9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.09.2020 - Ideen

Die Kunstzeitschrift Texte zur Kunst hat ein Themenheft mit dem Titel "Anti-Antisemitismus" gemacht (Inhaltsverzeichnis), in dem man sich den Kopf über die Frage zerbricht, ob man "links" und dennoch für Israel und vor allem gegen die Israelboykottbewegung BDS sein kann. Die Frage sei, "wie man über Antisemitismus sprechen kann, ohne intersektional mit ihm verbundene, andere Formen von Diskriminierung zu übergehen", heißt es im Vorwort der Ausgabe. Und wie man mit BDS umgehen soll, daraus wurde sich die Redaktion nicht ganz eins: "So war die Zusammensetzung eines geplanten Roundtable-Gesprächs zur BDS-Bewegung, der unter anderem deswegen nicht zustande kam, da es einigen der angefragten Diskutant*innen zu BDS-kritisch erschien, Gegenstand fortwährender Diskussionen - nicht zuletzt darüber, ob und wie arabische und palästinensische Stimmen hier repräsentiert sein sollten." Der Anlass des Heftes ist wohl auch das, was man den "postcolonial turn" in der Kunst nennen könnte, der BDS in Kunstmilieus so populär gemacht habe: "So hat die Zahl der Sympathisant*innen dieser Bewegung gerade auch in uns nahestehenden Kontexten und Milieus in den letzten Jahren markant zugenommen." Und dabei würden "ideologisch problematische Positionen oftmals unkritisch hingenommen".

Darauf antwortet nun auf der Website der Zeitschrift eine Autorengruppe aus dem Beirat der Zeitschrift, der unter anderem Diedrich Diederichsen angehört, und die erst mal den eigentlichen Ort des Antisemitismus festnagelt: "Das Erstarken antisemitischer Strömungen auch in Deutschland, das nicht nur hierzulande mit zunehmendem Nationalismus und dem Erstarken neuer reaktionärer Koalitionen einhergeht, ist alarmierend." Das Heft richte stattdessen "die Aufmerksamkeit auf andere Szenen". Man wendet sich dagegen, ein Heft als "Anti-BDS-Nummer" zu machen: "Wir halten die damit nahegelegte Identifikation der von durchaus heterogenen Kräften getragenen Organisation des BDS mit Antisemitismus für politisch fatal, und zwar unabhängig davon, wie man selbst zum BDS stehen mag. Diese Identifikation, die in Deutschland dazu führt, dass BDS-Unterzeichner*innen nicht mehr öffentlich auftreten dürfen, wenn eine Veranstaltung von Staatsgeldern finanziert ist - siehe Judith Butler als prominentester Fall -, verschließt die notwendige politische Diskussion."

Die Heft-Redaktion rudert in einer Antwort auf die Antwort zurück: "Auch wenn die Auseinandersetzung mit BDS aus aktuellem Anlass im Vordergrund steht, wird nicht behauptet, dass es sich hierbei um eine monolithische, in jeder ihrer - ja oft berechtigten - Forderungen antisemitische und daher zu boykottierende Bewegung handelt." Im Tagesspiegel hat Caroline Fetscher das Heft rezensiert. In der taz wurde es von Andreas Fanizadeh besprochen.

"Heute leben wir im Zeitalter des Posthistoire, der Nach-Geschichte. Auch das Vergangene soll uns gleichen, und wo es uns nicht gleicht, wollen wir nichts davon wissen", konstatiert in der Berliner Zeitung Peter-André Alt, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, der auch der Aktualisierung von historischen Romanen und Filmen nicht viel abgewinnen kann: "Das gilt insbesondere für jene 'Kultur des Löschens' (Cancel Culture), die Zeugnisse der Vergangenheit aus dem Kollektivgedächtnis tilgen will, wenn sie unser heutiges Empfinden verletzen. Diese Form geschichtlicher Zensur führt gründlich in die Irre. Denn unser zukünftiges Leben können wir nur dann bestmöglich gestalten, wenn wir, wie es der Philosoph Odo Marquard formuliert hat, unsere Herkunft kennen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.09.2020 - Ideen

Skepsis ist nicht Relativismus und schon gar nicht ein frivoles Spiel mit dem Begriff der Wahrheit. Zeit, endlich wieder Karl Popper zu lesen, meint Richard Herzinger in seinem Blog: "Popper forderte, auch scheinbar unbezweifelbare wissenschaftliche Wahrheiten immer aufs Neue infrage zu stellen, und hielt doch, gegen alle Formen des Relativismus, an der Annahme einer objektiven Wahrheit und an der Einheit des Wissens fest. Heute, da Desinformationsapparate autoritärer Staaten und ihre populistischen Handlanger unterschiedlicher Couleur systematisch danach trachten, den Unterschied zwischen Fakten und Fiktion, Lüge und Wahrheit zu verwischen, ist die Rückbesinnung auf Poppers Erkenntnistheorie essenziell."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.09.2020 - Ideen

Michael Rothberg, dessen Buch "Multidirektionale Erinnerung" großen Einfluss auf die postkoloniale Sicht auf den Holocaust hat (erst im Dezember wird es auf Deutsch erschienen) vergleicht in geschichtedergegenwart.ch die Mbembe-Debatte mit dem Historikerstreit von 1986 (wie es im Perlentaucher auch schon Thierry Chervel tat, hier). Habermas' Fehler im ursprünglichen Historikerstreit, so Rothberg, war ein zu idyllischer Blick auf den Westen: "Ohne den Wert der Verfassungsprinzipien, die Habermas im Rückblick auf eine faschistische Diktatur artikuliert hatte, in Abrede stellen zu wollen, muss gesagt werden, dass ein vorbehaltloses Bekenntnis zum 'Westen' für diejenigen hohl klingen muss, deren Gesellschaften Jahrhunderte europäischer und US-amerikanischer imperialer Herrschaft erfahren haben." Und heute, so Rothberg, trage die Verteidigung der Einzigartigkeit des Holocaust vor allem dazu bei, die "Beteiligung am Kolonialismus zu verdrängen und von der deutschen Verstrickung in die Enteignung der Palästinenser abzulenken".

Das Internet gibt uns Informationen und wir geben dem Internet Informationen. Diese sind aber wertvoller, weil die Plattformkonzerne sie sich aneignen, schreibt der Philosoph Maurizio Ferrari in der FAZ und entwickelt aus dieser Idee eine neokeynesianische Utopie: "Jede unserer Handlungen wird festgehalten und erzeugt einen Wert in Form der Erstellung spezifischer Nutzerprofile, der automatisierten, personalisierten Datenverteilung. Doch wenn das so ist, muss der von uns unbewusst produzierte Mehrwert besteuert werden, mit dem Ziel, für eine neue staatliche Daseinsvorsorge zu sorgen, die sich nicht - im Gegensatz zur Idee von Keynes - auf den Ausgleich zwischen Einsparung und Investitionen stützt, sondern auf den Ausgleich zwischen Produktion und Konsum." Die einzige Agentur, die diese Steuern erzwingen könne, sei die Europäische Union.

Identitäre Bewegungen jeder Art verhärten sich immer mehr, doch was genau wollen sie eigentlich? "Alles soll so sein, wie es war und ist, nur ganz anders und zum eigenen Vorteil", resümiert in der SZ Thomas Steinfeld, mit Jürgen Habermas' Aufsatz "Anerkennungskämpfe im demokratischen Rechtsstaat" von 2009 in der Hand. Die neuen Opferkollektive stellen "zwar Ansprüche an den Staat, wollen sich aber weder von der Exekutive noch von der Jurisdiktion etwas sagen lassen. Stattdessen wollen sie als Partei und Souverän zugleich auftreten, als Kläger und Richter, als Widerstand und herrschende Macht... Aus solchen Dopplungen gehen die Selbstwidersprüche der neuen Bewegungen hervor: Die diversen Gruppen des Identitären wollen das Identitäre und können sich gleichzeitig nicht darüber beruhigen, dass sie identitär - und also partikular - sind. Man klagt das Recht ein, ist aber im Grunde stets bereit, sich darüber hinwegzusetzen."

In der NZZ ist Urs Hafner geradezu erschlagen von dem ganzen Gerede über Werte, mit dem jetzt selbst Unternehmen gern prunken, als seien sie Ethikinstitutionen: "Transparenz zum Beispiel, Nachhaltigkeit oder Authentizität! Warum nicht? Fairness klingt auch gut und Ehrlichkeit sowieso, in gewissen Kreisen macht man mit Awareness eine gute Figur, und Solidarität ist eine Allzweckwaffe, die fast immer schlägt. Diversität, Tradition und Eigenverantwortung natürlich auch - vor allem, weil man sich die zuallererst leisten können muss. Aber sind das Werte? Eigentlich nicht. Es sind Slogans und Maximen, die billig zu haben sind. Was heute Werte genannt wird, hieß vor nicht allzu langer Zeit schlicht Interessen."

Auch die Feministinnen verstricken sich immer tiefer in widersprüchlichen Wertediskussionen, bedauert Birgit Kelle in der NZZ. Selbst der Begriff Frau wird immer wieder neu definiert: "Wann ist eine Frau eine Frau? Wenn DNA, Chromosomen, Biologie, Natur und wissenschaftliche Fakten sich dem gefühlten Geschlecht und selbst definierten Kategorien beugen sollen? Klar ist, dann wird Weiblichkeit zur Phrase. Es ist nahezu absurd, überhaupt noch von einer 'Frauenbewegung' zu sprechen, wenn man das Frausein als natürliche Kategorie nicht nur verleugnet, sondern gar bekämpft. Wenn doch niemand mehr wagt, unumstößliche Kriterien der Weiblichkeit überhaupt noch zu benennen, aus lauter Angst, sich eines surrealen, intoleranten Gedankendelikts oder einer 'Phobie' schuldig zu machen?"

Im Interview mit dem New Statesman möchte Judith Butler, die auch J.K. Rowling und den Offenen Brief in Harper's kritisiert, den neuen Feminismus eigentlich überhaupt nicht mehr als Frauenbewegung verstanden wissen: "Wenn Gesetze und Sozialpolitik Frauen repräsentieren, treffen sie stillschweigend Entscheidungen darüber, wer als Frau zählt, und stellen sehr oft Vermutungen darüber auf, was eine Frau ist. Wir haben dies im Bereich der reproduktiven Rechte gesehen. Die Frage, die ich gestellt habe, lautet also: Brauchen wir eine feste Vorstellung von Frauen oder von irgendeinem Geschlecht, um feministische Ziele voranzubringen?  Ich habe die Frage so formuliert... um uns daran zu erinnern, dass Feministinnen sich verpflichtet fühlen, über die verschiedenen und historisch wechselnden Bedeutungen von Geschlecht nachzudenken und über die Ideale der Geschlechterfreiheit. Mit Geschlechterfreiheit meine ich nicht, dass wir alle unser Geschlecht wählen können. Vielmehr können wir einen politischen Anspruch erheben, frei und ohne Angst vor Diskriminierung und Gewalt gegen die Geschlechter, die wir sind, zu leben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.09.2020 - Ideen

Nach einer Studie der Rand Corporation hat das obere eine Prozent der Amerikaner seit 1975 unglaubliche 50 Billionen Dollar von den unteren 90 Prozent abgeschöpft, schreiben Nick Hanauer and David M. Rolf im Time Magazine. Während bis 1975 die Einkommen von Reichen, Mittelklasse und Armen prozentual etwa gleich anstiegen, koppelten sich die Reichen ab 1975 vollkommen von der Lohnentwicklung der anderen ab. Und das liegt ganz bestimmt nicht an mangelnder Bildung: "Das mediane Realeinkommen für Vollzeitbeschäftigte mit einem vierjährigen Hochschulabschluss ist von 55.000 Dollar pro Jahr im Jahr 1975 auf 72.000 Dollar im Jahr 2018 gestiegen. Aber das ist immer noch weit entfernt von den 120.000 Dollar, die sie verdienen würden, wäre das Einkommen mit dem Pro-Kopf-BIP gewachsen. Selbst ein Vollzeitbeschäftigter mit Hochschulbildung, der 191.000 Dollar pro Jahr bekommt und damit knapp unter den obersten zehn Prozent liegt, verdient weniger als 78 Prozent dessen, was er verdient hätte, wenn die Ungleichheit konstant geblieben wäre. Die Realität sieht so aus, dass amerikanische Arbeiter noch nie so gut ausgebildet waren wie heute. ... In Zahlen ausgedrückt ist die Population der erwachsenen Arbeitnehmer mit einer High-School-Ausbildung oder weniger seit 1975 zurückgegangen, während sich die Zahl der Arbeitnehmer mit einem vierjährigen Hochschulabschluss mehr als vervierfacht hat. Man kann unmöglich behaupten, dass eine 'Qualifikationslücke' für die zunehmende Einkommensungleichheit verantwortlich sei, wenn die Rate des Bildungsabschlusses schneller steigt als die Wachstumsrate der Produktivität oder des Pro-Kopf-BIP."

Im Interview mit der SZ warnt der amerikanische Moralphilosoph Michael Sandel denn auch davor, Einkommen immer als Ergebnis eigener Leistung anzusehen und deshalb auf die, die weniger haben, herabzublicken: Er kritisiert die Erfolgreichen, die "ihre Verdienste mit einer enormen meritokratischen Überheblichkeit zelebrieren und darüber vergessen, welche Rollen Glück und Schicksal dabei spielen. Sie vergessen außerdem, was sie der Gesellschaft schulden, der sie angehören und die die Voraussetzungen für ihren Aufstieg geschaffen hat. Aus diesem Grund haben wir den Bezug zum Gemeinwohl verloren. Weil wir glauben, dass wir alles alleine geschafft haben, dass wir vollkommen selbständig handeln. Je stärker wir die Welt so sehen, desto weniger können wir uns in andere hineinversetzen."

Um beim Thema Chancenungleichheit zu bleiben: Den Jemen hat es mit Klimawandel und Krieg besonders hart getroffen, berichtet Paul-Anton Krüger in der SZ. Die Häuser in der Hauptstadt Sanaa sind durch die ungewöhnlich starken Überflutungen marode, die Druckwellen der Bombendetonationen tun ihr übriges: Sanaa zerfällt. "Die Häuser gehören in ihrer ganz großen Mehrheit alteingesessenen Familien. Zwar fanden manche moderne Betongebäude praktischer und zogen weg. Die meisten Bewohner aber pflegten die jahrhundertealten Bauwerke mit Stolz, betrachteten sie gleichermaßen als Familienerbe wie auch als Zeugnis jemenitischer Kultur. Doch den meisten ist längst das Geld ausgegangen, um die nötigen Reparaturen zu machen. Sie haben ihre Arbeit und ihr Einkommen verloren, und viele haben auch ihr gesamtes Vermögen aufgebraucht. Kundige Handwerker sind immer schwerer zu finden. Und vom Staat, zumal der von den Huthis geführten, international nicht anerkannten Regierung, haben die Menschen nichts zu erwarten."

Im Interview mit Zeit online fordert auch Klaus Schwab, Chef des Weltwirtschaftsforums, einen neuen verantwortungsvollen Kapitalismus: "Wachstum ist die falsche Kennzahl, wenn es nur darum geht, die Zuwachsraten des Bruttosozialprodukts zu messen. Wir arbeiten gerade an einem System, in dem jedes Unternehmen verpflichtet wird, über seine Umweltleistung und seine soziale Leistung genauso zu berichten wie jetzt schon über seine finanzielle Bilanz. Das Gleiche sollte man auch vom Staat verlangen. ... Wir brauchen eine generelle Umgestaltung des Steuersystems nicht nur um die Unterschiede auszugleichen, sondern auch für die Einbeziehung von Umweltschäden. Wir in Genf zahlen beispielsweise keine Kapitalgewinnsteuer - damit wird also unternehmerisches Handeln richtigerweise bevorzugt. Wir zahlen aber eine Vermögensteuer bereits auf geringe Beträge im Vergleich zu anderen Industrieländern. Es wird zwar immer mal wieder darüber geschimpft, aber man gewöhnt sich daran. Und letzten Endes muss man sagen: Es ist sozial gerechtfertigt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.09.2020 - Ideen

In der SZ diagnostiziert der Internetkritiker Douglas Rushkoff eine neue Bunkermentalität, die sich während der Coronapandemie bei den amerikanischen Reichen und Wohlhabenden ausbreite: Vom Rückzug in die Schweiz bis zum Rückzug in "High-Tech-Festungen in Alaska oder Neuseeland": "Je weiter die Technik sich entwickelt, desto mehr Eigenständigkeit im Kokon kann sie ermöglichen. 'Ich habe mir ein Oculus (ein Headset für 'Virtuelle Realität') beschafft', schrieb mir neulich einer meiner besten Freunde auf Signal. 'Wenn man bedenkt, wie wenig man derzeit in der wirklichen Welt machen kann, ändert das alles.' Tatsächlich war sein hermetisch abgeriegeltes, von Covid-19 beflügeltes Techno-Paradies jetzt perfekt. Mit virtueller Realität, Amazon, einem Bestellservice für Essen, Netflix und einem gesicherten Einkommen aus dem Handel mit Kryptowährungen kann er die Pandemie nun stilvoll aussitzen. " (Hier der englische Originalartikel bei Medium.)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.09.2020 - Ideen

In einem interessanten historischen Hintergrundtext für geschichtedergegenwart.ch liest der junge Historiker Gil Shohat die Äußerungen schwarzer und weißer antikolonialistischer Intellektueller in Großbritannen in der Kriegszeit und findet sehr früh Vergleiche zwischen dem Holocaust und dem Kolonialismus: "Bei den hier diskutierten rhetorischen Vergleichen (und ja, Gleichsetzungen) von Judenverfolgung und der Unterdrückung der Schwarzen in den Kolonien angesichts des drohenden Zweiten Weltkrieges und der gleichzeitigen steigenden Virulenz der kolonialen Frage ist es wichtig zu betonen, dass sich sowohl die panafrikanischen Aktivist*innen als auch antikoloniale ILP-Politiker*innen dezidiert und auch praktisch mit Jüdinnen und Juden in Europa solidarisierten."

Linke Identitätspolitik ist eigentlich nur Zeichenpolitik, behauptet Lars Weisbrod in der Zeit, leugnet aber nicht, dass sie qua "Cancel Culture" durchaus Auswirkungen haben kann wie reale Machtpolitik: "Wo Zeichenpolitik wider Erwarten Dellen in die echte Welt schlägt, kann sie das nur, weil ihr kaum mehr materielle Kräfte entgegenwirken. Ein 25-jähriger befristet oder frei beschäftigter Journalist mag sich davor fürchten, gecancelt zu werden. Einem unkündbaren Meinungskolumnisten aus der Babyboomer-Generation, der zusätzlich auf Mieteinnahmen aus seinen Immobilien zurückgreifen kann, könnte es herzlich egal sein, was irgendwer bei Twitter findet."

Weiteres: In der NZZ verteidigt der Philosoph Martin Rhonheimer den Liberalismus gegen den konservativ-katholischen Autor Patrick J. Deneen, der in seinem Buch "Warum der Liberalismus gescheitert ist" schreibt, der Liberalismus habe die "'Entfremdung' des Individuums vorangetrieben und dieses schließlich vom bürokratischen Fürsorgestaat abhängig gemacht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.09.2020 - Ideen

In der SZ geißelt Andreas Zielcke den rechten Notwehrwahn, der die Demokratie in Frage stelle: "Wenn der Rechtsstaat beim Kampf gegen den nationalen Verfall im Wege steht, soll er fallen, und mit ihm Garantien wie Pressefreiheit, Koalitionsfreiheit, Menschenwürde. Selbst das Wahlrecht ist in der Not nicht sakrosankt. Am Ende beißt sich daher die Katze in den Schwanz: Zum Schutz des Volkes muss selbst die Demokratie sich beugen", skizziert er die Ansichten der Radikalen.

Außerdem: Wenn Massen kollidieren, löst das bei Arno Widmann (FR) eine Assoziationskette aus.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.09.2020 - Ideen

Für die taz unterhält sich Stefan Hunglinger mit dem amerikanischen Historiker Timothy Snyder, der eine schwere Krankheit und das amerikanische Gesundheitssystem nur mit viel Glück überstanden hat. In seinem Buch "Die amerikanische Krankheit" geißelt er die fatale Gesundheitspolitik in den USA: "Ich versuchte im Buch Gesundheit und Freiheit zusammenzudenken. Die US-Amerikaner*innen haben eine sehr enge Vorstellung von Freiheit. Dabei geht es vor allem um den Markt und um individuelle Ausdrucksmöglichkeiten. Doch der Markt in sich ist keine Garantie für Freiheit, und wenn es nur darum geht, eigene Gefühle auszudrücken, dann wird man von anderen abgeschnitten bleiben und sich nicht weiterentwickeln. Ich versuche zu vermitteln, dass sich Gesundheit zu Freiheit positiv verhält. Wenn Amerikaner*innen 'Recht auf Gesundheitsversorgung' hören, denken viele nur an staatliche Bürokratie, und die verletzt aus ihrer Sicht den freien Markt und das wiederum die Freiheit. Ich sage: Nein, im Gegenteil! Historisch gesehen gehen Gesundheitsversorgung und Freiheit gut zusammen."

Darf die Welt nur noch unbefleckt empfangen werden? In der SZ sehnt sich Bernd Graff in jene Zeiten zurück, als - mit Nietzsche und Foucault - die eigenen Wahrheiten hinterfragt wurden: "Im Namen von Gender und Postcolonial Studies werden Ereignisse wie Kulturerzeugnisse nun wieder von all ihrer Historizität und spezifischen Kultur befreit und nach den ethischen Maßstäben einzelner Gruppen geprüft, kommentiert und gesäubert. Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Kolonialismus werden wieder im Namen einer überzeitlichen Wahrheit, einer ewigen Gerechtigkeit, einer unverbrüchlichen Identität geächtet. Es gibt sie wieder, die absoluten, auch ein wenig selbstgerechten Verbindlichkeiten."

Vor einigen Wochen hatte der Berliner Bezirk Mitte beschlossen, die Mohrenstraße in Anton-Wilhelm-Amo-Straße umzubenennen. Auf ZeitOnline stellt Werner Bloch noch einmal den Philosophen vor, der dem Schicksal entging, ein Hofmohr zu werden: "Er studierte in Halle Jura und Philosophie, 1734 promovierte er in Wittenberg mit einer Arbeit über 'Die Empfindungslosigkeit des menschlichen Geistes' und widersprach darin Descartes' damals gängiger Theorie von den Affekten. Amo lehrte dann in Halle, Jena und Wittenberg Logik, Metaphysik, Physiologie, Astronomie, Geschichte, Jura, Theologie und Politik. Die aus heutiger Sicht wesentlichste Schrift Amos erschien aber bereits 1727, seine auf Latein verfasste Disputation, die ein denkerischer Paukenschlag gewesen sein muss, ein Basistext, der ein grundsätzliches Menschenrecht für Afrikaner einforderte und zugleich ein Monument gegen Rassismus war: 'De iure Maurorum in Europa' von Anton Wilhelm Amo ist die erste bekannte wissenschaftliche Arbeit über die Rechtsstellung der Schwarzen in Europa. Doch sie ist verschollen, der Text ist nicht erhalten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2020 - Ideen

Einige säkular gesinnte Autorinnen muslimischer Herkunft haben vor einiger Zeit einen offenen Brief an an die Parteivorsitzenden der Linken, der Grünen und der SPD gesandt. Als einzige hat  nach Monaten nur die Vorsitzende der Linkspartei, Katja Kipping geantwortet - und verteidigt den Begriff des "antimuslimischen Rassismus". Bei hpd.de begründen Naïla Chikhi, Monireh Kazemi und Fatma Keser noch einmal, warum sie genau diesen Begriff ablehnen: "Selbstverständlich sind Anfeindungen gegen Anhänger_innen jedweder Religion zu verurteilen - bei der Verfolgung christlicher Minderheiten in den sogenannten muslimischen Ländern etwa spricht jedoch zurecht niemand von 'antichristlichem Rassismus'! Dass ausgerechnet bezüglich der Ablehnung in Deutschland lebender Kurd_innen, Türk_innen, Syrer_innen, Iraner_innen, Nordafrikaner_innen et cetera diese Verbindung hergestellt und über Begriffe wie 'antimuslimischer Rassismus' gewissermaßen ex negativo eine panislamische Identität heraufbeschworen wird, sie also zu Muslim_innen zwangskollektiviert werden, scheint Frau Kipping nicht zu verstehen oder es stört sie nicht." Der ursprüngliche offene Brief ist bei hpd.de leider nicht verlinkt.

Arabische Denker werden nicht als "Repräsentanten einer bestimmten philosophischen Position wahrgenommen, sondern als Repräsentanten einer Kultur oder Religion", sagt der Schweizer Islamwissenschaftler Michael Frey, der gerade ein Buch über den libanesischen Gegenwartsphilosophen Nassif Nassar geschrieben hat, im SZ-Gespräch mit Sonia Zekri. Dabei gebe es einen "lebendigen akademischen Diskurs" in vielen arabischen Ländern. Nassar kritisiere beispielsweise den "Konfessionalismus" - im Libanon wird jedes hohe politische Spitzenamt von einer Konfession besetzt: "Diese Einschränkung verhindert das selbständige Denken im Sinne der Aufklärung. Ein auf die Partikulargemeinschaft bezogenes Denken ist nicht nur ein Problem des Nahen Ostens. Auch in Europa oder in den USA erleben wir eine Rückkehr solchen kulturessenzialistischen Denkens. Da können wir einiges von Nassar lernen. Wie äußert es sich? Reicht es, die Aufklärung zu mobilisieren, um diesem Denken entgegenzuwirken?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.09.2020 - Ideen

Die Nachhaltigkeitsforscherin Maja Göpel, deren Buch "Unsere Welt neu denken" auf den Bestsellerlisten steht und auch in der Kritik gut ankam, gründet in Hamburg ein Institut, das schlicht "The New Institute" heißt. Fritz Habekuss porträtiert sie für die Zeit, die schon als Partner des Instituts benannt ist (und Göpel auch gleich mit dem Zeit Wissen-Preis "Mut zur Nachhaltigkeit" auszeichnet). Die Botschaft ist friedlich: "Eine gesunde Umwelt, eine solidarische Gesellschaft, Zeit für Bildung, Familie, Gemeinschaft oder Gesundheit. 'Um solche Dinge geht es doch am Ende.'" Das Institut wird in Hamburg in bester Alster-Lage residieren. Finanziert wird das Institut von dem Philanthropen Erck Rickmers, der aus eine Reeder-Familie stammt.

Ebenfalls in der Zeit möchte die Philosophin Corine Pelluchon "Ökologie neu denken".

Ernsthaft in Gefahr ist die Demokratie auch durch die Corona-Proteste nicht, konstatieren die Historikerin Birte Förster und der Soziologe Armin Nassehi in der FAZ. Gefährlich sind sie dennoch, denn der Zusammenschluss von Demonstranten übt nicht Kritik an Regierungsmaßnahmen, sondern versucht den Rechtsstaat selbst zu delegitimieren: "Ihre Strategie ist es, Entscheidungsverfahren selbst Schaden zuzufügen, und dazu ist ihnen jedes Unwissen ebenso recht wie die Inszenierung von Bedrohung. Es ist kein Zufall, dass besonders Motive der sogenannten Reichsbürger eine so große Rolle spielen; es ist kein Zufall, dass hier eine Dominanz rechtsradikaler Formen zu beobachten ist, die im klassischen rechtspopulistischen Sinne für sich reklamieren, für das Volk selbst zu sprechen; es ist kein Zufall, dass ein außerhalb des Parlaments gelegener Volkswille behauptet und gegenüber Formen der gemeinsamen Entscheidungsfindung in demokratischen Verfahren privilegiert wird; und es ist kein Zufall, dass diese Bewegung antimoderne und kulturkritische Symbole esoterischer Natur aufsammelt, die schon vor einhundert Jahren den Schulterschluss mit extremen Rechten übten. Die nicht nur impliziten antisemitischen Konnotationen tun ein Übriges."

Für militante Antirassisten wie Reni Eddo-Lodge oder Robin DiAngelo ist jeder, der weiß ist, Rassist. Dabei verfangen sie sich selbst in "rassistischen Stereotypen", schreibt Thomas Ribi in der NZZ: "Wenn alle Weißen schuld sind am Elend der Farbigen, ist es am Ende niemand, und die wirklich Schuldigen sind entlastet."