9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2275 Presseschau-Absätze - Seite 104 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.01.2021 - Ideen

Vor zwei Jahren brachten Kulturfunktionäre eine "Erklärung der Vielen" gegen die AfD heraus, Ende letzten Jahres einen Aufruf der "Initiative GG 5.3 Weltoffenheit", um BDS-Sympathisanten einladen zu können. Dabei agieren AfD und BDS in vielem recht ähnlich, findet Thomas Wessel bei den Ruhrbaronen. Und nebenbei stilisieren sich die Kulturmandarine zu Opfern - auf Konsistenz werde dabei keine Rücksicht genommen. "Hat die 'Erklärung der Vielen' noch eine halbwegs konkrete Praxis gegen AfD und rechte Strategien gesetzt, findet sich bei der 'Initiative' nichts: kein Programm, keine Aktion, keine Idee dafür, wie man den Leuten, die BDS zum cultural code erheben, denn eigentlich begegnen will, mit welchem Ziel, welcher Strategie, in welchen Formen. Stattdessen textet man munter ins Blaue hinein, da ist ist BDS mal 'unbedeutend' und dann wieder Stimme eines 'globalen Südens'; mal kennt 'kaum jemand' die Kampagne, dann wieder wäre ein Verzicht auf sie 'nachhaltig negativ'; mal geht es um 'Kampf', dann um die 'Auflösung kriegerischer Schemata' und so weiter. Egal was, es passt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.01.2021 - Ideen

In der NZZ attackiert Michael Wolffsohn die den BDS verteidigenden deutschen Kulturinstitutionen und Norbert Röttgen, der maßgeblich daran beteiligt gewesen sei, dass im neuen Budget des Bundestags "keinem BDS-Partner Geld verweigert" wird: "Sie wenden sich gegen den angeblichen Boykott von Boykottbefürwortern, die sie als 'wichtige Stimmen' im offenen Meinungswettstreit bezeichnen. Erkennen sie nicht, dass Boykott und Offenheit einander ausschließen? Sie 'denken' wohl so: Boykott ist schlecht, doch Boykott durch unsere Favoriten ist gut. Denken und Ethik à la carte. Was steht uns bevor? Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof hat das BDS-Raumverbot aufgehoben, die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags nennen es unvereinbar mit Artikel 5.1 des Grundgesetzes. Sie argumentieren buchstabengetreu, rein innerdeutsch. Sie (wollen?) übersehen, dass Israels Existenz die ultimative Überlebensgarantie auch deutscher Juden, also letztlich eben doch oder zumindest auch ein innerdeutsches Problem ist. Mit solchen sachblinden Freunden brauchen Juden keine Feinde mehr."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.01.2021 - Ideen

Marlene Streeruwitz antwortet in der SZ auf Alex Rühles scharfe Kritik (unser Resümee) an ihrem Vergleich der Corona-Regeln mit den Nürnberger Rassegesetzen (unser Resümee): "Eine Person, die in München lebt, weiß nichts davon, wie ich in Wien leben muss. Und. Die jeweiligen Geschichtsvorgänge schlagen anders zu Buche. Ich lebe seit dem Jahr 2000 mit der Regierungsbeteiligung einer Rechtspartei. Das ist eine reale Situation, die ja zu Beginn noch mit europäischen Sanktionen bedacht worden war, die aber dann ja doch niemanden interessierte. Die Folgen dieses Desinteresses bilden sich in der EU ab. Und. Regionalerweise. Die jeweils Betroffenen sind zu hören. Ihre regionale Erfahrung muss als Auskunft ernst genommen werden. Beurteilungen unter Ausschluss der Erfahrungen der Betroffenen machen diese Beurteilungen zu Kolonialisierungsversuchen."

Nach der Wirtschaftskrise 2008 aber noch mehr jetzt in der Coronakrise "Hustling" zu einer unerlässlichen Kernkompetenz, behauptet Simon M. Ingold in der NZZ. Wobei er "Hustling" als Selbsterhaltungsstrategie versteht: "Die Generation Z hat diesen Umstand bereits weitgehend verinnerlicht, ganz im Unterschied zum Rest der Menschheit. Er hat sein angeborenes Hustler-Gen aus Angst, Bequemlichkeit und Scham verkümmern lassen. Wir sind feste Jobs mit festem Einkommen, aufgebessert mit mehr oder weniger hohen Boni, gewohnt. Wir haben komfortable Kündigungsfristen, ein stabiles Vorsorgesystem und sozialstaatliche Institutionen, die uns im Bedarfsfall unter die Arme greifen. Hustling jedoch ist gleichbedeutend mit Anti-Kontinuität und damit ein radikaler Gegenentwurf zu der langfristig angelegten Lebens- und Karriereplanung und deren größtem Versprechen, der Stabilität. Es ist eine Mentalität, die wie geschaffen erscheint für eine Zeit immer schnelleren Wandels und steigender Komplexität."

In der SZ überlegt Peter Richter, woher die Aversion vieler Menschen gegen das Impfen kommt und stellt mit der amerikanischen Autorin Eula Biss fest, dass wir Krankheiten häufig als Metaphern für kulturelle und gesellschaftliche Zusammenhänge behandeln: "Als Linguistin begeisterte sich Eula Biss für die metaphorischen Potenziale der Immunität. Am Ende war ihr Buch ["Immun", vor sechs Jahren auf Deutsch erschienen] ein Plädoyer für das Impfen, nur ausdrücklich auch als kulturelle Leistung der Gemeinschaft. Und auf dem Weg zu diesem Schluss werden eben auch die hartnäckigen Aversionen dagegen verständlicher."

In der NZZ plädiert der pensionierte Theologe Peter Ruch dafür, die Coronamaßnahmen, die vor allem die Jüngeren hart träfen, etwas genauer zu untersuchen. Gewichtet sehen möchte er dabei auch, dass an Corona vor allem alte Menschen sterben. Vielleicht sind wir den Tod einfach nicht mehr gewohnt, meint er: "Starben 1870 in der Schweiz noch jährlich 2,7 Prozent der Bevölkerung, waren es 2019 knapp 0,8 Prozent. Das Lied vom verdrängten Tod ist hier nicht anzustimmen, doch erhebt sich die Frage, ob es neben dem bekannten Machbarkeitswahn einen Verhinderungswahn gibt. Verhinderungsprojekte sind seit Jahrzehnten prominent traktandiert: gegen Krieg, Rassismus, Antisemitismus, Armut, Unrecht, Natur-, Tier-, Gewässerschädigung, CO2. Vieles wurde erreicht. Das nährt die Phantasie, jegliches Unheil sei abwendbar. Und die Vollkasko-Ansprüche machen blind für die Nebenwirkungen, die jede Maßnahme im Schlepptau führt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.01.2021 - Ideen

Künstliche Intelligenz denkt nicht, und wird auch nicht die Macht übernehmen, erklärt der Schweizer Philosoph Walther Ch. Zimmerli in der NZZ und erzählt, wie der Begriff, der im Englischen ganz unspektakulär "technische Informationsverarbeitung" bedeuten kann, zustande kam: "Eine Gruppe junger Wilder um den noch nicht ganz 28-jährigen John McCarthy, damals Assistenzprofessor für Mathematik, verwendet ihn prominent in ihrem Antrag auf Förderung einer Konferenz, die dann, von der Rockefeller Foundation finanziert, im Sommer 1956 am Dartmouth College stattfand. Ein häufig vernachlässigter Aspekt im Gründungsmythos der KI ist jedoch, dass McCarthy diesen Begriff bewusst wählte, um die Bezeichnungen 'Automatentheorie' und 'Kybernetik' zu vermeiden und so die Koryphäe Norbert Wiener nicht einladen zu müssen."

In der FR denkt Björn Hayer über die "Gefühlskultur" nach, die die politische Debatte seit einigen Jahren begleitet, in den USA, aber auch in Deutschland: Rechts, mit "spalterischer und hasserfüllter Angriffslust", links mit dem Empörungspathos einer Greta Thunberg etwa. Aber man sollte Pathos nicht den Radikalen überlassen, meint er: "Denn dass das Pathos auch Eingang in die Rhetorik des gemäßigten Lagers findet, gibt Anlass zum Optimismus. Die Rede ist von der Renaissance einer demokratischen Kultur, die wieder von Leidenschaft und Streitlust zeugt. Politik braucht neben Fakten Gefühle. Nur sie sind dazu imstande, breite Partizipation herzustellen. Sie setzen Begeisterung frei und lassen Menschen für eine Sache kämpfen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.01.2021 - Ideen

Mark Terkessides und Hito Steyerl kritisieren in der Zeit die Fixierung deutscher Debatten auf Themen wie Rassismus und BDS und die Muster dieser Debatte, die aus Amerika importiert seien. Sie möchten den Blick auf Deutschland zurücklenken: "Die differenzierte und ortsspezifische Debatte wurde auch von jenen Kulturinstitutionen versäumt, die sich jetzt gegen den Bundestagsbeschluss in Sachen BDS wehren." Der deutsche Kolonialismus etwa habe sich vorrangig auf Europa bezogen: "So notwendig es ist, dass es nun eine Debatte über den deutschen Kolonialismus in afrikanischen Ländern gibt, so wenig lässt sich das deutsche koloniale und imperiale Projekt auf diesen Abschnitt der Geschichte beschränken. Tatsächlich waren polnischsprachige Gebiete für 150 Jahre von Preußen und dem Deutschen Reich annektiert - warum nennt das kaum jemand Kolonialismus? Weil es in Europa stattfand und 'Weiße' betraf?" Den Holocaust wollen die beiden ebenfalls als ein in der Linie des Kolonialismus stehendes Ereignis sehen.

Die Redaktion der Zeit hat die Anregung der beiden allerdings nicht beherzigt und ist idiotisch genug, einen Artikel von Philipp Ther mit "Turkish Lives Matter" zu betiteln, als seien die Türken in Deutschland in der selben Lage wie die Schwarzen in den USA. Ther geht es um etwas ganz andere - nämlich darum, dass der Erfolg der Biontech-Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci alles andere als repräsentativ ist für Chancen und Lage der türkeistämmigen Minderheit im Land.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2021 - Ideen

Es gibt hier und da auch Juden, die BDS-Positionen zustimmen. taz-Autorin Charlotte Wiedemann freut sich über diese "jüdische Diversität", die für sie beweist, dass israelkritische Positionen nicht per se antisemitisch sind. Eine "unanfechtbare moralische Autorität" in der Frage, was Antisemitismus sei, gibt es für sie nicht mehr: "Auch der Zentralrat ist das nicht mehr. Eine Institution, in der sich Religiöses, Ethnisches, Politisches verbindet und widerspruchsfrei öffentlich positioniert, war im Land der Schoah gewiss lange notwendig, zumal jüdische Existenz im Nachkriegsdeutschland von der Judenheit anderswo zunächst keineswegs begrüßt wurde. Seitdem der Zentralrat aber jüdischen Stimmen, die aus seiner Sicht missliebig und israelfeindlich sind, das Jüdischsein abspricht, hat er sich selbst in die Niederungen des Meinungskampfs begeben."

Im Interview mit dem Standard denkt die Philosophin Eva von Redecker über Eigentum, ein anderes Leben und neue Protestformen nach, die den Liberalismus gleich ganz abschaffen wollen. Das ist ihr dann doch etwas unheimlich: "Individualismus bis zur Wahrung von idiosynkratischen Ansprüchen und Rückzugsräumen, die im liberalen Gefüge durch Rechte gewahrt sind, ist unverzichtbar. Gleichzeitig habe ich aber, stark geprägt durch feministische Theorien und 'Critical Race Theory', gelernt, dass man sich klarmachen muss, wie sehr der hegemoniale, politische Liberalismus soziale Herrschaft verschleiert und verlängert. Diejenigen, die in den Verdacht geraten, zu fanatische Identitätspolitik zu betreiben, sind ja diejenigen, die liberale Ansprüche hereinretten in neue Politiken des Lebens. Darin erkennt sich die Identitätspolitik, die es nie nötig hatte, sich als Standort zu bestimmen, nämlich die weißmännlichbürgerliche, die sich für universal halten konnte, schlecht wieder.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.01.2021 - Ideen

Dass Kultur so viel mehr sein kann als die Abgrenzung zum anderen, die sich aus einer kulturellen "Identität" speist, können wir bei Ernst Cassirer und seiner Philosophie der symbolischen Formen lernen, die eine Kritik der Kultur einschließt, ermuntert der Zürcher Japanologe Raji Steineck in der NZZ: "Als 'symbolischen Formen' wird noch dem Mythos und der Alltagssprache zugestanden, eine je eigene Weise der Welterschließung zu sein. Als solche dürfen sie prinzipiell Geltung für sich in Anspruch nehmen, und das heißt: Sie dürfen und sollen sich neben den anderen behaupten. Allerdings: Der Modus der Geltung unterscheidet sich, darum kann die mythische 'Bedeutsamkeit' (ein glücklicher Term von Blumenberg) nicht an der Stelle einer 'wissenschaftlichen Erkenntnis' stehen. Das unterscheidet Cassirers Pluralismus der symbolischen Formen vom Kulturrelativismus, wie er später etwa in der Ethnologie populär wurde. Geltung muss sich ausweisen können, in ihrem Bestand wie ihrer Reichweite. Das heißt auch: Sie unterliegt der Kritik. Damit ist die philosophische Reflexion auf Bereiche ausgeweitet, die man vorher für unter ihrer Würde hielt. Und zugleich sind diese Bereiche, als symbolische Formen, prinzipiell kritikfähig geworden."

Im Tagesspiegel denkt der Philosoph Hannes Bajohr mit Judith Shklar über "passive Ungerechtigkeit" nach: "Wenn nichts getan wird, wo etwas getan werden könnte, haben wir es mit einer passiven Ungerechtigkeit zu tun. Auf der grundsätzlichsten Ebene kann jedoch auch die Struktur einer Regierung und der Gesellschaft selbst mit dem Konzept der passiven Ungerechtigkeit betrachtet werden: Wenn ein Land, das reich genug ist, um es einzurichten, seinen Bürgern Aushilfsleistungen oder Gesundheitsversorgung verweigert oder sie zwingt, sich einer Gefahr auszusetzen, damit sie nicht ihren Arbeitsplatz oder ihr Zuhause verlieren, wird eine passive Ungerechtigkeit begangen, die ans Herz einer Gesellschaft geht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.01.2021 - Ideen

Kurz vor Jahresende äußerten die Chefs großer Kulturinstitutionen in einem spektakulären Aufruf die Furcht, es herrsche ein Klima der Zensur, ausgelöst durch den BDS-Beschluss des Bundestags, der es ihnen erschwere, Künstler einzuladen, die Israel boykottieren wollen. Dann bescheinigte ihnen der wissenschaftliche Dienst des Bundestags, dass gar keine Zensur stattfindet (unsere Resümees). Ist die Debatte damit beendet? Alan Posener geht bei starke-meinungen.de die Positionen des Papiers der MandarInnen nochmal durch und findet sie in vieler Hinsicht problematisch: "Die Frage .. , warum die von mir inkriminierten Passagen aufgenommen wurden; warum man es nicht bei einer klarstellenden Eingabe an den Bundestag beließ - 'wir sind gegen BDS, möchten aber darauf beharren, dass wir auch künftig trotz öffentlicher Förderung mit Israelkritikern zusammenarbeiten dürfen' - : Diese Frage bleibt. Warum musste die Mbembe-Diskussion zu der Unterstellung überhöht werden, 'andere historische Erfahrungen von Gewalt und Unterdrückung' würden unter Verweis auf den Holocaust 'moralisch oder politisch pauschal delegitimiert'?" Hier der zweite Teil von Poseners Essay.

Die Klimakrise wird sich nicht mit Mitteln des Kapitalismus überwinden lassen, sondern es geht darum, ihn zu überwinden, meint der Präsident der Cusanus Hochschule und Grünen-Politiker Reinhard Loske auf der "Gegenwart"-Seite der FAZ: "Im Angesicht von Klimakrise, Biodiversitätskrise und aufziehender Wasser- und Bodenkrise sollte niemand glauben, das ökonomische System könne alles in allem so bleiben, wie es ist, nur müssten hier und da ein paar 'grüne Preisschilder' aufgestellt werden. Ökologisch wahre Preise sind eine notwendige, aber bei weitem nicht hinreichende Bedingung für die sozial-ökologische Transformation, vor der wir als Weltgesellschaft stehen. Es geht um größere Fragen, um die Wiedereinbettung der Ökonomie in Natur und Gesellschaft, um ein neues Verständnis von Freiheit und Verantwortung im Angesicht einzuhaltender planetarer Grenzen, um globale und intergenerative Gerechtigkeit, kurz: um Bilder und Erzählungen davon, wie wir in Zukunft leben wollen."

Ach, Utopien. In der NZZ möchte Hans Christoph Buch sich gern von ihnen verabschieden: "Über hundert Jahre hinweg haben links- und rechtsradikale Positionen die Plätze so oft getauscht, dass die Orientierung schwerfällt: Mussolini war Sozialist, bevor er sich zum Faschismus bekannte, und die NSDAP lernte von der KPD, was Parolen, Lieder und die Technik der Machtergreifung betraf. Vom Nordpol aus gesehen liegt die Welt im Süden, am Südpol ist es umgekehrt, doch die Mehrzahl aller Menschen wohnt in gemäßigten Zonen, und hier kommt die Tugend des inneren Maßes ins Spiel, die Konservative und Liberale eher auszeichnet als andere Parteien. Die Radikalität ist kein Wert an sich, und der Verbalradikalismus ist die Vorstufe der Gewaltexzesse, vor denen Georg Büchner in 'Dantons Tod' warnt: 'Geht einmal euren Phrasen nach bis zu dem Punkt, wo sie verkörpert werden. Blickt um euch, das alles habt ihr gesprochen; es ist eine mimische Übersetzung eurer Worte, ihr bautet eure Systeme aus Menschenköpfen.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.01.2021 - Ideen

Der Philosoph Rainer Forst erkennt in der FR das Dilemma einer Demokratie, die in Krisenzeiten wie der Corona-Demokratie weder zu wenig Kompetenz noch zu viel Führungsanspruch behaupten darf: "Demokratische Regression ist aber nicht nur bei solchen akuten Fällen von Realitätsverweigerung anzutreffen. Auch dort, wo Bürger und Bürgerinnen sich in Untertanen verwandeln, die Befehle, Verbote und schließlich Aufhebungen von Hausarrest lieben, geht das für die Demokratie essenzielle Bewusstsein verloren, dass wir selbst es sind, die einander Gründe für die für alle geltenden rechtlichen Normen und sozialen Verhaltensweisen schulden. Diese Rechtfertigung lässt sich nicht abtreten, weder an Legislativen noch an strenge Exekutiven. In diesem Rechtfertigungskontinuum gibt es Streit, aber der ist nicht nur unabwendbar, sondern förderlich. Bürger und Bürgerinnen müssen das Begründungsspiel der Demokratie als ihr eigenes begreifen, nicht als eines, das ihnen nur vorgeführt wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.12.2020 - Ideen

In der SZ wendet sich Gustav Seibt von allen düsteren Prognosen für die kommenden Jahre ab und vertieft sich lieber in Laurent Binets Roman "Eroberung", der eine alternative Geschichte zeichnet: Nicht die Europäer erobern um 1500 Amerika, sondern die Inka Europa. Macht mehr Spaß, versichert er, und es wird beim Lesen "ein Empfinden für die Ungewissheit der Verläufe erzeugt, in denen wir als Zeitgenossen stehen. Die Zukunft sei offen, das sagt sich so leicht. Als das Jahr 2000 gefeiert wurde, dachte niemand an einen Anschlag wie den vom 11. September 2001. Wer konnte sich Facebook und das Smartphone vorstellen, die Lebenswelt und politische Kommunikation derartig veränderten? Im Jahr 2000 hing die Wahl des US-Präsidenten an sehr wenigen Stimmen, an den Kapriolen des Wahlrechts und der Willkür einer einzigen Richterentscheidung. Wie hätte Präsident Al Gore auf den 11. September reagiert? Das ist keine müßige Frage, Struktur hin, Prozess her."

Das Coronavirus ist vor allem eine große Kränkung, meint in der NZZ der Philosoph Konrad Paul Liessmann mit wenig Sympathie für seine Zeitgenossen, die ihm zuwenig Sinn für das haben, was eine Gesellschaft ausmacht: "In der Moderne war Krankheit nur mehr als individuelles Problem präsent, nicht als ein kollektives Ereignis, auf das politisch reagiert werden muss. Darin liegt eine der Ursachen für die Turbulenzen der letzten Monate. Medizinisch gebotene Regeln, die im Einzelfall jeder akzeptieren würde, ohne an Freiheitsberaubung zu denken, werden zu einem Angriff auf die Grundrechte stilisiert, weil sie allen zugemutet werden müssen. Die Krise offenbarte, dass viele ihre individuelle Freiheit ohne jenen politischen und sozialen Rahmen denken wollen, der diese überhaupt erst ermöglicht."

"Es ist eine Realität, dass Politik und Gesellschaft hierzulande nicht fähig sind, die Tragweite von Krisen zu antizipieren", kritisiert auf Zeit online Jakob Simmank, der die deutsche Zögerlichkeit, selbst bei lebensbedrohlichen Krisen wie Corona den Bürokratismus mal abzulegen und schnelle, fantasievolle Lösungen zu suchen, nicht begreift. Realitätserkennung wäre ein Anfang: "Fast scheint es einem, als müssten wir spüren, wie gefährlich ein Virus werden kann. Als müssten erst Kliniken an den Rand des Zusammenbruchs kommen wie nun in Teilen Sachsens, bevor Menschen verstehen, was die Konsequenz halbherzigen Handelns ist und was das Wegmoderieren radikaler Lösungsstrategien bedeutet. Bergamo scheint nicht gereicht zu haben, wir scheinen ein deutsches Bergamo zu brauchen."

Das Corona-Jahr war auch wie ein Testlauf für Verfechter einen neuen Genügsamkeit im Namen der Klimakrise, konstatiert Udo Di Fabio in einem Essay für die FAZ. Aber er wittert hier auch eine neue soziale Spaltung, wie sie sich etwa in der "Gilets jaunes"-Bewegung offenbarte: "Es darf nicht sein, dass das elektrisch betriebene, umweltbelastend produzierte Viertauto der Wohlhabenden mit Steuergeld subventioniert wird, während dem unteren Teil der Gesellschaft 'Billigfleisch' und 'Diesel' als Klimasünde moralisch vorgehalten wird. Das gilt vor allem, wenn feststeht, dass das obere Fünftel der Gesellschaft doppelt so viel klimaschädliche Emissionen verursacht wie das untere Fünftel unseres Landes."