9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2275 Presseschau-Absätze - Seite 105 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.12.2020 - Ideen

Alex Feuerherdt, Co-Autor des Buchs "Die Israel-Boykottbewegung - Alter Hass in neuem Gewand", erklärt im Gespräch mit Elisa Makowski von der Jüdischen Allgemeinen, warum BDS antisemitisch ist und wie die Organisation agiert: "Einen nennenswerten Einfluss hat sie vor allem in Großbritannien. Dort hat man es zum Beispiel als israelischer Wissenschaftler oder israelische Autorin sehr schwer ungestört aufzutreten, weil Veranstaltungen regelmäßig niedergebrüllt werden. Das lässt sich auf die Geschichte Großbritanniens als Kolonialmacht zurückführen. Für die BDS-Bewegung ist Israel auch eine Kolonialmacht - wenn man es also kritisiert und bekämpft, dann wirkt das wie eine Entlastung: 'Nicht nur Großbritannien hat koloniales Unrecht begangen, sondern es gibt auch andere Länder mit einer Kolonialgeschichte!'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.12.2020 - Ideen

Eigentlich sollte man über Nietzsche mal eine Biogeografie schreiben, überlegt der Philosoph Wilhelm Schmid in der NZZ, "die sein Leben und Denken in Landschaften beschriebe". Vor allem Sils gäbe da einiges her. Aber auch einige Orte in Italien: "In seiner physischen Existenz unterlag er dennoch den Jahreszeiten, die seine Korrespondenz als Dauerthema begleiteten. Da sich der Winter in Sils lange hinzog, entfloh Nietzsche ihm Jahr für Jahr voller Sehnsucht nach einem heiteren Himmel gen Süden. Auf dem Umweg über Nizza fand er zuletzt eine Wahlheimat für sich in Turin, das ihm 'auf eine unbeschreibliche Weise sympathisch' erschien, wie er am 10. April 1888 an Overbeck schrieb. Der Charakter der Stadt ist auch im 21. Jahrhundert noch so, wie Nietzsche ihn schilderte: ruhig, 'honnett', mit prächtigen Arkadengängen, die die Straßen flankieren und zum Flanieren einladen, mit Cafés, so 'großartig und glänzend, wie man keine Vorstellung bei Euch hat'." Ach.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.12.2020 - Ideen

Schwerpunkt "Weltoffen"-Aufruf

Die Ängstlichkeit der Kulturfunktionäre war unbegründet. Sie hatten in ihrem Aufruf "Initiative GG 5.3 Weltoffenheit" ein zensorisches Klima beklagt, das sie im Bestreben, Israelboykotteure einzuladen, behindere. Unmittelbar vor Weihnachten brachte der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags ein Gutachten zur BDS-Resolution des Bundestags heraus und bestätigte, dass von dem Beschluss keinerlei bindende Wirkung ausgeht: Es handelt sich nur um eine feierliche Empfehlung der Bürgervetretung, über den sich die Damen und Herren von der Exekutive ungestraft hinwegsetzen dürfen. Hier des Text des Gutachtens als pdf-Dokument.

Welt-Autor Thomas Schmid vermutet hinter dem Aufruf ohnehin eine "verborgene Agenda": "Worum es eigentlich geht, hat - Volker Beck hat als Erster darauf hingewiesen - ausgerechnet der Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Marc Frings, formuliert. Er twitterte: 'Großartig, wie Initiative GG 5.3 #Weltoffenheit BDS zurück auf die Agenda gebracht hat. Der wissenschaftliche Dienst des Bundestages hat gesprochen.' Es geht also gar nicht darum, dem BDS ein Rederecht zu sichern. Es geht darum, ihn auf die Agenda zurückzubringen, ihn gesellschaftsfähig und zu einem anerkannten Akteur zu machen." Zuvor hatte schon der Grünen-Politiker Volker Beck  in der Welt auf die BDS-ähnlichen Bestrebungen einiger christlicher Organisationen hingewiesen.

In der SZ begrüßt Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, und einer der Betreiber des "Weltoffen 5.3"-Aufrufs das Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes, das eigentlich vor allem zeigt, wie überflüssig der Aufruf war: "Die Ausarbeitung des wissenschaftlichen Dienstes zeigt, dass wir auf der Grundlage des Grundgesetzes arbeiten." In der taz stellt Stefan Reinecke BDS zwar als eine relativ erfolglose Bewegung dar, macht aber darauf aufmerksam, dass "im Globalen Süden weit mehr politische Aktivisten, Verbände, KünstlerInnen und Intellektuelle BDS unterstützen als in Europa".

Ruhrbaron Stefan Laurin empfiehlt zum Verständnis der Debatte Steffen Klävers' Buch "Decolonizing Auschwitz? Komparativ-postkoloniale Ansätze in der Holocaustforschung", das sich mit dem postkolonialen Blick auf den Holocaust befasst (Auszüge). Diesem Blick versuchten auch die Kulturfunktionäre Raum zu geben. Für Laurin ist die Debatte mit dem Historikerstreit vergleichbar. Nur eines könnte diesmal anders sein: "Zahlreiche Medien werden sich auf die Seite der Vertreter des Postkolonialismus stellen und sie verteidigen, ja, die Relativierung der Shoah als Erleichterung und Befreiung sehen. Historische Fakten wird man versuchen zu ignorieren. Was in den achtziger Jahren noch als reaktionär galt, wird sich nun als links, offen und multikulturell präsentieren, als Verkörperung eines neuen, längst überfälligen Denkens, das es nun auch in Deutschland zu verbreiten gilt."

Alan Posener setzt sich in seinem Blog starke-meinungen.de mit dem für ihn zentralen Satz des "Weltoffen 5.3"-Aufrufs auseinander: "Die historische Verantwortung Deutschlands darf nicht dazu führen, andere historische Erfahrungen von Gewalt und Unterdrückung moralisch oder politisch pauschal zu delegitimieren." Auch für Posener bedeutet das: "Hier geht es darum, einen Generalverdacht gegen den mühsam erreichten deutschen Konsens in Sachen Erinnerungspolitik zu verbreiten: Er richte sich gegen Deutschlands 'Weltoffenheit', die ja im nationalen Interesse liegt."

Nicht ganz vergessen sollte man, dass BDS selbst eine Boykottbewegung ist, die versucht, die hiesige Öffentlichkeit zu beeinflussen, schreibt Doron Rabinovici in der FAS: "Nicht nur alle jüdischen Israelis sollen international isoliert werden. Nein, sogar zum Boykott von jüdischen Kulturwochen in Berlin, in Wien oder Paris wird zuweilen aufgerufen, wenn hier israelische Bücher, Filme oder Musik dargeboten werden. Auf diese Weise geraten alle jüdischen Gemeinden automatisch ins Visier der BDS-Kampagnen."

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In der französischen Linken wird über den Sinn des Laizismus gestritten. Der ehemalige Libération-Redakteur und jetzige Anglistik-Professor Patrick Sabatier gehört zu den Verteidigern der entsprechenden Gesetze über Trennung von Staat und Religion: "Es wäre ein Fehler, ihren Geist zu trüben, der darin besteht, dass Religionen sich nicht den allgemeinen Gesetzen entziehen und die Grenze zwischen dem Privatbereich (Glaube) und dem öffentlichen Bereich (Leben in der Gesellschaft) verletzen dürfen. Es geht hier nicht um einen Kreuzzug, sondern um Wachsamkeit gegen den Angriff auf die Rechte von Männern und Frauen, den Religionen in sich tragen wie Wolken den Sturm."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.12.2020 - Ideen

Die Betreiber der ″Weltoffenheit 5.3″ tun zwar einerseits so, als sei BDS eine Harmlosigkeit, machen aber zugleich viel Lärm, um die Organisation fördern zu dürfen. Josef Joffe findet BDS in der Zeit keineswegs harmlos: "Hier verschmelzen Antizionismus und Antisemitismus. Welcher andere Staat außer dem jüdischen muss um sein Existenzrecht kämpfen? Es geht wohlgemerkt nicht darum, Benjamin Netanjahu schönzutun, israelische Grausamkeiten hinzunehmen oder einen Palästinenser-Staat zu verhindern. Moralisch verwerflich ist indes die 'Alleinstellung' Israels als Sünder unter den Nationen, wenn so viele Schurkenstaaten unbehelligt bleiben. Moral muss universell sein, oder sie ist keine. Antizionismus wird übrigens nicht dadurch überzeugender, dass ihm in Deutschland und Amerika auch linke Juden frönen."

Slavoj Zizek macht sich in der NZZ Gedanken über die großen Fragen des Christentums, und auch wenn er es nicht unbedingt mit der herkömmlichen Theologie halten möchte, findet er interessantes Anstöße etwa bei G.K. Chesterton ("Nur das Christentum hat begriffen, dass Gott, um ganz und gar Gott zu sein, nicht nur König, sondern auch Rebell sein muss.") Oder im Bombast-Rock: "Die wahre Weihnachtsbotschaft lautet also nicht: 'Wir sind sicher, dort oben wacht jemand über uns, er hat uns seinen eigenen Sohn als Botschafter geschickt!', sondern: 'Wir sind allein und verantwortlich für unser Schicksal.' Dieses Fehlen einer transzendentalen Unterstützung ist ein anderes Wort für Freiheit - Christus verkörpert das göttliche Geschenk der Freiheit. Oder, wie Rammstein es in 'Ohne dich' darstellen: 'Ohne dich kann ich nicht sein, mit dir bin ich auch allein'  - nur mit Christus sind wir wirklich allein."

Hegel-Biograf Klaus Vieweg führt in der Welt seine Verteidigung Hegels als Aufklärers fort und verteidigt ihn vehement gegen den aus einigen Zitaten abgeleiteten Vorwurf des Rassismus. Ein Beispiel sind für ihn Hegels spöttische Ausführungen über die "Schädellehre" in der Phänomenologie: "Die Protagonisten der letzteren fassen vorschnelle, unzulässige Urteile über den Zusammenhang  des Natürlichen und des Charakters des Menschen. Der Versuch diese natürliche Physiognomik zum Wissen zu erheben, bleibt  unhaltbar und  'bodenlos'.  Der Kausalzusammenhang von Schädel und Geist - so Hegel diametral gegen die genante  NSDAP-Propaganda-These  -  muss  zwingend wegfallen, ähnlich wie aus der Form der Weinbeere nicht auf den Geschmack des Weines geschlossen werden kann. Hegel vergleicht das Urteilen dieser Schädel- und Gesichts-Beobachterei  spöttisch  mit  der  Feststellung: 'Es  regnet  allemal, wenn wir Jahrmarkt haben.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.12.2020 - Ideen

BDS ist nur eine "Maus", ganz unbedeutend und ungefährlich, wie Hanno Loewy gestern in der FAZ behauptet hat (unser Resümee)? Absurd, findet Thomas Thiel dort heute. BDS will schlicht die Zerstörung des Staates Israel: "Das geht klar aus ihrer Forderung nach einem Rückkehrrecht für alle palästinensischen Flüchtlinge einschließlich deren Nachkommen hervor, was angesichts der Zahlenverhältnisse das Ende des Staates Israel bedeuten würde. Das ist den Führern der Bewegung bewusst, die von Israel explizit die Aufgabe seiner Staatsgrenzen - und nicht nur der besetzten Gebiete - fordern und vielfach Kontakte in terroristische Kreise unterhalten, die Juden ins Meer treiben wollen. Man darf von den Vertretern der 'Weltoffenheit'-Initiative, die sich aus großen Kulturinstitutionen zusammensetzt, so viel Weltoffenheit erwarten, diesen Kontext im Blick zu haben und wissen zu wollen, mit wem sie das Gespräch suchen."

"Wenn die BDS-Bewegung behauptet, sie richte sich nicht gegen Juden, dann geht sie dabei über die große Mehrheit der heute lebenden Juden hinweg, in deren Selbstverständnis Israel eine große Bedeutung zukommt", sagt Alex Feuerherdt, Autor eines Buchs über die BDS-Bewegung im Interview mit Stefan Laurtin von den Ruhrbaronen. "Und weil die Israel-Boykotteure Zionismus grundsätzlich für verbrecherisch halten, richtet sich ihr Hass zwangsläufig auch gegen den überwältigenden Großteil der Juden außerhalb Israels, sofern diese nicht bereit sind, sich von ihrem Verständnis des Judentums zu verabschieden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.12.2020 - Ideen

In seinem jüngsten Buch, "Den Himmel zum Sprechen bringen", fasst Peter Sloterdijk Religion als Dichtung auf, "Theopoesie". Im Gespräch mit Michael Hesse in der FR erklärt er, was er damit meint: ″Der globale Befund gilt natürlich - das ist die Pointe meiner Darstellung - ebenso für die 'großen' Religionen wie das Christentum und den Islam wie auch das Judentum. Deren Vertreter hatten schon früh ein Interesse daran, zu behaupten, ihre Offenbarungen seien wesentlich nicht-mythologischer und nicht-poetischer Art, sie seien vielmehr in einer Art von Offenbarungsprosa, in heiliger Sachlichkeit übermittelt worden, bei der kein von Menschen beigesteuertes dichterisches Element von Bedeutung sein sollte. Doch auch die strengsten monotheistischen Systeme müssen als theopoetische Gebilde beschrieben werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.12.2020 - Ideen

Im Gespräch mit Thierry Chervel vom Perlentaucher reagiert der Antisemitismusbeautragte des Bundesregierung Felix Klein auf den Aufruf der "Initiative 5.3 GG Weltoffenheit" und verteidigt den BDS-Beschluss des Bundestags: "Auch nach dem Beschluss zu BDS kann jeder Theaterchef, jede Chefin einer Institution, jede Rednerin, jeden Künstler einladen, aber man muss mit den Konsequenzen leben, die eine Debatte mit sich bringt. Die Debatte um Mbembe hat ja gezeigt, dass da einige Narrative über Holocaust und Kolonialismus kollidieren, und das ist ja auch gut so. Solche Debatten sind gut und wichtig in einer Demokratie."

Im Deutschlandfunk Kultur wird eine Stimme gegen die "Initiative gg 5.3 Weltoffenheit" zitiert. "Selbstverständlich lassen sich die Deutschen ihre Kritik an Israel nicht verbieten", sagt die deutsch-jüdische Schriftstellerin Mirna Funk im Gespräch mit Vladimir Balzer, das auf der Website des Senders resümiert wird. "Aber noch schlimmer wird es für sie offensichtlich, wenn sie für diese Kritik nicht mehr bezahlt werden, denn darum geht es ja eigentlich in dem Bundestagsbeschluss", so Funk weiter.

In der FAZ kritisiert Hanno Loewy vom Jüdischen Museum Hohenems, einer der Urheber des "Weltoffenheit"-Aufrufs, den BDS-Beschluss des Bundestags. Überhaupt versteht er die ganze Aufregung um den BDS nicht so ganz, dem er kaum eine Wirkung bescheinigt: "Als Herausforderung Israels ist BDS eine gescheiterte Bewegung. Ihre zweifelhaften Wirkungen erzielt sie auf dem Feld des kulturellen und wissenschaftlichen Boykotts, vor allem aber in der Einschüchterung palästinensischer und arabischer Künstler und Wissenschaftler. Es gibt allerdings einen Unterschied. BDS ist eine Bewegung von NGOs, die in Deutschland mit zumeist zahnlosen Mitteln Veranstaltungen stört und ab und zu ein Festival unter Druck setzt. Der vom Bundestag beschlossene 'Kampf gegen BDS' in Deutschland ist hingegen eine machtvolle Geste des Staates. Paradoxerweise trifft er oft die gleichen Menschen, die auch die BDS-Kampagne trifft: kritische Juden, nicht zuletzt jüdische Israelis, die mit der 'anderen Seite' reden wollen."

Auch die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger bekräftigt in der FAZ nochmal ihre Unterstützung für den "Weltoffen"-Aufruf: "Der gutgemeinte BDS-Beschluss des Deutschen Bundestages hat eine Atmosphäre der Rechtsunsicherheit und vorauseilenden Selbstzensur geschaffen, die kein Freund liberaler Rechtsstaatlichkeit ernsthaft gutheißen kann."

In der NZZ blickt Hans Ulrich Gumbrecht zurück auf das Jahr 2020 und eine politisch wie von Covid gespaltene Gesellschaft, die ihr Verhältnis zum Staat neu definieren muss: "Der explosivste aller Gegensätze zum bestehenden Staat existiert unter jenen Bürgern, die sich von der politischen Praxis der bestehenden politischen Institutionen nicht mehr vertreten fühlen. Denn den Affekt des gebrochenen Vertrauens teilen die radikalen Kritiker des 'systemisch' genannten Rassismus in den Vereinigten Staaten ausgerechnet mit denjenigen Landsleuten, die sie selbst bedenkenlos als 'Rassisten' abqualifizieren, weil diesen das eigene Gefühl, von der Gegenwart 'abgehängt' zu sein, wichtiger ist als die Identitätsansprüche vielfältiger Minderheiten."

In der Hitparade der weltzuständigen Dampfplauderei erobert Nachhaltigkeitsforscherin Maja Göpel so nach und nach einen ehrenvollen dritten Platz nach Slavoj Zizek und Markus Gabriel und noch vor Richard Precht. Heute redet sie im Gespräch mit Elisabeth von Thadden von der Zeit über "neue Solidarität und neues Wirtschaften" nach Corona: "Erinnern Sie sich an die Berichte über das buddhistische Königreich Bhutan und das dortige Wohlstandsmaß des Bruttonationalglücks? In dieser asiatischen Kultur wird Wohlergehen nicht als Glücklichsein im westlichen Sinne eines Dauergrinsens verstanden, das immer nur sagen soll: 'Ich bin gut drauf!' Es wird eher als Zuversicht verstanden, als eine Haltung, die widerstandsfähig macht. Als ein glückliches Leben gilt dort nicht eines..." Wir blenden aus.

In der NZZ staunt Hubertus Knabe über die Renaissance des politischen Plakats auf den Straßen. Allein die Bundesregierung hat ihren Etat dafür im Jahr 2023 auf 200 Millionen Euro verdoppelt (Scholz & Friends werden begeistert sein). Und sie ist damit nicht allein: "'Bei uns ist Klimaschutz mehr als Fassade', verkündeten zum Beispiel Deutschlands Wohnbaugenossenschaften auf mannshohen Plakaten. 'Berlin sagt Ja zum CO2-Ausgleich', behauptete der Shell-Konzern auf einem riesigen Fassadentransparent. Und die Stadtregierung forderte von ihren Bürgern auf Hunderten von Werbetafeln: 'Berliner: Tragt, was ihr wollt. Hauptsache, Maske.' So viel politische Agitation auf den Straßen der Hauptstadt kennt man sonst nur aus Wahlkampfzeiten. Ehemalige DDR-Bürger fühlen sich zunehmend an alte Zeiten erinnert. Im Sozialismus gehörte die 'Sichtagitation' - wie das Anbringen politischer Botschaften im öffentlichen Raum hieß - zum Alltag. 'Je stärker der Sozialismus, desto sicherer der Frieden', war da am Straßenrand in großen Lettern zu lesen." Hat am Ende aber wenig genutzt, wie wir wissen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.12.2020 - Ideen

Der Aufruf der "Initiative GG 5.3 Weltoffenheit" wirkt an vielen Stellen absichtlich vage, in einem Punkt wird er aber konkret, bei der Benennung Achille Mbembes als Beispiel für die Folgen der BDS-Resolution. "Dies ist nun gleich in mehrfacher Hinsicht ein sehr schlechtes Beispiel", meint der Grünen-Politiker Volker Beck im Blog starke-meinungen.de: "Der afrikanische Philosoph verleugnete nämlich sein Engagement für den BDS, wurde aber unzähliger Aktionen für und im Kontext von BDS überführt. Und er ist nicht nur ein Kritiker israelischer Politik, sondern auch klassische antijudaistische Ressentiments wie der jüdische 'Rachegott' gehören zum rhetorischen Repertoire des von erzkonservativen katholischen Geistlichen unterrichteten Philosophen. Er wurde auch nirgendwo ausgeladen oder mundtot gemacht. Im Gegenteil: Die Ruhrtriennale fiel zwar aus, seine deshalb nicht gehaltene Rede wurde gleichwohl in der Süddeutschen Zeitung abgedruckt."

Beck wirft noch einen anderen Punkt auf. Es handelt sich in dem Aufruf bekanntlich um höchste Repräsentanten renommierter Kulturinstitutionen: "Wer sich anschickt, als Institution und nicht nur als leitende Persönlichkeit derselben, einer Entscheidung des Bundestages entgegenzutreten, hat und muss sich dafür in seinen Gremien die Legitimität geholt haben oder holen." Ob das geschehen ist?

In der Welt (und seinem Blog) ist Thomas Schmid empört über die Dreistigkeit, mit der sich die "Initiative GG 5.3 Welt-offenheit" - "ein Who's Who der staatlich nicht schlecht subventionierten Kultur- und geisteswissenschaftlichen Institutionen" Deutschlands - als verfemte Samisdatgruppe gebärdet, nur weil der Bundestag "keine Staatsknete für BDS-Aktivitäten" rausrücken will. Dass der BDS ansonsten völlig ungehindert in Deutschland agieren kann, wird dabei unter den Tisch gekehrt. Auch die angebliche Sorge um die Redefreiheit Achille Mbembes hält Schmid für einen Vorwand: Es gehe in Wahrheit um eine neue Form der Schlussstrich-Debatte, diesmal von links, schreibt er wie schon vor einigen Monaten Perlentaucher Thierry Chervel (hier). "Das gänzlich haltlose Argument, die 'starre Fixierung' auf die Shoah hindere uns daran, andere Verbrechen, die Europäer begangen haben, angemessen zu würdigen, ist im Grunde ein Plädoyer dafür, mit der Singularität des Holocaust ein Ende zu machen. Auch von links her gibt es seit geraumer Zeit das Bedürfnis, die 'Auschwitzkeule', von der Martin Walser einst vor einem zugeneigten Publikum in der Paulskirche sprach, endlich aus dem diskursiven Handwerkskasten auszusortieren. Es ist beunruhigend, dass jene Unterzeichner der 'Initiative GG 5.3 Weltoffenheit', die das Existenzrecht Israels nie in Frage stellen würden, diesen Subtext des Manifests offensichtlich nicht heraushören können."

In der FR findet Stephan Hebel den Antisemitismusvorwurf gegenüber der "Initiative 5.3 GG" übertrieben, er möchte mehr Diskussion: "Als wahrer Spreng-Satz für deutsche Debatten kann allerdings die folgende Passage verstanden werden: 'Wir erkennen das Bekenntnis Deutschlands zu seiner historischen Verantwortung für den Holocaust an und schätzen es zutiefst. Gleichzeitig verurteilen wir die ungeheure Nachlässigkeit des deutschen Staates, wenn es darum geht, die deutsche Täterschaft für vergangene koloniale Gewalt anzuerkennen. Der Kampf gegen Antisemitismus kann nicht nach Belieben von parallelen Kämpfen gegen Islamophobie, Rassismus und Faschismus entkoppelt werden. (…) Wir lehnen die Vorstellung ab, dass die Leiden und Traumata von Opfern politischer und historischer Gewalt gemessen und in eine Rangfolge gebracht werden können.' Besser lässt sich nicht demonstrieren, wie viel Auseinandersetzung gerade der deutschen Öffentlichkeit noch bevorsteht. In welchem Verhältnis steht die Kolonialismus-Debatte, die bei uns gerade erst begonnen hat, zur Verantwortung für die Vernichtung der Juden? Welche Priorisierungen unter Opfergruppen lassen sich, wenn überhaupt, aus der Geschichte ableiten?"

Die Kulturpotentaten aus fast allen wichtigen deutschen Häusern behaupten, Vielfalt zu unterstützen, wenn sie Israelboykotteure einladen. Dabe gäbe es noch ganze andere Vielfalt, die man in Deutschland diskutieren könnte, schlägt Stefan Laurin in einem konstruktiven Beitrag in den Ruhrbaronen vor: "Warum ist Fridays for Future und der mit der Bewegung einhergehende Verzichtsethos vor allem bei reichen, weißen Kindern aus Mittel- und Nordeuropa so beliebt? Sicher, der Klimawandel ist ein globales Problem, aber dem Lösungsweg, den Deutschland eingeschlagen hat, mag niemand folgen. Die US-Demokraten haben sich wieder der Kernkraft geöffnet, weltweit werden zahlreiche neue Meiler geplant. Auch da wäre es doch spannend zu hören, was 'internationalen und lokalen Stimmen' sagen. Vielleicht kann man sogar etwas von ihnen lernen?"

All die Enthüllungen über John F. Kennedy haben dem Mythos - zum Erstaunen der Enthüller - nichts anhaben können. Richard Herzinger lernt davon etwas über das Wesen des Mythos selbst: "Rationale Kritik, die nicht begreift, dass der Mythos keineswegs nur 'falsches Bewusstsein' ist, sondern durchaus auch Wahrheit enthält, konserviert und tradiert, verfehlt ihrerseits ihren Gegenstand."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.12.2020 - Ideen

In diesem Longread aus dem Freitag erzählt Itay Mashiach die tragische Geschichte all jener Würdenträger aus deutschen Kulturinstitutionen, die sich dem Vorwurf des Antisemitismus ausgesetzt sehen, weil sie mit BDS-Sympathisanten  kooperiert haben oder kooperieren wollten. Sie fürchten um ihre Stelle, ja Existenz. Stefanie Carp, die einstige Chefin der Ruhr-Triennale, die Achille Mbembe eingeladen hatte, äußert sich in dem Artikel - sie sei sicher, sie werde nie wieder einen Job bekommen, sie sei als Kulturfunktionärin komplett verbrannt. Auch Peter Schäfer äußert sich, der nach dem Streit um das Jüdische Museum Berlin zurückgetreten war: "In der ganzen Debatte bezüglich BDS ist von manchen ganz klar der Antisemitismusvorwurf instrumentalisiert worden, um die Leute, die einem nicht passen, auf diese Weise zu erledigen, unmöglich zu machen. Der Antisemitismusvorwurf ist eine Keule, mit der man jemanden ganz schnell totschlagen kann. Und diese Keule wurde und wird auch von politischen Kreisen, die daran Interesse haben, benutzt, überhaupt keine Frage." (Diese Keule? Hat man auf diesen Begriff in der Walser-Debatte seinerzeit nicht noch anders reagiert?)

Zuerst erschien der Artikel In Ha'aretz unter dem Titel "In Germany, a Witch Hunt Is Raging Against Critics of Israel - Cultural Leaders Have Had Enough".

In der Debatte muss eine grundsätzliche Frage gestellt werden, schreibt der israelische Philosoph Omri Boehm in einem langen Gastbeitrag für Zeit Online: "Ist es antisemitisch, Israels Existenzrecht als jüdischer Staat zu bestreiten?" Nein, meint er: "Verlangt 'Weltoffenheit' effektiv das Recht, Antisemitismus durch öffentliche Institutionen zu fördern? Die Antwort ist ein klares Nein. Nein, weil es nicht um Israels Existenzrecht geht, sondern um sein Recht, ein jüdischer Staat zu sein. Und trotz des allgemeinen Tabus ist es nicht antisemitisch, dieses Recht zu bestreiten." Denn: "Israel kann nicht das Recht haben, Nichtjuden als Bürger zweiter Klasse zu behandeln, geschweige denn jüdisch zu bleiben, wenn sich seine Bevölkerung zur Hälfte aus Palästinensern zusammensetzt. Diese Aussagen stellen Israels Existenzrecht als jüdischen Staat infrage, sie messen nicht mit zweierlei Maß. Sie sind nicht antisemitisch, auch wenn der Bundestag das Gegenteil behauptet - aus dem einfachen Grund, dass es nicht antisemitisch sein kann, auf der schieren Gleichheit von Juden und Palästinensern zu bestehen. Der Bundestag muss dringend zu einer Definition von Antisemitismus zurückkehren, die nicht auf dem Ausschluss einer ganzen Bevölkerung beruht." Dem Staat wirft er vor, die Diskussion durch den BDS-Beschluss massiv zu behindern, er fordert andere kulturelle Einrichtungen - Universitäten, Museen, Forschungsgemeinschaften - auf, sich der Initiative anzuschließen.

In der SZ stellt sich auch Sonja Zekri klar hinter die Initiative: "Wenn die israelische Künstlerin Yehudit Yinhar ihre Ausstellung über Israels Besatzung in einer Berliner Kunsthochschule nicht zeigen kann, weil deutsche Politiker ihr Antisemitismus unterstellen, hat sich etwas auf ungute Weise verkehrt. Wie glaubwürdig ist es, wenn sich Berlin im Humboldt Forum mit Kunstschätzen und Trophäen einer bislang kaum aufgearbeiteten Kolonialzeit umgibt, aber dann entscheiden möchte, ob afrikanische Intellektuelle die Apartheid mit der Besatzung der Palästinensergebiete vergleichen dürfen? Die Vermeidung solch kontroverser Fragen schützt nicht, sondern schadet."

Nicht ein Tiermarkt in Wuhan, sondern der Ressourcen ausbeutende Kapitalismus ist für Pandemien verantwortlich, ist sich der Politologe Timm Kühn in der taz sicher, und fordert einen "Systemwechsel": "Wenn ein Gesundheitssektor kaum Tropenkrankheiten erforscht, weil die betroffenen Menschen nicht zahlungskräftig sind, wenn künstliche Profitbarrieren den freien Austausch von Forschungsmaterial verhindern, wenn profitorientierte Gesundheitssysteme darin versagen, angemessen auf Pandemien zu reagieren - dann ist der Markt keine Lösung, sondern das Problem. Der Gesundheitssektor muss deshalb von den Zwängen des Marktes befreit werden, weltweit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.12.2020 - Ideen

Zwei Aufrufe kursieren, die mehr "Weltoffenheit" für antiisraelische Positionen verlangen, die oft von Künstlern mit internationalem Hintergrund vertreten werden. Der BDS-Beschluss des Bundestags führe zu "Racial Profiling durch die Hintertür", sagt der Aufruf der Künstler unter dem Titel "Wir können nur ändern, was wir konfrontieren" (unser Resümee). Sie unterstützen das Plädoyer der Initiative "Weltoffenheit 5.3 GG" der höchsten deutschen Kulturfunktionäre. Tobias Rapp findet diese Argumentation bei Spiegel online aberwitzig: "Hat der Bundestag damals, als er die BDS-Bewegung als 'antisemitisch' bezeichnete, in Wirklichkeit Menschen aufgrund ihres Aussehens oder ihrer Hautfarbe gekennzeichnet? Sich solidarisch mit dem Staat Israel zu zeigen, ist das Rassismus 'durch die Hintertür'? Absurd. Die Resolution richtet sich gegen das, was einige Leute sagen oder glauben. Nicht gegen das, was sie sind."

Auch Stefanie Schüler-Springorum, Chefin des Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin möchte antiisraelischen Positionen mehr Raum verschaffen. In der Zeit argumentiert sie: "Im Plädoyer steht: Wir lehnen den Boykott Israels ab, in den persönlichen Statements wurde dies oft wiederholt. In der Rezeption heißt es hingegen nur allzu häufig: Die Initiative stellt sich hinter oder vor oder neben BDS. Wenn A nicht mehr als A akzeptiert, sondern ihm unterstellt wird, B zu sein, dann entzieht das der demokratischen Diskussionskultur den Boden. Ist es wirklich so schwer zu verstehen, dass man gegen eine politische Haltung sein kann und trotzdem für das Recht dieser Personen einsteht, sich zu äußern? Weil es einen nicht überzeugt, wenn in diesen Debatten immer wieder recht schnell und pauschal Judenfeindschaft vermutet wird?"

Zwischen Genus und Sexus existiert sehr wohl eine Verbindung, entgegnen die Linguistinnen Gabriele Diewald und Damaris Nübling Gegnern von geschlechtergerechter Sprache in der NZZ: "Bei 'das Weib', 'das Mädchen' oder 'die Schwuchtel' sieht man ja, dass Genus nichts mit Sexus zu tun haben kann. - Aus linguistischer Sicht stimmt das nicht, im Gegenteil: Betrachtet man diese vermeintlichen und sehr seltenen Ausnahmen genauer, dann bestätigen sie die obige Regel. Denn neutrale Frauen sind entweder solche, die ihre Genderrollen nicht erfüllen ('das Weib' als Schimpfwort, 'das Mensch' in Dialekten als liederliche Frau, 'das Merkel' als versagende Politikerin), oder solche, die noch 'unfertig' sind, d. h. entweder unreif oder unverheiratet ('das Mädchen', 'Fräulein'). Nur erwachsene, möglichst verheiratete, sozial arrivierte Frauen bekommen das 'richtige' Genus ('die Braut', 'Frau', 'Mutter')."

Außerdem: In der NZZ kann Pascal Bruckner nur müde lächeln über die hochtrabenden Pläne für eine Welt nach der Pandemie. Vielleicht reicht es ja auch, zur Normalität zurückzukehren? "Die 'Welt danach' wird das Beste der 'Welt davor' bieten, auch wenn das den großen Ideenpropheten so nicht passt."