Im
NZZ-Interview mit Paul Jandl
gibt sich Alexander Kluge wie gewohnt freischwimmend dem Strom seiner Gedanken hin - über die
Strapazierfähigkeit des Menschen, die Möglichkeit der Utopie oder den Mut, sich der Empathie zu bedienen. Er vertraue auf
Gefühl und Verstand: "Man muss die Gefühle respektieren, auch wenn sie irren. Im Irrtum kann manchmal mehr Erfahrung stecken oder mehr Substanz als in einer bloßen Verstandeseinsicht. Gleichzeitig sind die Gefühle nicht mit Sentimentalität zu verwechseln. Gefühle stehen immer für das
Unterscheidungsvermögen. Unsere Sinne haben ein Gefühl für Unterschiede: heiß und kalt. Hell und dunkel. Aggressiv und zärtlich. Das kann das Ohr unterscheiden. Im Ohr sitzt außerdem der Gleichgewichtssinn. Wie fein ist das zusammengesetzt! Dass unsereins in der Evolution der Erde herumläuft, und es entsteht so etwas wie das Ohr. Oder
das rebellische Zwerchfell."
Es ist
reiner Nihilismus, der die kruden, zersetzenden Theorien der Querdenker und ihre übersteigerte Notwehrbehauptung befeuert, erkennt in der
FAZ Claus Leggewie: "Es geht also nicht darum, etwas zu bewirken, gar eine andere Gesellschaft zu begründen (und sei es eine neofaschistische); es geht um die
Ausschaltung aller wahrheitsverbürgenden Institutionen wie der Wissenschaft, der unabhängigen Medien und der Gerichte, letztlich um einen Angriff auf den demokratischen Staat und dessen repräsentative Organe, die ohnehin an Vertrauen verlieren. Eine
allgemeine Nervosität angesichts der multiplen Krisen der Gegenwart kommt dem zu Hilfe, ubiquitäre Ängste formen einen 'Zeitgeist'. Dieser erinnert an die von Georg Lukács thematisierte 'Zerstörung der Vernunft', die den völkischen Bewegungen zupasskam, oder an den '
paranoiden Stil' (Richard Hofstaedter) der McCarthy-Ära, dessen Familienähnlichkeit mit dem Antisemitismus unverkennbar ist."
Cancel Culture ist keine Erfindung der politischen Rechten,
ruft Vojin Saša Vukadinović in der
Jungle World und verweist darauf, wie etwa deutsche Akademikerinnen den Fall der britischen Philosophin
Kathleen Stock bewerten (
unsere Resümees), die von einem misogynen Aktivistenmob von der Uni vertrieben wurde: "Die Soziologin
Paula-Irene Villa Braslavsky sagte über den Fall Stock im
Bayerischen Rundfunk, es sei 'schwer zu beurteilen,
wer geht da wie zu weit'. Stock sei ihr 'als durchaus fundamentalistisch argumentierend' bekannt - als hielten sich anonyme Morddrohungen gegen die lesbische Feministin Stock, von denen diese berichtet hat, und Kritik an der esoterischen Rede von 'Geschlechtsidentität' die Waage, und als bedürften systematisch von misogynen Aktivisten bedrängte Frauen in Großbritannien einer an Butler geschulten Schlichterin aus Deutschland, die ihnen nahelegt, dass sie, wenn sie 'fundamentalistisch' argumentieren, mit schuld daran seien, wenn sie belästigt werden. Noch übertroffen hat dies
Andrea Geier. Die an der Universität Trier tätige Literaturwissenschaftlerin und Genderforscherin sagte
im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur, natürlich könne Stock nicht abgesprochen werden, 'dass sie sich bedroht fühlt'... Es müsse 'unbedingt umgekehrt auch anerkannt werden, dass sich Studierende bedroht fühlen, wenn jemand
ihr Existenzrecht in Frage stellt' - als hätte Stock jemals gesagt oder nahegelegt, dass Transmenschen umgebracht werden dürften."