Streit um die Corona-Politik Im vorderen Teil der
Zeit konstatiert Mariam Lau mit Verwunderung, dass gerade die
Erfolge der Corona-
Politik der Bundesregierung ihre Sinnhaftigkeit in Frage stellen: "Erste Anzeichen für eine zweite Welle sehen Virologen wie der Charité-Professor Christian Drosten bereits. Das
bisschen mehr Bewegung und Kontakt, das die Leute sich zu Ostern genehmigten - also bevor die ersten Lockerungsmaßnahmen der vergangenen Woche in Kraft traten -
erhöhte die Ansteckungsrate in Deutschland auf einen Wert, der über dem Italiens lag. 'Wir verspielen unseren Vorsprung', fürchtet Drosten, der für seine Warnungen inzwischen Morddrohungen bekommt. ... Verblüfft stellte der Vizepräsident des Robert Koch-Instituts, Lars Schaade, bei einem morgendlichen Corona-Update fest: 'Die Tatsache, dass Deutschland
vergleichsweise wenig Ansteckungen und Todesfälle im internationalen Vergleich hat, führt nun dazu, dass das
Erreichte infrage gestellt wird.'"
Zum Beispiel im Aufmacher des
Zeit-Feuilletons von Jens Jessen, der ein Problem mit der Tatsache hat, dass die föderalistische Bundesrepublik in der Coronakrise
unterschiedliche Handlungsansätze hat. Dass das je nach Region und Betroffenheit sinnvoll sein kann, leuchtet ihm nicht ein, er möchte Übersichtlichkeit und
ausziselierte Gleichheit. Darüber werde viel zu wenig debattiert, findet er, und beschuldigt Angela Merkel und die sie umgebenden Politiker der "moralischen Einschüchterung", etwa wenn es um die Frage gehe,
Kontaktsperren für die Hochrisikogruppen der Älteren zugunsten der Jüngeren durchzusetzen: "Als würde Gerechtigkeit gebieten, dass Beschränkungen, die für den einen hilfreich oder lebensnotwendig sind, sofort und ausnahmslos allen anderen aufgezwungen werden - damit niemand besser dasteht? Darf, wenn einer
auf den Rollstuhl angewiesen ist, niemand anders mehr zu Fuß gehen?" Nur, wenn die Lähmung ansteckend für Fußgänger ist.
In der
SZ kritisiert Till Briegleb die
Ungleichbehandlung von Freien und Angestellen in der Coronakrise: "Soll die
Geigerin nun also ihren Ehering versetzen, während niemand von dem
festangestellten Motordesigner verlangt, seinen Drittwagen zu verkaufen, bevor er Kurzarbeitergeld bekommen kann? Diese massive Ungleichbehandlung ist so offensichtlich, dass man sich wundert, warum es noch keine Klagewelle dagegen gibt." In der
FAZ berichtet Jan Brachmann zugleich, dass Monika Grütters neue Hilfen für Künstler verspricht. Und der Theatermann Stefan Rosinski fordert Unterstützung für die freie Szene (
mehr in efeu).
============= Eine ziemlich irre Geschichte über einen Krieg innerhalb der "
queeren"
Szene Marokkos erzählt Mohamed Amjahid in der
taz: Die "nichtbinäre" Youtube-Influencerin
Sofia Taloni, offenbar zugleich eine Schwulenhasserin, rief ihre Gefolgschaft auf, sich mit falschen Identitäten in schwulen Dating-Apps einzuloggen, Köder auszulegen und
Homosexuelle zu outen. Und ihre Followerinnen folgen ihr: "Eine Mehrheit der
Täter*
innen sind
Frauen, die sich mit Klarnamen in sozialen Medien bewegen. Neben Bildern von ihren Kindern und Backrezepten erscheinen Screenshots von Grindr auf ihren Profilen. Die Frauen posten seit Tagen die
privaten Daten ihrer Opfer, beleidigen sie queerfeindlich, drohen mit einer Anzeige, teilen ihre persönlichen Daten im Netz. Es ist ein Pranger mit potenziell dramatischen Folgen für die Einzelnen." Homosexualität ist in Marokko strafbar.
Und in der Türkei war es gleich
Ali Erbas, der oberste Boss der Religonsbehörde
Diyanet (die auch die hiesigen Ditib-Moscheen kontrolliert), der durch krasse homophobe Äußerungen auffiel und von Erdogan gleich in Schutz genommen wurde,
berichtet Deniz Yücel
Welt: "In seiner Predigt
zu Beginn des Fastenmonats Ramadan hatte er am Freitag zunächst über den Kampf gegen das Coronavirus gesprochen und dann gesagt: 'Der Islam zählt Unzucht zu einer der größten Sünden, er
verdammt die Homosexualität.' Diese führe zu Krankheiten und lasse 'Generationen verrotten'. Hunderttausende Menschen würden
außereheliche Beziehungen pflegen und sich mit dem HI-Virus infizieren. Es sei 'wissenschaftlich erwiesen', dass 'dieser und ähnliche Viren' durch Schmutz verbreitet würden."
Mehr in der
taz von Jürgen Gottschlich.