Sich über den
Antisemitismus im Dritten Reich zu empören, kostet nichts, meint Nils Minkmar in der
SZ. "Die europäische und vor allem deutsche Zivilgesellschaft darf sich nicht damit zufriedengeben,
Anne Frank heiligzusprechen, Klezmer zu hören und Hummus zu kochen, sondern sie muss
sichtbar für die Sicherheit Israels und der europäischen Juden eintreten - durch Texte, auch in den sozialen Netzwerken, durch Demos, durch direkte Ansprache. In den Achtzigerjahren haben
Großveranstaltungen gegen Apartheid und den Hunger in Ostafrika die Aufmerksamkeit der Welt gefesselt und viel für das Konzept einer
solidarischen internationalen Gemeinschaft getan. Die jüngsten Massenaufmärsche in deutschen Städten vor der Pandemie, wenn es um das
Weltklima ging, den
Mieterschutz oder die freie Entfaltung im Internet, sind vielen in schöner, solidarischer Erinnerung. Und jetzt? Wenn es um die 'Scheiß Juden!' auf den
horrorhaften antisemitischen Demos in Deutschland geht?"
Die antisemitischen Demonstrationen vor Synagogen in Deutschland konnten niemanden überraschen, der wissen wollte, wie groß der Antisemitismus in deutschen, aber eben
auch in muslimischen Kreisen ist (die sich klarerweise oft überschneiden). Das
lernen Selina Bettendorf, Frank Jansen und Felix Hackenbruch im Gespräch mit dem Migrationsforscher
Ruud Koopmans für den
Tagesspiegel. "Bereits 2013 hat er antisemitische Tendenzen unter Muslimen in Deutschland und Europa untersucht. In einer Studie stimmten damals
28 Prozent der Befragten in Deutschland der Aussage zu, man könne Juden nicht trauen und sie seien verantwortlich für die meisten Kriege in der Welt. 'Das hat nichts mit Israelkritik zu tun, sondern ist Antisemitismus', sagt Koopmans. Im internationalen Vergleich seien die Werte sogar noch niedrig, sagt der 60-Jährige. So hätten 54 Prozent der Muslime in der
Türkei, 73 Prozent der Muslime in
Nord-
Zypern und 63 Prozent der Muslime in
Kenia antisemitische Positionen unterstützt. 2018 hat Koopmann seine Studie, für die er teils heftig kritisiert worden ist, wiederholt. Ergebnis:
29 Prozent der Befragten Muslime in Deutschland äußerten Zustimmung für die Aussagen. Dies decke sich mit vielen anderen wissenschaftlichen Untersuchungen zu dem Thema, sagt Koopmann."
Antisemitismus gibt es in Deutschland
rechts wie links,
meint in der
Welt Deniz Yücel. Und er riecht kein bisschen vornehmer, wenn er sich als postkolonial tarnt. "Wo bei den einen 'der Zionismus' oder der
Staat Israel die Figur des 'Weltjudentums' ersetzt haben, hat bei anderen die '
globalistische Elite' den Platz der imaginierten 'jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung' eingenommen: Einst planten die '
Kosmopoliten' die Zersetzung des 'Volkskörpers', heute haben die '
Globalisten' den Plan zur 'Umvolkung' ausgeheckt - oder die Corona-Lüge in die Welt gesetzt, um die 'New World Order' durchzusetzen. Diese
Metamorphosen des Antisemitismus tragen auch zu einem Phänomen wie der Vereinigung 'Juden in der AfD' bei. Oder zu einem Verein namens 'Jüdische Stimmen für einen gerechten Frieden in Nahost', der bei Demonstrationen mitwirkt, auf denen die
Auslöschung Israels gefordert wird. So willkommen solche Gruppierungen als Kronzeugen sind, zeigt ihre Existenz nur eines: dass die Vorstellung vom Judentum als geschlossen agierenden Gemeinschaft ein Hirngespinst ist."
Derweil gießt
Erdogan Öl ins Feuer,
berichtet Spon, indem er den Israelis vorwirft, "Terrorismus" liege "in ihrer Natur" und: "Sie sind Mörder, sie töten Kinder, die fünf oder sechs Jahre alt sind. Sie sind erst zufrieden, wenn sie
ihr Blut aussaugen."
Der Grünen-Politiker
Tareq Alaows hat seine Bundestags-Kandidatur wegen
rassistischer Drohungen zurückgezogen. Im
Gespräch mit
Zeit online schildert Alaows, der 2015 aus Syrien nach Deutschland geflohen war, seine Erfahrungen hier: "Mir wurde klargemacht: Du hast den falschen Namen, die falsche Hautfarbe, du hast kein Recht auf Teilhabe. Mit der Kandidatur wurde mir das noch mal besonders bewusst gemacht, aber das gibt es seit Jahrzehnten. Deutschland hat ein Rassismusproblem. Es gibt
keine diskriminierungsfreien Räume in dieser Gesellschaft." Außerdem habe er Angst um seine Familie in Syrien: "Hier in Deutschland kann ich Maßnahmen ergreifen, um mich zu schützen. Dort gibt es niemanden, der
meine Familie schützen könnte. Ich wollte und will hier gern etwas zurückgeben und Verantwortung übernehmen. Aber nicht um jeden Preis. Ein syrischer, liberaler Oppositioneller, der für den Bundestag kandidiert, ist für Nationalisten eine Angriffsfläche. Viele von ihnen unterstützen das Assad-Regime, vor dem ich geflohen bin. Und Rechtsextremisten und Nationalisten sind international gut miteinander vernetzt. Es gibt syrische Flüchtlinge, die Assad-Anhänger sind und als
wissenschaftliche Mitarbeiter bei der AfD im Bundestag arbeiten."
Auf der Seite 3 der
SZ porträtiert Boris Herrmann einen andere Bundestagskandidaten:
Shoan Vaisi, einst aus dem Iran nach Deutschland geflüchtet, will für die Linke kandidieren: "Als im April die ersten Meldungen über seine Kandidatur kursierten, dauerte es nicht lange, bis sich in den Kommentarspalten die
übliche völkische Niedertracht breitmachte. Kleine Auswahl: 'Der Typ soll sich heimscheren!' - 'Ich komme gar nicht raus aus dem Kotzen.' - 'Flüchtlinge haben im Deutschen Bundestag nichts zu suchen.' ... Vaisi sagt, er habe
auch sehr viel Unterstützung von Unbekannten bekommen. 'Das stärkt mich in meiner Entscheidung.' Er, der ehemalige Flüchtling im Parlament, das wäre aus seiner Sicht auch ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, 'dass die Rechten die Leute
nicht einfach so einschüchtern können'."
In der
Berliner Zeitung plädiert der
Historiker Götz Aly für den
Erhalt der Mohrenstraße in Berlin, die ihren Namen verlieren soll, weil er angeblich rassistisch und herabsetzend sei. Das ist Unsinn, meint Aly. "Zur Zeit der Benennung wurden in der ständisch verfassten Gesellschaft einzelne Menschen- und Berufsgruppen mit Straßennamen nicht diskriminiert, sondern
ehrend als Gemeinschaften hervorgehoben. Deshalb haben wir in Berlin die Schützenstraße, die Jüdenstraße, den Gendarmenmarkt, den Kadettenweg, den Hugenottenplatz, die Böhmische Straße usw. Die Mohrenstraße kreuzt die nach dem vor 320 Jahren regierenden Königspaar - Friedrich und Charlotte - benannten Straßen des heutigen Zentrums. Eine derart
hervorgehobene Position im alten und heutigen Zentrum Berlins kann nicht herabsetzend gemeint gewesen sein. Im Deutschen wird das Wort Mohr seit langer Zeit nicht mehr als Bezeichnung für einen Menschen dunkler Hautfarbe verwendet; es existiert auch
nicht als Schimpfwort." Beim Bezirksamt Mitte kann man noch vier Wochen
Widerspruch gegen die Umbenennung einlegen.
Eine der schärfsten Streitigkeiten innerhalb der Linken tobt in letzter Zeit im
Feminismus. Die Bremer Frauen-Senatorin
Claudia Bernhard von den Linken zog ihre Schirmherrschaft und Zuschüsse für das "LesbenFrühlingsTreffen" schon Ende April zurück, weil da auch über das äußerst heikle Verhältnis zwischen (klassischem) Feminismus und der Transbewegung gehen sollte. Die Organisatorinnen verlieren 9.000 Euro Zuschuss,
berichtet Chantal Louis bei
emma.de. In sechs der insgesamt fünfzig Workshops sollte etwa problematisiert werden, "dass die Zahl
pubertierender Mädchen und junger Frauen, die 'transitionieren', rasant zunimmt. Inzwischen kommen auf einen Jungen, der das Geschlecht wechseln will, zehn Mädchen. Hat das womöglich weniger mit Transsexualität zu tun als vielmehr mit den gerade für Frauen besonders
einengenden Geschlechterrollen? Darum soll es im Workshop einer sogenannten De-Transitionierin gehen, also einer Frau, die zum Transmann wurde, und heute wieder als Frau lebt." Trotz der Streichungen und Debatten soll das Festival in den nächsten Tagen stattfinden.