9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.08.2020 - Ideen

Klaus Vieweg schildert Georg Wilhelm Friedrich Hegel in seiner großen und viel besprochen Biografie als einen Philosophen des Universalismus und der Freiheit. Daran hält er auch im Gespräch mit Kristian Teetz in rnd.de fest und erinnert an Hegels Liebe zur Französischen Revolution: "Jedes Jahr am 14. Juli stieß er mit einem Glas Champagner auf die Revolution an. Die Revolution blieb das politische Ereignis seines Lebens. Ungebrochen, bis zu seiner letzten Vorlesung 1830 in Berlin, wo er die Revolution mit einem 'herrlichen Sonnenaufgang' vergleicht." Vieweg insistiert auch, dass Hegel ein "Kritiker jeglichen Nationalismus und  Kritiker des Rassismus" sei. In der Berliner Zeitung schreibt Arno Widmann zur Bedeutung der Französischen Revolution und deren Folgen für Hegel.

Die SZ widmet dem 250. Geburtstag von Hegel ihr gesamtes Feuilleton. Hegel sei "mit seinem begrifflich gezügelten Enthusiasmus für die Vernunft, mit seinem historischen Denken und seinem Zugriff aufs Ganze heute der anstößigste Denker des 19. Jahrhunderts", schreibt Jens Bisky im Aufmacher. 

Aleida Assmann rät im SZ-Dossier, Hegels Texte über Afrika und Sklaverei als Augen öffnende Dokumente "für europäischen Hochmut und die kulturelle Erbschaft, die Hypothek, die wir in uns tragen" zu lesen: "Für ihn ist der Afrikaner ein Noch-nicht-Mensch, weil er sich selbst als das Höchste setzt, mit Zauberei hantiert, der Natur Befehle erteilt und noch keinen Begriff von einer höheren Macht oder Idee gebildet hat. Im Klartext gesprochen, sind die Menschen in dieser Weltgegend für Hegel Menschenfresser und Menschenhändler, die keine sittlichen Empfindungen und keine Achtung vor dem menschlichen Leben haben. Ja mehr noch: Der Charakter des 'Negers' ist 'keiner Entwicklung und Bildung fähig'."

Slavoj Zizek, der gerade erst ein neues Buch über Hegel verfasst hat, braucht in der NZZ nur wenige Sätze, um von Hegel über Corona zur Kapitalismuskritik zu gelangen. Hegel war nicht nur ein absoluter Idealist, sondern ging auch von der Einheit der Gegensätze aus, schreibt er: "Wer die Welt durch Hegels Linsen betrachtet, trifft auf einen weiteren Parasiten: das von Menschen geschaffene Kapital, das sich selbst reproduziert, auf dem ganzen Globus zirkuliert und hierfür auf den menschlichen Geist angewiesen ist, ja ihn eigentlich benutzt, ohne doch insgesamt auf menschliche Schicksale Rücksicht zu nehmen."

Außerdem: In einem weiteren SZ-Text liest der Germanist Iwan-Michelangelo D'Aprile Hegels Rechtsphilosophie als Attacke gegen den Populismus und zitiert: "'Der Mensch gilt, weil er Mensch, nicht weil er Jude, Katholik, Protestant, Deutscher, Italiener' ist." Und in der FAZ lobt Jürgen Kaube Hegel für seine Schwierigkeit.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.08.2020 - Ideen

Nicht nur in Deutschland lockt die Idee des Liberalismus leider niemanden so recht mehr hinterm Ofen hervor. Dabei wäre sie angesichts der konvulsivischen Debatten heutzutage ein heilsames Gegenmittel. Darum erinnert Richard Herzinger in seinem Blog an Raymond Aron und zeigt, dass Liberalismus nicht ohne Antitotalitarismus auskommt: "Dabei setzte Aron die beiden Systeme aber keineswegs gleich, sondern arbeitete im Gegenteil detailliert ihre Unterschiede heraus - sowohl was ihre ideologischen Wurzeln, als auch was die Funktionsweise ihrer Herrschaftssysteme betrifft. Eine substanzielle Gemeinsamkeit zwischen ihnen erkannte er allerdings unter anderem darin: Beide Systeme waren 'revolutionär' in dem Sinne, dass sie radikal mit der Vergangenheit und allen geschichtlichen Konventionen brechen wollten, wohingegen liberale Demokratien, so Aron, 'in dem Sinne grundsätzlich konservativ sind, dass sie die überkommenen Werte bewahren wollen, auf die unsere Zivilisation gegründet ist.'"

Uff, das ist heute der Tag der gequälten Männerseelen. Erst Maxim Biller in der NZZ (unser Resümee) und jetzt der afroamerikanische Philosoph Frank Wilderson, der in der SZ seinem "Afropessimismus" (mehr dazu in unserer Magazinrundschau) Luft macht: Danach waren die Schwarzen seit Anbeginn der Erde Sklaven, weil ihre Versklavung und die damit einhergehende Erniedrigung konstitutiv war für die Entstehung einer "weißen" Rasse. Und darum sind sie auch heute noch Sklaven, selbst wenn sie als Professoren an der Universität von Kalifornien lehren. Wildersons Traum ist "die Explosion der Zivilgesellschaft, damit die Leute von allem frei werden, was ihr Leben möglich macht. Wir müssen alle gemeinsam am Abgrund stehen, an einem Abgrund, auf deren gegenüberliegender Seite es keine Weißen, keine Schwarzen gibt. Wir dürfen uns nicht vorstellen können, was jenseits dieses Abgrunds liegt. Aber so frei möchte niemand sein."

Ohne das an einzelnen Fällen zu exemplifizieren sieht Isolde Charim in ihrer taz-Kolumne den Streit zwischen Anhängern der "Cancel Culture" und ihren Kritikern als einen Streit zwischen "neuer" und "alter Kritik": "Die alte Kritik beruht ihrem Selbstverständnis nach auf rationalen Argumenten. Sie will überzeugen. Ihr Medium ist die Debatte bis hin zum Streit. Die neue Kritik hingegen, die 'Cancel Culture', funktioniert völlig anders. Geradezu gegenteilig. Statt zu überzeugen, will sie den Gegner strafen. Statt mit ihm zu debattieren, will sie ihn isolieren und stigmatisieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.08.2020 - Ideen

Im Blog starke-meinungen.de kritisiert die Ur-Grüne Eva Quistorp Achille Mbembe und die mit ihm verbündeten Professoren für ihre Ferne von tatsächlichen sozialen Kämpfen: "Kein Wort gibt es vom Mbembe des Weiteren zur nötigen Geburtenbeschränkung und Freiheit der Verhütung von zu viel Geburten für afrikanische Frauen, kein Wort zu Bildungsprogrammen für Mädchen und gegen Aids und Ebola und Malaria. Eine Art Welt- und Politikverdruss zeigt sich für mich in der Rede Mbembes, in der die Politikgeschichte reduziert wird auf ein Klischee von Staaten, die anscheinend alle gleich asozial und alle gleich undemokratisch sind."

Letzte Woche ist Stefanie Carp, die scheidende Intendanten der Ruhrtriennale, bei Deutschlandfunk Kultur interviewt worden. Thomas Wessel hat sich das Gespräch, das bei Dlf Kultur nur sehr kursorisch resümiert war, für die Ruhrbarone nochmal angehört und macht sich die Mühe, längere Passagen zu transkribieren. Carp nimmt äußert sich demnach noch einmal in aller Deutlichkeit zur Mbembe-Debatte: "Die Beschuldigung, er sei antisemitisch oder BDS-Unterstützer und was auch immer, war absolut infam und gelogen. Eine ganz infame Intrige auch seitens des Antisemitismus-Beauftragten, der sich dafür hat funktionalisieren lassen. Das nur mal am Rande. Und darum hat Achille Mbembe dann auch, weil ja ihm natürlich der ganze rassistische Hintergrund, der ja ziemlich offensichtlich war, sehr verletzt hat, beschlossen, erst einmal in Deutschland nicht mehr aufzutreten." Im wesentlichen ging es in der Debatte laut Carp aber um ihre Person: "Im Fall von Achille Mbembe war es die pure Intrige einiger weniger Personen, die ich auch nennen könnte, die mich persönlich beschädigen möchten, also mich beruflich beschädigen möchten, und sich dafür nun Achille Mbembe ausgesucht hatten. Ich hab da richtig Schuldgefühle ihm gegenüber."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.08.2020 - Ideen

Natürlich war auch Hegel, der überall zum 250. Geburtstag abgefeiert wird, ein Rassist. Albrecht Koschorke liest für seinen Gedenkartikel in der NZZ nochmal Hegels "Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte" mit den bekannten Ausführungen über die geschichtslosen Afrikaner: "Auffällig an derartigen Bemerkungen, mit denen Hegel den Ausschluss Afrikas aus der Weltgeschichte untermauert, ist der Wechsel des Stilregisters. Sobald Hegel auf die Afrikaner zu sprechen kommt, erteilt er sich eine Lizenz zur Kolportage. Man kann sich gut vorstellen, wie sich sein Auditorium, von der sauren Mühe des Gedankens etwa der 'Phänomenologie des Geistes' oder der 'Logik' entlastet, beim Zuhören an einem Wechselbad aus Frösteln und Schmunzeln ergötzt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.08.2020 - Ideen

Der Kulturwissenschaftler Andreas Bernard analysiert in der Zeit, wie das Denken des Poststrukturalismus in das des Postkolonialismus und der Gender Studies überging. Die entscheidenden Autorinnen sind für ihn Gayatri Chakravorty Spivak und Judith Butler. Aus einem Denken der Differenz wurde dabei - und dies auch im vergröberten Sprech der heute modischen Linken - eines der Identität, das eigentümlich geschichtslos sei: "Ein Argumentationsgestus, der im Namen der gender und postcolonial studies häufig sichtbar wird, ist die Auffassung, dass die Kulturerzeugnisse aus den unterschiedlichsten Epochen mit den ethischen Maßstäben der Gegenwart bewertet werden müssen. Als sexistisch oder rassistisch ausgemachte Gehalte von Kunstgebilden scheinen die Jahrhunderte unverwandelt zu überdauern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.08.2020 - Ideen

Der Philosoph Christian Schüle muss es gestehen und darf dies sogar bei Dlf Kultur tun: Er ist ein mittelalter weißer Mann und überdies hetero. Aber er will sich auf Teufel komm raus keine Schuld einreden lassen: "Dass jetzt überall klare Zeichen gefühlter Benachteiligung erkannt werden, ist Resultat eines quasireligiösen Befreiungsmoralismus, den man 'Identitätspolitik' nennt. Es ist das Kernthema neuer linker Ideologie, da die alte Linke versagt hat und weder einen attraktiven ökonomischen Gegenentwurf zum Kapitalismus anbieten, noch den Rechtsnationalismus aufhalten konnte, dem europaweit beträchtliche Teile der arbeitenden Klasse in die Arme laufen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.08.2020 - Ideen

Claus Leggewie erinnert in der FAZ an eine legendäre Debatte im Debattierclub der Cambridge Universität zwischen James Baldwin und dem erzreaktionären Publizisten William Buckley, die Baldwin eindeutig gewann. Es ist sogar ein ganzes Buch über diese Debatte vor 55 Jahren publiziert worden. Leggewie lernt aus der Offenheit des Formats einiges im Blick auf die heutige "Cancel Culture": "Was 'man' in einer Rede oder einem Text womöglich unausstehlich findet, gefährdet, anders als es selbsternannte Beschützer sogenannter 'Mikroaggressionen' unterstellen, niemandes Integrität. Und eine Identitätsperspektive dürfen nicht nur Stammesangehörige oder Betroffene einnehmen, ihre Übernahme und Relativierung ist eine Voraussetzung jeder echten Deliberation."

Hier kann man Auszüge der Debatte sehen:



"Cancel Culture" überall. Die Geschlechterforscherin und Soziologin Franziska Schutzbach fordert in republik.ch zwar eine Zivilisierung der Debatte im Ton, aber sie beharrt auch: "Unverkennbar dient die Behauptung, die emanzipatorischen Kämpfe der Gegenwart hätten allgemein eine antitolerante Tendenz, auch als konservatives oder rechtes Instrument, um bestehende Machtstrukturen zu erhalten und notwendige Gerechtigkeitsdiskussionen zu torpedieren."

In der NZZ erklärt der Entwicklungshelfer Pascal Gemperli, dass Ruud Koopmans' Buch "Das verfallene Haus des Islam", das den Islam für den Niedergang und Autokratismus islamischer Länder verantwortlich macht, "selektiv ... verkürzt ... oder falsifizierbar" sei. Seiner Ansicht nach ist vor allem der Kolonialismus Schuld: "Einen weiteren wichtigen Einfluss auf die Unfreiheit hatte die Kolonialisierung durch die Verknöcherung der islamischen Rechtslehre, dies bleibt bei Koopmans außen vor. Die Kolonisatoren überführten die Dynamik und Ambiguitätstoleranz des islamischen Gewohnheitsrechts - bei dem Gelehrte sich nicht scheuten, rivalisierende islamische Rechtstraditionen zu Rate zu ziehen - in eines starres, kodifiziertes, koloniales Rechtssystem überführten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.08.2020 - Ideen

In der taz plädiert Cinzia Sciuto, Redakteurin der italienischen Zeitschrift MicroMega und Autorin des Buchs "Die Fallen des Multikulturalismus - Laizität und Menschenrechte in einer vielfältigen Gesellschaft", gegen einen Multikulturalismus, der "Kulturen" über Menschenrechte stellt: "Seit rund 20 Jahren umgibt uns ein Narrativ, das uns in ein 'wir' und ein 'die anderen' aufteilen will und uns in einen fatalen 'Konflikt der Kulturen' zwingt. In Wahrheit gibt es aber keinen Kulturenkonflikt, was es allerdings tatsächlich gibt, ist ein ganz und gar politischer Konflikt, der jeder Kultur der Welt inhärent ist: ein Konflikt zwischen reaktionären und fundamentalistischen Kräften auf der einen Seite und progressiven Kräften und Verfechtern der Menschenrechte auf der anderen. Ganz oft, und oft ohne Absicht, rutschen die Multikulturalisten auf die Seite der Reaktionäre."

Außerdem: In der FAZ stimmt Frauke Steffens in die Loblieder auf Isabel Wilkersons Essay "Caste - The Origins of our Discontent" (unsere Resümees) ein, in dem die Autorin hofft, durch eine Transplantation des Begriffs "Kaste" auch das letzte Wort zum Rassismus in den USA gesprochen zu haben: "Klasse und 'Rasse' seien letztlich Funktionen des Kastensystems, das Menschen an ihrem Platz halte." In geschichtedergegenwart.ch erinnert Sandro Zanetti an Jacques Derridas Frankfurter Vortrag über die Zukunft der Universität vor zwanzig Jahren, der auch als Buch herausgegeben wurde und in dem ihm unter anderem Derridas Plädoyer für einen "Verzicht auf Denkherrschaft" aktuell zu bleiben scheint. Und bei den Salonkolumnisten erinnert Michael Miersch an Leo Trotzki, der vor achtzig Jahren ermordet wurde.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.08.2020 - Ideen

Die "Cancel Culture" ist nicht nur ein Schlagwort, sondern eine Realität. In den USA kann sie dazu führen, dass "Falschmeinende" vom einen Tag auf den anderen gefeuert werden. Yascha Mounk hat gegen die "Cancel Culture" ein eigenes Magazin namens Persuasion gegründet (unsere Resümees). In der Zeit nimmt Mounk zu den Debatten um Dieter Nuhr und Lisa Eckhart Stellung. Dass die Kritik an ihren Ausladungen am Ende gefruchtet hat, sollte die deutsche Öffentlichkeit nicht beruhigen, so Mounk: "Denn wie ich in den USA erlebt habe, kann sich die Liebe zur kollektiven Zensur schnell ausbreiten. Als die ersten Anzeichen vor fünf Jahren auf dem Campus auftraten, taten viele Journalisten und Wissenschaftler das noch als Randphänomen ab. Das war ein Fehler: Dieselben Tabus, die sich vor einigen Jahren in kleinen 'progressiven' Colleges in Vermont oder Maine herauskristallisierten, greifen mittlerweile gesellschaftlich breit um sich. Deshalb ist es umso wichtiger, dass deutsche Intellektuelle und Entscheidungsträger nicht den gleichen Fehler wie ihre amerikanischen Kollegen begehen. Bei der Cancel-Culture geht es nämlich nie nur um den Einzelnen. Wenn sich das Prinzip, dass ein paar Aktivisten einen Künstler oder Schriftsteller für unakzeptabel erklären kann, einmal etabliert, dann verengt sich der öffentliche Diskurs rapide."

Außerdem interviewt Anna-Lena Scholz in der Zeit Katja Becker, Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft, und Peter-André Alt, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, zum Kommunikationsunfall der DFG mit Dieter Nuhr.

Ruhrbaron Stefan Laurin weigert sich, in der Debate um Achille Mbembe einen Fall von "Cancel Culture" zu sehen: "Denn es war Mbembe, der den Boykott israelischer Wissenschaftler und Künstler forderte und im Fall der israelischen Wissenschaftlerin Shifra Sagy sogar durchsetzte. Ihm und den anderen Unterstützern der antisemitischen BDS-Kampagne die - von Steuerzahlern finanzierte, um nichts anderes ging es - Bühne zu verweigern, bedeutet letztendlich nichts anderes, als Mbembe die eigene Medizin zu verabreichen und zu verhindern, dass künftig keine Israelis mehr auftreten können: BDS steht für Cancel Culture und ein  Vertreter der Cancel Culture ist Mbembe."

Andreas Reckwitz' in "Die Gesellschaft der Singularitäten" und "Das Ende der Illusionen" entwickelte soziologische These vom Abstieg der alten Mittelklasse und vom Aufstieg einer neuen eher urbanen und ökologischen Mittelklasse hat prägende Kraft entwickelt. Robert Pausch und Bernd Ulrich fragen ihn in der Zeit, wie er sich den Erfolg seine Theorien auch in der Politik erklärt, aber er bleibt vorsichtig und wendet sich gegen Polarisierung: "Die Kränkung der alten Mittelklasse durch die Arroganz der neuen Mittelklasse, die medial so gerne verbreitet wird, ist eher ein Folgeproblem. Denn die eigentliche Verunsicherung in der traditionellen Mittelklasse betrifft ja ihre eigene Lebenssituation: Man hat sich hier lange mit dem Modell des sozialen Aufstiegs, der für alle erreichbar sei, identifiziert. In den 1950er- bis 1970er-Jahren funktionierte das auch. Nun aber stockt dieser Prozess: Mit mittleren Bildungsabschlüssen kann man nicht mehr aufsteigen, der industrielle Sektor bricht weg und mit ihm die einmal stolze Arbeiterkultur, die ländlichen Regionen scheinen teilweise abgehängt zu sein."

Außerdem: Felix Stephan begrüßt in der SZ den strengen Bericht der TU Darmstadt zu den Plagiatsvorwürfen gegen die Soziologin Cornelia Koppetsch. Nun drohe ihr sogar ein Disziplinarverfahren und der Verlust des Beamtenstatus.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.08.2020 - Ideen

Seit zweieinhalb Jahrhunderten hätten die Intellektuellen nicht so ein klägliches Bild abgegeben wie in diesem Sommer, dröhnt Hans Ulrich Gumbrecht in der NZZ und möchte gleich einen Schlussstrich unter ihre Geschichte ziehen: "Zwischen New York und Los Angeles haben die brutalen Bilder von der Ermordung George Floyds aber auch einen heißen Sommer von Protesten ausgelöst. Statt teilzunehmen - und angeblich zur Unterstützung hochfliegender politischer Ziele, die kaum je konkret in den Blick kommen -, haben akademische Intellektuelle an den amerikanischen Universitäten ein Regime des Meinungsterrors etabliert. Wie in den jakobinischen Jahren zwischen 1792 und 1794 werden Denkmäler gestürzt, Gebäude umbenannt, Kollegen geächtet und in der Folge gefeuert, die sich nicht laut genug zu den dominierenden Tugenden bekennen (wie etwa ein Theologe am berühmten Massachusetts Institute of Technology, der seine Stelle verlor, weil er in einem Seminar darauf bestand, die Vorstrafen von George Floyd in eine Analyse der Bedingungen seines Todes einzubeziehen). Inzwischen hat auch der freundlich-imperativische Slogan 'Black Lives Matter' eine weltweite Resonanz gefunden, die wir beständig erneuern und bedienen, so als bedrohe wirklich ein expliziter Rassismus das globale Zusammenleben an seiner Wurzel."

Im Welt-Interview mit Jan Küveler träumt Slavoj Zizek von einer "linken Margaret Thatcher" und hält mit Descartes die Fackel der Aufklärung gegen die Identitätspolitk hoch ("Das Cogito hat kein Geschlecht"): "Für mich gibt es zwei historische Ereignisse. Erinnern Sie sich an den Weißen, der im Zuge der Proteste verletzt und von einem Schwarzen getragen wurde? Die rechten Regierungen, das ist hier in Slowenien genauso, ignorieren diese Realität. Und sie diffamieren die Proteste, indem sie sagen, sie leisteten Coronainfektionen Vorschub. Wo explodieren jetzt aber die Fälle? Nicht mehr in New York, wo es die Proteste gab, sondern in den republikanischen Staaten wie Texas oder Florida. Die Lektion für uns Europäer sollte sein: Ja, wir haben schreckliche Dinge getan. In Mexiko starb nach dem Eintreffen von Kolumbus die Hälfte der Bevölkerung, vor allem natürlich an eingeschleppten Krankheiten. Auf der anderen Seite sollten wir uns stetig vor Augen halten, dass uns allein die europäische Aufklärung die Mittel an die Hand gab, unseren eigenen Rassismus zu bekämpfen."