9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

2773 Presseschau-Absätze - Seite 140 von 278

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.05.2020 - Gesellschaft

Drostens Podcast hören er und seine Frau in ihrem Häuschen auf Long Island täglich, dankbar für die Informationen, erklärt Daniel Kehlmann im Interview mit der SZ. Weniger dankbar ist er für das Robert-Koch-Institut, deren düsteren Prognosen er misstraut: "Diese grauen Hüter über die Zahlen sind Beamte, sie müssen die Folgen einer stillgelegten Gesellschaft nicht fürchten. Gleichzeitig erleben sie einen Machtzuwachs, von dem sie nie hätten träumen können. Natürlich haben sie Interesse daran, den Status quo zu erhalten, das liegt in der menschlichen Natur." Kehlmann, der es mehr mit dem schwedischen Weg hält, "muss oft an den 11. September 2001 denken. Das war ein furchtbarer Terroranschlag mit vielen Toten. Eine Katastrophe, auf die man reagieren musste. Und dennoch war die Reaktion letztlich fatal: der Patriot Act und Guantanamo, und dann der Krieg im Irak. Mit Unterstützung eines großen Teils der Bevölkerung kam es zu radikalen Einschränkungen der Grundrechte, von denen viele bis heute nicht zurückgenommen sind."

Geschäfte, Kitas und Schulen öffnen - das wird gefährlich. Denn im Herbst wird Corona wieder zunehmen, warnt auf Zeit online der Virologe Alexander S. Kekulé: "Aus fehlender Immunität, vernachlässigtem Social Distancing und unzureichendem Schutz der Risikogruppen könnte dann im Herbst ein viraler Orkan entstehen." Dennoch plädiert er für eine schrittweise Öffnung von Läden, Kitas und Schulen, vorausgesetzt wir sind dabei S.M.A.R.T., was konkret bedeutet: Schutz der Risikogruppen, Masken, Aufklärung des Infektionsgeschehens, Reaktionsschnelle Nachverfolgung und Tests. Dass ausgerechnet der Schutz der Risikogruppen, also vor allem der Alten, so umstritten ist, wundert ihn: "Durch speziell zugeschnittene Hygienekonzepte dürften Heimbewohner nach dem Ende des Lockdowns wieder ein weitgehend normales Leben führen und auch Besuch empfangen. Mit professionellen Infektionsschutzmasken (FFP2-Masken) ausgestattet, könnten ältere Menschen das Haus verlassen und unter Leute gehen, ohne ihr Leben durch Covid-19 zu riskieren. Risikoangepasste, flexible Schutzkonzepte bedeuten nicht weniger, sondern mehr Freiheiten für die Betroffenen."

Im Interview mit der Berliner Zeitung kann sich der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, einen Immunitätsausweis durchaus vorstellen, solange der nicht dazu benutzt wird, Privilegien zu erwerben - "etwa, indem man die Abstandsregeln nicht mehr einhalten muss". Skeptischer ist er bei der Maskenpflicht: "Wenn ich in Berlin mit der U-Bahn fahre, sehe ich viele Menschen mit einer FFP 3-Maske mit Auslassventil. Das sind die Masken für medizinisches Personal. Mit dieser Maske schützt man sich selbst, gefährdet jedoch andere, weil der Atem in hochkonzentrierter Form freigesetzt wird. Auch bei den normalen Masken gibt es gesundheitliche Risiken: Man greift sie dauernd an, weil sie feucht werden und fasst sich dann mit den Fingern ins Gesicht. Das ständige Auf- und Absetzen in Geschäften und der Bahn birgt ebenfalls erhebliche Risiken. In der Summe richten sie womöglich mindestens so viel Schaden an, wie sie eventuell nutzen. Und kulturell finde ich es höchst fragwürdig und problematisch, wenn wir unser Gesicht voreinander verstecken."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.05.2020 - Gesellschaft

In einem Essay aus Atlantic, den Zeit online übersetzt hat, zeichnet George Packer ein verheerendes Bild vom Zustand der USA, das sich in der Coronakrise besonders deutlich zeigt: "Den ganzen schier endlosen März über stellten die Amerikaner jeden Morgen beim Aufwachen fest, dass sie in einem gescheiterten Staat lebten. Da es keinen nationalen Plan, keine einheitlichen Anweisungen gab, mussten Familien, Schulen und Büros selbst entscheiden, ob sie einen Shutdown durchführen und Schutz suchen sollten. Als sich herausstellte, dass Tests, Masken, Kittel und Beatmungsgeräte knapp waren, baten Gouverneure das Weiße Haus um Hilfe. Dieses jedoch zauderte und wandte sich dann an die Wirtschaft, die aber nicht liefern konnte. Bundesstaaten und Städten wurde ein Bieterwettkampf aufgezwungen, der sie zur leichten Beute von Wucher und Profitgier machte. Die Bürger holten die Nähmaschinen heraus und versuchten, das unzureichend ausgerüstete Krankenhauspersonal gesund und dessen Patienten am Leben zu halten. Russland, Taiwan und die Vereinten Nationen schickten humanitäre Hilfe ins reichste Land der Welt - in eine Bettlernation im heillosen Chaos."

In den USA sterben mehr schwarze Menschen an Covid-19 als Weiße, die oft sozial besser gestellt sind. Ob das in Deutschland auch so ist, kann man nicht sagen, schreibt Matej Snethlage, in der taz, denn aus guten Gründen werden in Deutschland keine Statistiken erhoben, wer welcher Hautfarbe ist. Aber man kann ja schon mal anfangen, sich zu beschweren: "Nur weil Rassismus nicht empirisch beobachtet wird, heißt es nicht, dass er nicht existiert. Tahir Della, Mitglied der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD), sagt: 'Es ist zu befürchten, dass marginalisierte Gruppen stärker von Corona getroffen werden.' Die ISD habe häufig mit Menschen aus Krankenhäusern zu tun, die rassistisch diskriminiert wurden. 'Wir gehen davon aus, dass auch im Gesundheitswesen Rassismus eine Rolle spielt, aber es gibt keine Erhebungen und keine Daten darüber, wie oft das vorkommt und wie viele Menschen es trifft', sagt er."

Die Historikerin Bettina Hitzer, Autorin des Buchs "Krebs fühlen", fragt im Aufmacher des FAZ-Feuilletons, ob wir uns nicht darauf einstellen müssen, dass die Bedrohung durch das Virus und andere mögliche Pandemien nicht dauerhaft Teil unserer täglichen Erfahrung wird: "Für solche Situationen fehlen uns lebendige Erinnerungen, wenn man einmal von Aids absieht, das sich aufgrund anderer Übertragungswege von Covid-19 deutlich unterscheidet. Doch schon die ersten Reaktionen auf Aids in den achtziger Jahren deuten die Problematik an: Schnell galten Homosexuelle als Risikogruppen und Gefährder. Ältere historische Beispiele von Infektionskrankheiten zeigen: Ansteckung und Bakterien (und natürlich auch Viren, die aber erst später nachweisbar wurden) waren in der Moderne nicht nur potenziell tödliche Gefahren, sondern auch wirkmächtige todbringende Metaphern."

In der Welt glaubt Andreas Rosenfelder, nur linke und rechte Ideologen hätten ein Problem mit schnellen Lockerungen der Corona-Maßnahmen. Eine mögliche zweite Welle von Infektionen beunruhigt ihn nicht. Dafür ärgert er sich jetzt schon über diejenigen, die, wie er glaubt, eine "klammheimliche Hoffnung" hegten, "dass es genau so kommt. Dass all die Abweichler, Aufwiegler und undisziplinierten Drängler zügig abgestraft werden durch eine ordentliche Rückkehr der Seuche, mit der dann - fast wie in der geschlossenen Logik der 'Truman  Show' - gleichsam als Haftstrafe auch ein neuer Lockdown, eine Erneuerung der Maßnahmen unausweichlich sei. Das aber wird dann schon nicht mehr als selbstverständlich gelten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.05.2020 - Gesellschaft

Vor einen Tagen legte das Münchner Oberlandesgericht unter dem Vorsitzenden Richter Manfred Götzl die 3.000-seitige Urteilsbegründung zum NSU-Prozess vor (unser Resümee). Die Begründung löst bei der Opferangehörigen Elif Kubasik und den Anwälten der Angehörigen Empörung wegen ihrer technisch kalten Sprache und der Auslassung vieler Fragen aus, berichtet Konrad Litschko in der taz: "Wenn die Urteilsgründe mit 3.025 Seiten schon so lang seien, 'warum haben Sie dann nicht wenigstens aufgeschrieben, wonach Sie uns gefragt haben, was diese Morde mit uns und unseren Familien angerichtet haben?', fragt Kubasik. Warum gibt es keine Ausführungen zu weiteren Helfern? Dazu, wie nah der Staat dem Trio war? Wie der Verfassungsschutz Akten zerstörte? 'Wir wollten nichts Unmögliches', schreibt Kubaşık. 'Wir wollten, dass Sie uns ernsthaft zuhören. Uns, die schon vor allen anderen ahnten, dass hinter den Morden Nazis stecken.'"

In der Welt versucht der ehemalige Verfassungsrichter Udo di Fabio zwischen Lockerungs- und weiterer Lockdownpolitik abzuwägen. Der Staat schulde keinen absoluten Lebensschutz, denn dann gebe es keine Freiheit mehr, sondern einen sozialadäquaten. Aber: "Das Besondere an der Sars-Covid-2-Pandemie liegt darin, dass eine Infektionslage entstanden ist, die zurzeit nicht mitden Kategorien des sozialadäquaten Risikos erfasst werden kann. Bei einer unbekannten Bedrohungslage wie dieser - zumal mit nicht nur nationalem, sondern globalem Ausmaß - kommt es zu einer gesteigerten Schutzpflicht. Im Dunkeln muss man sich vorsichtiger bewegen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.05.2020 - Gesellschaft

Auf einmal ist sie weg, die Konsonanz zwischen Politik und Gesellschaft, die in der ersten Phase von Corona herrschte, stellt der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar in der FAZ fest und vermisst schon jetzt die Zeit, als die Wissenschaft Argumente lieferte und in Talkshows aufgeklärt statt gestritten wurde: "Die Zahlen gehen zurück, die Krankenhäuser stehen leer, und das Eingesperrtsein nervt. Ist das womöglich alles übertrieben? Diese Reaktion wird verstärkt durch ein bekanntes Paradoxon: Statt die Maßnahmen als Erfolg zu feiern und sich über den bislang glimpflichen Verlauf zu freuen, wächst die Kritik an den Experten. Ein Irrsinn: Würden wir die Feuerwehr abschaffen, nur weil es im vergangenen Jahr nicht gebrannt hat? Das zweite Kapitel der Pandemie hat begonnen, eine Phase gekennzeichnet von Widerstand, Wut und Anschuldigung. Zu Zeiten der Pest richtete sich der Volkszorn gegen Ketzer, Juden oder Frauen, heute erleben wir diese bemerkenswerte Wende der Politik im Verhältnis zur Wissenschaft."

Im FR-Interview mit Judith von Sternburg beobachtet die Frankfurter Ethnologin und Museumsdirektorin Eva Raabe, wie sich gerade Rituale und Gewohnheiten verändern, und etwa das Verhältnis von Nähe und Distanz neu austariert wird: "Diese Art von Ritualen verschiebt sich sonst auch, aber nicht so schnell. Das Händeschütteln der Nordeuropäer kann heute förmlich wirken, während Umarmungen und Küsschen in meiner Jugend noch als sehr übergriffig galten... Distanz wird man wieder eher als etwas Höfliches bewerten, als soziales Verhalten. Das kann man gut mit Asien vergleichen, wo Distanz schon jetzt zur Höflichkeit gehört. Man will das Gegenüber nicht überschütten, man verbeugt sich aus Entfernung, zeigt eine gewisse Demut."

-----

Michael Wuliger klopft in seiner Kolumne in der Jüdischen Allgemeinen einen Satz von Jakob Augstein - "Leben ist nie der höchste oder gar der einzige Wert einer Gesellschaft, und unserer schon gar nicht" - nach historischen Echos ab und findet, dass es in ihm ziemlich unheimlich rumort: "Die aktuelle Diskussion über den richtigen Weg zur Eindämmung von Covid-19 ist nicht nur ein pragmatischer Streit um die besten praktischen Maßnahmen. Im Hintergrund steht auch unausgesprochen die Frage nach dem Wert des Lebens jedes Einzelnen." In der taz erkennt Tobias Schulze vor allem mit Blick Wolfgang Schäuble und Boris Palmer auf Klugheit und Empathie ankommt, mit der jemand über den Wert des Lebens nachdenkt, und fürchtet einen "selektiven Moralismus".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.04.2020 - Gesellschaft

Die taz bringt eine Sonderausgabe zum Ausgang aus der Coronakrise (der sich irgendwo hinter dem Licht am Ende des Tunnels befindet) - hier das Editorial.

Nicht die EU ist in Europa das Problem, nicht sie hat in erster Linie versagt, schreibt in diesem Dossier der Politologe und Europa-Aktivist Alberto Alemanno: "Das große Hindernis für die Fähigkeit der EU, Probleme zu lösen, sind unsere nationalen politischen Systeme - und die zugehörigen politischen Klassen. Die traditionelle Parteienpolitik täuscht weiterhin vor, von Migrationspolitik bis zum Klimawandel alles auf nationalem statt europäischem Level steuern zu können. Doch wie die europäische Antwort auf Covid-19 gezeigt hat, ist das pure Fiktion." Die Konsequenz ist für Alemanno klar stärkere europäische Integration: "Wer Entscheidungen mit grenzüberschreitender Bedeutung trifft, muss auch aus einem grenzüberschreitenden Wahlprozess hervorgehen."

Weiter hinten im taz-Dossier untersucht Andreas Fanizadeh die Bocksgesänge vorwiegend älterer Herren, die sich von Angela Merkel bevormundet fühlen, allen voran Frank Castorf, der in einem Spiegel-Interview das Händewaschen verweigerte und sich auf seine DDR-Erfahrung berief. Ihm gegenüber steht  Ferdinand von Schirach, der mit Alexander Kluge ein Gespräch zur Krise veröffentlichte: "Bei nur 6.000 Coronatoten in Deutschland und geschlossenem Bühnenbetrieb kann einer wie Castorf ganz schön pampig werden. Und sich fragen, ob Männer wie Trump oder Putin nicht doch die bessere Politik repräsentieren. Der Sound der Querfront. Von Schirach interpretiert die Kanzlerin entgegengesetzt. Er schätzt an ihr, dass 'sie als ehemalige Bürgerin der DDR weiß, was diese staatlichen Beschränkungen bedeuten'. Und er sieht 'ihr Ringen um das richtige Maß', hebt ihre Appelle an die Freiwilligkeit der BürgerInnen hervor."

Außerdem im Dossier: Es sind vor allem Frauen vom Virus benachteiligt, sagt Karin Nordmeyer vom UN Women Nationales Komitee Deutschland im Gespräch mit Patricia Hecht: "In Italien sind derzeit 66 Prozent der Infizierten im Gesundheitsbereich Frauen, in Spanien 72 Prozent."  Die kleine Ungerechtigkeit, dass fast doppelt so viele Männer an Covid-19 sterben wie Frauen (mehr hier) ist in dem Gespräch keine Erwähnung wert.

Darauf weist immerhin der UN-Generalsekretär Antonio Guterres in der FR hin. Das Coronavirus stellt zwar ein größeres Gesundheitsrisiko für Männer dar, Frauen leiden allerdings bereits unter den tödlichen Folgen von Abriegelungen und Quarantänen, schreibt er: "Diese Einschränkungen sind unerlässlich - aber sie erhöhen das Risiko von Gewalt gegen Frauen, die mit misshandelnden Partnern gefangen sind. In den letzten Wochen nahm häusliche Gewalt alarmierend zu. Die größte Hilfsorganisation in Großbritannien berichtete von einem Anstieg der Anrufe um 700 Prozent. Gleichzeitig sind Hilfsdienste für gefährdete Frauen mit Kürzungen und Schließungen konfrontiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.04.2020 - Gesellschaft

Streit um die Corona-Politik

Im vorderen Teil der Zeit konstatiert Mariam Lau mit Verwunderung, dass gerade die Erfolge der Corona-Politik der Bundesregierung ihre Sinnhaftigkeit in Frage stellen: "Erste Anzeichen für eine zweite Welle sehen Virologen wie der Charité-Professor Christian Drosten bereits. Das bisschen mehr Bewegung und Kontakt, das die Leute sich zu Ostern genehmigten - also bevor die ersten Lockerungsmaßnahmen der vergangenen Woche in Kraft traten - erhöhte die Ansteckungsrate in Deutschland auf einen Wert, der über dem Italiens lag. 'Wir verspielen unseren Vorsprung', fürchtet Drosten, der für seine Warnungen inzwischen Morddrohungen bekommt. ... Verblüfft stellte der Vizepräsident des Robert Koch-Instituts, Lars Schaade, bei einem morgendlichen Corona-Update fest: 'Die Tatsache, dass Deutschland vergleichsweise wenig Ansteckungen und Todesfälle im internationalen Vergleich hat, führt nun dazu, dass das Erreichte infrage gestellt wird.'"

Zum Beispiel im Aufmacher des Zeit-Feuilletons von Jens Jessen, der ein Problem mit der Tatsache hat, dass die föderalistische Bundesrepublik in der Coronakrise unterschiedliche Handlungsansätze hat. Dass das je nach Region und Betroffenheit sinnvoll sein kann, leuchtet ihm nicht ein, er möchte Übersichtlichkeit und ausziselierte Gleichheit. Darüber werde viel zu wenig debattiert, findet er, und beschuldigt Angela Merkel und die sie umgebenden Politiker der "moralischen Einschüchterung", etwa wenn es um die Frage gehe, Kontaktsperren für die Hochrisikogruppen der Älteren zugunsten der Jüngeren durchzusetzen: "Als würde Gerechtigkeit gebieten, dass Beschränkungen, die für den einen hilfreich oder lebensnotwendig sind, sofort und ausnahmslos allen anderen aufgezwungen werden - damit niemand besser dasteht? Darf, wenn einer auf den Rollstuhl angewiesen ist, niemand anders mehr zu Fuß gehen?" Nur, wenn die Lähmung ansteckend für Fußgänger ist.

In der SZ kritisiert Till Briegleb die Ungleichbehandlung von Freien und Angestellen in der Coronakrise: "Soll die Geigerin nun also ihren Ehering versetzen, während niemand von dem festangestellten Motordesigner verlangt, seinen Drittwagen zu verkaufen, bevor er Kurzarbeitergeld bekommen kann? Diese massive Ungleichbehandlung ist so offensichtlich, dass man sich wundert, warum es noch keine Klagewelle dagegen gibt." In der FAZ berichtet Jan Brachmann zugleich, dass Monika Grütters neue Hilfen für Künstler verspricht. Und der Theatermann Stefan Rosinski fordert Unterstützung für die freie Szene (mehr in efeu).

=============

Eine ziemlich irre Geschichte über einen Krieg innerhalb der "queeren" Szene Marokkos erzählt Mohamed Amjahid in der taz: Die "nichtbinäre" Youtube-Influencerin Sofia Taloni, offenbar zugleich eine Schwulenhasserin, rief ihre Gefolgschaft auf, sich mit falschen Identitäten in schwulen Dating-Apps einzuloggen, Köder auszulegen und Homosexuelle zu outen. Und ihre Followerinnen folgen ihr: "Eine Mehrheit der Täter*innen sind Frauen, die sich mit Klarnamen in sozialen Medien bewegen. Neben Bildern von ihren Kindern und Backrezepten erscheinen Screenshots von Grindr auf ihren Profilen. Die Frauen posten seit Tagen die privaten Daten ihrer Opfer, beleidigen sie queerfeindlich, drohen mit einer Anzeige, teilen ihre persönlichen Daten im Netz. Es ist ein Pranger mit potenziell dramatischen Folgen für die Einzelnen." Homosexualität ist in Marokko strafbar.

Und in der Türkei war es gleich Ali Erbas, der oberste Boss der Religonsbehörde Diyanet (die auch die hiesigen Ditib-Moscheen kontrolliert), der durch krasse homophobe Äußerungen auffiel und von Erdogan gleich in Schutz genommen wurde, berichtet Deniz Yücel Welt: "In seiner Predigt zu Beginn des Fastenmonats Ramadan hatte er am Freitag zunächst über den Kampf gegen das Coronavirus gesprochen und dann gesagt: 'Der Islam zählt Unzucht zu einer der größten Sünden, er verdammt die Homosexualität.' Diese führe zu Krankheiten und lasse 'Generationen verrotten'. Hunderttausende Menschen würden außereheliche Beziehungen pflegen und sich mit dem HI-Virus infizieren. Es sei 'wissenschaftlich erwiesen', dass 'dieser und ähnliche Viren' durch Schmutz verbreitet würden." Mehr in der taz von Jürgen Gottschlich.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.04.2020 - Gesellschaft

Zwei Jahre nach Abschluss des Prozesses gegen Beate Zschäpe, die als gleichberechtigte Komplizin von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt im NSU-Trio angeklagt war, legen die Richter ihre 3.000-seitige Urteilsbegründung vor, die Konrad Litschko in der taz zumindest in Bezug auf Zschäpe mit Befriedigung liest. An der Schwere ihrer Schuld sehe das Gericht keine Zweifel: "Zschäpes Tatbeiträge seien 'von überragender Wichtigkeit' für die Terrorserie gewesen, ja 'geradezu Bedingung'. Alle Taten des Trios hätten 'gemeinsam, arbeitsteilig in bewusstem und gewollten Zusammenwirken' stattgefunden. Zschäpe habe dabei das Trio mit Alibis getarnt, die Abwesenheiten der Uwes mit Vorwänden verschleiert - und auch mit den Männern die Tatorte und Opfer ausgesucht. Dass sie bei den Taten nicht vor Ort war, sei 'unverzichtbarer' Teil des Plans gewesen - um die Wohnung abzusichern, die als 'Zentrale' diente. Und um dort im Ernstfall Beweise zu vernichten und die Bekenner-DVDs zu verschicken." Weniger überzeugt ist Klitschko von den milden Urteilen gegen Komplizen.

In der SZ denkt Thomas Steinfeld darüber nach, das die Coronakrise über die Kleinfamilie offenbart: Wie man jetzt sehen könne, existiert sie in ihrer ursprünglichen Form und als Hort des Guten und Geschützten einfach nicht mehr, meint er. "Eine Schule, die ihre Notwendigkeit zu einem großen Teil aus der Verpflichtung bezieht, die ihr anvertrauten Kinder ebenso günstig wie unauffällig zu verwahren, kann unmöglich eine gute Schule sein. Eine Gesellschaft, in der man Kinder nachmittags nicht unkontrolliert herumlaufen lassen kann, ohne befürchten zu müssen, dass ihnen etwas angetan wird oder dass sie etwas anstellen, das nicht wiedergutzumachen ist, kann unmöglich eine freie Gesellschaft sein. Und wenn Kinder, Mütter und manchmal auch Väter zunehmend zum Opfer 'häuslicher Gewalt' zu werden drohen", spreche das auch nicht gerade für die höhere Sittlichkeit der Kleinfamilie.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.04.2020 - Gesellschaft

Die Syrer hatten wirklich guten Grund zu glauben, sie hätten den Kelch des Unglücks bis zur Neige ausgeschöpft. Dann kam die Pandemie. In der NZZ weiß Loubna Sweileh kaum, wie sie diesen neuen Schrecken in Worte fassen soll: "Als wäre ganz Damaskus nun al-Mazraa . . . Warum dieses verlorene Gefühl in unserer Stadt? Wir wissen nicht einmal, ob Frühling, Sommer oder Winter ist. Hier gibt es keine Seelen mehr, nur wandelnde Leichname aus irgendeiner Zombie-Fernsehserie. Vielleicht wird die Serie ja irgendwann abgesetzt, weil die ewige Wiederholung des Elends nur mehr langweilig und öde ist. Nach und nach verlieren wir unsere Fähigkeit zum Mitgefühl; nicht einmal das Schicksal derer, die uns am nächsten sind, berührt uns noch."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.04.2020 - Gesellschaft

Wenn die Berliner gestern etwas ernst genommen haben, dann waren es die Lockerungsmaßnahmen:


Wir gewinnen durch die Coronakrise ein neues Bild vom Staat, sagt der Soziologe Armin Nassehi im Gespräch mit Michael Hesse von der FR: "Vielleicht lernen wir derzeit sehr deutlich, wie leistungsfähig einerseits ein Marktmechanismus ist, der durchaus kreative technische, auch medizinische Möglichkeiten hervorbringt, dass aber für die Daseinsvorsorge, für die Prävention, für das Vorhalten etwa von Intensivbetten oder Beatmungsmöglichkeiten durchaus staatliche, also nicht marktförmige Garantien nötig sind."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.04.2020 - Gesellschaft

Ziemlich präzise beschreibt Timo Feldhaus im Freitag die stillen Tage der Coronakrise in Berlin: "Berlin Alexanderplatz, ein paar Jungs kicken einen Fußball in hohem Bogen über die riesige, menschenleere Betonplatte. An den Wohnhäuserwänden stehen Pappkartons mit Aussortiertem, die Leute misten aus, von dem sie sich lange nicht trennen konnten, jetzt zu verschenken. Auf der Straße achten alle aufeinander. Choreografiert und artifiziell wirken ihre Bewegungen, wie in einem Film von Jacques Tati. Es ist so irre still, die Luft riecht frisch und gut. Ein Rabe sitzt auf einer noch zuckenden Taube und isst ihren Kopf. Die Tauben sind schwach. Wir geben nichts mehr."

Im NZZ-Gespräch mit Jörg Scheller erklärt der Historiker Andreas Möller, weshalb uns die Krise derart aus der Bahn wirft - auch wenn Pandemien erwartbar sind: "Die Auswirkungen von Corona sind nicht banal, sondern im Guten wie im Schlechten ein Spiegelbild unserer engen Vernetzung und Abhängigkeit von globalen Wertschöpfungsketten. Wir registrieren plötzlich Stellschrauben im System, die wir sonst kaum wahrnehmen, beispielsweise das Fehlen von Erntehelfern. Für die Alltagswahrnehmung der Bevölkerung dürften die Bilder leerer Regale in Discountern, aber auch die täglichen Nachrichten über Infizierte oder Verstorbene ebenso bedeutend sein - der permanente Kontrast von Nah- und Fernhorizont."

Michael Wuliger fragt in seiner Kolumne in der Jüdischen Allgemeinen, warum der Begriff des "Philosemitismus" so negativ besetzt ist: "Interessanterweise findet man diese Herabwürdigung von Sympathie auch nur, wenn es um Juden geht. Frankophile, die jedes Jahr in die Dordogne fahren, Georges Brassens hören und ausschließlich französischen Wein im Keller haben, werden vielleicht wegen ihrer Marotte belächelt. Auf die Idee, sie ideologisch oder psychologisch zu hinterfragen, gar zu brandmarken, käme keiner."