9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2279 Presseschau-Absätze - Seite 147 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.01.2019 - Ideen

Auch der Buchdruck produzierte eine Menge verschwörungstheoretischen Schrott, schreibt Alexander Kluge im Tagesspiegel: "In der Aufklärung fanden sie das Gegenmittel, den Gegen-Algorithmus zu Gutenberg: die Lust an der Kritik. Die drei großen Kritiken von Immanuel Kant sind eine Festung gegen die Sintflut des Gedruckten. In drei Bänden ist zu lesen: was ich nicht wissen kann und was ich nicht wissen muss, auf was ich hoffen darf. Ähnlich, nehme ich an, wird es, noch in diesem 21. Jahrhundert, eine Gegenbewegung der Nutzer gegen die Überflutungen in den digitalen Netzen geben: die Suche nach Oasen inmitten der Siliziumwüste."

Direkte Demokratie hilft immer nur den Rechtspopulisten? Das stimmt so nicht, erklärt die sozialdemokratische Schweizer Politikerin Gret Haller in der SZ. Aber man kann auch direkte Demokratie richtig oder falsch machen. Voraussetzung für ihr Funktionieren sind klare Regeln, schreibt sie: "Volksentscheide müssen 'von unten' verlangt werden können. Plebiszitäre Referenden, Volksentscheide also, die nach Belieben der Machtträger 'von oben' ausgelöst werden, zerstören die direkte Demokratie. Das Brexit-Referendum ist da ein gutes Beispiel: Volksabstimmungen dürfen nicht unter Umgehung des Parlaments inszeniert werden, denn die Stimmberechtigten haben ein Anrecht darauf zu wissen, was ihre Vertreter über die Materie denken. In der Parlamentsdebatte müssen die entscheidenden Argumente im Hinblick auf die Volksabstimmung ausformuliert werden. Die Lernfähigkeit der Demokratie macht auch eine Zweitabstimmung über denselben Gegenstand sinnvoll, wenn sich Resultate nachträglich als Fehlentscheide erweisen. Das Volk ist nicht ein gottgleiches Wesen, das den Monarchen ersetzt, so wie eine Verfassung immer Menschenwerk ist und deshalb nie heilig sein kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.01.2019 - Ideen

La Dépêche, die führende Tageszeitung aus Toulouse, bringt ein sehr lesenswertes Interview mit dem 88-jährigen Philosophen Michel Serres, der über die Krise der "Gilets jaunes" und allgemein der Repräsentation in den Demokratien spricht: "Mein Zögern, diese Ereignisse im heutigen Frankreich zu kommentieren, erklärt sich aus diesem Ungleichgewicht, das ich seit zwanzig oder dreißig Jahren empfinde - zwischen der Gesellschaft, wie sie entstanden ist, und den Institutionen, wie sie geblieben sind. Es gibt ein totales Missverhältnis zwischen einer veralteten Politik und einer völlig neuen Gesellschaft. Uns fehlt ein Modell des Übergangs, und ich selbst bin ratlos. Wir haben die Folie nicht mehr, die uns das Verhältnis von Politik und Gesellschaft verständlich machte." Als Faktoren der Veränderung, auf die die Institutionen nicht reagierten, nennt Serres "das allmähliche Verschwinden der ländlichen Kultur - wir lebten zu fünfzig Prozent auf dem Land, und heute zu zwei Prozent - , die neuen Technologien, die Globalisierung der Wirtschaft, die tragischen ökologischen Probleme und vor allem siebzig Jahre Frieden, die es in unserer Gesellschaft noch nie gegeben hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.01.2019 - Ideen

Die Philosophin Silvia Jonas, Fellow am Munich Center for Mathematical Philosophy der LMU, empfiehlt in der SZ der allgemeinen Öffentlichkeit, sich bei Streitigkeiten ein Beispiel an den Mathematikern zu nehmen, die immer häufiger einsehen, dass es für bestimmte Probleme keine endgültige Lösung und divergierende Ansätze gibt: "Die mathematische Avantgarde argumentiert derzeit sogar dafür, das Ideal eines einheitlichen, widerspruchsfreien Gesamtbilds endlich aufzugeben und sich der Tatsache des in der Grundlagenmathematik bereits praktizierten mathematischen Pluralismus zu stellen."

Der Philosoph Torben Lütjen sieht in der FAZ (Gegenwartsseite) ein Stück pervertierter Aufklärungsideologie in den Diskursen heutiger Rechtspopulisten: "Der Populismus rechnet in seiner Ansprache tatsächlich mit Menschen, die sich für so kompetent halten, dass sie die Komplexität der Welt ohne fremde Hilfe und damit selbst verstehen. Sie brauchen dafür keine vermittelnden Instanzen, keine Übersetzer und keine Mediatoren. Es geht, so kontraintuitiv das vielleicht klingen mag, um individuelle Selbstermächtigung oder, wie es auf Neudeutsch heißt: Empowerment."

Außerdem: In einem Essay, den Zeit online vom Merkur übernommen hat, beschreibt Felix Ackermann das gespaltene Polen: "Der anhaltende Erfolg der radikalen Politik der PiS bringt die anderen Parteien auch nach offenkundigen Verfassungsbrüchen und der Deregulierung der Gewaltenteilung in Bedrängnis. Besonders die Bürgerplattform PO, die 2015 die Wahlen verloren hatte, sieht sich in zentralen Fragen zu öffentlichen Zugeständnissen gezwungen. Ihr Vorsitzender Grzegorz Schetyna spricht sich plötzlich grundsätzlich gegen die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen aus, weil er weiß, dass die antimuslimische Kampagne der Regierung bei einer Mehrheit der Wähler verfängt und die Gleichsetzung von Flüchtlingen und Terroristen, die in Reden des Präsidenten den Wahlkampf begleitet hatte, bereits von der Mehrheitsgesellschaft verinnerlicht worden ist. Im Wahlkampf spricht Andrzej Duda öffentlich von Flüchtlingen als 'Parasiten'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.12.2018 - Ideen

Der in Berlin lebende Philosoph Guillaume Paoli wendet sich im Gepräch mit Tim Turiak im Freitag gegen das "global-kreative Mittelstandsspektrum", für das in Berlin sogar der große Frank Castorf geopfert wurde. Es schaffe sich "eine heile Welt in einer gentrifizierten Stadt, in der alles wunderbar ist: ohne Rassismus, ohne Sexismus, und alle kaufen im Bioladen. Dabei vergisst man, dass es sich diese Menschen leisten können, in dieser Blase zu leben. Und sie können das nur, weil die anderen vertrieben worden und nicht mehr sichtbar sind. Dann vernebelt man die soziale Spaltung, indem man wie im 19. Jahrhundert sagt, dass die anderen an ihrer moralischen Armut schuld sind, weil sie eben nicht im Bioladen einkaufen."

Außerdem: In der FAZ porträtiert Jürg Altwegg den vom Judentum zum Katholizismus konvertierten neuen französischen Meisterdenker Fabrice Hadjadj.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.12.2018 - Ideen

Peter Sloterdijk legte vor 35 Jahren die "Kritik der zynischen Vernunft" vor. In einem vierseitigen Essay geht er heute in der NZZ den Ursprüngen des heutigen, die Politik und Gesellschaften zerstörenden Zynismus nach  und findet sie unter anderem in Russland und in Lenins "revolutionärem Defaitismus": "Was im Oktober eingeleitet wurde, war der Übergang vom Krieg gegen den Nationalfeind zum Krieg gegen den 'Klassenfeind'.  Als nach dem von Trotzki organisierten Sieg der Roten über die Weißen, im Jahr 1922, die Sowjetunion ins Dasein gerufen wurde, über den Leichen von nicht weniger als fünf Millionen Menschen, konnte sie auf lange Sicht nichts anderes als die Heimstätte des real existierenden Zynismus werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.12.2018 - Ideen

Die Fatwa gegen Salman Rushdie vor bald dreißig Jahren ist ein einschneidender Moment auch in der Geschichte der Linken, sagt Perlentaucher Thierry Chervel im Gespräch mit Till Schmidt in der Jungle World: "Große Teile der europäischen Linken schwenkten damals um von einer sozialen hin zu einer kulturalistischen Deutung von Gesellschaft. Das gilt bis heute und gewinnt in meiner Wahrnehmung auch immer mehr an Bedeutung. Symbolisch steht die Todes-Fatwa deshalb auch für den cultural turn in der politischen Debatte. Insofern war das Jahr 1989 eine Zeitenwende im doppelten Sinne: mit dem Mauerfall und Khomeinis Fatwa als zentralen, auch sehr symbolischen Ereignissen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.12.2018 - Ideen

Wolfgang Pohrt ist gestorben, ein einst bei den Grünen und der Friedensbewegung und auch der taz (die ihn aber anders als die Zeit schreiben ließ) verhasster Publizist, der nach der Wiedervereinigung verstummte. In der taz schreibt Klaus Bittermann den Nachruf, der in seiner Edition Tiamat die Werke Pohrts herausgibt. Ein rotes Tuch sei Pohrt für den Mainstrem gewesen, "da er nicht aufhörte, schon frühzeitig den linken Antisemitismus und die nationale Identität zu zerpflücken und sich in die großen Kulturbetriebsdebatten einzumischen. Pohrt hat wie kein anderer 'Erhellendes über das KZ-Universum geschrieben' (Lothar Baier), er legte die Motive der RAF und ihrer Anhänger genauso offen wie er für eine Amnestie der Gefangenen eintrat, er machte sich über Sloterdijks 'Schrebergärtnerphilosophie' lustig, bezeichnete die Hausbesetzerbewegung als 'Rebellion der Heinzelmännchen' und verfolgte den Weg des Kursbuchs in 'die neudeutsche Klebrigkeit'." Auf der Website seines Verlags publiziert Bittermann eine Gespräch über Pohrt.

Im Tagesspiegel schreibt Malte Lehming den Nachruf und erinnert daran, dass Pohrt noch 2012 dort eine Polemik schrieb, die zeigte, dass er beim Thema Islamkritik auch zu Dummheiten fähig war. In der FAZ schreibt Lorenz Jäger.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.12.2018 - Ideen

In einem von der Welt jetzt abgedruckten, aber eigentlich uralten Podcast-Interview mit dem Kulturphilosophen Robert Harrison plaudert Peter Sloterdijk zeitlos über Paulus als wahren Begründer des Christentums, über Nietzsche und Sprengkraft der Moderne: "Zu Nietzsches Zeiten war dieses Geräusch sehr helvetisch, weil die Schweiz das Land war, in dem die ersten heroischen Anstrengungen unternommen wurden, die Berge zu durchdringen und Tunnel zu schaffen - neue Wege in den Süden. Das ist die metaphysische Frage, vor der all diese nordischen Völker stehen: Wie können wir einen einfacheren Zugang zu den mediterranen Wahrheiten zurückerlangen? Die Schweizer Tunnel haben eine wichtige Rolle in der modernen Kultur gespielt."

Thomas Thiel berichtet in der FAZ von dem höchst umkämpften Vortrag des Philosophiedozenten und AfD-Politikers Marc Jongen an der Uni Siegen, in dem dieser Redeverbote und Zensur durch Linke, Diversitätssrhetoriker und den UN-Migrationspakt beklagte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.12.2018 - Ideen

Warum muss das Geschlecht eine "so zentrale Kategorie menschlicher Wahrnehmung" sein, fragt die sich selbst als geschlechtsneutral bezeichnende Linguistin Lann Hornscheidt im SZ-Feuilleton und fordert: Könnten wir - nachdem laut BGH nun auch die  Geschlechtszuschreibung "divers" in Personenstandsdokumenten angegeben werden kann - nicht einfach ganz auf Genderzuschreibungen verzichten? "Menschen würden so über ihre Handlungen charakterisiert und nicht über die durch Diskriminierungsstrukturen überhaupt erst geschaffenen Zuschreibungen von Geschlecht, rassifizierten Kategorien, Religion und anderem. Was für eine Erleichterung wäre dies - nicht nur für Personen, die sich nicht als weiblich oder männlich verstehen, sondern für die gesamte Gesellschaft: Genderzuschreibungen und -anrufungen loszulassen und Menschen primär als Menschen wahrzunehmen. Statt über Geschlecht zu sprechen, wäre es dann möglich, über Diskriminierungsstrukturen an den Stellen zu sprechen, wo es um strukturelle Gewalt geht." Sie schlägt unter anderem Formen wie "dex Lesex" vor.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.12.2018 - Ideen

In einem von der Zeit veröffentlichten Essay versucht der Alt-68er, Germanist und Kulturwissenschaftler Helmut Lethen, dessen Frau Caroline Sommerfeld-Lethen sich der rechten Identitären Bewegung anschloss (unser Resümee), an Leben und Werk des Philosophen Helmuth Plessner zu verstehen, weshalb vor allem in politisch unruhigen Zeiten die Sehnsucht nach Identität so groß ist. Bei Plessner, der 1924 in "Grenzen der Balance" von einer pluralen Identität schrieb, während der Krise der Weimarer Republik allerdings die "Volkhaftigkeit" als "Boden der Existenz" propagierte und in den fünfziger Jahren dann schließlich die soziale Rolle des Bürgers betonte, lassen sich laut Lethen "immer noch genug Kulturtechniken der Balance lernen, Motive der Skepsis gegenüber dem Trugschluss, in Mythen den Ursprung zu finden."