In der
SZ gibt der russisch-jüdische Journalist
Alexander Estis Masha Gessen nochmal ein paar Nachhilfestunden zum Thema "
Vergleich" (
Unsere Resümees): Gessens "donquijoteskem Feldzug" gegen die Windmühlen einer
imaginierten Vergleichsverbotsmaschinerie liege eine Verwechslung von
Vergleichsprozedur und Vergleichsergebnis zugrunde. Kein vernünftig denkender Mensch käme auf die Idee, die 'Unvergleichbarkeit des Holocaust' im prozeduralen Sinne zu verstehen... Schon der Begriff der
Unvergleichbarkeit widerspricht per se dieser absurden Vorstellung, weil unvergleichbare, mithin singuläre oder spezifische Qualitäten überhaupt erst durch Vergleich als solche erkennbar werden: Eine Unvergleichbarkeit kann allein das Ergebnis einer Vergleichsoperation sein... Inkriminiert werden lediglich
Vergleichsergebnisse, die den Holocaust
durch pauschale Analogien relativieren, also 'unangemessene Gleichsetzungen', wie
Volker Weiß sie nennt. Als Reaktion auf derartige Erosionsbestrebungen hat
Jürgen Habermas einst im Zuge des Historikerstreits die Unvergleichbarkeit und die Singularität des Holocaust überhaupt erst postuliert. Nicht die Singularität - die jedem historischen Ereignis zukommt, wenn nur die Perspektive hinreichend fein ist -, sondern 'die
Infragestellung der Singularität ist die eigentliche Besonderheit in der Debatte um den Holocaust', so
bilanziert Thierry Chervel richtig."
Bei allem Verständnis für die "
Frustration"
der Palästinenser muss Henryk Broder in der
Welt zunächst ein paar Dinge festhalten: Der '
Genozid', den Israel in Gaza angeblich begeht, wäre "der erste in der Geschichte der Völkermorde, bei dem die betroffene
Population sich vervielfachen konnte: Von etwa einer halben Million im Jahre 1985 auf über zwei Millionen heute." Der Geduldsfaden reißt Broder aber, wenn Teile der Linken rufen: "Free Palestine from German guilt!" "An dem Satz 'Die Deutschen werden
den Juden Auschwitz nie verzeihen' scheint doch mehr dran zu sein, als bisher angenommen wurde. (…) Offenbar gibt es kein Entkommen aus dem Fluch der bewussten und unbewussten Erinnerung. Nehmen wir einmal an, es käme im Nahen Osten zu einem Supergau und
Israel verschwände von der Erdoberfläche. Was würde dann geschehen? Die Bundesregierung würde den Überlebenden sofort humanitäre Hilfe anbieten und die letzten einsatzfähigen Hercules-Transporter losschicken, um die Mitarbeiter der Botschaft, der deutschen Stiftungen und andere Ortskräfte zu evakuieren. (…) Es wäre nicht nur das Ende des 'Judenstaates', sondern auch das
Ende jeder deutschen Schuld gegenüber den Juden. Der Holocaust würde im Dunst der Geschichte verschwinden, so wie jedes Unglück in den Hintergrund tritt, wenn es von einem noch größeren Unglück übertroffen wird. Für die chronisch auf Israel fixierten politischen Linken wäre dies auch die
Erlösung von ihren Leiden."
"
Antisemitismus wird wieder hoffähig, ja, er scheint sogar erwünscht, wenn er sich nur gegen
Israels Überlebenskampf richtet", kommentiert Peter Huth ebenfalls in der
Welt: "'Ich bin 1945 geboren. Ich schulde der Welt einen Dreck' - so oder ähnlich trompeten seit einiger Zeit viele von denen in die Sozialen Netzwerke hinaus, die ihr
Selbstwertgefühl ansonsten ausschließlich aus dem
Ort ihrer Geburt ziehen. Diese Lust nach einem Schlussstrich hat nur am Rande mit der aktuellen Lage in Israel zu tun, sondern ist ein urdeutsches 'Jetzt muss ja auch mal gut sein'. Das Wort vom 'Schuldkult' wird in rechtsextremistischen Kreisen - 'Vogelschiss'-Gauland war nicht von ungefähr Vorsitzender deren parlamentarischen Flügels - immer schamloser benutzt. Die
extreme deutsche Rechte, die sich nach Außen scheinheilig an die Seite Israels stellt (und gleichzeitig Russland, einen der Hamas-Drahtzieher, anhimmelt; aber das nur nebenbei), bereitet seit Jahren einen Weg vor, der in der maximalen Relativierung der Taten der Deutschen im Nationalsozialismus enden soll. Sie will ein
neues Bild eines Deutschlands ohne Fehl und Tadel malen, indem sie die bestialischen Verbrechen einfach überpinseln."
Zum hundertsten Geburtstag des
Instituts für Sozialforschung, wo einst
Selbstkritik statt Identitätspolitik gefordert wurde, dürfte
Adorno im Grab rotieren, vermutet Jakob Hayner in der
Welt mit Blick auf dessen aktuellen Leiter
Stephan Lessenich: "Wie dürftig inzwischen der Anspruch kritischer Theorie ist, demonstriert Lessenich mit seinem Buch
'Nicht mehr normal', in dem Feuilletonbanalitäten über die 'neue Normalität' kräftig gerührt und geschüttelt, jedenfalls
mächtig aufgeschäumt dargeboten werden. Den 'alten weißen Mann' will Lessenich '
normalitätspolitisch' sogar mit 'kritisch-analytischen Sinn' aufladen. (…) Zu seinem großen Vorhaben hat Lessenich gemacht, die 'Frankfurter Schule' um 'queerfeministische und posthumanistische Ansätze, antirassistische und dekoloniale Perspektiven' zu erweitern. Beispielhaft dafür ist die große Konferenz zum 100. Jubiläum des IfS, die in Frankfurt unter dem Titel
'Futuring Critical Theory' stattfindet und frei heraus erklärt, dass das queerfeministische, post- und
dekoloniale Denken zeitgemäßer als die kritische Theorie ist. Doch Kritik des
Antisemitismus spielt da bekanntlich kaum eine Rolle."
Außerdem: In der
NZZ macht der Philosoph
Martin Rhonheimer nochmal mit
Friedrich August von Hayek den Unterschied zwischen
Liberalen und
Konservativen deutlich: "Für Hayek lag dieser Unterschied darin, dass die Konservativen zwar moralische Überzeugungen hätten, aber keine dieser übergeordneten politischen Prinzipien. Konservative seien durchaus bereit, den Zwangsapparat des Staates einzuspannen, um ihre eigenen Wertvorstellungen allgemeinverbindlich durchzusetzen. Liberale wollten das nicht, selbst wenn sie persönlich manche dieser Wertvorstellungen teilen."