9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2274 Presseschau-Absätze - Seite 85 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.10.2021 - Ideen

Im Gespräch mit Florian Chefai und Jonas Pöld von hpd.de kritisiert Hamed Abdel-Samad auch linke Identitätspolitik: "Da spielt es wieder eine Rolle, ob man weiß oder schwarz, Migrant oder einheimisch, links oder rechts ist. Statt solch eindimensionale Zuschreibungen kritisch zu hinterfragen, werden sie zusätzlich zementiert. Der Antirassismus sollte ja eigentlich genau das Gegenteil davon tun. Er sollte Brücken bauen, keine Mauern. Er sollte ideologische Grabenkämpfe überwinden und den Menschen als Individuum würdigen und ermächtigen. Doch oft bedienen sich Antirassisten der gleichen Mittel wie die Rassisten selbst, indem sie Menschen in Gruppen aufteilen und sie auf ihre ethnische oder religiöse Zugehörigkeit reduzieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.10.2021 - Ideen

Im taz-Gespräch mit Waltraud Schwab fordert die ägyptische Schriftstellerin Nadia Wassef, die einst den legendären Buchladen Diwan in Kairo gründete, ein neues Nachdenken über die Geschichte des Landes, jenseits von Kolonialismus, aber auch von islamischer Hegemonie: "Ich meine, wenn man die kurze Geschichte von Ägypten betrachtet, muss man schon 7.000 Jahre zurück. Dem Islam gehören davon die letzten 1.400 Jahre. Wir müssen auch auf die Jahrtausende davor schauen. Und Geschichte muss durch andere Linsen als die von religiöser Eroberung oder Kolonialismus betrachtet werden. Wir müssen herausfinden, was in der Geschichtsschreibung fehlt... Ich schaue mir die Welt aber lieber aus einer kulturellen Perspektive an. Kultur macht uns zu Menschen; durch Kultur verbinden wir uns. Schauen Sie sich doch die Kraft, die von Literatur, Theater, Musik, Tanz ausgeht, an."

Der Wiener Kulturwissenschaftler Wolfgang Müller-Funk sinniert im Standard über die Bedeutung von Grenzen und kann ihnen zumindest im übertragenen Sinne durchaus etwas abgewinnen: "Neurotische Menschen lassen sich als von Grenzen eingeschüchterte und neutralisierte Individuen begreifen, die wie gebannt auf diese starren und sich angesichts des Hindernisses nicht mehr zu rühren vermögen. Sie hocken wie Kafkas Mann vom Lande vor dem Tor, das für sie offen stand, wie der Torwächter am Ende ungerührt meint. Bei genauerem Blick sind Grenzen indes nicht nur schikanös, sie schränken nicht nur ein. Sie tun das vor allem, wenn sie auf Dauer gestellte Schließungen sind. Grenzen sind keineswegs unnötig, vielmehr unhintergehbar. Durch Grenzen strukturiert der Mensch seine Welt, in der er lebt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.10.2021 - Ideen

Gleich Welt und NZZ bringen die Dankesrede, die der Unternehmer Peter Thiel am Donnerstag zur Verleihung des Frank-Schirrmacher-Preises gehalten hat. Die Wolkigkeit seiner Rede erweist ihrem Namensgeber alle Ehre. Deutschland sei im 19. Jahrhundert nicht nur das Zentrum der Wissenschaften gewesen, auch Kommunismus und Faschismus hatten ihren Ursprung in Deutschland, seitdem neige das Land zum "Quietismus", sagt er dort. Statt "deutsche Ideen" für die Welt zu entwickeln, verharre das Land in Ängsten: "Hinter der 'Tür Nr. 1': islamische Theokratie. Jede Frau ist gezwungen, eine Burka zu tragen. Hinter der 'Tür Nr. 2': chinesischer Überwachungskommunismus. Jede Bewegung von jeder Person wird jederzeit von einer zentralen KI registriert. Schließlich, hinter der 'Tür Nr. 3': Gretas grüne Zukunft. Jeder fährt Rad. Es gibt keine 'Tür Nr. 4'."

Die FAZ bringt auch noch ein ganzseitiges Gespräch mit Thiel,in dem er immerhin diese Einsicht formuliert: "Die Smartphones lenken uns von unserer Umgebung ab und auch davon, wie sich unsere Umgebung nicht verändert hat. Du denkst, wenn du in der U-Bahn auf dein Smartphone schaust, du bist in der Gegenwart, und merkst nicht, dass die U-Bahn 50 Jahre alt ist und kaum funktioniert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.10.2021 - Ideen

Herfried Münkler verabschiedet in der Zeit mal wieder die Idee des Universalismus - ab jetzt gelte das Eigeninteresse. Afghanistan hat's gezeigt: "Die heutigen Proteste afghanischer Frauen gegen ihre Repression durch das Talibanregime zeugen von der Dimension des Humanitären und Emanzipatorischen bei dieser Intervention. Sie stehen dafür, dass es dem Westen nicht nur um seine eigenen Interessen ging. Umso tragischer ist es, dass diese Frauen politisch keine Erfolgschance mehr haben." Aber die Frauen müssen sich mal Folgendes klarmachen: "An die Stelle der Idee einer auf universellen Werten beruhenden globalen Ordnung tritt nämlich eine Vorstellung von Einflusszonen, von 'Großräumen' im Sinne Carl Schmitts."

Auch Mithu Sanyal entwickelt in der Zeit Perspektiven für künftige Politik. Ihre Forderung Nummer 1: Alle Kindergärten sollen in den Wald verlegt werden: "In Schweden kommen Kinder erst mit sieben Jahren in die Schule und verbringen die verlängerte Kindergartenzeit zu einem großen Teil in den schwedischen Wäldern, wo sie anhand von Blättern und Ästchen das Zählen und die Grundrechenarten lernen: Bring mir drei Bucheckern, und jetzt drei mehr. Deshalb fordere ich: auch in Deutschland Waldkindergarten für alle bis zum siebten Lebensjahr! " Außerdem schlägt Sanyal vor, Gehälter bei 200.000 Euro zu kappen und die Bundeswehr abzuschaffen: "Die größte Gefahr für Deutschland lauert nicht an unseren Grenzen, sondern in der Klimakrise."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.10.2021 - Ideen

Im Standard warnt Ronald Pohl vor der "unermüdlichen Neuredaktion" "woker Sachbearbeiterinnen" in Museen, auf den Straßen und überall dort, wo sie sonst noch inkriminierte Begriffe entdecken: "Das Zutrauen in die Wirksamkeit sprachlichen Handelns aber teilt die Political Correctness mit dem Kommunismus. Dieser trachtete danach, sämtliche Artikulationen von Widerspruch in seinem gefräßigen dialektischen Bauch zu verdauen. In ihm wurde die Kritik an der Ökonomie von dieser abgespalten - und in die Sphäre der Sprache versetzt. Die 'woken' Umbenenner des überlieferten Unrechts teilen also das Vertrauen, das die Kommunisten in die Macht der Sprache gesetzt haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.10.2021 - Ideen

In der FAS platzt der Schriftstellerin Ronya Othmann angesichts postkolonialer Kategorisierungen wie "imperialer Westen" und unterdrückter "marginalisierter Naher Osten" der Kragen: Es ist "ein dichotomisches Narrativ, dessen sich auch gerne die Schurken vom Dienst - Assad, Erdogan und die Mullahs in Iran - bedienen. Schuld sollen immer nur die anderen sein, vor allem Israel, wenn es um die eigene Misere geht. Ein nicht eurozentristischer Blick bedeutet auch, diese Regime nicht auszuklammern. Saddam hat den Irak ins Elend gestürzt, wirtschaftlich, moralisch, mit Massakern wie dem Anfal-Genozid an den Kurden und brutalster Diktatur. Es sind nicht nur die westlichen Militäreinsätze, die das Chaos zu verantworten haben, es sind auch die iranischen Schergen, die gerade Aktivisten in Basra und Bagdad exekutieren. Es ist auch der expansive Islamismus von Qatar und Saudi-Arabien, der Koranschulen und Moscheen bauen lässt, nicht aber Universitäten und Bibliotheken."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.10.2021 - Ideen

Die Idee der Kunstfreiheit wurde gegen staatlicher Zensur entwickelt, nun aber kommt die Zensur aus der Gesellschaft, sagt der Anwalt und Mäzen Peter Raue im Gespräch mit Peter Laudenbach von der SZ. Er illustriert das mit der immer weiter verbreiteten Forderung, dass nur Schwarze Schwarze, Berhinderte Berhinderte und so weiter spielen sollen: "Wenn Charlie Chaplin oder Bruno Ganz so gedacht hätten, hätten sie Hitler nicht spielen können. Und Robert De Niro nicht den 'Taxi Driver'. Und der angemalte Peter Sellers nicht Hrundi V. Bakshi in 'Der Partyschreck'. Und Louis de Funès nicht den Rabbi Jacob... Bruno Ganz hätte den Faust nicht spielen können, weil der sich gegenüber dem Gretchen wirklich übel benimmt. Und die Gretchen-Schauspielerin sagt dann: Ich bin erstens keine Jungfrau und zweitens nicht so naiv, das transportiert ein Frauenbild, das mir und meinen Followern auf Instagram nicht passt, also spiele ich das Gretchen nicht. Der Schauspieler spielt aber nicht sich selbst, sondern Figuren, auch fürchterliche."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.09.2021 - Ideen

In seinem neuen Buch "Ein nahezu perfekter Täter" setzt sich Pascal Bruckner mit der Ideologie des Postkolonialismus auseinander. Der Perlentaucher bringt einen Vorabdruck aus der demnächst erscheinenden Übersetzung. Die Kolonien waren in Frankreich nie wirklich populär, die Dekolonisierung empfand auch das Mutterland weitgehend als Befreiung, schreibt er. Aber es hat sich mit dem heute alles erklärenden Vorwurf des Kolonialismus ein neues Geschäftsmodell etabliert. "Das Paradox gewisser Intellektueller scheint mir Folgendes zu sein: Indem sie Europa auf die Anklagebank zerren, befördern sie es ungewollt wieder ins Zentrum. Sie blenden aus, dass von den 27 Ländern der Europäischen Union lediglich acht Nationen, also weniger als ein Drittel, Kolonien unterhielten. Alle anderen waren selbst Opfer von Kolonisierung - durch das Russische und das Osmanische Reich oder durch die Sowjetunion. Bei manchen endete die Knechtschaft im 19. Jahrhundert, andere mussten bis 1989 warten.  Der Wunsch, Europa zu marginalisieren, genauer gesagt zu 'provinzialisieren' (Dipesh Chakrabarty), macht es erneut zum absoluten Brennpunkt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.09.2021 - Ideen

In der SZ denkt Durs Grünbein mit Simone Weil über den Urfehler eines Parteiensystems nach. Parteien, schreibt er deprimiert, geht es nicht um Lösungen für die großen Probleme: "Dagegen steht schon die Logik von Parteilichkeit selbst. Es ist die Parteizugehörigkeit, die verhindert, daß etwas gänzlich Neues geschieht, Parteien sind vom Prinzip her organisierte Beharrungskräfte. Was wäre die Alternative zu dieser Zwangslage? Fließende Milieus von Geistesverwandten, die sich an der Lösung der anstehenden Probleme versuchen? Kooperative und konstruktive Kräfte und flexible Zweckbündnisse, die über das wirklich Drängende einer so hoch entwickelten Gesellschaft wie dieser in freier Rede befinden, über das tagespolitische Interesse hinaus? ... Wir werden es erleben, das war die Wahlnacht, in der all unsere Stimmen wieder einmal eingebracht wurden, versenkt und unwiederbringlich verhallten. Und in der nur wenige das bekamen, was sie wirklich wollten und was ihren kleinen, großen, prekären oder splendiden Lebensverhältnissen wirklich entsprach."

In der NZZ glaubt der Kulturwissenschaftler Nico Stehr immer noch fest an die Demokratie, auch wenn sie - beispielsweise in ihren Antworten auf den Klimawandel - manchmal langsam ist. Aber mehr demokratische Kreativität wäre nicht schlecht: "Die Klimapolitik muss mit der Demokratie vereinbar sein, sonst wird die Bedrohung der Zivilisation größer sein, als es nur die Veränderung unserer physischen Umwelt ist. Gefragt ist deshalb nicht weniger, sondern mehr Demokratie. Es geht um die Verbreitung von Wissen, um die Befähigung von Individuen, Gruppen und Bewegungen, die sich mit Umweltfragen beschäftigen. Demokratien werden neue, vielfältige Formen sozialer Solidarität und sozialer Verpflichtungen hervorbringen, die die lokalen und regionalen Kapazitäten zur Bewältigung des Klimawandels stärken und das Bewusstsein für soziale Interdependenz fördern."

Im Post-Brexit-Britannien kommt der Begriff der "Anglosphäre" wieder in Mode, mit dem eine gemeinsame Kultur freiheitlichen Denkens gemeint ist, an die Britannien nun anknüpfen solle. Aber der Begriff funktioniert nicht, schreibt Kenan Malik in seiner Observer-Kolumne, oder höchsten nur dann, wenn man ihn auf "free market", "small government" und "common law" reduziert. "Selbst mit dieser lächerlich eingeschränkten Vorstellung von Freiheit ist das Argument für eine besondere politische Kultur der Anglosphäre nicht stichhaltig. Nehmen wir die Frage der freien Meinungsäußerung, die für jede Diskussion über die Freiheit von grundlegender Bedeutung ist. Das britische Recht orientiert sich (leider) mehr an der europäischen Gesetzgebung als an Amerikas First Amendment (das seinerseits mehr auf dem Geist von Spinoza als von Locke beruht). Auch die britische Wohlfahrts- und Gesundheitspolitik ähnelt (glücklicherweise) eher der europäischer Nationen als der amerikanischen, ungeachtet der Doktrinen der freien Marktwirtschaft der letzten Jahrzehnte. Die australische Covid-Politik ist kaum in der Verteidigung der Freiheitsrechte verwurzelt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.09.2021 - Ideen

Jürgen Habermas hatte im Philomag zum Historikerstreit 2.0 Stellung genommen, leider nicht online (mehr dazu hier). Darauf antwortet nun Dirk Moses in der Berliner Zeitung, aber ebenfalls nicht online. Moses ist recht dankbar, dass Habermas die Infragestellung der Singularität des Holocaust aus postkolonialer Warte offenbar nicht krumm nimmt. Auf Twitter fasst Moses seine Thesen in einem Thead nochmal in einfacher Sprache zusammen. Kolonialverbrechen und Holocaust sind für ihn zwei Seiten einer Medaille, im Diskurs darüber hat für ihn so etwas wie ein großer Austausch stattgefunden: "Nach dem Holocaust und der Erfindung der 'jüdisch-christlichen' Zivilisation wurde der Antisemitismus gegen Juden verboten und auf muslimische Migranten - Türken, später auch Araber - übertragen, die nun als seine Hauptquelle stigmatisiert wurden." Moses schreibt in einem Thread übrigens, dass sein Artikel ursprünglich von einer "koservativen deutschen Zeitung" in Auftrag gegeben worden sei, die ihn dann aber ablehnte, ebenso wie eine "süddeutsche Zeitung".