9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2274 Presseschau-Absätze - Seite 86 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.09.2021 - Ideen

Wenn Menschen sich selbstlos für das Gute und Schöne engagieren, wird gern die Zivilgesellschaft hochgehalten. Aber zur vielbeschworenen Zivilgesellschaft gehört leider auch die demokratiefeindliche Bewegung der Querdenker, erkennt Oliver Weber in der Zeit: "Eine Demokratie kann auch an ihrer Zivilgesellschaft zugrunde gehen. Indes sollte man sich fragen, warum politische Selbstorganisation - ein Modus, der auch Tausende demokratieförderliche Initiativen hervorgebracht hat - derart offen für demokratiefeindliche Entwicklungen ist? Diese Frage wird ungern gestellt. Die Rhetorik von Freiheit und Gleichheit, von Bürger gegen den Staat, von David gegen Goliath hallt im Raum der demokratischen Öffentlichkeit zu schön, um sich verdächtig zu machen. Doch zur Erklärung lässt sich schon an der Asymmetrie ansetzen, die das emphatische Wort von der Zivilgesellschaft vorzeichnet. Hier die Bürger und ihre demokratischen Ideale, dort der Staat, der bestenfalls auf den Druck reagiert und sie in handfeste Gesetze überführt. Denn mit dieser Asymmetrie arbeitet auch 'Querdenken'."
Stichwörter: Zivilgesellschaft, Querdenker

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.09.2021 - Ideen

Was - außer dem "heimeligen Gefühl, im warmen Mief der Gruppe auf der moralisch vermeintlich richtigen Seite zu stehen", veranlasst 278 überwiegend nicht-jüdische, aber "woke" Linke mit einem offenen Brief in eine innerjüdische Debatte "einzumarschieren" (unsere Resümees), fragt entgeistert Deniz Yücel auf zwei Feuilleton-Seiten der Welt: "Merken die nicht, wie anmaßend das ist? Vermutlich nicht. Souffliert von Frantz Fanon und Judith Butler, Achille Mbembe und Kimberlé Crenshaw hat die 'intersektionale' Linke eine Welt erschaffen, in der die Zentralkategorie Diskriminierung lautet und das Ziel 'Diversität'. Objekt der Begierde ist, wer als Opfer einer ethnischen, kulturellen, geschlechtlichen, sexuellen, 'klassistischen' Diskriminierung ausgemacht werden kann. Dazu gehören die Muslime als Leidtragende von Islamophobie. Und auch die Juden kann man in diese Täter-Opfer-Welt einfügen, zumal sie nicht nur den Antisemitismus mitbringen, sondern auch Auschwitz, wobei diese diskursive Eingemeindung nur funktioniert, solange man Israel außen vor lässt ."

Deutschland ist ein "Musterbeispiel für die Welt", eine "Säule für die Zivilisation", sagt der Politikwissenschaftler Parag Khanna im SZ-Gespräch mit Moritz Baumstieger. Und damit das so bleibt, fordert er Digitalisierung an Schulen und ein "Einwanderungsprogramm, eine Mischung der Systeme von Singapur und Kanada, mit einer Art Punkteskala": "Eine niedrige Punktzahl müsste ja nicht bedeuten, dass man gar keine Chance hat. Ich halte eine Art Leitersystem für ideal. Für weniger Qualifizierte müsste es heißen: Lerne Deutsch, such dir einen Job und mach keinen Ärger - wenn du diese Bedingungen erfüllst, kommst du auf die nächste Stufe. Wer die innehat, weil er aufgestiegen ist oder wegen seiner Qualifikation so eingestuft wurde, kann in ein paar Jahren permanenten Aufenthalt beantragen. In der nächsten Stufe dann die Staatsbürgerschaft. Diese Transparenz wäre für Immigranten gut, aber auch für die deutsche Gesellschaft. Sie müsste nicht bei jedem Ausländer fragen: Wer ist das, ein Sozialfall, ein Terrorist?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.09.2021 - Ideen

In der NZZ skizziert der Philosophiehistoriker Christoph Lüthy "die berüchtigte Mehrdeutigkeit" von Wittgensteins "Tractatus logico-philosophicus". Die habe "nicht zuletzt damit zu tun, dass Wittgenstein seine Begriffe nicht - oder jedenfalls zu wenig - definiert und dass auch kaum ein argumentatives Baugerüst steht, an dem man hochklettern könnte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.09.2021 - Ideen

In der Welt fordert Elfriede Jelinek mehr Solidarität der reichen Länder mit den ärmeren bei der Bekämpfung von Corona: "Der globale Impffortschritt muss mit anderen, ärmeren Ländern geteilt werden, nicht nur aus einem vage empfundenen Gerechtigkeitssinn, sondern auch, vielleicht sogar noch mehr, und da sind wir Spezialisten: aus Eigeninteresse. Der Erfolg unserer teuren Impfkampagnen wird nicht dadurch gesichert, dass sich hier jeder und jede impfen lassen kann, überall, sondern dass die Ressourcen für die Produktion global gleicher verteilt werden. Unsere Gesundheit, für die wir so viel Geld ausgegeben und großen Erfindergeist angestachelt haben, ist dadurch gefährdet, dass wir diese Impfstoffe für uns allein behalten wollen. Wir werden also gesünder, unsere Körper beflügeln die Forschung, an uns werden immer neue Daten erhoben, doch die fallen ins Leere, wenn der Covid-Impfstoff ganzen Ländern, ja Kontinenten versagt bleibt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.09.2021 - Ideen

Schwarze Amerikaner hatten schon immer eine deutlich geringere Lebenserwartung als weiße Amerikaner, aber diese Kluft wird geringer, weil einerseits mehr staatliche Programme die soziale Ungleichheit zu beheben versuchen, andererseits weil die Armut weißer Amerikaner zunimmt. Im Observer reagiert Kenan Malik auf eine Studie, die überraschende Ergebnisse zeitigt: "Reiche Amerikaner leben länger als arme, aber reiche Europäer leben länger als reiche Amerikaner. Ungleichheit ist in erster Linie eine Bürde für die Armen und uns muss das Schicksal der Menschen am unteren Ende der Leiter bekümmern. Aber wenn es um die Lebenserwartung geht, profitieren Reiche in Amerika nicht unbedingt von größerer Ungleichheit. Darüber sollten wir nachdenken. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Nahe liegt die Vemutung, dass große Ungleichheit ein Fluch für die Armen ist, aber nicht zwangläufig ein Segen für die Reichen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.09.2021 - Ideen

Im Standard teilt der Essayist Richard Schuberth schön gleichmäßig aus gegen Verfechter einer Identitätspolitik, die auch sehr nützlich sei, um in Kultur und Akademia Posten zu besetzen. Denn über die Identitätsschiene könne der "migrantische Primarsohn der dritten Generation zur näselnd-wütenden Stimme der Romaputzfrau werden, deren gebeugter Rücken ihm als Trampolin in Feuilleton und Aufmerksamkeit dient". Und gegen ihre Gegner, die "identitärer sind als das Objekt ihrer Kritik selbst". Kann man alles machen, solange man Kommunist bleibt, denkt sich Schuberth: "Der richtige Vorwurf, dass die identitäre Anerkennungspolitik bloß die Kapitalmaschine bunter anmalen und per Affirmative Action diverser besetzen will, mag davon ablenken, dass die klassenbewusste Linke mit ihrer halbierten Sozialdemokratie die Maschine ebenso wenig infrage stellt, sondern sie durch zaghafte Bittgesuche um ein paar soziale Brosamen und ein bisschen mehr Kapitalbesteuerung bloß ölen will."

Warum eigentlich sind Islamismus und Rechtsextremismus im Wahlkampf kein Thema, fragt die Schriftstellerin Ronya Othmann in der FAS. "Die gute alte Islamisten-Nazi-Symbiose funktioniert wie eh und je, da können sich Ameise und Blattlaus noch was abschauen. ... Da treffen sich Shahak Shapira und Islamisten-Influencer Tarek Bae (ehemaliger Mitarbeiter der AKP-nahen Stiftung Seta) in einem Video-Podcast und rauchen Shisha. Da gehen Journalisten beim rechtsradikalen Powercouple Kubitschek & Kositza ein und aus (zuletzt Greta Taubert für eine lustige Doppelgänger-Geschichte im Zeit-Magazin). Da tritt der Journalist Emran Feroz bei Lanz auf, und niemand fragt, warum er seit Jahren für den Erdogan-Propaganda-Sender TRT schreibt. Rechtsextremismus und Islamismus kommen nicht mit großem Knall und Leuchtschrift daher, damit es auch der Letzte versteht. Es ist ein Schwelbrand: Eine Grenzüberschreitung folgt auf die nächste und geht einher mit schleichender Normalisierung.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.09.2021 - Ideen

In der SZ findet Nele Pollatschek sehr klare Worte in der Debatte um jüdische Identität. Die Debatte sei wichtig, aber sie muss eine innerjüdische bleiben, betont sie und wirft Max Czollek und Maxim Biller gleichermaßen vor, aus Eitelkeit oder Bedürftigkeit die große Bühne gesucht zu haben: "Diese Debatte, das reale Schicksal jüdischer Deutscher, wurde benutzt, um Politik zu machen. Erst von Czolleks Followern gegen den linkenkritischen Biller, dann gegen Czolleks linke Stimme, aber dann eben auch von konservativen Zeitungen, um mit 'Wokeness' aufzuräumen, und zuletzt von den Unterzeichnenden der Czollek-Solidaritätsbekundung... Wer Jude ist, das bestimmen Juden, mit allem Streit, allen Ambivalenzen, aller Bedürftigkeit, mit großen Verletzungen und hoffentlich großen Versöhnungen. Nicht-Juden müssen hier schweigen. Chuzpe ist es, als Nicht-Jude hier mitzumeinen und zu glauben, das sei Solidarität. Es ist ein merkwürdiges Verständnis von Solidarität, das Nicht-Juden sich das Recht anmaßen lässt, öffentlich zu bestimmen, wer eine jüdische Identität hat, 86 Jahre nach Erlass der Nürnberger Gesetze. Für Deutsche, für Nicht-Juden und gerade für Linke ist das not a good look."

Welche Debatten in der Öffentlichkeit wie geführt werden sollten, beschäftigt auch die Kultur- und Religionswissenschaftlerin Hannan Salamat auf ZeitOnline. Sie fordert von den Musliminnen und Muslimen mehr kritisches Selbstbewusstsein: "Wenn ich etwa auf die Schweizer Burka-Debatte im Frühjahr zurückblicke, sehe ich, dass genau das passiert ist: Wir haben auf den antimuslimischen Rassismus und den Sexismus hingewiesen, der hinter einem solchen Burka-Verbot steckt - aber wir haben die Chance verpasst, in der breiteren Öffentlichkeit auch darüber zu streiten, was wir als Muslim:innen von der Tradition des Gesichtsschleiers halten. Wir haben die Gelegenheit verpasst, so auch öffentlich klarzumachen, dass auch viele von uns das kritisch sehen... In der Öffentlichkeit braucht es eine aufrichtige und ernste theologische und gesellschaftliche Diskussion aus muslimischen Perspektiven über Themen wie Antisemitismus, Homophobie und Frauenfeindlichkeit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.09.2021 - Ideen

Der Kolonialismus war ein Verbrechen, das einzig zum Ziel hatte, "Privilegien der Weißen zu festigen und zu fördern auf Kosten dunkelhäutiger Bevölkerungsgruppen", schreibt der Politikwissenschafter Erich Vogt in der NZZ. Zeit, sich zu entschuldigen und Wiedergutmachung zu leisten. Deutschland hat das vor einigen Monaten gegenüber Herero und Nama getan und "den Kolonialkrieg in Namibia als das bezeichnet, was er war: ein staatlich organisierter und durchgeführter Völkermord. Berlin hat eingesehen, dass Versöhnung ohne Entschuldigung nicht möglich ist und dass es Wiedergutmachung leisten muss. Warum ziehen Belgien, Spanien, Portugal, Frankreich, Großbritannien und andere Kolonialländer nicht nach? Das Schuldbekenntnis wäre ein Akt der moralischen und materiellen Wiedergutmachung im Angedenken an die unzähligen Opfer", und immerhin ein erster Schritt, so Vogt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.09.2021 - Ideen

Weiße Suprematisten mögen die Muslime in den USA hassen - mit den Taliban kommen sie gut klar, erzählt in der NZZ der Philosoph Slavoj Zizek, sich auf einen Bericht der NGO Site Intelligence Group berufend: Danach werde "der Sieg der Taliban als 'eine Lektion in Liebe für die Heimat, die Freiheit und die Religion' gefeiert. Außerdem beglückwünschen amerikanische Neonazis die Taliban für ihren Antisemitismus, ihre Homophobie und die Einschränkung der Freiheitsrechte für Frauen. Ein Post der Proud Boys auf Telegram lautete so: 'Wenn weiße Männer im Westen ebenso mutig wären wie die Taliban, würden wir nicht von Juden beherrscht.' Die mit den Taliban sympathisierenden amerikanischen Rechtsextremen ahnen ja gar nicht, wie sehr sie unfreiwillig ins Schwarze treffen. Was wir in Afghanistan sehen, entspricht in der Essenz dem, was Populisten anstreben, nur ins Extreme getrieben. Es liegt darum auf der Hand, was den westlichen und den islamischen Fundamentalismus verbindet: Ablehnung der globalen Elite, welche angeblich die Gender-Ideologie und den Multikulturalismus verbreitet und die traditionelle Lebensweise lokaler Gemeinschaften untergräbt. Damit aber verliert sich der Gegensatz zwischen rechtem Populismus und islamischem Fundamentalismus."

Frauen müssen aufhören nett sein zu wollen, legt Leila Slimani nach ihrer Eröffnungsrede für das Literaturfestival in Berlin (unser Resümee) nochmal im SZ-Gespräch mit Christiane Lutz nach. Aber das Problem sei nicht nur das innere Bedürfnis von Frauen: "Auch das, was Frauen sich selbst auferlegen, ist ein Beweis für die patriarchalen Strukturen, in denen wir leben. Die Annahme etwa, dass Frauen weicher, verständnisvoller seien. 'Frauen sind wunderbar, ach, wenn nur mehr Frauen an der Macht wären, wäre die Welt besser' - das ist doch Blödsinn. Es gibt genauso schreckliche, faschistische gewalttätige Frauen. Diese Vorstellung der Frau als Engel ist sehr gefährlich und misogyn."

Außerdem: Thomas Ribi hat für die NZZ im Philosophie Magazin den Aufsatz Jürgen Habermas' zum neuen Historikerstreit um die Thesen von A. Dirk Moses gelesen und stellt fest, dass dessen Argumente für die Singularität des Holocaust nicht mehr ganz so streng sind wie noch im Streit mit Ernst Nolte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.09.2021 - Ideen

Neokonservative wollen keine Trump-Unterstützer sein. Aber indirekt sind sie es schon, sie haben sich eben auch geändert, meint der Politologe Jan-Werner Müller in der FAZ: "Diese NeverTrumpers haben ihren eigenen Beitrag zur antidemokratischen Wende der Republikaner wenig reflektiert. Noch weniger haben sie über Widersprüche in der Entwicklung des Neokonservatismus nachgedacht: In der Innenpolitik wies man geradezu genüsslich auf die Grenzen des staatlich Machbaren hin und erhob 'Kultur' (vor allem von Minderheiten) zu einem unüberwindlichen Hindernis für noch so vernünftige Politik; außenpolitisch aber frönte man einem Machbarkeitswahn und bezichtigte jeden, der auf komplizierte lokale Verhältnisse verwies, sofort, ein illiberaler Relativist und Apologet für Menschenrechtsverletzungen zu sein."