Die "
Cancel Culture" ist nicht nur ein Schlagwort, sondern eine Realität. In den USA kann sie dazu führen, dass "Falschmeinende" vom einen Tag auf den anderen gefeuert werden.
Yascha Mounk hat gegen die "Cancel Culture" ein eigenes Magazin namens
Persuasion gegründet (unsere
Resümees). In der
Zeit nimmt Mounk zu den Debatten um
Dieter Nuhr und
Lisa Eckhart Stellung. Dass die Kritik an ihren Ausladungen am Ende gefruchtet hat, sollte die deutsche Öffentlichkeit nicht beruhigen, so Mounk: "Denn wie ich in den USA erlebt habe, kann sich die
Liebe zur kollektiven Zensur schnell ausbreiten. Als die ersten Anzeichen vor fünf Jahren auf dem Campus auftraten, taten viele Journalisten und Wissenschaftler das noch als Randphänomen ab. Das war ein Fehler: Dieselben Tabus, die sich vor einigen Jahren in kleinen 'progressiven' Colleges in Vermont oder Maine herauskristallisierten, greifen mittlerweile gesellschaftlich breit um sich. Deshalb ist es umso wichtiger, dass deutsche Intellektuelle und Entscheidungsträger nicht den gleichen Fehler wie ihre amerikanischen Kollegen begehen. Bei der Cancel-Culture geht es nämlich
nie nur um den Einzelnen. Wenn sich das Prinzip, dass ein paar Aktivisten einen Künstler oder Schriftsteller für unakzeptabel erklären kann, einmal etabliert, dann verengt sich der öffentliche Diskurs rapide."
Außerdem interviewt Anna-Lena Scholz in der
Zeit Katja Becker, Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft, und
Peter-André Alt, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, zum Kommunikationsunfall der DFG mit Dieter Nuhr.
Ruhrbaron Stefan Laurin
weigert sich, in der Debate um
Achille Mbembe einen Fall von "Cancel Culture" zu sehen: "Denn es war Mbembe, der den Boykott israelischer Wissenschaftler und Künstler forderte und im Fall der israelischen Wissenschaftlerin Shifra Sagy sogar durchsetzte. Ihm und den anderen Unterstützern der antisemitischen BDS-Kampagne die - von Steuerzahlern finanzierte, um nichts anderes ging es - Bühne zu verweigern, bedeutet letztendlich nichts anderes, als Mbembe
die eigene Medizin zu verabreichen und zu verhindern, dass künftig keine Israelis mehr auftreten können:
BDS steht für Cancel Culture und ein Vertreter der Cancel Culture ist Mbembe."
Andreas Reckwitz' in "Die
Gesellschaft der Singularitäten" und
"Das Ende der Illusionen" entwickelte soziologische These vom Abstieg der
alten Mittelklasse und vom Aufstieg einer neuen eher urbanen und ökologischen Mittelklasse hat prägende Kraft entwickelt. Robert Pausch und Bernd Ulrich fragen ihn in der
Zeit, wie er sich den Erfolg seine Theorien auch in der Politik erklärt, aber er bleibt vorsichtig und wendet sich
gegen Polarisierung: "Die
Kränkung der alten Mittelklasse durch die Arroganz der neuen Mittelklasse, die medial so gerne verbreitet wird, ist eher ein Folgeproblem. Denn die eigentliche Verunsicherung in der traditionellen Mittelklasse betrifft ja ihre
eigene Lebenssituation: Man hat sich hier lange mit dem Modell des sozialen Aufstiegs, der für alle erreichbar sei, identifiziert. In den 1950er- bis 1970er-Jahren funktionierte das auch. Nun aber
stockt dieser Prozess: Mit mittleren Bildungsabschlüssen kann man nicht mehr aufsteigen, der industrielle Sektor bricht weg und mit ihm die einmal stolze Arbeiterkultur, die ländlichen Regionen scheinen teilweise abgehängt zu sein."
Außerdem: Felix Stephan begrüßt in der
SZ den strengen Bericht der TU Darmstadt zu den Plagiatsvorwürfen gegen die Soziologin
Cornelia Koppetsch. Nun drohe ihr sogar ein Disziplinarverfahren und der Verlust des Beamtenstatus.