Nachtragen müssen wir den Hinweis auf eine aufsehenerregende Replik zu
A. Dirk Moses, die gestern auf den Wissenschaftsseiten der
FAZ erschien. Es handelt sich um einen Vortrag, der auf der Tagung "Historiker streiten" im Einstein Forum in Potsdam gehalten wurde. Der Holocaustforscher
Omer Bartov, der jahrelang mit A. Dirk Moses zusammenarbeitete und sich als scharfer Kritiker der israelischen Regierung positioniert - unter anderem wirft er ihr vor, "den Holocaust als internationalen Deckmantel gegen jede ausländische Kritik an der israelischen Politik" zu benutzen und bestreitet im übrigen seine Singularität - stellt Moses nun in die Nähe
antisemitischer Verschwörungstheoretiker. Zusammen mit Autoren wie Niall Ferguson oder Timothy Snyder, bezeichnet er Moses als "
Revisionisten": "In jüngster Zeit, drei Jahrzehnte nach dem Fall des Kommunismus und im Zuge der wachsenden Unzufriedenheit mit Globalisierung, Neoliberalismus und Demokratie, scheinen die Dinge für einen neuen,
aktualisierten Revisionismus reif zu sein. Diesmal jedoch stehen viele der Begriffe und Argumente, die in den Achtzigerjahren unangreifbar schienen, zur Disposition, während
bestimmte Tabus, nicht zuletzt diejenigen über antijüdische Begrifflichkeiten, zu zerfasern scheinen. Hinzu kommt, dass die alte politische
Kluft zwischen rechts und links immer undurchsichtiger wird und die Extreme auf beiden Seiten immer enger zusammenrücken." Noch konkreter wird Bartov gegen Ende seines Vortrags: "Die '
Erfindung'
des Völkermords als Deckmantel für den Zionismus darzustellen, der von einer Gruppe von Juden konstruiert worden sei, das verbindet sich zu leicht mit der Vorliebe unserer heutigen Gesellschaften für Verschwörungen und Komplotte."
Hier ist das Video von Bartovs Vortrag.
"Wer glaubt, dass wir die
Klimakrise mithilfe eines
starken Durchregierens bewältigen, macht aus der offenen Gesellschaft eine
Organisation", warnt der Soziologe
Armin Nassehi (aktuelles Buch:
"Unbehagen. Theorie der überforderten Gesellschaft") in erster Linie die Klimaaktivisten in der
Welt: "Eine Gesellschaft so führen zu wollen wie ein Unternehmen oder ein Ministerium, ist die
größte Dystopie überhaupt. In Organisationen kann man die Illusion haben, zentral zu entscheiden, wer was wann tut, damit die Teile zusammenwirken. Ob sie das in der Realität dann wirklich tun, sei dahingestellt. Man stellt oft fest, wie sehr Menschen in ihren Verantwortungs- und Aufgabenbereichen eigene Routinen entwickeln. Wenn das schon für Organisationen gilt, gilt es für moderne Gesellschaften erst recht. Wir haben im 20. Jahrhundert
diktatorische Versuche erlebt, Gesellschaften aus einem Guss zu formieren, im Faschismus, im Kommunismus. Sie waren alle zum Scheitern verurteilt."
Mark Siemons
meditiert in der
FAZ (in einem online geschalteten Text der ehemaligen Sonntagszeitung der
FAZ) über den Erfolg des Soziologen
Andreas Reckwitz, der unter anderem darin liege, dass er seinen potenziellen Lesern - uns Bobos mit Stelle - einen
Bedeutungszuwachs nachsagt. Vor allem fällt Siemons aber Reckwitz' komplette Unfähigkeit auf, seine Theorie in
selbstironische Distanz zu rücken: "Wie auch sollten großräumige Allgemeinbegriffe, mit denen ihre Urheber sich aus den Gegenständen ihrer Wissenschaft herauskatapultieren, ohne ironischen Vorbehalt zu rechtfertigen sein? Reckwitz aber nimmt Konzepte wie 'Spätmoderne' oder jetzt gar schon 'Postspätmoderne'
beim Nennwert, so als spreche er über etwas, das es wirklich gibt."
Außerdem: In der
FAZ rät der Wirtschaftsredakteur Philipp Krohn den
Koalitionären der Ampel zur Lektüre von John Stuart Mill, Friedrich Hayek und Amartya Sen, wenn sie ihr Freiheitsverständnis harmonisieren wollen. In der Zeit rät die Philosophin Eva von Redeker zu einem neuen Freiheitsbegriff, um
Corona und Klimawandel zu parieren.