu merken, wird der eigene Tunnelblick immer enger, verkriecht sich jeder im rabbit hole der sozialen Medien, die beide Seiten in ihrer jeweiligen Überzeugung und Wahrheit bestätigen. Empathie für die anderen - Fehlanzeige."

Weiteres: Auch der israelische Autor Hagai Dagan sieht in der taz im Nahen Osten die Extremisten die Regie übernehmen, bei der Hamas im Gaza-Streifen und auf Al-Jazeera, aber auch in Israel: "Wenn die Bundesregierung daran festhält, Israel um jeden Preis zu verteidigen, dann sollten sich die Deutschen darüber klar sein, von welchem Israel die Rede ist: eine überwiegend rechte Gesellschaft, die in weiten Teilen religiös, militant und oft rassistisch ist." Lucien Scherer wirft in der NZZ deutschen Medien vor, bewusst den muslimischen Judenhass zu verharmlosen: "Politisch motivierte Bestrebungen, unangenehme Erscheinungen von Einwanderungsgesellschaften zu verdrängen, gibt es seit Jahren."

Nils Minkmar bemerkt in der SZ erschrocken, dass auf die Berliner Demonstration zur Solidarität mit Israel eigentlich nur Leute gekommen waren, die kommen mussten: Spitzenpolitiker und deutsch-jüdische Freundschaftsvereine. SZ-Autorin Sonja Zekri schickt Eindrücke von der Berliner Sonnenallee, die inzwischen Scharia al-Arab genannt wird, Straße der Araber. Im Interview mit Mara Delius in der Welt spricht Buchautor Levi Israel Ufferfilge über die zunehmenden Anfeindungen, die er erlebt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.05.2021 - Gesellschaft

Der für die taz kommentierende Historiker Uffa Jensen erkennt in den Statistiken zu antisemitischen Straftaten so gut wie keine Hinweise darauf, dass Antisemitismus von Tätern mit Migrationshintergrund ausgeht (die Statistiken werden allerdings auch anders interpretiert, unser Resümee). Von "eingewandertem Antisemitismus" könne man ohnehin nicht sprechen, meint der Mitunterzeichner der "Jerusalemer Erklärung", die Israelboykott "nicht per se" antisemitisch findet: "Wo will man denn jene palästinensisch- und türkischstämmigen Jugendlichen einordnen, die sich etwa vor der Synagoge in Gelsenkirchen versammelten? Offenkundig waren sie Mitglieder der zweiten oder dritten Generation von hier lebenden Menschen, die in Deutschland zur Schule gegangen sind und hier eine Berufsausbildung gemacht haben. Damit ist klar: Was hier schiefgelaufen ist, ist in Deutschland schiefgegangen und muss auch hier behoben werden."

Dass antiisraelisch eben doch oft antisemitisch ist, müsste in den letzten Tagen jedem deutlich geworden sein, meint der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn in der SZ: "Während manche Kulturschaffende in den letzten Monaten noch meinten, man könne den antiisraelischen Antisemitismus schönreden und verharmlosen, zeigen die letzten Tage unmissverständlich: Die antiisraelischen Bewegungen sind verbunden durch ein antisemitisches Weltbild. Und: Der antisemitische Hass auf Israel ist integral verbunden mit dem Hass auf Jüdinnen und Juden weltweit."

Er würde durchaus für die Palästinenser auf die Straße gehen, meint der Soziologe Keith Kahn-Harris im Guardian anlässlich einer Demo in London, bei der unter anderem dazu aufgerufen worden war, jüdische Frauen zu vergewaltigen. Aber er möchte dabei nicht neben antisemitische Parolen brüllenden Extremisten von links und rechts stehen, die einfach ihrem Hass freien Lauf lassen: "Alles, was wir mit Sicherheit über die Demo sagen können, ist, dass Empörung sie zusammenhielt, ohne irgendeine Art von Einstimmigkeit darüber, was die Vision für Palästina (oder Israel) sein sollte. Die Gefahr, die von der Vielfalt dieses und anderer Märsche für Palästina ausgeht, ist, dass diejenigen, die daran teilnehmen, sich auch für alles andere, was sie tun, legitimiert sehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.05.2021 - Gesellschaft

In Deutschland wird zwar gern über Israel diskutiert, konstatiert Richard C. Schneider, ehemaliger Israel-Korrespondent der ARD, in der Zeit, nur handeln die Diskussionen gar nicht von Israel: "Ob proisraelische Hashtags oder, auf der anderen Seite, die Empörungsaktion deutscher Kulturinstitutionen, genannt 'Initiative GG 5.3 Weltoffenheit', die behauptet, beim Thema Israel sei die Meinungsfreiheit in Gefahr - fast nie wird wirklich der Nahe Osten verhandelt, sondern eher die immer währende Last der deutschen Vergangenheit. Deutsche Juden, Israel oder Palästina sind letztendlich nur Statisten in dieser Debatte, die um sich selbst und die eigene Identität kreist."

Die deutsche Regierung ist sich dabei aber nicht zu schade, Organisationen, die den Muslimbrüdern und damit der Hamas nahestehen wie der Deutschen Muslimischen Gemeinschaft und Islamic Relief mit Millionenbeträgen zu subventionieren, schreibt Remko Leemhuis ebenfalls in der Zeit, wo auch Hamed Abdel-Samad konstatiert: "In Deutschland droht nun ein fatales Szenario: Juden bangen um ihre Sicherheit, während Judenhasser sich frei bewegen. Die religiösen Mythen von Hamas und Muslimbrüdern erscheinen manchen jungen Muslimen attraktiver als die westliche Freiheit. Warum? Weil der deutsche Staat es aus falscher Toleranz zugelassen hat, dass Islamisten hier ihre Infrastrukturen aufbauen konnten."

Ja, es gibt auch muslimischen Antisemitismus und es ist höchste Zeit, dass er auch so genannt wird, meint Ronen Steinke in der SZ. Das macht Antisemitismus in Deutschland aber noch lange nicht zu etwas neuem: "Wenn aus der Vogelschiss-Partei die Politikerin Alice Weidel nur dann von Antisemitismus sprechen will, wenn er ihr 'importiert' erscheint, während es in ihrer eigenen Partei so etwas überhaupt nicht gebe, oder auch, wenn der CDU-Politiker Philipp Amthor in einem Interview ausgerechnet anlässlich des Jahrestags der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz davon spricht, Judenhass sei 'natürlich vor allem in muslimisch geprägten Kulturkreisen stark vertreten': Dann sind die Motive durchsichtig. Das ist Schuldabwehr. Dieses Land hat es nie nötig gehabt, die Ideologie des Antisemitismus zu importieren. Darauf hat Deutschland schon selbst ein Copyright. Nicht trotz, sondern leider auch wegen des deutschdeutschen Antisemitismus fühlen sich heute auch eingewanderte Judenhasser ermutigt."

Auch taz-Kolumnistin Hengameh Yaghoobifarah spricht sich selbstverständlich gegen die Gewalt aus, "die Jüdinnen_Juden derzeit aushalten müssen. Um dies zu kritisieren, muss maus kein_e Nahost-Expert_in sein." Aber ganz ohne whataboutistische Warnung geht's nicht: "Gleichzeitig sind Bilder von Migrant_innen, die antisemitische Parolen skandieren, ein gefundenes Fressen für rassistische Kampagnen. Der Antisemitismusbeauftragte Felix Klein müsste es seines Jobs wegen besser wissen, wenn er Antisemitismus als Importprodukt bezeichnet. Doch es ist mit ihm wie mit vielen anderen Almans: Wenn nicht ein kleiner Freifahrtsschein für rassistische Forderungen dabei rausspringt, lohnt sich das Engagement gegen Antisemitismus nicht." Ebenfalls in der taz beschreibt Erica Zingher, welchen Shitstorms der Schauspieler tunesischer Hekunft Elyas M'Barek in den sozialen Medien ausgesetzt ist, weil er dort einen Post aus den zwei schlichten Wörtern "Stoppt Antisemitismus" veröffentlichte.

In der Welt fordert Michael Wolffsohn, dass der deutsche Staat und die Gerichte härter gegen Antisemitismus vorgehen: "Oft haben deutsche Gerichte vorhersehbar Juden und Israel dämonisierende, randalierende, andere Menschen attackierende 'Demonstrationen' trotzdem genehmigt oder Gewalttätern gegenüber milde Urteile gefällt. Das gefällt den Tätern, ermutigt sie, und sie krümmen sich vor Lachen. Zumindest Teile der deutschen Justiz können oder wollen das Grundgesetz nicht anwenden. Damit gefährden sie die zivilisatorische Grundlage unseres Gemeinwesens. Was Wunder, dass unbescholtene Bürger und nicht nur eingefleischte Rechtsextremisten zu dem Schluss gelangen, dass unser Staat arabisch-muslimischen Tätern Sonderrechte zugesteht. Aus Protest wählen sie Rechtsextreme." (Rechtsextrem wählen, um Antisemitismus zu bekämpfen, wäre allerdings extrem unschlau.)

Barbara Schweizerhof und Michael Angele vom Freitag unterhalten sich mit dem Regisseur Dietrich Brüggemann über die von ihm lancierte #allesdichtmachen-Aktion. Was er damit genau bezweckte, versteht man nach der von ihm bemühten Schlingensief-Referenz erst recht nicht mehr: "Schlingensiefs Methode bestand sehr oft in der Affirmation der Gegenposition. Denken Sie an 'Ausländer raus' in Container. Der migrationsoffenen Linken hat Schlingensief damit nicht wehgetan, wohl aber der damals sehr rechts stehenden breiten Masse in Österreich. Man hat sich dann natürlich mit deren Beschimpfung auch seinen Orden abgeholt, aber rein diskursanalytisch erfolgte das über Affirmation der Gegenposition." Hm.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.05.2021 - Gesellschaft

Sich über den Antisemitismus im Dritten Reich zu empören, kostet nichts, meint Nils Minkmar in der SZ. "Die europäische und vor allem deutsche Zivilgesellschaft darf sich nicht damit zufriedengeben, Anne Frank heiligzusprechen, Klezmer zu hören und Hummus zu kochen, sondern sie muss sichtbar für die Sicherheit Israels und der europäischen Juden eintreten - durch Texte, auch in den sozialen Netzwerken, durch Demos, durch direkte Ansprache. In den Achtzigerjahren haben Großveranstaltungen gegen Apartheid und den Hunger in Ostafrika die Aufmerksamkeit der Welt gefesselt und viel für das Konzept einer solidarischen internationalen Gemeinschaft getan. Die jüngsten Massenaufmärsche in deutschen Städten vor der Pandemie, wenn es um das Weltklima ging, den Mieterschutz oder die freie Entfaltung im Internet, sind vielen in schöner, solidarischer Erinnerung. Und jetzt? Wenn es um die 'Scheiß Juden!' auf den horrorhaften antisemitischen Demos in Deutschland geht?"

Die antisemitischen Demonstrationen vor Synagogen in Deutschland konnten niemanden überraschen, der wissen wollte, wie groß der Antisemitismus in deutschen, aber eben auch in muslimischen Kreisen ist (die sich klarerweise oft überschneiden). Das lernen Selina Bettendorf, Frank Jansen und Felix Hackenbruch im Gespräch mit dem Migrationsforscher Ruud Koopmans für den Tagesspiegel. "Bereits 2013 hat er antisemitische Tendenzen unter Muslimen in Deutschland und Europa untersucht. In einer Studie stimmten damals 28 Prozent der Befragten in Deutschland der Aussage zu, man könne Juden nicht trauen und sie seien verantwortlich für die meisten Kriege in der Welt. 'Das hat nichts mit Israelkritik zu tun, sondern ist Antisemitismus', sagt Koopmans. Im internationalen Vergleich seien die Werte sogar noch niedrig, sagt der 60-Jährige. So hätten 54 Prozent der Muslime in der Türkei, 73 Prozent der Muslime in Nord-Zypern und 63 Prozent der Muslime in Kenia antisemitische Positionen unterstützt. 2018 hat Koopmann seine Studie, für die er teils heftig kritisiert worden ist, wiederholt. Ergebnis: 29 Prozent der Befragten Muslime in Deutschland äußerten Zustimmung für die Aussagen. Dies decke sich mit vielen anderen wissenschaftlichen Untersuchungen zu dem Thema, sagt Koopmann."

Antisemitismus gibt es in Deutschland rechts wie links, meint in der Welt Deniz Yücel. Und er riecht kein bisschen vornehmer, wenn er sich als postkolonial tarnt. "Wo bei den einen 'der Zionismus' oder der Staat Israel die Figur des 'Weltjudentums' ersetzt haben, hat bei anderen die 'globalistische Elite' den Platz der imaginierten 'jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung' eingenommen: Einst planten die 'Kosmopoliten' die Zersetzung des 'Volkskörpers', heute haben die 'Globalisten' den Plan zur 'Umvolkung' ausgeheckt - oder die Corona-Lüge in die Welt gesetzt, um die 'New World Order' durchzusetzen. Diese Metamorphosen des Antisemitismus tragen auch zu einem Phänomen wie der Vereinigung 'Juden in der AfD' bei. Oder zu einem Verein namens 'Jüdische Stimmen für einen gerechten Frieden in Nahost', der bei Demonstrationen mitwirkt, auf denen die Auslöschung Israels gefordert wird. So willkommen solche Gruppierungen als Kronzeugen sind, zeigt ihre Existenz nur eines: dass die Vorstellung vom Judentum als geschlossen agierenden Gemeinschaft ein Hirngespinst ist."

Derweil gießt Erdogan Öl ins Feuer, berichtet Spon, indem er den Israelis vorwirft, "Terrorismus" liege "in ihrer Natur" und: "Sie sind Mörder, sie töten Kinder, die fünf oder sechs Jahre alt sind. Sie sind erst zufrieden, wenn sie ihr Blut aussaugen."

Der Grünen-Politiker Tareq Alaows hat seine Bundestags-Kandidatur wegen rassistischer Drohungen zurückgezogen. Im Gespräch mit Zeit online schildert Alaows, der 2015 aus Syrien nach Deutschland geflohen war, seine Erfahrungen hier: "Mir wurde klargemacht: Du hast den falschen Namen, die falsche Hautfarbe, du hast kein Recht auf Teilhabe. Mit der Kandidatur wurde mir das noch mal besonders bewusst gemacht, aber das gibt es seit Jahrzehnten. Deutschland hat ein Rassismusproblem. Es gibt keine diskriminierungsfreien Räume in dieser Gesellschaft." Außerdem habe er Angst um seine Familie in Syrien: "Hier in Deutschland kann ich Maßnahmen ergreifen, um mich zu schützen. Dort gibt es niemanden, der meine Familie schützen könnte. Ich wollte und will hier gern etwas zurückgeben und Verantwortung übernehmen. Aber nicht um jeden Preis. Ein syrischer, liberaler Oppositioneller, der für den Bundestag kandidiert, ist für Nationalisten eine Angriffsfläche. Viele von ihnen unterstützen das Assad-Regime, vor dem ich geflohen bin. Und Rechtsextremisten und Nationalisten sind international gut miteinander vernetzt. Es gibt syrische Flüchtlinge, die Assad-Anhänger sind und als wissenschaftliche Mitarbeiter bei der AfD im Bundestag arbeiten."

Auf der Seite 3 der SZ porträtiert Boris Herrmann einen andere Bundestagskandidaten: Shoan Vaisi, einst aus dem Iran nach Deutschland geflüchtet, will für die Linke kandidieren: "Als im April die ersten Meldungen über seine Kandidatur kursierten, dauerte es nicht lange, bis sich in den Kommentarspalten die übliche völkische Niedertracht breitmachte. Kleine Auswahl: 'Der Typ soll sich heimscheren!' - 'Ich komme gar nicht raus aus dem Kotzen.' - 'Flüchtlinge haben im Deutschen Bundestag nichts zu suchen.' ... Vaisi sagt, er habe auch sehr viel Unterstützung von Unbekannten bekommen. 'Das stärkt mich in meiner Entscheidung.' Er, der ehemalige Flüchtling im Parlament, das wäre aus seiner Sicht auch ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, 'dass die Rechten die Leute nicht einfach so einschüchtern können'."

In der Berliner Zeitung plädiert der Historiker Götz Aly für den Erhalt der Mohrenstraße in Berlin, die ihren Namen verlieren soll, weil er angeblich rassistisch und herabsetzend sei. Das ist Unsinn, meint Aly. "Zur Zeit der Benennung wurden in der ständisch verfassten Gesellschaft einzelne Menschen- und Berufsgruppen mit Straßennamen nicht diskriminiert, sondern ehrend als Gemeinschaften hervorgehoben. Deshalb haben wir in Berlin die Schützenstraße, die Jüdenstraße, den Gendarmenmarkt, den Kadettenweg, den Hugenottenplatz, die Böhmische Straße usw. Die Mohrenstraße kreuzt die nach dem vor 320 Jahren regierenden Königspaar - Friedrich und Charlotte - benannten Straßen des heutigen Zentrums. Eine derart hervorgehobene Position im alten und heutigen Zentrum Berlins kann nicht herabsetzend gemeint gewesen sein. Im Deutschen wird das Wort Mohr seit langer Zeit nicht mehr als Bezeichnung für einen Menschen dunkler Hautfarbe verwendet; es existiert auch nicht als Schimpfwort." Beim Bezirksamt Mitte kann man noch vier Wochen Widerspruch gegen die Umbenennung einlegen.

Eine der schärfsten Streitigkeiten innerhalb der Linken tobt in letzter Zeit im Feminismus. Die Bremer Frauen-Senatorin Claudia Bernhard von den Linken zog ihre Schirmherrschaft und Zuschüsse für das "LesbenFrühlingsTreffen" schon Ende April zurück, weil da auch über das äußerst heikle Verhältnis zwischen (klassischem) Feminismus und der Transbewegung gehen sollte. Die Organisatorinnen verlieren 9.000 Euro Zuschuss, berichtet Chantal Louis bei emma.de. In sechs der insgesamt fünfzig Workshops sollte etwa problematisiert werden, "dass die Zahl pubertierender Mädchen und junger Frauen, die 'transitionieren', rasant zunimmt. Inzwischen kommen auf einen Jungen, der das Geschlecht wechseln will, zehn Mädchen. Hat das womöglich weniger mit Transsexualität zu tun als vielmehr mit den gerade für Frauen besonders einengenden Geschlechterrollen? Darum soll es im Workshop einer sogenannten De-Transitionierin gehen, also einer Frau, die zum Transmann wurde, und heute wieder als Frau lebt." Trotz der Streichungen und Debatten soll das Festival in den nächsten Tagen stattfinden.