9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.02.2021 - Ideen

Eine Gruppe von Geistes- und Sozialwissenschaftlern, darunter Sandra Kostner, Andreas Rödder und Ulrike Ackermann, veröffentlicht als "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit" ein Manifest gegen die (so im Papier nicht benannte) "Cancel Culture" an den Universitäten: "Einzelne beanspruchen vor dem Hintergrund ihrer Weltanschauung und ihrer politischen Ziele, festlegen zu können, welche Fragestellungen, Themen und Argumente verwerflich sind. Damit wird der Versuch unternommen, Forschung und Lehre weltanschaulich zu normieren und politisch zu instrumentalisieren. Wer nicht mitspielt, muss damit rechnen, diskreditiert zu werden. Auf diese Weise wird ein Konformitätsdruck erzeugt, der immer häufiger dazu führt, wissenschaftliche Debatten im Keim zu ersticken."

Das Netzwerk sei gegründet worden, berichtet Thomas Thiel in der FAZ, um Opfern der Cancel Culture, die von ihren Institutionen oft im Regen stehen gelassen würden, Unterstützung anzubieten. "Wie die Initiatorin und Sprecherin, die Migrationsforscherin Sandra Kostner, auf der Pressekonferenz sagte, beansprucht man keine Deutungshoheit über bestimmte Themen, sondern will auf eine Debattenkultur hinwirken, in der sich Redner keine Sorgen mehr darüber machen müssen, für bestimmte Standpunkte persönlich diskreditiert zu werden. ... Das Gründungsmanifest lässt keine politischen oder weltanschaulichen Ziele erkennen."

In der SZ will Paul Munzinger das Netzwerk nicht so ganz ernst nehmen. Wer ist denn dieser mächtige Mainstream, der konformes Verhalten erzwingt, fragt er. "Ironischerweise, sagt Rödder, sehe man heute die Folgen der unternehmerischen, auf Leistung gepolten Universität. Sie zwinge dazu, Anträge so zu formulieren, wie sie die Entscheider in den Gremien lesen wollten - also etwa mit Genderstern. Die unternehmerische Universität als Steigbügelhalterin des linken Mainstreams - eine mutige These ist das in jedem Fall."

Im Interview mit der Zeit erklären Sandra Kostner und Andreas Rödder, warum diese These überhaupt nicht absonderlich ist: "Die 'unternehmerische Universität' brauchte einen Indikator zur Leistungsmessung", erklärt Rödder, "und das sind vor allem Drittmittel, also von außen eingeworbene Forschungsgelder. Diese werden zumeist durch Gremien vergeben, in denen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, also Kollegen sitzen. Das führt zu neuen Kartellbildungen und erhöht den Konformitätsdruck. Denn um Drittmittel zu bekommen, benötigen Sie die Zustimmung von Gutachtern und Entscheidern in den Gremien. Dadurch ist ein selbstreferenzieller Zirkel entstanden: Man versucht, Zustimmung zu erheischen - und tut nichts, von dem anzunehmen ist, dass es nicht die Zustimmung der anderen findet."

Der ehemalige Grünen-MdB Volker Beck stellt das Netzwerk auf Twitter dagegen gleich in die Nähe von Houston Stewart Chamberlain:

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.02.2021 - Ideen

Detlev Claussen liest für die taz Axel Schildts bei Wallstein erschienene Archäologe der Medienintellektuellen in Deutschland, die an viele heute kaum noch denkbare Episoden erinnert: "Spannend ist der Kampf zwischen Merkur und Monat um die Meinungsführerschaft im Zeitschriftenmarkt nachzulesen. Der Monat, gestützt mit US-amerikanischem Geld, setzte auf die Konfrontation eines modernen Westens gegen die regressive Abschottung des antikosmopolitischen Ostens. Der Merkur versuchte antitotalitär Schritt zu halten, bediente sich aber auch gern im Fundus deutsch-elitärer Geistestradition. Die südwestdeutsche Industrie bot dem Projekt finanziellen Rückhalt. Soziologen wie Arnold Gehlen und Helmut Schelsky standen bereit, einen autoritären Konservativismus zu propagieren. Der junge Jürgen Habermas aber spürte deren Antiintellektualismus und lehnte es ab, als modernisierendes Feigenblatt zu dienen."

Das Hans-Albert-Institut präsentiert eine große Seite zum Philosophen Hans Albert, einen kritischen Rationalisten und Gefährten Karl Poppers, der hundert Jahre alt wird und sich offenbar bester Gesundheit erfreut: "Der von Albert und Popper vertretene Kritische Rationalismus hat nicht nur Freunde. Wissenschaftskritikern, Ideologen und Dogmatikern aller Couleur ist er ein Dorn im Auge. Der erste, der sich auf eine in Zeitschriften geführte intellektuelle Fehde mit Albert einlässt, ist der Soziologe Jürgen Habermas, der Poppers Philosophie als 'positivistisch' missversteht. Albert repliziert umgehend, und damit beginnt in den 1960er Jahren der (freilich zweifelhaft betitelte) Positivismusstreit, der medial und international breit rezipiert wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.02.2021 - Ideen

Robert Heinze fragt bei 54books, ob sich mit der Iphone-App Clubhouse, einer Art Radio-App, in der jeder mittalken darf, sofern er sich Apple-Geräte leisten kann und überdies eingeladen wird, nunmehr Bertolt Brechts Radiotheorie vom partizipativen Medium erfülle. Klappt aber nicht. Erst muss die Revolution kommen: "Was all diese Interpretationen Brechts verbindet, ist, dass sie ausgerechnet ihn als einen rein mit technologischen Aspekten von Medien beschäftigten Theoretiker lesen, der der Technik selbst revolutionäres Potenzial zuschreibe, anstatt sich zu fragen, in welche gesellschaftlichen Zustände Medien eingebettet sind und wie diese Zustände Form und Inhalt der Medien bestimmen. Der entscheidende Schlusssatz seiner Rede weist schon darauf hin."

Der Kampf um neue Sprachregelungen bezeugt für Jürgen Wertheimer (NZZ) "auf groteske Weise den Gesamtzustand einer Gesellschaft im permanenten Angriffs- und Verteidigungsmodus - dazwischen ist kaum mehr Raum für Kritik, Rationalität, Grautöne. ... Nur wenn wir uns verändern, verändert sich auch unsere Sprache. Eine Gesellschaft, die lernen würde, weniger in ideologischen Mustern zu denken und auch Grauzonen und Bedeutungsspielräume zu akzeptieren, würde automatisch eine andere Sprache hervorbringen, eine Sprache, in der Begriffe wie 'Ausgleich', 'Verständigung' und 'Kompromiss' kein Synonym für Schwäche wären."

Einen ähnlichen Fanatismus sieht Bundestagsvize Wolfgang Kubicki (FDP) in der NZZ in der Pandemiebekämpfung aufflammen: "Durch die fehlenden Begründungen für diese Einschnitte wird die Bekämpfung der Pandemie zur Glaubensfrage. Tatsächlich ist die Wahrscheinlichkeit, sich in Kunstausstellungen anzustecken, fast null. Geschlossen wurden sie trotzdem, aus Solidarität. Das Robert-Koch-Institut (RKI) stellte fest, die Gastronomie sei kein Infektionstreiber, trotzdem mussten die Betriebe schließen. Während in der einen Situation die Worte des RKI als sakrosankt angesehen werden, werden sie an anderer Stelle ignoriert. Die Menschen sahen, dass Irland einmal als leuchtendes, anschließend als warnendes Beispiel für Deutschland bezeichnet wurde - beide Male frei von wissenschaftlicher Evidenz. Der bloße Glaube an die Richtigkeit der Maßnahmen lässt Kritik dann wie Häresie erscheinen. Die freie Gesellschaft, die auf den Errungenschaften der Aufklärung entstand, sieht sich plötzlich mit mittelalterlichen Erklärungsmustern konfrontiert."

In der Welt fordert Gerald Gaß, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, eine deutliche Rücknahme der Lockdownmaßnahmen, sobald die über 80-Jährigen und Menschen mit schweren Vorerkrankungen geimpft sind. Null-Covid sei keine Strategie - das könne es höchstens auf einer Insel geben, nicht in einem Land mitten in Europa: "Wenn aber die bisher mit Abstand am stärksten betroffenen Bevölkerungsgruppen ganz überwiegend durch die Impfung geschützt sind, müssen wir lernen, mit der Erkrankung und dem Virus zu leben. Spekulationen über Virusmutanten, die Jüngere deutlich stärker als bisher betreffen und schwerer erkranken lassen, sind bisher ohne wissenschaftliche Evidenz und sollten nicht handlungsleitend für die Politik sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.01.2021 - Ideen

In der Welt ärgert sich Alan Posener über die Unterzeichner der Initiative "GG 5.3 Weltoffenheit" (Unsere Resümees), denen er nicht nur politische Instrumentalisierung von Kunst und Wissenschaft vorwirft. Aus Abgeordnetenkreisen hat er erfahren, dass jene "linken Funktionäre" vor ihrer heroischen Tat abgewartet haben, bis ihre Etats fürs kommende Jahr durchgewunken wurden, zudem fragt er sich, weshalb die Unterzeichner zwar den "Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus, Rechtsextremismus und jede Form von gewaltbereitem religiösem Fundamentalismus" ins Zentrum ihres Textes stellen, sich dann aber "nicht dazu durchringen können, den Islamismus beim Namen zu nennen. Als hätten wir es mit jüdischen Angriffen auf Moscheen zu tun oder mit apokalyptischen Christen, die in massenmörderischer Absicht Lastwagen in Ramadan-Feiern hineinfahren. Bei so viel Feigheit muss man nicht von 'Kampf' reden. Und gegen den Linksextremismus wird schon gar nicht gekämpft, als habe es die G-20-Krawalle nie gegeben, als gäbe es keine linke Cancel-Culture an deutschen Hochschulen, wo die künftige Bildungselite des Landes erzogen wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.01.2021 - Ideen

In der NZZ fühlen sich der Wissenschaftsphilosoph Michael Esfeld und der Ökonom Philipp Kovce von den Ratschlägen der Wissenschaft in der Pandemie entmündigt - vor allem, wenn sie als alternativlos hingestellt werden. Schließlich stürben vor allem über 80-Jährige, die man einfach besser schützen müsse: "Die Freiheit des einen hört in liberalen Demokratien selbstverständlich dort auf, wo sie andere konkret bedroht. Doch diese Bedrohung besteht - den ebenso freiwilligen wie wirksamen Schutz von Risikopersonen vorausgesetzt - durch das sogenannte 'Killervirus' gerade nicht. Dennoch gibt es zahlreiche Corona-Krieger, die unter falscher Flagge der Wissenschaft den Staatsfeind Nummer Sars-CoV-2 unverzüglich um jeden Preis vernichten wollen (Stichwort: 'Zero Covid'). Für Mündigkeit und Freiheit, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung haben diese Kriegstreiber keine Zeit. Sie beschwören lieber harte, härtere, härteste Maßnahmen und verklären deren Befolgung zu einem Akt nationaler Solidarität."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.01.2021 - Ideen

In der NZZ warnt der Zukunftsforscher Daniel Dettling vor einer neuen Form der Despotie weltweit, als deren Anführer er Donald Trump und Xi Jinping festmacht: "Die neuen Despoten eint mehr, als sie trennt. Sie geben sich überparteilich und wenden sich gegen die traditionellen Eliten und Parteien. Zwischen ihnen kommt es nicht zufällig zu ungewöhnlichen Kooperationen. So wurde Trumps Kandidatur 2016 von führenden russischen Politikern unterstützt, und auch russische Medien arbeiteten zugunsten von Trump. Nach Trumps Wahlsieg von 2016 unterstützten russische Bots Le Pen in Frankreich und die AfD in Deutschland. Denn es gibt einen gemeinsamen Feind: die liberale Demokratie und ihr Projekt der Globalisierung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.01.2021 - Ideen

Die Schriftstellerin Berit Glanz hat bei Twitter einen langen Thread über berühmte Künster veröffentlicht, die Gewalt gegen Frauen ausübten - bis hin zu tödlicher Gewalt - ohne, dass es ihren Karrieren schadete. Ihre Beispiele reichen von William S. Burroughs bis Peter Handke. Simon Sahner greift diesen Thread bei 54books auf. Trug der Mythos der Gewalt zum Geniekult bei? Jedenfalls ging es auch um eine Vermischung von Fiktion und Realität, so Sahner: "Besonders perfide ist da ein Fall wie die Vergewaltigung der damals neunzehnjährigen Schauspielerin Maria Schneider durch den wesentlich älteren Marlon Brando während der Dreharbeiten zu 'Der letzte Tango' in Paris vor laufender Kamera, eine Szene, die um der vermeintlichen Authentizität willen vorher vom Regisseur Bernardo Bertolucci und Brando geplant worden war und die im Film zu sehen ist. An dieser Stelle verbinden sich auf abstoßende Weise die Realität misogyner Gewalt mit der Fiktion des scheinbar gebrochenen Mannes, den Brando in dem Film darstellen soll." Mehr zur Frage, wie real die Gewalt im "Letzten Tango" war, hier und in diesem Wikipedia-Artikel.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.01.2021 - Ideen

In der FR diagnostiziert Christian Lotz, Professor für Philosophie an der Michigan State University, eine strukturelle Krise der USA, die vor allem von einer Verfassung geprägt ist, die nicht mehr ins 21. Jahrhundert passt. Auch, weil ihre durch und durch förderalistische Ausrichtung jede nationale Anstrengung zur Behebung von Missständen untergräbt. Besonders gut kann man das bei den Wahlen erkennen: "Die Wahlverfahren sind unorganisiert und basieren auf Regeln und Technologien, die nicht national einheitlich sind, selbst wenn es um die Wahl des Präsidenten geht. Die Briefwahl hat dieses Jahr gezeigt, wie das System dysfunktional wird. Zum Beispiel konnte man in einigen Staaten erst kurz vor der Abstimmung die Briefwahl beantragen, obwohl klar war, dass die nationale Post mit riesigen Lieferverzögerungen zu kämpfen hatte. Die Wahlkarten sind nicht immer eindeutig, so dass viele Menschen sie an der falschen Stelle unterschreiben und ihre Stimmen ungültig werden. Aufgrund von schwerer Überlastung der nationalen Post wurde den Gerüchten, dass es bei den Wahlen nicht mit rechten Dingen zugeht, Vorschub geleistet. Die Wahlregistrierung bleibt aufgrund von unterschiedlichen Pass- und Identitätsdokumenten chaotisch und kann so von Trumpisten ausgenutzt werden."

Der neue Präsident der USA ist ein guter Mann und das nicht zuletzt, weil er als Kind gestottert hat, schreibt in der SZ Friedrich Christian Delius, der sich auf Youtube eine Rede Joe Bidens bei einem Galaabend der National Stuttering Association angehört hat: "Wer so über Schmerzen, Scham, Selbsthass und Demütigungen spricht, kann kein ganz schlechter Politiker sein", schreibt ein tief beeindruckter Delius. "Anschaulich und witzig erzählt der Vizepräsident, wie er als Junge vor dem Spiegel stand und sich dafür hasste und schämte, dass sein schweres Stottern, seine verzerrte Sprache auch seine Gesichtszüge verzerrten und hässlich machten. Wie er vor dem Spiegel trainierte, Gedichte von Ralph Waldo Emerson und William Butler Yeats so zu lesen, dass sich seine Gesichtsmuskeln immer weniger verzogen. Wie er über den Rhythmus der Verse für sich selbst einen Sprechrhythmus fand, der seine Züge nicht mehr entstellte, und wie er nach und nach Kontrolle gewann über das, was er sagte. ... Über keine Behinderung wird so gelacht wie über das Stottern. Das schärft bei denen, die solche Kränkungen erlebt haben, die Menschenkenntnis. Sie wittern schnell, auf wen man sich verlassen kann. Bei Joe Biden wird diese Erfahrung des Stotterns sogar zu einer staatstragenden Haltung: Der Kampf mit dem Stottern 'gab mir Einblick in den Schmerz, in das Leid anderer Menschen, ich lernte, dass jeder etwas hat, wogegen er kämpfen muss und manchmal versucht zu verstecken'."



Die NZZ hat einen Text von Timothy Garton Ash aus dem britischen Prospect Magazin übernommen, in dem sich der britische Denker für einen neuen Liberalismus einsetzt, der es mit dem "Entwicklungsautoritarismus" Chinas aufnehmen kann: "Wir hätten auf Pierre Hassner hören sollen. Der brillante französische Politphilosoph, in Rumänien geboren, äußerte schon 1991 die Warnung, auch wenn wir zu Recht den Triumph der Freiheit am Ende des Kalten Krieges feierten, müssten wir bedenken, dass die Menschheit nicht von universeller Freiheit allein lebe. Er sagte voraus, dass der Drang zu Nationalismus und Sozialismus zurückkehren werde, und er erklärte ihn auch: als Sehnsucht nach Gemeinschaft und Identität einerseits, nach Gleichheit und Solidarität anderseits. Dank dieser klarsichtigen Analyse können wir eine Diagnose stellen, was in vielen liberalen Demokratien schiefgelaufen ist, aber auch ein Rezept finden. Gemeinschaft und Identität sind Werte (und menschliche Grundbedürfnisse), die das konservative Denken pflegt, während die sozialistische Tradition auf Gleichheit und Solidarität achtet. Im nicht nur scherzhaften Geist eines gefeierten Essays des polnischen Philosophen Leszek Kolakowski schlage ich deshalb vor, dass wir uns als konservativ-sozialistische Liberale versuchen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.01.2021 - Ideen

Linke glauben oft, sie seien sozusagen automatisch vor Antisemitismus gefeit. Dabei hat der der moderne Antisemitismus seine Wurzeln ebenso in der Linken wie in rechten Ideologien, schreibt Richard Herzinger in seinem Blog: "Die Juden als nicht eindeutig historisch definierbare Gruppe - weder sind sie im Begriff des Volkes oder der Nation, noch einer Religionsgemeinschaft, und schon gar nicht einer Klasse vollständig zu fassen - standen quer zu den Rollenzuweisungen im Szenario der sozialistischen Heilsgeschichte. Ihr eigensinniger Partikularismus wurde den Juden als reaktionäre Verweigerung der Einsicht in die Gesetzmäßigkeit des historischen Fortschritts, ihr grenzüberschreitender Kosmopolitismus als Unterminierung geschlossener, 'progressiver' historischer Subjekte wie dem Nationalstaat verübelt und mit der vermeintlich entfremdenden, vereinzelnden Wirkung der Geldherrschaft in Verbindung gebracht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.01.2021 - Ideen

Der Kulturwissenschaftler Philipp Felsch testet in der FAZ aus, welche Parallelen sich zwischen den Verschwörungstheoretikern von heute und den Anhänger der kritischen Theorie ziehen ließen. Stichwort: Verblendungszusammenhang. Aber dann sieht Felsch doch einige Unterschiede zwischen QAnon und Adorno: "Die Apokalyptiker unserer Tage agieren ihr Unbehagen in der Zivilisation bevorzugt auf der Ebene der Tatsachenwahrheit aus. Das führt auf der einen Seite zu jener gefährlichen Politisierung der Fakten, die wir seit einigen Jahren beobachten, und auf der anderen Seite zum Blühen von Verschwörungstheorien, die zwischen den Punkten Linien ziehen. Bei aller Tendenz zur dogmatischen Verhärtung hatte spekulatives Denken den Vorzug, für Argumente zugänglich zu sein. Zwar muss man von Tatsachen nicht schweigen - darüber zu streiten ist aber nahezu ein Ding der Unmöglichkeit."

Im SZ-Interview mit Andreas Tobler möchte Slavoj Zizek mit der Vorstellung vom genußvollen Sex aufräumen, der den anderen nicht zum Objekt degradiert. Zizek hat gerade das Buch "Sex und das verfehlte Absolute" geschrieben: "Was mich aber an politisch korrekten Leuten stört, ist, dass sie Macht und Sex auf abstrakte Weisen trennen: Sie gehen davon aus, dass Sex ohne Patriarchat reiner, unschuldiger Spaß sein könnte. Und Macht alles ruiniere. Aber es gibt keinen unschuldigen Sex. Sex ist extrem exklusiv, eine Art kosmisches Ungleichgewicht: Sie ziehen jemanden vor, um den sich dann alles dreht."