Michael Rothberg, dessen Buch "Multidirektionale Erinnerung" großen Einfluss auf die postkoloniale
Sicht auf den Holocaust hat (erst im Dezember wird es auf Deutsch erschienen)
vergleicht in
geschichtedergegenwart.ch die
Mbembe-Debatte mit dem
Historikerstreit von 1986 (wie es im
Perlentaucher auch schon Thierry Chervel tat,
hier). Habermas' Fehler im ursprünglichen Historikerstreit, so Rothberg, war ein zu idyllischer
Blick auf den Westen: "Ohne den Wert der Verfassungsprinzipien, die Habermas im Rückblick auf eine faschistische Diktatur artikuliert hatte, in Abrede stellen zu wollen, muss gesagt werden, dass ein
vorbehaltloses Bekenntnis zum 'Westen' für diejenigen hohl klingen muss, deren Gesellschaften Jahrhunderte europäischer und US-amerikanischer
imperialer Herrschaft erfahren haben." Und heute, so Rothberg, trage die Verteidigung der Einzigartigkeit des Holocaust vor allem dazu bei, die "
Beteiligung am Kolonialismus zu verdrängen und von der
deutschen Verstrickung in die Enteignung der Palästinenser abzulenken".
Das
Internet gibt uns Informationen und wir geben dem Internet Informationen. Diese sind aber wertvoller, weil die Plattformkonzerne sie sich aneignen, schreibt der Philosoph
Maurizio Ferrari in der
FAZ und entwickelt aus dieser Idee eine
neokeynesianische Utopie: "Jede unserer Handlungen wird festgehalten und erzeugt einen Wert in Form der Erstellung spezifischer Nutzerprofile, der automatisierten, personalisierten Datenverteilung. Doch wenn das so ist, muss der von uns unbewusst produzierte
Mehrwert besteuert werden, mit dem Ziel, für eine
neue staatliche Daseinsvorsorge zu sorgen, die sich nicht - im Gegensatz zur Idee von Keynes - auf den Ausgleich zwischen Einsparung und Investitionen stützt, sondern auf den Ausgleich zwischen Produktion und Konsum." Die einzige Agentur, die diese Steuern erzwingen könne, sei die Europäische Union.
Identitäre Bewegungen jeder Art verhärten sich immer mehr, doch was genau wollen sie eigentlich? "Alles soll so sein, wie es war und ist, nur ganz anders und
zum eigenen Vorteil", resümiert in der
SZ Thomas Steinfeld, mit
Jürgen Habermas' Aufsatz "Anerkennungskämpfe im demokratischen Rechtsstaat" von 2009 in der Hand. Die neuen Opferkollektive stellen "zwar Ansprüche an den Staat, wollen sich aber weder von der Exekutive noch von der Jurisdiktion etwas sagen lassen. Stattdessen wollen sie als
Partei und Souverän zugleich auftreten, als Kläger und Richter, als Widerstand und herrschende Macht... Aus solchen Dopplungen gehen die
Selbstwidersprüche der neuen Bewegungen hervor: Die diversen Gruppen des Identitären wollen das Identitäre und können sich gleichzeitig nicht darüber beruhigen, dass sie identitär - und also partikular - sind. Man klagt
das Recht ein, ist aber im Grunde stets bereit, sich darüber hinwegzusetzen."
In der
NZZ ist Urs Hafner
geradezu erschlagen von dem ganzen Gerede über
Werte, mit dem jetzt selbst Unternehmen gern prunken, als seien sie Ethikinstitutionen: "
Transparenz zum Beispiel,
Nachhaltigkeit oder
Authentizität! Warum nicht? Fairness klingt auch gut und Ehrlichkeit sowieso, in gewissen Kreisen macht man mit
Awareness eine gute Figur, und Solidarität ist eine Allzweckwaffe, die fast immer schlägt.
Diversität, Tradition und Eigenverantwortung natürlich auch - vor allem, weil man sich die zuallererst leisten können muss. Aber sind das Werte? Eigentlich nicht. Es sind Slogans und Maximen, die billig zu haben sind. Was heute Werte genannt wird, hieß vor nicht allzu langer Zeit schlicht
Interessen."
Auch die
Feministinnen verstricken sich immer tiefer in widersprüchlichen Wertediskussionen,
bedauert Birgit Kelle in der NZZ. Selbst der
Begriff Frau wird immer wieder neu definiert: "Wann ist eine Frau eine Frau? Wenn DNA, Chromosomen, Biologie, Natur und wissenschaftliche Fakten sich dem gefühlten Geschlecht und selbst definierten Kategorien beugen sollen? Klar ist, dann wird
Weiblichkeit zur Phrase. Es ist nahezu absurd, überhaupt noch von einer 'Frauenbewegung' zu sprechen, wenn man das Frausein als natürliche Kategorie nicht nur verleugnet, sondern gar
bekämpft. Wenn doch niemand mehr wagt, unumstößliche Kriterien der Weiblichkeit überhaupt noch zu benennen, aus lauter Angst, sich eines surrealen, intoleranten Gedankendelikts oder einer 'Phobie' schuldig zu machen?"
Im Interview mit dem
New Statesman möchte Judith Butler, die auch J.K. Rowling und den Offenen Brief in
Harper's kritisiert, den neuen Feminismus eigentlich überhaupt
nicht mehr als Frauenbewegung verstanden wissen: "Wenn Gesetze und Sozialpolitik Frauen repräsentieren, treffen sie stillschweigend Entscheidungen darüber, wer als Frau zählt, und stellen sehr oft Vermutungen darüber auf, was eine Frau ist. Wir haben dies im Bereich der reproduktiven Rechte gesehen. Die Frage, die ich gestellt habe, lautet also: Brauchen wir eine
feste Vorstellung von Frauen oder von irgendeinem Geschlecht, um feministische Ziele voranzubringen? Ich habe die Frage so formuliert... um uns daran zu erinnern, dass Feministinnen sich verpflichtet fühlen, über die verschiedenen und historisch wechselnden Bedeutungen von Geschlecht nachzudenken und über die
Ideale der Geschlechterfreiheit. Mit Geschlechterfreiheit meine ich nicht, dass wir alle unser Geschlecht wählen können. Vielmehr können wir einen politischen Anspruch erheben, frei und ohne Angst vor Diskriminierung und Gewalt gegen die Geschlechter, die wir sind, zu leben."