Marlene Streeruwitz antwortet in der
SZ auf Alex Rühles scharfe Kritik (
unser Resümee) an ihrem Vergleich der Corona-Regeln mit den Nürnberger Rassegesetzen (
unser Resümee): "Eine Person, die
in München lebt, weiß nichts davon, wie ich
in Wien leben muss. Und. Die jeweiligen Geschichtsvorgänge schlagen anders zu Buche. Ich lebe seit dem Jahr 2000 mit der Regierungsbeteiligung einer
Rechtspartei. Das ist eine reale Situation, die ja zu Beginn noch mit europäischen Sanktionen bedacht worden war, die aber dann ja doch
niemanden interessierte. Die Folgen dieses Desinteresses bilden sich in der EU ab. Und. Regionalerweise. Die jeweils Betroffenen sind zu hören. Ihre
regionale Erfahrung muss als Auskunft ernst genommen werden. Beurteilungen unter Ausschluss der Erfahrungen der Betroffenen machen diese Beurteilungen zu
Kolonialisierungsversuchen."
Nach der Wirtschaftskrise 2008 aber noch mehr jetzt in der Coronakrise "
Hustling" zu einer unerlässlichen Kernkompetenz,
behauptet Simon M. Ingold in der
NZZ. Wobei er "Hustling" als
Selbsterhaltungsstrategie versteht: "Die Generation Z hat diesen Umstand bereits weitgehend verinnerlicht, ganz im Unterschied zum Rest der Menschheit. Er hat sein angeborenes Hustler-Gen aus Angst, Bequemlichkeit und Scham verkümmern lassen. Wir sind
feste Jobs mit festem Einkommen, aufgebessert mit mehr oder weniger hohen Boni, gewohnt. Wir haben komfortable Kündigungsfristen, ein stabiles Vorsorgesystem und sozialstaatliche Institutionen, die uns im Bedarfsfall unter die Arme greifen. Hustling jedoch ist gleichbedeutend mit
Anti-
Kontinuität und damit ein radikaler Gegenentwurf zu der langfristig angelegten Lebens- und Karriereplanung und deren größtem Versprechen, der Stabilität. Es ist eine Mentalität, die wie geschaffen erscheint für eine Zeit immer
schnelleren Wandels und steigender Komplexität."
In der
SZ überlegt Peter Richter, woher die Aversion vieler Menschen
gegen das Impfen kommt und stellt mit der amerikanischen Autorin
Eula Biss fest, dass wir Krankheiten häufig als
Metaphern für kulturelle und gesellschaftliche Zusammenhänge behandeln: "Als Linguistin begeisterte sich Eula Biss für die metaphorischen Potenziale der Immunität. Am Ende war ihr Buch [
"Immun", vor sechs Jahren auf Deutsch erschienen] ein Plädoyer für das Impfen, nur ausdrücklich auch als
kulturelle Leistung der Gemeinschaft. Und auf dem Weg zu diesem Schluss werden eben auch die hartnäckigen Aversionen dagegen verständlicher."
In der
NZZ plädiert der pensionierte Theologe
Peter Ruch dafür, die Coronamaßnahmen, die vor allem die Jüngeren hart träfen, etwas genauer zu untersuchen. Gewichtet sehen möchte er dabei auch, dass an Corona vor allem
alte Menschen sterben. Vielleicht sind wir
den Tod einfach nicht mehr gewohnt, meint er: "Starben 1870 in der Schweiz noch jährlich 2,7 Prozent der Bevölkerung, waren es 2019 knapp 0,8 Prozent. Das Lied vom verdrängten Tod ist hier nicht anzustimmen, doch erhebt sich die Frage, ob es neben dem bekannten Machbarkeitswahn einen
Verhinderungswahn gibt. Verhinderungsprojekte sind seit Jahrzehnten prominent traktandiert: gegen Krieg, Rassismus, Antisemitismus, Armut, Unrecht, Natur-, Tier-, Gewässerschädigung, CO2. Vieles wurde erreicht. Das nährt die Phantasie, jegliches Unheil sei abwendbar. Und die
Vollkasko-
Ansprüche machen blind für die Nebenwirkungen, die jede Maßnahme im Schlepptau führt."