9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.03.2019 - Internet

Das selbstgefilmte Video des Attenttäters von Christchurch zirkulierte hunderttausendfach auf sozialen Medien. Carolina Schwarz erklärt in der taz, wie schwer es ist, solche Spuren zu tilgen: "Dabei arbeitet Facebook mit Algorithmen, die die Videos schon vor dem Hochladen als gewaltvoll identifizieren und löschen. Eine internationale Datenbank, bei der nach Facebook-Angaben das Ursprungsvideo hochgeladen wird, erkennt auch Kopien und löscht diese automatisch. Sobald die Videos jedoch verändert, also beispielsweise spiegelverkehrt oder von einem Bildschirm abgefilmt, hochgeladen werden, greifen die Algorithmen nicht mehr. Dann sind sozialen Medien auf menschlichen Sichter*innen angewiesen, die traumatisierende Bilder und Videos sichten müssen, um diejenigen von der Plattform zu entfernen, die gegen die Richtlinien verstoßen." Laut Facebook wurde das originale Video live 200mal angesehen und danach 4.000mal vor der Löschung, berichtet Johnny Lieu bei Mashable.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.03.2019 - Internet

Im Interview mit der SZ erklärt der Schriftsteller Cory Doctorow, Mitglied der Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation und des Bloggerkollektivs von BoingBoing, warum die EU-Urheberrechtsreform mit ihren Uploadfiltern Unsinn ist und was man statt dessen tun sollte: "Wir können ein unveräußerliches Recht auf Kompensation von pauschaler Nutzung eines Werkes schaffen. Dann ist es egal, was im Vertrag eines Musikers mit einem Label steht. Universal oder Warner kommen nicht an das Geld ran. Es fließt direkt von der Plattform an den Künstler."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.03.2019 - Internet

Gut ein Jahr nach Facebooks Ankündigung, den Algorithmus seines NewsFeeds weniger zu verändern, um Aggressionen aus dem Netzwerk zu nehmen, hat sich die Lage noch verschlimmert, berichtet Laura Hazard Owen auf Nieman Lab: "Ein neuer Report von NewsWhip zeigt, was die Wende hin zu 'bedeutungsvoller Interaktion' gebracht hat: Artikel über spaltende Themen wie Abtreibung, Religion und Waffen haben Auftrieb bekommen. Wütende Reaktion dominieren, wobei 'Fox News für die meisten sorgt, mit doppelt so vielen wie alle anderen'. Natürlich ist das nicht nur Facebooks Schuld. Der Inhalte, der die Plattform beherrscht, hätte auch ohne den neuen Schub durch die Algorithmen, gestiegen sein können. Aber es ist klar, dass Mark Zuckerbergs Versicherung, Zeit auf Facebook werde 'gut verbrachte Zeit' nicht erfüllt wurde. Stattdessen ist ein wütender Ort, an dem Menschen erschöpft und geängstigt werden."

Constantin van Lijnden weiß wohl, dass die Proteste gegen die Uploadfilter echter Sorge um das freie Internet und dem Ärger über Brüssel entspringen. Aber mitunter eben auch, wie er in der FAZ notiert, geldwerten Vorteilen: "Wie Recherchen dieser Zeitung ergeben haben, wurde mehreren deutschen Youtubern von einem unter dem Namen 'Create Refresh' auftretenden Interessenskollektiv Geld dafür angeboten, sich in Videos gegen den für die Videoplattform besonders relevanten Artikel 13 der Urheberrechtsreform zu positionieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.03.2019 - Internet

Friedhelm Greis zitiert bei Golem jüngste Äußerungen zur Debatte um Uploadfilter für Internetplattformen, unter anderem vom Verhandlungsführer des Europaparlaments, Axel Voss, dessen Interviewaussage bei der Deutschen Welle klingt, als wolle er Youtube ganz abschaffen: "'Sie [Youtube] haben ein Geschäftsmodell auf dem Eigentum anderer Leute aufgebaut - auf urheberrechtlich geschützten Werken', sagte er dem Sender und fügte hinzu: 'Wenn es die Absicht der Plattform ist, Leuten Zugang zu urheberrechtlich geschützten Werken zu geben, dann müssen wir darüber nachdenken, ob diese Art von Geschäft existieren sollte.'" Greis zitiert auch den UN-Sonderbotschafter für Meinungsfreiheit David Kaye, der Zensur fürchtet: "Ein solch großer Druck für eine Vorfilterung ist eine weder notwendige noch angemessene Antwort auf Urheberrechtsverletzungen im Internet."

Während Facebook verstärkt auf "Dark Social", also die private Kommunikation der User untereinander setzt, träumt Philipp Bovermann in der SZ von einer öffentlich-rechtlichen Plattform, in der eine demokratisch digitale Öffentlichkeit jenseits von Filterblasen moderat (und moderiert?) miteinander diskutiert: "Ein Anreiz, sich auf diesen europäischen - eventuell entlang der politischen Verwaltungsebenen untergliederten - Marktplatz zu begeben, könnten Formen der Bürgerbeteiligung sein: Umfragen zu politischen Sachthemen, öffentliche Diskussionsformate oder eine Petitionsplattform. Auf europäischer Ebene sind Bürgerinitiativen per Software bereits rechtlich möglich. Außerdem wächst die Zahl der Bürger, die sich nun endlich berechtigte Sorgen um ihre Daten machen. Als Nutzer eines öffentlich-rechtlichen Netzwerks würden diese nicht mehr bei einem halbseidenen Konzern jenseits des Atlantik landen."

Einige prominente russische Autoren, unter ihnen Ljudmila Ulizkaja, Olga Sedakowa, Sergej Gandlewski und Konstantin Asadowsk, wenden sich in einem Aufruf gegen die neuen russischen Internetgesetze, meldet die FAZ: "Die neuen Gesetze gäben Beamten das Recht, willkürlich, ohne juristisches Verfahren die Verbreitung von Informationen zu verhindern und Internetportale zu blockieren. Dadurch würden Journalisten und Schriftsteller unterdrückt, für die russische Medienindustrie würden unerträglich diskriminierende Bedingungen geschaffen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.03.2019 - Internet

Klaus-Helge Donath, der mit Andrei Soldatow, Autor des Buchs "The Red Web - The Kremlin Wars on the Internet" gesprochen hat,  erzählt mehr über das autonome Internet, das Russland sich unter dem Namen Runet schaffen will (unser Resümee). Es wird nicht nur lückenlos kontrolliert, sondern ist auch regional abschaltbar. Passiert ist das schon in Inguschetien, nachdem es dort Proteste wegen eines Streits mit Tschetschenien gegegeben hatte: "Aktivisten und Journalisten berichteten, bis die Verbindungen plötzlich verschwanden. Alle drei in Inguschetien tätigen Mobilfunkunternehmen hatten ihre 3G- und 4G-Verbindungen auf Wunsch des Geheimdienstes ausgeschaltet, sagt Andrei Soldatow. Die Livestreams der Reporter brachen ab. Zwei Wochen nahm der Geheimdienst die Republik auf diese Weise vom Netz. Zwar konnte nicht alles lückenlos abgeschaltet werden, der Probelauf sei dennoch als Erfolg gewertet worden, meint Soldatow."

Anderswo bevorzugt Russland ein offenes Internet. Nicholas Vinocur stellt in politico.eu eine ausführliche Studie der NGO Avaaz vor, die Fake News bei den Gelben Westen untersuchte - mit schockierenden Ergebnissen: Als gefälscht entlarvte Nachrichten wurden auf Facebook über hundert Millionen mal geteilt: "Die Studie unterstreicht auch auch die beispiellose Popularität der RT-Berichterstattung über die Bewegung auf Youube. Die Videoberichte der kremlunterstützten Nachrichtenagentur sammelten mehr als 20 Millionen Besucher auf der Google-eigenen Plattform - mehr als doppelt so viele wie Le Monde, L'Obs, France 24, Le Figaro und huffpo.fr zusammen." Die Studie kann man hier als pdf-Dokument herunterladen.

Außerdem: In der FAZ verteidigen einige Lobbyisten und Lukas Schneider von den Grünen nochmal Uploadfilter mit dem Argument, dass das EU-Urheberrecht als Maßnahme gegen die großen Internetkonzerne zu verstehen sei.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.03.2019 - Internet

Im Interview mit der SZ erklärt Denis Krivosheev von Amnesty International das neue Zensurgesetz in Russland, das seiner Ansicht nach auf ein Verbot jeglicher Kritik an der Regierung hinausläuft. Danach dürfen russische Behörden künftig Onlinemedien sperren, wenn diese ihrer Meinung nach Fake News verbreiten oder Staat oder Gesellschaft beleidigen. Außerdem gibt es einen Gesetzesvorschlag, das russische Internet vom World Wide Web abzukoppeln: "China hat die Nutzung des Internets für seine Bürger tatsächlich sehr eingeschränkt", sagt Krivosheev. "Manche Seiten des Word Wide Web können dort nicht aufgerufen werden. Suchmaschinen werden kontrolliert und müssen sich den Auflagen der Behörden beugen. Doch was Russland vorhat, geht über solche Einschränkungen hinaus. Es geht wirklich darum, das russische Internet aus dem weltweiten Netz herauszunehmen. Wenn das technologisch gelingen sollte, wäre das wirklich ein Desaster für die freie Meinungsäußerung in Russland."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.03.2019 - Internet

Ein Netz wie Facebook kann auf die Dauer durchaus zusammenbrechen. Netzwerken wie MySpace, Friendster oder dem ungarischen, einst sehr erfolgreicheh iWiW ist das längst passiert. Die Gesetzmäßigkeiten werden erforscht und sind äußerst komplex, schreibt Niels Boeing in einem Hintergrundstück für Zeit online unter Bezug auf den ungarischen Datenforscher Laszlo Lörincz, der den Zusammenbruch von iWiW durch die Isolation von einigen großen Insiderklicken erklärt, die den Bezug zu den übrigen Nutzern verloren hätten: "Lörincz hat noch eine weitere Beobachtung gemacht, die den Strategen von Facebook Kopfzerbrechen bereiten dürfte: Der Zusammenbruch kündigte sich in der zeitlichen Analyse der Daten nicht an. Das ähnelt dem Verlauf von außergewöhnlich schweren Erdbeben: Sie bauen sich von immer häufigeren kleineren über mittelschwere Erdbeben auf. Sie sind plötzlich da - ohne eine Vorwarnzeit von Tagen, Wochen oder gar Monaten."
Stichwörter: Facebook, Soziale Netze, Erdbeben

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.03.2019 - Internet

Die Wikipedia soll aus Protest gegen die Artikel 11 und 13 der EU-Urheberrechtsreform für einen Tag unzugänglich sein, berichtet Torsten Kleinz bei heise.de. Statt dessen wird ein Banner über den Protest informieren. Die Wikipedia fühlt sich trotz Ausnahmeregelungen von der Reform gefährdet: "Zwar sind nicht-kommerzielle Enzyklopädien wie Wikipedia in Artikel 13 ausdrücklich von den neu eingeführten Haftungsregeln ausgeschlossen, doch die Wikimedia Foundation befürchtet trotzdem einen schädlichen Einfluss auf die Enzyklopädie-Arbeit. In einem Blog-Beitrag verweisen zwei Juristen im Auftrag der Foundation darauf, dass die Errichtung einer Zensur-Infrastruktur zu befürchten sei und der notwendige freie Fluss von Informationen eingeschränkt würde. Zudem sei unklar, inwieweit die extensive Quellensammlung der Wikipedia-Artikel mit dem Presseverleger-Leistungsschutzrecht vereinbar sei."

Außerdem: Der bekannte Whistleblower Daniel Ellsberg setzt sich für Chelsea Manning ein, die sich mit Verweis auf Pressefreiheit weigert, über Wikileaks auszusagen und dafür erneut ins Gefängnis muss.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.03.2019 - Internet

Wütend kritisiert Sascha Lobo in seiner Spiegel-online-Kolumne das Einknicken der SPD beim Thema EU-Urheberrechtsreform und besonders ein Tweet, in dem sich Justizministerin Katharina Barley halbherzig von den Uploadfiltern distanziert, die die Partei jetzt mitträgt: "Die Übersetzung dieses Tweets der Justizministerin lautet: Wir wissen, es ist irgendwie falsch, aber machen trotzdem mit, weil wir doch dran glauben wollen, dass es halbrichtig sein könnte, obwohl wir versucht haben, es anders hinzukriegen, aber das hat nicht geklappt, 'trotz großer Bedenken', schade, schade, Schokolade, aber fair!"

(via BoingBoing) Nachdem die Rufe immer lauter werden, die Ausbeutung privater Daten in den sozialen Netzwerken staatlich zu regulieren, hat Mark Zuckerberg jetzt auf Facebook seine "Vision" für ein soziales Netzwerk vorgestellt, das die Privatsphäre der Nutzer respektiert: "Ich glaube, dass sich die Zukunft der Kommunikation zunehmend auf private, verschlüsselte Dienste verlagern wird, bei denen die Menschen darauf vertrauen können, dass das, was sie zueinander sagen, privat bleibt und ihre Nachrichten und Inhalte nicht für immer an ihnen kleben bleiben. Das ist die Zukunft, zu der wir beitragen wollen. Wir wollen sie so gestalten, wie wir WhatsApp entwickelt haben: auf den grundlegendsten und privatesten Anwendungsfall - Messaging - fokussieren, ihn so sicher wie möglich machen, und dann mehr Möglichkeiten für Menschen schaffen, darüber hinaus zu interagieren, einschließlich Anrufe, Video-Chats, Gruppen, Geschichten, Geschäfte, Zahlungen, Handel und letztlich eine Plattform für viele andere Arten von privaten Diensten." Anschließend erläutert er die Prinzipien, nach denen ein solche Plattform aufgebaut sein müsste.

Schöne Idee, leider hat Zuckerberg eine Kleinigkeit ausgelassen, monieren Issie Lapowsky und Nicholas Thompson in Wired: "Zuckerberg listet sechs Datenschutzgrundsätze auf, aber es gab eine eklatante Auslassung: Er sagte nichts darüber, wie Facebook in dieser auf den Datenschutz ausgerichteten Zukunft den Datenaustausch und die Anzeigenschaltung plant. Der freie Datenfluss zwischen Facebook und Drittanbietern ist es schließlich, weshalb die Medien ihre Zähne in den Konzern geschlagen haben. Vor einem Jahr erfuhren wir, dass ein Mann namens Aleksandr Kogan die Daten von Dutzenden Millionen von Nutzern missbraucht und an eine fragwürdige Politikberatungsfirma namens Cambridge Analytica geschickt hatte. Es wurde schnell klar, dass Cambridge Analytica nicht allein war und dass Facebook es Tausenden von Entwicklern ermöglicht hatte, jahrelang Daten zu sammeln. Die lockere Politik des Unternehmens bei der Datenerfassung im Laufe der Jahre hat es ihm auch ermöglicht, eines der erfolgreichsten Werbeunternehmen der Geschichte aufzubauen. Alle Daten, die das Unternehmen sammelt, helfen Werbetreibenden, Personen zu segmentieren und anzusprechen. Und es ist die unerbittliche Erhebung dieser Daten, die dazu geführt hat, dass Facebook beschuldigt wird, unangemessene Geschäfte mit Geräteherstellern und Softwarepartnern gemacht zu haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.03.2019 - Internet

Die EVP hat ihre Idee, die EU-Abstimmung über die Urheberrechtsreform vorzuziehen und damit Demonstrationen gegen die Reform zuvorzukommen (unser Resümee), nun wohl wieder zurückgezogen, melden die Agenturen (hier im FAZ.Net). Auch gegen diesen Plan war gestern schon protestiert worden: "In Berlin demonstrierten am Dienstagabend Tausende gegen die Reform. Bei einer 'Spontan-Demo' zogen sie mit Transparenten und Trillerpfeifen vor die CDU-Zentrale. Die Polizei sprach von Teilnehmern im unteren Tausenderbereich. Auch in anderen deutschen Städten gab es Demonstrationen."

Die drohenden Uploadfilter dienen denen, die sie angeblich bekämpfen sollen, nämlich Youtube und Facebook, meint FDP-Chef Christian Lindner in einem Gastbeitrag für Spiegel online: "Nur sie können auch Tausende von Lizenzvereinbarungen einholen und verwalten. Start-ups und kleinere Wettbewerber trifft die Reform ungleich härter. Damit schafft die Reform neue Markteintrittsbarrieren, schadet dem Wettbewerb und verringert die Chance, jemals eine europäische Konkurrenz zu Facebook & Co. aufzubauen. Gewiss, es gibt eine Ausnahme für Start-ups, diese gilt allerdings nur für drei Jahre nach Markteintritt. Aber welches Start-up kann es nach drei Jahren mit YouTube aufnehmen?"

Außerdem: Bei Golem berichtet Friedhelm Greis, dass google das Dragonfly-Projekt für eine zensurkompatible Suchmaschine in China noch nicht aufgegeben habe - und bezieht sich auf einen Artikel im Internetmagazin The Intercept, das die Google-Pläne für China zunächst enthüllt hatte. Nach Protesten von Google-Mitarbeitern war das Projekt offiziell zurückgezogen worden.