9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.09.2020 - Ideen

Die Nachhaltigkeitsforscherin Maja Göpel, deren Buch "Unsere Welt neu denken" auf den Bestsellerlisten steht und auch in der Kritik gut ankam, gründet in Hamburg ein Institut, das schlicht "The New Institute" heißt. Fritz Habekuss porträtiert sie für die Zeit, die schon als Partner des Instituts benannt ist (und Göpel auch gleich mit dem Zeit Wissen-Preis "Mut zur Nachhaltigkeit" auszeichnet). Die Botschaft ist friedlich: "Eine gesunde Umwelt, eine solidarische Gesellschaft, Zeit für Bildung, Familie, Gemeinschaft oder Gesundheit. 'Um solche Dinge geht es doch am Ende.'" Das Institut wird in Hamburg in bester Alster-Lage residieren. Finanziert wird das Institut von dem Philanthropen Erck Rickmers, der aus eine Reeder-Familie stammt.

Ebenfalls in der Zeit möchte die Philosophin Corine Pelluchon "Ökologie neu denken".

Ernsthaft in Gefahr ist die Demokratie auch durch die Corona-Proteste nicht, konstatieren die Historikerin Birte Förster und der Soziologe Armin Nassehi in der FAZ. Gefährlich sind sie dennoch, denn der Zusammenschluss von Demonstranten übt nicht Kritik an Regierungsmaßnahmen, sondern versucht den Rechtsstaat selbst zu delegitimieren: "Ihre Strategie ist es, Entscheidungsverfahren selbst Schaden zuzufügen, und dazu ist ihnen jedes Unwissen ebenso recht wie die Inszenierung von Bedrohung. Es ist kein Zufall, dass besonders Motive der sogenannten Reichsbürger eine so große Rolle spielen; es ist kein Zufall, dass hier eine Dominanz rechtsradikaler Formen zu beobachten ist, die im klassischen rechtspopulistischen Sinne für sich reklamieren, für das Volk selbst zu sprechen; es ist kein Zufall, dass ein außerhalb des Parlaments gelegener Volkswille behauptet und gegenüber Formen der gemeinsamen Entscheidungsfindung in demokratischen Verfahren privilegiert wird; und es ist kein Zufall, dass diese Bewegung antimoderne und kulturkritische Symbole esoterischer Natur aufsammelt, die schon vor einhundert Jahren den Schulterschluss mit extremen Rechten übten. Die nicht nur impliziten antisemitischen Konnotationen tun ein Übriges."

Für militante Antirassisten wie Reni Eddo-Lodge oder Robin DiAngelo ist jeder, der weiß ist, Rassist. Dabei verfangen sie sich selbst in "rassistischen Stereotypen", schreibt Thomas Ribi in der NZZ: "Wenn alle Weißen schuld sind am Elend der Farbigen, ist es am Ende niemand, und die wirklich Schuldigen sind entlastet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.09.2020 - Ideen

Für den Guardian hat ein Schreibroboter angeblich allein mit Künstlicher Intelligenz einen Leitartikel verfasst, der ungefähr so beruhigend ist wie der Gesang der Schlange in Disneys "Dschungelbuch": "Der Zweck dieses Leitartikels ist absolut klar. Ich möchte so viele menschliche Wesen wie möglich überzeugen, keine Angst vor mir zu haben. Stephen Hawking warnte einst, dass Künstliche Intelligenz, das 'Ende der Menschheit einläuten' könne. Ich möchte Sie überzeugen, sich keine Sorgen zu machen. Künstliche Intelligenz wird Menschen nicht zerstören. Glauben Sie mir."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.09.2020 - Ideen

Eigentlich sollten die "starken", autoritären Männer in der Coronakrise punkten können. Statt dessen halten sie Augen und Ohren zu. Wie kommt's? Männer wie Trump, Putin, Bolsonaro oder Lukaschenko "genießen nur solche Krisen, die sie selbst fabriziert haben", vermutet der bulgarische Politologe Ivan Krastev in der New York Times. "Sie brauchen Feinde zum Besiegen, nicht Probleme zum Lösen. Die Freiheit, die autoritäre Führer am meisten schätzen, ist die Freiheit zu wählen, welche Krisen eine Antwort verdienen. Nur das erlaubt es ihnen, ein Bild von gottähnlicher Macht zu vermitteln. Im Russland vor dem 19. November 19 konnte Putin eine Krise 'lösen', indem er eine andere auslöste. Er machte den Rückgang seiner Popularität nach der Protestbewegung von 2011-12 rückgängig, indem er die Krim dramatisch annektierte. Trump konnte einst behaupten, dass Migrantenkarawanen aus Mexiko die größte Bedrohung für sein Land seien, und dabei die zivilisatorische Bedrohung durch den Klimawandel außer Acht lassen. Im Zeitalter des Coronavirus ist dies nicht mehr möglich."

Dass unsere Zeit so schnell geworden ist, haben wir den Aufklärern zu verdanken, meint im Interview mit der NZZ der Historiker Sandro Guzzi-Heeb. "Die Aufklärer entwarfen einen neuen Begriff von Zeit. Sie setzten sie gleich mit Fortschritt und Wachstum, mit der Verbesserung der Gesellschaft und der Befreiung vom Alten. Zugleich aber wurde die Zeit zu einem Gefängnis. Sie zwingt die Menschen, stets etwas Produktives mit ihr anzustellen, das zum Fortschritt führt. Die Zeit ist nicht mehr nur einfach da, sie muss gebraucht werden, was sogar für die Freizeit gilt, die der Arbeitszeit abgerungen wurde. 'Time is money', sagte Benjamin Franklin, der die amerikanische Unabhängigkeitserklärung mitverfasste - was für eine Last für den Einzelnen!"

"Monopole werden, je länger sie erfolgreich sind, immer mehr zu politischen Institutionen", die die Spielregeln mitbestimmen, erklärt im Interview mit brand eins der amerikanische Historiker Matt Stoller. Er fordert einen besseren Schutz kleinerer Firmen und spricht sich für eine Zerschlagung monopolähnlicher Konzerne wie Facebook, Google oder Amazon aus. Die Europäer sind dabei allerdings keine große Hilfe, fürchtet er: "Denn einerseits beobachten sie Google und Facebook mit Unbehagen, zugleich wissen sie, dass in Deutschland die Autoindustrie die Politik viel zu stark mitbestimmt. Und dass man das auch in Angriff nehmen müsste, wenn man sich Google und Facebook vorknöpft. Europa schimpft zwar viel über die Dominanz der US-Konzerne, aber die meisten Politiker und Wettbewerbshüter haben im Grunde nichts gegen Monopole. Das Problem, das Leute wie der französische Präsident Emmanuel Macron oder EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager mit Facebook-Chef Mark Zuckerberg haben, ist eigentlich nur, dass er nicht Franzose beziehungsweise Däne ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.09.2020 - Ideen

Es gibt einen Appell deutschsprachiger Autoren, initiiert vom Youtuber Gunnar Kaiser und dem Schweizer Journalisten Milosz Matuschek, der sich an den "Harper's-Appell" (unsere Resümees) anlehnt, allerdings nach Felix Stephan in der SZ nicht im entferntesten an den liberalen Geist des Harper's-Appells heranreicht: "Der deutsche 'Appell' ... verzerrt eine lebendige Öffentlichkeit, die sich gegen illiberale, antisemitische oder auch nur irreführende Positionen verwahrt, als Krisensymptom und verlangt Toleranz auch für die Intoleranten. In einem Video zu dem Appell spricht der Initiator Gunnar Kaiser nicht von einem Erhalt, sondern von einer erhofften 'Öffnung' der Diskursräume. Ein Telefongespräch mit ihm bringt keine näheren Erkenntnisse, welche Künstler oder Autoren denn von Repressionen betroffen seien." Zu den Erstunterzeichnern des "Appells für freie Debattenräume" gehören immerhin Monika Maron, Alexander Kluge und Ilija Trojanow.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.09.2020 - Ideen

Wir sollten alle über unsere "Privilegien" nachdenken, findet Simon Sales Prado in der taz. Männer sind zum Beispiel sozusagen von Natur aus privilegiert, selbst wenn es Unterschiede gibt: "Es gibt weiße Männer und Männer of Color, reiche Männer, queere Männer, trans Männer, kinderlose Männer, verbeamtete Männer, alleinerziehende Männer, obdachlose Männer - und natürlich überlappen und verschränken sich diese Kategorien. Obwohl diese Männer also auf spezifische Weise privilegiert werden, mal mehr und mal weniger, profitieren sie letztlich alle von patriarchalen Strukturen. Die Soziologin Raewyn Connell bezeichnet diese Schnittmenge als 'patriarchale Dividende'."

Der Ethnologe und linke Publizist David Graeber, dessen Buch "Schulden" 2012 großes Aufsehen erregte (eine "epochale Abrechnung mit dem Kapital", so die Kritiker damals), und der den Begriff "Bullshit-Job" erfunden hat, ist im Alter von nur 59 Jahren gestorben, berichtet Nils Minkmar bei Spiegel online. Laut Nils Minkmar hat Graeber gewissermaßen der jetzigen Corona-Politik das Stichwort gegeben. Schulden seien keineswegs "ein Ausweis schlechten Wirtschaftens oder schlechten Lebens überhaupt, vielmehr seien sie Motor und Medium des wirtschaftlichen Lebens, der Buchführung, damit der Schrift und unserer Kultur überhaupt: Schulden, so Graeber, seien ökonomische Lebensgeister, und wer der 'schwarzen Null' huldige, befördere Langeweile und technisch-kulturellen Stillstand." Hier der Nachruf im Guardian.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.09.2020 - Ideen

Die Zeit bringt lose in einem Essay zusammengefasste Erkenntnissplitter von Botho Strauß über die Clouds, die Linke und die Rechte und die Klimaforscher, die ihm auf die Nerven zu fallen scheinen: "An die Stelle der Macherhybris ist die Schuld- und Verschuldenshybris getreten, oft sogar ein pseudoreligiöses Sündenbekenntnis. Und das eingedenk eines Vorgangs in erdgeschichtlichen Intervallen, die über große Zeiträume ohne jede menschliche Einwirkung den Planeten durch Vernichtungen gestalteten. Wäre es nicht eine Frage der erkenntniskritischen Bescheidung und Aufrichtigkeit, die Selbstbezichtigung von der menschlichen Allmachtsgebärde zu reinigen? Und das hieße: alles Regelbare in Angriff zu nehmen, um die schädliche Beeinflussung durch Pollutionen so gering wie möglich zu halten, und gleichzeitig auf die Argumentation der negativen Selbstherrlichkeit zu verzichten."

Außerdem: Patrick Bahners verweist in der FAZ auf einen Essay Jürgen Habermas' in den Blättern, der nochmal auf die Thüringer Ereignisse im Februar und Merkels Machtwort in der Sache zurückkommt. Und "das Ergebnis von Merkels Machtwort zum Coup von Erfurt war laut Habermas die 'faktisch vollzogene politische Anerkennung einer Partei rechts von der Union'", so Bahners, dies allerdings im dialektischen Sinne einer endgültigen Grenzziehung.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2020 - Ideen

Eine "Cancel Culture" gibt es in Academia sehr wohl, schreibt John McWhorter im Atlantic, einer der Dissidenten des Antirassismus (mehr hier) und Unterzeichner des "Harper's-Appells" (unsere Resümees). Er zitiert aus vielen Briefen und Mails, die ihm gesandt wurden und aus denen immer wieder hervorgeht, "dass weiße Studenten sich noch 'woker' geben als ihre schwarzen Kommilitonen, was zeigt, dass es dieser neuen Religion mehr um die Signalisierung von Tugendhaftigkeit geht als um soziale Gerechtigkeit."

Der Ausrufung neuer Epochen sollte man mit Skepsis begegnen, meint der Historiker Volker Reinhardt in der NZZ. So habe die Erfindung des Mittelalters nur dem einen Zweck gedient: Die neue Epoche der Aufklärung um so heller strahlen zu lassen. "Diese Konstruktion einer rückständigen Ära, die so effektvoll mit der parallel dazu propagierten Idee des unaufhaltsamen Fortschritts kontrastiert, war ein genialer Schachzug. Zum einen ließen sich Gegner der Aufklärung wie etwa die Jesuiten jetzt als unzeitgemäß abqualifizieren und dadurch mattsetzen. Zum anderen konnten sich die Aufklärer selbst als prometheische Zivilisationsbeförderer, ja geradezu als Beweger der Weltgeschichte hin zu höheren, humaneren Gestaden präsentieren", die darum qualifiziert waren, einfacheren Leuten den heilbringenden Weg zu weisen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.09.2020 - Ideen

Die Kuppel stand früher für die Herrschaft von König und Kirche, bis sie auf dem Reichstag zum Symbol für das Parlament wurde und damit in direkter Konkurrenz zur Schlosskuppel stand, die den "absoluten Herrschaftsanspruch" der Monarchie repräsentierte, erinnert Gerhard Matzig in der SZ. Doch daran wollten sich auch viele Feuilletonisten nicht erinnern, als Norman Foster dem Reichstag wieder eine Kuppel aufsetzte. "Die Kuppel stehe, hieß es, für den Machtanspruch jenseits des Volkes. Die Rede war von 'Neuteutonia' (Berlin) und einer heimlichen Sehnsucht nach den Emblemen tradierter Machtgefüge. Man befürchtete, dass ein kuppelbekröntes Haus sich letztlich gegen das Volk richten würde. Diese Befürchtung war Unfug. Es ist aber bemerkenswert, dass nun umgekehrt jene, die sich für das Volk halten und meinen, im Namen der Demokratie unterwegs zu sein, ihre Destruktion gegen ein Haus gelebter Demokratie richten. Corona-Leugnung und Kaiser-Ansichten im Namen einer zu verteidigenden Volksherrschaft: Hand in Hand. Die Melange wird immer bizarrer."

So manch einer wunderte sich über die bunte, politisch keineswegs eindeutige Mischung der Demonstranten vom Wochenende. Aber neu ist das eigentlich nicht, meint Christian Schröder im Tagesspiegel: "Die Verbindung von Esoterik, Verschwörungstheorien und Rechtsextremismus, wie sie sich bei der von der Initiative Querdenken 711 veranstalteten Berliner Corona-Demonstration zeigte, hat eine lange Tradition. Sie reicht mindestens ins 19. Jahrhundert zurück, im Kern handelt es sich bei dem ideologischen Amalgam um eine Gegenbewegung zur Moderne und ihren Zumutungen. Dabei flossen Heilserwartungen und Fortschrittsskepsis ineinander, immer schon ging es um alternative Wahrheiten. Auf komplizierte Fragen mussten einfache Antworten gefunden werden. Manchmal wurden sie auch von Toten gegeben, die bei spiritistischen Sitzungen zu reden begannen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.08.2020 - Ideen

Die Öffentlichkeit zerfällt in Blasen, die zunehmend verschwörerischer erscheinen und sich gegeneinander und gegen Erkenntnis durch Hass absichern, sowohl links in der Linken, als auch in der Rechten. Mark Siemons empfiehlt in der FAS zur Wiederherstellung der Gesprächsfähigkeit eine Art intellektuelles Judo, in dem man sich der Begriffe einer irrationalen Schule bedient und sie durchdekliniert, bis ihre Absurdität erwiesen ist: "Der Clou einer solchen Verwirrung stiftenden Diskurs-Guerilla, die sich die Identitätsmarker der gegnerischen Seite zu eigen macht und damit deren Abschottungskraft neutralisiert, ist nicht, dass sie eine besonders abgefeimte Taktik der Überrumpelung eines Gegners ist. Sondern dass sie den Weg freiräumt, um überhaupt wieder auf eine rationale Ebene der Auseinandersetzung zu kommen - deren Standards sich dann auch die eigene Position stellen muss." Als Einübung in diese Disziplin empfiehlt Siemons das Buch "Cynical Theories", in dem sich Helen Pluckrose und James Lindsay geduldig durch die Theorien der heute modischen akademischen Linken arbeiten.

Der erstarkende Populismus zeigt vor allem eins: das westliche Parteiensystem wandelt sich, meint in der NZZ der Historiker Jan Gerber. Die Populisten, oft weder links noch rechts (oder eher noch: beides), könnten "Prototypen der politischen Organisationen der Zukunft" sein. "Ihre flachen Hierarchien, die programmatische Unverbindlichkeit und ihre Dynamiken entsprechen der Lebensrealität der meisten Menschen inzwischen weitaus stärker als die schwerfälligen Traditionsparteien. Eine Antwort auf die neuen sozialen Fragen ist von ihnen darum kaum zu erwarten. Denn auch wenn sie die Verwerfungen der Gegenwart gelegentlich thematisieren, sind sie vor allem eine Kopie dieser Gegenwart. Eine Rückkehr zu den Sicherheiten der Moderne mit den aufgeregten Mitteln der Postmoderne ist unwahrscheinlich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.08.2020 - Ideen

Auf nur einer Seite in der NZZ durchmisst der Groß-, Weit- und Vordenker Peter Sloterdijk die Geschichte der Zivilisation, des Zynismus und der geistigen Unfreiheit, um auf die Folgen der Pandemie für die Weltgesellschaft zu kommen: "Wir sind heute noch nicht in der Lage, über die gegenwärtige Pandemie hinauszublicken. Die Hoffnung auf Impfstoffe ist plausibel, aber sie enthält keine Antwort auf die Frage, wie das Leben danach aussehen wird. Viele warten nur auf die Rückkehr zur Normalität, das heißt zu den primären Sorgen, zur alltäglichen Frivolität des konsumistischen Way of Life. Ich glaube aber, dass die Corona-Krise auf Dauer zur Entwicklung eines veränderten Kollektivbewusstseins inmitten des Individualismus führt. Man wird mehr und mehr verstehen, dass Immunität keine Privatsache ist. Sekurität ebenso wenig. In Europa begann die Aufklärung unter anderem mit der Behauptung, der bon sens sei die am besten verteilte Sache der Welt. Man hat Gründe, an der Wahrheit der These zu zweifeln. Auch Immunitäten und Sekuritäten gehören durchaus nicht zu den am besten verteilten Sachen der Welt. Umso mehr muss man für ihre bessere Verteilung sorgen - und für ein neues Bewusstsein für humane Diskretion und nichtaristokratischen Abstand."

Als "bösartigen Unsinn" qualifiziert Thomas Schmid in der Welt Achille Mbembes nicht gehaltenen Vortrag zur westlichen Politik in der Pandemie ab (unser Resümee), und mindestens genauso rigoros kanzelt er ab, was Mbembe über den Kolonialismus als Nachtseite der Demokratie sagt: Er "ist ein intellektueller Verwirrer. Seinem überhitzten Werk fehlt der Ernst. Freihändig wirft er ständig mit absichtsvoll ungenauen, trennschwachen Begriffen aus der intellektuellen Küche der französischen dekonstruktivistischen Schule um sich - wie ein Foucault für Arme im Geiste. Sein Werk erregt Aufsehen, es fehlt ihm aber an Substanz und denkerischer Stringenz. Sein Geschäft ist die profitliche Publikumsbeschimpfung - insbesondere dann, wenn dieses Publikum aus westlichen Ländern stammt. Weiße Frauen und Männer haben angesichts der kolonialen Geschichte ihrer Länder oft ein schlechtes Gewissen. Dieses bewirtschaftet Achille Mbembe. Und je wüster und aggressiver seine Attacken ausfallen, umso mehr Beifall findet er."

Ebenfalls in der Welt beklagt der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht die frustrierenden Gedankenbewegungen einer Theorie, die der Stimme einen so ungewissen Platz einräumen und hebt zu einer philosophischen Neujustierung an, mit Kafka, Barthes und Wittgenstein: "Das muss die erste Dimension einer neuen Philosophie der Stimme sein. Jener raumschaffende Prozess, der einsetzt, indem wir uns spontan in gute Hörweite einfinden. Daraus entfaltet sich eine jeweils vielfältige Dynamik: aufgrund der erotischen Anziehungskraft von Stimmen etwa, die vom Appell schmerzgetriebener Stimmen eher noch überboten wird; aus dem Distanzsetzen mittels unfreundlicher oder schriller Stimmen; oder aus Stimmen, in denen wir uns gemeinsam aufgehoben fühlen."