9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2022 - Ideen

Giorgio Agamben, einer der ersten - und schärfsten linken -  Kritiker der Coronamaßnahmen, der Philosoph Massimo Cacciari, der Jurist Ugo Mattei und der Kulturkritiker Carlo Freccero haben in Turin eine "Kommission des Zweifels und der Vorsorge" gegründet, um "die Freiheit und die Menschenrechte im Rahmen des internationalen Rechts zu schützen", meldet der italienische Philosoph Gianluca de Candia in der Welt. Die "regelmäßige Ausrufung eines 'Notstands' würde den Rechtsstaat in einen 'Ausnahmezustand' versetzen, der die Aussetzung bestimmter verfassungsrechtlicher Garantien legitimieren würde", kritisieren sie. Notstand und Ausnahmezustand sind aber keineswegs gleichzusetzen, erklärt ihnen De Candia: "Der Notstand wird aufgrund einer Gefahr ausgerufen, die entweder durch eine Naturkatastrophe (Pandemie, Erdbeben, Flutwelle usw.) oder durch eine Industriekatastrophe verursacht wird und die die Regierung legitimiert, so lange wie nötig außerordentliche Maßnahmen der Freiheitsbegrenzung und sozialen Distanzierung einzuführen. Außerdem setzt der erklärte Notstand die Stabilität eines früheren Systems voraus, zu dem zurückzukehren er sich letztlich verpflichtet. Auch der Ausnahmezustand sieht die Aufhebung des Rechts vor. Doch geschieht dies durch einen souveränen und autoritären Willen, ähnlich dem hobbesschen Leviathan, und zielt darauf ab, ein bisheriges System zu zerstören und ein anderes zu errichten."

Außerdem: In der NZZ gerät Hans Christoph Buch angesichts einer neuen Tendenz zum Totalitarismus von links und rechts geradezu in Rage. Ein Text mit Zukunftsvisionen der Ebert-Stiftung zu Abtreibung und Bevölkerungspolitik erinnert ihn gar an Aldous Huxley.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.01.2022 - Ideen

Navid Kermani nimmt das Gendern nicht etwa als emanzipatorisch wahr, "sondern als eine geistige wie politische Regression", legt er in der Zeit dar. Zuweilen aber spreche er Frauen und Männer getrennt an, was der Koran zuweilen auch schon tue. Der Unterschied zwischen generischem und biologischen Geschlecht ist ihm dennoch wichtig, und überhaupt dürfe man Sprache nicht überfrachten: "Keine Sprache der Welt nennt jedes Mal alle Geschlechter, wenn von einer gemischten Personengruppe die Rede ist, das wäre für die Alltagssprache zu umständlich und für die Poesie zu sperrig. Das brauchen die Sprachen auch nicht, weil sie das Gesagte und das Gemeinte nicht eins zu eins codieren. Sie sind, so formuliert es der Sprachwissenschaftler Olav Hackstein, 'tendenziell ökonomische Kommunikationssysteme', die durch Implizitheit gekennzeichnet sind: Jeder Hörer versteht, was gemeint ist, obwohl es so eindeutig keineswegs gesagt ist."

Die Zeitstimmung heute ist von einer Negativität geprägt, die immer wieder Begrenzung fordert, statt auf Fortschritt zu setzen, meint der Schriftsteller und Philosoph Philipp Tingler in der NZZ. Das zeigt sich ihm in der Identitätspolitik ebenso wie in der Klimapolitik: "Man kann die Sozialgeschichte auch als einen Prozess betrachten, der ausdrückt, wie Gesellschaften mit Kontingenz umgehen... Demokratische Systeme bedeuten generell eine Kontingenzöffnung, also ein Sicheinlassen auf Ambivalenzen; autoritäre Tendenzen streben demgegenüber in Richtung Kontingenzschließung, das heißt nach Vereindeutigung. Noch bis über die letzte Jahrtausendwende war quasi ein inneres Bewegungsprinzip der Moderne, Möglichkeitsräume zu öffnen, weil die Dinge nicht nur gestaltungsbedürftig, sondern auch verbesserungsfähig erschienen. Demgegenüber bedeutet die Idee von Verzicht statt Fortschritt eine Bewegung in Richtung Kontingenzschließung, eine essenzielle Verschiebung in der Vorstellung von Gestaltbarkeit und Verfügbarkeit der Verhältnisse, eine Abschottung und Zurücknahme. Negativ."

Die Bezeichnung "Spaziergang" für die Anti-Corona-Demos ist eine "Begriffsmaske", schreibt Lothar Müller in der SZ, die sich schon die Teilnehmer des "Grunewald-Spaziergangs" aufsetzten, bei dem "1981 in Westberlin 5000 Sympathisanten der Hausbesetzer-Szene sich in das Villenviertel aufmachten, ausgerüstet mit Stadtplänen, auf denen die Adressen von Immobilienbesitzern verzeichnet waren." Auch die Demonstranten heute setzen auf die "bürgerliche Aura" des Spaziergangs, um von ihrem eigentlichen Tun abzulenken, erklärt Müller. "In einer Art sprachmagischen Selbstimmunisierung schützt die Begriffsmaske. Es scheint, als schütze sie mit den Kräften der Sprachmagie ihre Träger vor der längst fälligen Verwandlung dieser in normale Demonstranten, die sich an das bürgerliche Gesetzbuch zu halten haben statt darauf zu vertrauen, wer sich in Kultur hülle, sei unbelangbar."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.01.2022 - Ideen

Der Afrikanist Andreas Eckert porträtiert in der FAZ den afroamerikanischen Historiker Robin Kelley, der mit seinen Bücher über schwarze Kommunisten in Alabama, über "Black Marxism", aber auch über Theolonius Monk und Jazz für ihn zu den besten Theoretikern des Rassismus in den USA gehört. Ursache des Rassismus sei für Kelley ein "racial capitalism": "Darunter versteht er Landenteignung, Vertreibung, räuberische Kreditvergabe, Wahlrechtsentzug und die lange Geschichte niedriger Löhne für Schwarze und ihren weitgehenden Ausschluss von besseren Bildungseinrichtungen. Zugleich sei es ihm um eine Geschichte des Widerstands zu tun, die aufzeige, dass die politische Erblinie der gegenwärtigen 'neuen Abolitionisten' bis in die Zeiten der Sklaverei und des Siedlerkolonialismus zurückgeführt werden könne."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.01.2022 - Ideen

Die taz veröffentlicht zwei Gespräche, die Klaus Englert 1995 und 2000 mit dem 2019 verstorbenen Philosophen Michel Serres geführt hat. Er äußere dort prophetische Dinge über die Gefahr einer Pandemie, die Entstehung von politicical correctness und dem Internet, heißt es in der Einleitung, was man nach der Lektüre nur bestätigen kann. Zum Internet sagte er: "Ich möchte nochmals betonen, dass in einer Zeit des beschleunigten technologischen Fortschritts alles auf die Zirkulation der guten, der wahren Information ankommt. Nicht der Mangel an Freiheit ist heute das dringende Problem, sondern die Abwesenheit von Wahrheit. Wir erkennen heute, dass die Wahrheit in der gegenwärtigen Gesellschaft das grundlegende philosophische Problem ist. Wir können nicht wirklich frei sein, wenn wir nicht über wahre Informationen verfügen."

Warum fällt es Russland so schwer, sich von seinen kolonialen Ambitionen zu befreien, überlegt der russischen Ökonom Wladislaw L. Inosemzew in der NZZ: Einen wesentlichen Unterschied zu den Europäern gab es, stellt er nach einem Blick in die Geschichte des russischen Imperialismus fest: Russland war von Anfang an ein Imperium, das nie ein Nationalstaat war. Die Russen haben "aufgrund der Überschneidung der imperialen Kreise und der Abwesenheit des Nationalstaates kaum eine Vorstellung davon, was Russland eigentlich ist. Sie unterscheiden nicht zwischen den zentralrussischen Regionen, aus denen der Staat hervorgegangen ist, den abgelegenen Regionen Sibiriens, in denen (wie in Jakutien oder in Tuwa) die indigenen Völker die Mehrheit der Bevölkerung stellen, oder Tschetschenien und Inguschetien, wo die ethnischen Russen weniger als ein Prozent der Einwohner ausmachen. Für sie sieht jede Abspaltung wie eine endgültige Dekonstruktion des Imperiums aus, und deshalb haben die Kriege für den Verbleib der absolut nutzlosen Republik Tschetschenien bei Russland Putin in die Position des nationalen Führers gehievt. Der derzeitige Aufschwung des russischen Imperialismus (und nicht des 'Nationalismus', wie viele glauben) erscheint von daher nicht nur natürlich, sondern durchaus vorhersehbar."

Menschengeschichte und Naturgeschichte - beides war - ganz unabhängig voneinander - immer auch Krisengeschichte. Deshalb findet es der Philosoph Konstantin Sakkas in der NZZ verfehlt im Zusammenhang mit dem Klimawandel pausenlos von "Schuld" zu sprechen: "Fünf Massenaussterben des Phanerozoikums, also der letzten etwa 500 Millionen Jahre, hatten nämlich jeweils ein dermassen katastrophisches Ausmaß, dass man den - unbestrittenen - menschlichen Eingriff in die Artenvielfalt kaum mit ihnen vergleichen möchte. ... Wir Menschen tun gut daran, Tiere, Pflanzen, Flächen und Atmosphäre so weit wie möglich zu entnutzen; aber wir sollten nicht der säkularen protestantischen Größenphantasie erliegen, wir beherrschten durch von uns ausgelöste physikalische Prozesse das System Erde und könnten beziehungsweise müssten nun großzügigerweise damit aufhören. Dass Lebewesen in die Natur eingreifen, ist normal; dass das Naturierte aber 'die Natur' selbst auslöschen könne, unwahrscheinlich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.12.2021 - Ideen

Langsam aber sicher verschwindet das Bargeld. Das hat viele Vorteile, aber etwas mulmig ist es Hans Ulrich Gumbrecht in der NZZ doch bei der Vorstellung einer endgültigen Entmaterialisierung des Zahlungsaktes. "Auf die Laienfrage, wo genau in einem Computer sich die Strukturen von Information befinden, gibt es keine Antwort. Sie werden also die Auflösung unserer konkreten Beziehung zur Welt doch nicht kompensieren können. So wirkt die bargeldlose Welt wie das Emblem eines breiten Horizonts von Dimensionen, in denen die menschliche Existenz ihren physischen Halt in der Welt zu verlieren droht. Inzwischen macht sich die elektronische Technik daran, genau das, was sie verschwinden lässt, durch das Metaversum - durch die elektronisch erzeugte Suggestion von Raum und Materie - zu ersetzen. Dieses Paradox der digitalen Wiederherstellung dessen, was Elektronik beseitigt, könnte die Zukunft der Menschheit beherrschen. Banknoten werden dann bloß noch eine anekdotische Erinnerung an die Zeit sein, wo das Erleben von Raum und Materie an unsere Körper gebunden war.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.12.2021 - Ideen

In der SZ sorgt sich Andrian Kreye, dass Maschinen jetzt auch riechen können: "Wem es jetzt langsam reicht mit der digitalen Eroberung der Menschlichkeit, ist da auf der richtigen Spur, weil Riechen und Schmecken die beiden Sinne sind, die ohne die Filter der Erfahrung und der kulturellen Prägung direkt ins emotionale Zentrum greifen. ... Künstliche Intelligenzen, die mithilfe biochemischer Sensoren Krankheiten, Giftstoffe oder Gase aufspüren, können Leben retten. Schnüffel-KIs dagegen der Überwachung ganz neue Tore zur Finsternis öffnen. Jeder Mensch hat einen olfaktorischen Schlüssel, der ihn identifiziert. In nächsten Schritten könnten Geruchssensoren Angst und Nervosität identifizieren." (Dazu braucht man eine KI?)
Stichwörter: Künstliche Intelligenz, Gas

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.12.2021 - Ideen

Der Fall Klaus Kinzler ging vor Monaten auch durch die deutschen Medien (unsere Resümees). Der deutsche, seit Jahrzehnten in Grenoble lehrende Politologe hatte den Begriff der "Islamophobie" kritisiert und wurde darauf hin von Studenten des Rechtsextremismus geziehen. Selbstverständlich haben Rechtsextreme wie Eric Zemmour diesen Fall längst für sich vereinnahmt - aber Kinzler betont, dass er nichts mit deren Ideologie zu tun hat. Die Debatte simmert weiter, berichtet dlf Kultur, dessen Moderator Vladimir Balzer auch mit dem an der Sorbonne lehrenden Literaturwissenschaftler Jürgen Ritte über den Fall gesprochen hat: "Kürzlich wurde Kinzler von seiner Universität für vier Monate beurlaubt. Nun haben vierzig Wissenschaftler in einem öffentlichen Brief Im Figaro Solidarität mit Kinzler bekundet. Jürgen Ritte, Professor für Literaturwissenschaft an der Sorbonne in Paris, nennt die Vorwürfe gegen Kinzler haltlos. Hier wolle eine Minderheit ihre Ideologie durchsetzen. 'Das ist nicht wissenschaftlich, sondern geradezu kriminell', sagt Ritte."

Außerdem: Zum Weihnachtstermin unterstreicht Micha Brumlik in der taz, dass "die Solidarität mit Flüchtlingen von jeher die Grundlage aller Ethik" ist.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.12.2021 - Ideen

Im Interview mit der SZ spricht die Primatenforscherin Jane Goodall über ihr neues "Buch der Hoffnung". Es geht um den Klimawandel - den sie sehr ernst nimmt, aber mit dem in Deutschland so beliebten Katastrophismus hat sie nichts am Hut. Hoffnung ist ihr Credo: "Man muss sich auf die Dinge konzentrieren, die Hoffnung spenden. Eines dieser Dinge ist, dass wir mit einem sehr hoch entwickelten Intellekt ausgestattet sind. Und wir sind gerade dabei, diesen Intellekt dafür zu nutzen, Lösungen zu finden, die uns erlauben, in Harmonie mit diesem Planeten zu leben." Hoffnung gibt ihr aber auch die "verblüffende Widerstandsfähigkeit der Natur. Es gibt wunderbare Beispiele für die Renaturierung von Orten, die vollkommen zerstört worden sind. In Deutschland hat das Baustoffunternehmen Heidelberg Cement Wettbewerbe für die Renaturierung seiner Steinbrüche ausgeschrieben, die furchtbare Narben in die Landschaft gerissen hatten. Die Ergebnisse waren einfach hinreißend."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.12.2021 - Ideen

In diesen Zeiten des beginnenden Wahlkampfs ist es interessant, dass der Elysée-Palast einen ausführlichen Nachruf auf einen Intellektuellen publiziert. In Deutschland ist der Name Laurent Bouvet praktisch unbekannt, in Frankreich ist war Bouvet, der im Alter von nur 53 Jahren an ALS gestorben ist, die "Bête noire" der modischen Linken, weil er einen dezidierten Laizismus vertrat und dennoch stets an seiner Herkunft aus der Linken festhielt. Bouvet war Mitbegründer des Printemps républicain, eines Thinktanks, der sich ebensogut in eine Partei hätte verwandeln können, seine Frau Astrid Panosyan ist eine enge Mitarbeiterin Emmanuel Macrons. "Laurent Bouvet", heißt es im Nachruf des Elysee-Palast, "hatte insbesondere das Konzept der 'kulturellen Unsicherheit' populär gemacht, einer Identitätsangst, die seiner Meinung nach von der Sozialistischen Partei nicht erkannt wurde und die für ihn die Abwendung der Arbeiterklasse von ihrer politischen Familie erklärt. Nach zwanzig Jahren in der Sozialistischen Partei ebenso langer Zeit als Herausgeber der Zeitschrift La revue Socialiste distanzierte er sich von einer Partei, die seiner Meinung nach immer weiter von der Basis und den großen sozioökonomischen Herausforderungen entfernt war und in der sein Engagement gegen den politischen Islam, den Kulturrelativismus oder das dekoloniale Denken als Dissonanz wahrgenommen wurde." Hier der Nachruf in Le Monde.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.12.2021 - Ideen

Im NZZ-Interview mit Paul Jandl gibt sich Alexander Kluge wie gewohnt freischwimmend dem Strom seiner Gedanken hin - über die Strapazierfähigkeit des Menschen, die Möglichkeit der Utopie oder den Mut, sich der Empathie zu bedienen. Er vertraue auf Gefühl und Verstand: "Man muss die Gefühle respektieren, auch wenn sie irren. Im Irrtum kann manchmal mehr Erfahrung stecken oder mehr Substanz als in einer bloßen Verstandeseinsicht. Gleichzeitig sind die Gefühle nicht mit Sentimentalität zu verwechseln. Gefühle stehen immer für das Unterscheidungsvermögen. Unsere Sinne haben ein Gefühl für Unterschiede: heiß und kalt. Hell und dunkel. Aggressiv und zärtlich. Das kann das Ohr unterscheiden. Im Ohr sitzt außerdem der Gleichgewichtssinn. Wie fein ist das zusammengesetzt! Dass unsereins in der Evolution der Erde herumläuft, und es entsteht so etwas wie das Ohr. Oder das rebellische Zwerchfell."

Es ist reiner Nihilismus, der die kruden, zersetzenden Theorien der Querdenker und ihre übersteigerte Notwehrbehauptung befeuert, erkennt in der FAZ Claus Leggewie: "Es geht also nicht darum, etwas zu bewirken, gar eine andere Gesellschaft zu begründen (und sei es eine neofaschistische); es geht um die Ausschaltung aller wahrheitsverbürgenden Institutionen wie der Wissenschaft, der unabhängigen Medien und der Gerichte, letztlich um einen Angriff auf den demokratischen Staat und dessen repräsentative Organe, die ohnehin an Vertrauen verlieren. Eine allgemeine Nervosität angesichts der multiplen Krisen der Gegenwart kommt dem zu Hilfe, ubiquitäre Ängste formen einen 'Zeitgeist'. Dieser erinnert an die von Georg Lukács thematisierte 'Zerstörung der Vernunft', die den völkischen Bewegungen zupasskam, oder an den 'paranoiden Stil' (Richard Hofstaedter) der McCarthy-Ära, dessen Familienähnlichkeit mit dem Antisemitismus unverkennbar ist."

Cancel Culture ist keine Erfindung der politischen Rechten, ruft Vojin Saša Vukadinović in der Jungle World und verweist darauf, wie etwa deutsche Akademikerinnen den Fall der britischen Philosophin Kathleen Stock bewerten (unsere Resümees), die von einem misogynen Aktivistenmob von der Uni vertrieben wurde: "Die Soziologin Paula-Irene Villa Braslavsky sagte über den Fall Stock im Bayerischen Rundfunk, es sei 'schwer zu beurteilen, wer geht da wie zu weit'. Stock sei ihr 'als durchaus fundamentalistisch argumentierend' bekannt - als hielten sich anonyme Morddrohungen gegen die lesbische Feministin Stock, von denen diese berichtet hat, und Kritik an der esoterischen Rede von 'Geschlechtsidentität' die Waage, und als bedürften systematisch von misogynen Aktivisten bedrängte Frauen in Großbritannien einer an Butler geschulten Schlichterin aus Deutschland, die ihnen nahelegt, dass sie, wenn sie 'fundamentalistisch' argumentieren, mit schuld daran seien, wenn sie belästigt werden. Noch übertroffen hat dies Andrea Geier. Die an der Universität Trier tätige Literaturwissenschaftlerin und Genderforscherin sagte im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur, natürlich könne Stock nicht abgesprochen werden, 'dass sie sich bedroht fühlt'... Es müsse 'unbedingt umgekehrt auch anerkannt werden, dass sich Studierende bedroht fühlen, wenn jemand ihr Existenzrecht in Frage stellt' - als hätte Stock jemals gesagt oder nahegelegt, dass Transmenschen umgebracht werden dürften."