Die
Hamas hatte bei ihren Angriffen auf
Israel nur eines im Sinn: "Frieden zu verhindern", ruft uns
Yuval Noah Harari in der
SZ zu. Der
Historiker blickt dabei verständnislos auf die Linke, die sich auf die Seite der Hamas stellt. "Das Bindeglied zwischen der radikalen Linken und fundamentalistischen Organisationen wie der Hamas ist
der Glaube an absolute Gerechtigkeit, der dazu führt, dass man sich weigert, die Komplexität der Realitäten in dieser Welt anzuerkennen. Gerechtigkeit ist ein hehres Anliegen, aber die Forderung nach absoluter Gerechtigkeit führt unweigerlich zu endlosem Krieg. In der Geschichte der Welt ist
noch nie ein Friedensvertrag zustande gekommen, der keine Kompromisse erforderte oder für absolute Gerechtigkeit sorgte." Harari fügt außerdem hinzu: "Die Juden haben nie absolute Gerechtigkeit in Sachen Holocaust bekommen - wie sollten sie auch? Könnte irgendjemand die Schmerzensschreie in ihre Kehlen zurückholen, den Rauch zurück in die Schornsteine von Auschwitz leiten und
die Toten aus den Krematorien zurückbringen?"
Der
Antisemitismus gehört von Anfang
zur Linken wie ein lästiger Schönheitsfehler, den sie lieber nicht reflektiert. Es fängt an mit den utopischen Sozialisten wie Charles Fourier und Alphonse Toussenel, sagt der Historiker
Michael Brenner im Gespräch mit Carlotta Wald in der
Zeit und hört nie auf. Während die gemäßigtere Sozialdemokratie einigermaßen frei von dem Symptom ist, mobilisieren Stalinismus und die DDR die alten Reflexe, und auch in der Bundesrepublik geht es weiter: "Die deutschen Linksradikalen sehen seither in den Palästinensern Verbündete. Nach 1967 entstehen
radikale Verbindungen. Linksradikale Terrorgruppen wie
die RAF lassen sich im Libanon durch palästinensische Terroristen an der Waffe ausbilden. Anschläge auf ein
jüdisches Gemeindehaus in Berlin am 9. November 1969, dem Jahrestag der Pogromnacht, und im Februar 1970 auf ein Altenheim der jüdischen Gemeinde in München folgen. Und natürlich sieht man diese Zusammenarbeit, wenn man so will, auch in dem Anschlag auf die israelischen Sportler der
Olympiade 1972." Für die aktuelle Linke trifft der Vorwurf des Antisemitismus erst recht, wie diese Tage ja offengelegt haben: "Ich würde schon meinen, es ist im Kern antisemitisch, wenn
Israel das Existenzrecht abgesprochen wird. Denn man darf nicht übersehen: Die Hälfte aller Juden weltweit leben heute in Israel. Sie haben keinen anderen Staat, in den sie auswandern könnten."
Die Israelkritiker "wollen
nur kontextualisieren", behaupten sie, aber Peter Neumann nimmt ihnen das im Aufmacher des
Zeit-Feuilletons nicht ab: "Wer dieses 'absolut Böse' nicht mit aller Macht in die Schranken weist, sondern glaubt, es jetzt mit den Wunderwaffen der
kommunikativen Vernunft zähmen zu können, wird bald selbst in seine Fänge geraten. Der wird bald nichts mehr verurteilen können. Nur weil der Westen Schuld auf sich geladen hat, heißt das nicht, dass er sich jetzt
kleinlaut in die Ecke verziehen muss. Der Westen hat seine Bereitschaft und Fähigkeit gezeigt, aus historischen Fehlern zu lernen. Auch das gehört heute zum Erbe der europäischen Aufklärung."
Scharfer Wind weht auf Twitter dem Chef der Münchner Sicherheitskonferenz,
Christoph Heusgen, entgegen, der im
Heute Journal von einer "
Hamas-Aktion" gesprochen hat, die nicht im Vakuum stattgefunden habe, und Israel mehr oder weniger zum
sofortigen Einlenken aufforderte.
Inzwischen rudert Heusgen in einem Interview,
hier zitiert im
Kölner Stadtanzeiger, zurück: "natürlich liegt mir nichts ferner, als
diesen Zivilisationsbruch, wie man den barbarischen Überfall der Hamas-Kämpfer auf die Zivilisten bezeichnen kann, nicht klar zu benennen."
Eberhard Seidel
erzählt in der
taz die Geschichte der
palästinensischen Immigration, die meist aus dem Libanon kam, in Berlin, besonders
Neukölln. Probleme mit diesen Gruppen seien Folgen einer
Politik der Marginalisierung seit den achtziger Jahren, vor der "linke Stimmen" schon immer gewarnt hätten, behauptet er: "Häufig werden der Islam und vorgebliche Besonderheiten der arabischen Mentalität für dieses sozial- und bildungspolitische Desaster verantwortlich gemacht. Diese Argumentation wird der Geschichte nicht gerecht. Vielmehr gilt: Als die Politik nach Jahrzehnten endlich den Weg zur Integration der Geduldeten ebnete, war es für viele zu spät. Alles, was wir heute unter den Chiffren Parallelgesellschaft,
Clankriminalität, Intensivtäter und
Islamismus diskutieren, sind Spätfolgen der Politik der Marginalisierung."
Berlins Integrationsbeauftragte
Katarina Niewiedzial fürchtet im Gespräch mit Anna Thewalt vom
Tagesspiegel schon vorgestern, "dass die aktuelle Debatte ein Verstärker für den
antimuslimischen Rassismus ist. Ich wünsche mir, dass man das Leid der zivilen Bevölkerung auf beiden Seiten anerkennt, auch auf der palästinensischen Seite. Wir dürfen uns als Gesellschaft nicht spalten lassen, auch vor dem Hintergrund der rund
45.000 Menschen palästinensischer Herkunft, die in Berlin leben." Erste Priorität hat für sie der Schutz der
jüdischen Bevölkerung, aber für die Bekämpfung des Antisemitismus setzt sie auf die Zusammenarbeit mit
Islamverbänden: "Wir haben Gremien wie das Islamforum oder Projekte wie den Rat der Imame. Hierauf müssen wir aufbauen. Die Zusammenarbeit ist nicht immer einfach, gerade medial steht sie häufig in der Kritik. Aber wir brauchen diese Gesprächskanäle, mehr denn je."
In diesen Gremien befinden sich durchaus auch Personen, die den
Muslimbrüdern nahestehen,
konstatiert Frederik Schindler in der
Welt. Er hat auch die Integrationsbeauftragte des Bezirks Neukölln,
Güner Balci, zur Position Niewiedzials befragt, die sich sehr kritisch äußert: "Wer wie Frau Niewiedzial fordert, mit Islamisten zu kooperieren, um Antisemitismus zu bekämpfen, trägt Mitverantwortung daran, dass Juden in Deutschland
nicht sicher sind. Frau Niewiedzial stößt damit auch alle
liberalen Muslime vor den Kopf, die sich dringend ein Ende des Empowerments reaktionärer und demokratiefeindlicher Imame und Organisationen wünschen. Eine Zusammenarbeit mit Islamisten produziert Muslimfeindlichkeit."
Außerdem: Berliner Schulen dürfen nach den antiisraelischen Protesten in der Stadt das sogenannte
Palästinensertuch verbieten. Gut so, schreibt der Historiker
Sven Felix Kellerhoff in der
Welt, die Kufiya sei schon seit langer Zeit ein Symbol für Antisemitismus.
Frederik Eikmanns stellt in der taz die Ergebnisse einer EU-Studie vor, wonach schwarze Menschen im europäischen Vergleich in Deutschland besonders häufig diskriminiert werden.